Geschichten vom Sinn und vom Leben: II. IGing – Claudia Simone Dorchain

von Thomas

Der zweite Essay aus unserer philosophischen Reihe behandelt das Mysterium eines alten Alleskönners, dem IGing. Den Meisten dĂŒrfte es bereits als Orakel bekannt sein. Seinen Ursprung, seine Bedeutung und was es noch zu bieten hat erfahren wir hier von der Psychologin und Philosophin Claudia Simone Dorchain.

von Claudia S. Dorchain

 

 

 

Worte fĂŒr die Wolken. Begriffe fĂŒr die Schönheit des Seienden, die uns unvermittelt und fast wie schmerzhaft zufĂ€llt, wenn wir einmal von der uns umgebenden Alltagshektik plötzlich innehalten, aufsehen und in den kĂŒhlen Winterhimmel blicken, der sein tĂŒrkishelles Blau ĂŒberraschend klar ĂŒber uns entfaltet. Wir sind, wo wir auch sind, von Schönheit umgeben, von einer Schönheit, die nicht das Dekorative ist, als welches sie uns fassbar und konsumierbar gemacht wird von denen, die daran verdienen, sondern von einer viel tieferen Ästhetik des Seienden, die eine unfassbare Harmonie ausstrahlt, die uns im Inneren berĂŒhrt. Das Schöne, das uns belehrt – die Natur, die uns in Harmonie mit uns selbst bringen kann – das sind keine zeitgeistigen Floskeln, vom Diktat des kaufmĂ€nnischen Trends in ein passendes „wording“ gepresst, es sind philosophische Sinnformeln aus dem Kanon einer uralten Weisheitslehre, die seit einigen Jahrzehnten auch in Europa entdeckt wird. Nirgendwo ist der Zusammenhang zwischen Himmel und Erde, Makrokosmos und Mikrokosmos so ĂŒberaus poetisch und treffend beschrieben worden wie im chinesischen „I GING“. Das I GING findet Worte fĂŒr die Wolken:

„Was vom Himmel stammt, fĂŒhlt sich verwandt mit dem, was droben ist. Was von der Erde stammt, fĂŒhlt sich verwandt mit dem, was drunten ist. Jedes folgt seiner Art.“

Die innere Verwandtschaft dessen, was vom Himmel stammt, mit sich selbst oder die IdentitĂ€t dessen, was von der Erde stammt, mit seinesgleichen – das ist ein tiefes Seinsgleichnis fĂŒr den Menschen, der, zwischen Himmel und Erde stehend, sich in einem Kosmos scheinbar widerstreitender KrĂ€fte eingespannt fĂŒhlt und dennoch Harmonie verspĂŒren kann, sofern er diese wirkenden KrĂ€fte versteht. Doch was ist das I GING eigentlich, welches diese dichterischen und unverkennbar auch philosophischen Gedanken ĂŒber die „condition humaine“ formuliert?

Das chinesische I GING ist in erster Linie ein großer Klassiker der sogenannten Weisheitslehren der Welt, zu denen zum Beispiel auch die indischen Upanischaden, das Ă€gyptische Totenbuch, das sogenannte Dhammapada des Buddha, die Texte mancher christlicher Mystiker wie Bonaventura und Meister Eckhart und die Bhagavadgita gehören. Das I GING in seiner Urform entstand vermutlich zwischen dem 10. und 2. Jahrhundert vor Christus in China, wobei die ersten philosophischen Kommentare zu diesem Werk im 2. vorchristlichen Jahrhundert beginnen, was auf eine frĂŒhe Verfassung der Originale hindeutet. Es ist zugleich ein kanonischer, also heiliger Text des Konfuzianismus, und als solcher wurde er dem legenden Kaiser Fu Hsi zugeschrieben, welcher um 2.800 vor Christus gelebt haben soll – ein Mythos, der nicht mehr zu verifizieren ist, aber der bekannten Legendenbildung um sogenannte heilige Texte entspricht, die man gern berĂŒhmten Verfassern zuschreibt, auch wenn die tatsĂ€chliche Autorenschaft sich im Dunkel der Geschichte verliert. Das I GING wurde jedoch nicht nur wegen seiner Philosophie und seiner vermutlich staatstragenden Gedanken ĂŒber das beste Zusammenspiel von Familie und Kaisertum geschĂ€tzt, welche im Konfuzianismus höchstes Gewicht hatten, sondern auch als Orakel und als Psychogramm. Insbesondere auch in seiner letztgenannten Funktion, als Hilfe fĂŒr psychotherapeutische Arbeiten, wurde es im 20. Jahrhundert vom Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung wiederentdeckt, der sich mit dem Begriff der Zeitlichkeit und der sogenannten SynchronizitĂ€t auseinandersetzte. Wie aber kann ein einziges Werk so viele Facetten beinhalten – Weisheitsklassiker sein, was bereits genug wĂ€re, und zugleich Orakel und Psychogramm?

