Gewaltlosigkeit beginnt in Dir – Melanie Meier

von Thomas

Wer den Unterschied zwischen IdentitĂ€t und Identifikation begriffen hat, wird sich fragen, wie diese zwei Aspekte eine Person prĂ€gen. Was macht mich gewaltbereit – meine IdentitĂ€t oder meine Identifikation? Die Autorin Melanie Meier sieht ihre IdentitĂ€t in diesem Zusammenhang im Menschsein und möchte sich mit nichts speziell identifizieren. Denn gezielte Identifikation bedeutet auch Abspaltung von anderen Gruppen… und wozu das? Ihren „meinungslosen“ Weg zur Gewaltlosigkeit schildert sie hier am Beispiel ganz aktueller gesellschaftlicher Ereignisse.

von Melanie Meier

 

Links oder rechts, Schwarz oder Rot, Hund oder Katze, richtig oder falsch, ReligiositĂ€t oder Wissenschaft, West oder Ost, Demokratie oder Kommunismus 
  – entweder, oder.

Mit zunehmendem Entsetzen verfolge ich das Geschehen sowohl in den Medien als auch um mich herum. Etwas wird fĂŒr mich dabei immer deutlicher, vor allem deshalb, da ich im Moment viel Zeit habe, um die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung zu beobachten als auch in Interaktion mit ihnen zu treten. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema fand schließlich ihren Höhepunkt, als ich von den Vorkommnissen in Chemnitz erfuhr und die Reaktionen mit Entsetzen nachverfolgte, wiederum sowohl global als auch im persönlichen Umfeld.

Soweit ich zurĂŒckdenken kann, fiel es mir schwer, mich in vermeintlich wichtigen gesellschaftlichen Fragen fĂŒr eine Seite zu entscheiden. In Sachen Politik folgte ich gewissermaßen der Familientradition, und wenn es zu Diskussionen kam, auch abseits der politischen Landschaft, nahm ich entweder eine Position ein, weil sie von einem geschĂ€tzten Menschen vertreten wurde, oder weil ich provozieren und/oder meine rhetorischen FĂ€higkeiten testen wollte. Wahrscheinlich geht es den meisten Menschen ebenso: Sie haben eine Meinung, weil sie von den Eltern vorgelebt wird oder weil sie gegen dieselben rebellieren.

In Wahrheit aber war es fĂŒr mich schon immer ein RĂ€tsel, wie man sich angesichts der vielschichtigen und stĂ€ndig verĂ€ndernden UmstĂ€nde auf einen Standpunkt festlegen und diesen beibehalten kann.

Sehr lange war ich zutiefst verunsichert, weil mir nicht gelang, was anderen so leicht von der Hand zu gehen schien: Fakten einholen, abwĂ€gen, in sich hineinhören und -fĂŒhlen, das Ganze analysieren und zu einem Schluss kommen, der fĂŒr etwas und/oder gegen etwas ist. (Jedenfalls dachte ich, so machten es alle.) Ich konnte nie zu einem Schluss kommen, kann es bis heute nicht, und das gipfelte schließlich darin, dass ich irgendwann aufhörte, an derartigen Diskussionen teilzunehmen und mich ausschwieg. Ich wurde zur „Meinungslosen“, zumindest in gesellschaftlichen, politischen und geopolitischen Fragen.

Wenn man anfÀngt zu schweigen, wird man automatisch zum Zeugen. Man stellt Fragen, lauscht den Argumenten der anderen, kann sich auch problemlos Reden anhören, die gegen die Einstellung gehen, die man einmal hatte (was man ansonsten kaum oder nur in gewissem Rahmen kann), positioniert sich aber selbst nicht mehr und gehört damit nicht lÀnger zu einem Lager.

Im Zuge dessen wurde mir nicht nur meine Meinungslosigkeit bewusst, sondern eben auch die GrĂŒnde, warum ich dennoch Argumente nachplapperte, mich fĂŒr andere stritt und gewissermaßen zu einem AufziehĂ€ffchen geworden war, das