„Mit unendlichem GespĂŒr vernimmt die Seele Töne, die das Ohr nicht hört,
und sieht, was den Augen verborgen bleibt, durch alle Zeiten, RĂ€ume hin und ĂŒber sie hinaus. Grenzenlos, ursprĂŒnglich ist ihr Wissen – ihre Erinnerung.
“

Das I GING geht von einem erhabenen Grundgedanken aus: alles, was „im Himmel“ geschieht, hat seine unmittelbare Entsprechung „auf der Erde“. Der Himmel ist hierbei Synonym fĂŒr den natĂŒrlichen Himmel als Symbol des Makrokosmos, aber auch fĂŒr das geistige Leben des Menschen; die Erde ist Synonym fĂŒr die natĂŒrliche Erde als ReprĂ€sentanz unseres Grundes, auf dem wir stehen und den wir buchstĂ€blich kultivieren, den Mikrokosmos, sowie auch fĂŒr das materielle Leben des Menschen, zu dem, neben seinen Finanzen, auch Körper und Seelenleben gehören. Die Wechselwirkungen zwischen „Himmel“ und „Erde“, Oben und Unten, Geist und Materie in unendlich wandelbarer Verquickung, sind das KernstĂŒck des I GING, welches ĂŒbersetzt „Das Buch der Wandlungen“ bedeutet. Unter der Wandlung sei hier das stetige, unverkennbare Wechselspiel zwischen dem Wollen und Wissen des Menschen und dessen tatsĂ€chlicher Manifestation gemeint, und als Orakel kann das I GING deshalb fungieren, weil es davon ausgeht, dass die Zukunft bereits in der Gegenwart angelegt ist wie die vollstĂ€ndig entwickelte Pflanze im Samenkorn. Das Samenkorn der Zukunft sei hier der gegenwĂ€rtige Impuls, der Gedanke des Moments, der seine Strahl- und Formkraft in die Zukunft projiziert; und diesen Erstimpuls des Werdenden zu erfassen, hieße, das KĂŒnftige richtig vorauszusagen, und es bedeutete zugleich, sich selbst als Erkennender besser verstehen zu lernen. Deshalb kann das I GING Weisheitslehre, Orakel und zugleich auch Psychogramm sein, da es der – fĂŒr uns im Westen gerade erst wiederentdeckten – Wahrheit der Wissenschaftstheorie folgt, dass der Beobachter eines Systems niemals außerhalb dessen steht, sondern stets ein Teil des Beobachteten ist und sich insofern auch selbst analysiert, wenn er vermeint, nur das Andere zu erkennen. Und dieses Andere, das im Selbst auf rĂ€tselvolle Art konvergiert, ist sich selbst gleich und doch ungleich – es wandelt unaufhörlich seine Form, ohne dabei sein inneres Wesen zu verlieren:

„Der an sein Ende gelangte Erfolg ist an dem Punkt, wieder in Verfall zu geraten, wie die Erde eines Erdwalls in den Graben stĂŒrzt und dahin zurĂŒckfĂ€llt.“

Das philosophische „Buch der Wandlungen“ hat eine praktische Nutzanwendung, ohne dass es zur bloßen Funktion verflacht: es kann als spielerisches Orakel aufgefasst werden, wobei es auf persönliche Fragen zur eigenen Zukunft einen individuellen Rat zu geben vermag, der aber stets das Eigene mit dem Universellen verbindet. Jenes Orakelspiel, welches C.G. Jung so fasziniert hat, ist in China seit Jahrtausenden beliebt und besteht im Werfen von drei MĂŒnzen, deren Ergebnis man in Strichzeichnungen kodifiziert, bis sogenannte Hexagramme (Bilder aus sechs Schriftzeichen) entstehen, deren spezifische Deutung man dann wiederum im I GING nachlesen kann. Die Deutung ist hierbei stets ein Vers, der auf die gegenwĂ€rtige und zukĂŒnftige Situation passt, indem diese in symbolischer Form dargestellt und auch auf die psychologische Ebene eingegangen wird.

Auf die Frage eines GeschĂ€ftsmanns, ob ein neuer Vertragsabschluss erfolgreich sein wird, könnte beim Wurf der MĂŒnzen zum Beispiel das Hexagramm 54 des I GING entstehen, ĂŒberschrieben als „Das heiratende MĂ€dchen“, welches bedeutet, dass ein Vertrag in irgendeiner Form geschlossen wird, der nicht zwingend die Ehe betrifft, sondern konkrete Übereinkommen jeglicher Art. Das I GING wird hier Fragen stellen: ist der Vertrag auch richtig vorbereitet? Sind die Partner zuverlĂ€ssig? Eine Liebende, die an das I GING die Frage richtet, ob ihr Liebster auch treu ist, könnte als Antwort Hexagramm 36 erhalten, „Die Verfinsterung des Lichts“, welche symbolisch bedeutet, dass der eigene Erkenntnisstand der Ratsuchenden noch nicht ausreicht, um mit der KomplexitĂ€t des Anliegens umgehen zu können, und es wird Fragen stellen, wie diesem empfundenen Mangel an Licht begegnet werden kann durch das eigene Handeln.

Das I GING, weit davon entfernt, „nur“ Zukunftsdeutungen zu geben, umfasst die ganze Bandbreite menschlicher Empfindungen und Gedanken hin zu einer ganzheitlichen Sicht auf den Kosmos, in den der Fragende immer auch sinnstiftend eingebunden ist. Ein weiterer Grundgedanke des I GING ist zudem, dass ein Extrem sich an seinem Gipfelpunkt stets in das gegensĂ€tzliche Extrem umwandelt, dass also Erfolg und Misserfolg, GlĂŒck und UnglĂŒck nicht von langer Dauer sind, sondern sich vielmehr wechselseitig durchdringen wie Strömungen unterschiedlich temperierten Wassers – ein Sinnbild, welches oft in der Verbindung der polaren GegensatzkrĂ€fte Yin und Yang gesehen wird, jedoch einen noch viel tieferen kosmischen Zusammenhang eröffnet, den wir hier nur streifen können. Jener zentrale Gedanke des I GING von den wandelbaren Erscheinungen des Seins und ihrer VergĂ€nglichkeit (nicht Vergeblichkeit) ist zugleich auch emotional gesehen tröstend, und rĂŒckt daher das uralte chinesische „Buch der Wandlungen“ gleichsam in den Bereich des Seelsorgerischen:

„Jeder scheinbar unersetzliche Verlust offenbart am Ende eine heilende Kraft.“

Womöglich können wir gar nichts verlieren, sofern uns gewiss ist, dass wir den Himmel stets in uns tragen.

Zitate:

I GING, Übersetzung Richard Wilhelm (1924)

Deutsche Online-Ausgabe im Projekt Gutenberg

Quellenangabe: reuters@abc.de, created: 20120718

 

Buch zum Thema:

„Das I-Ging und Ihr Unterbewußtsein“ von Jorseph Murphy

Verlag: Ariston 2008

Umfang: Gebunden, 221 Seiten

Preis: 19,95€

ISBN: 978-3-7205-4040-7

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Literatur der Autorin:

Claudia Simone Dorchain „Die Gewalt des Heiligen. Legitimation souverĂ€ner Macht“

Verlag: Königshausen & Neumann 2012

Umfang: Kartoniert, 490 Seiten

Preis: 68,00€

ISBN: 978-3-8260-4806-7

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Über Dr. Claudia Simone Dorchain, M.A.:

Philosophin und Psychologin, Promotion ĂŒber Meister Eckharts Erkenntnislehre, Postdoc-Studie ĂŒber Legitimationen von Gewalt, arbeitet in eigener philosophischer Praxis und in der Fortbildung fĂŒr Rechtsberufe und Mediatoren, BeitrĂ€ge fĂŒr öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Bildungsformaten ĂŒber Philosophie, Religion und Ethik

www.claudiasimonedorchain.de

 

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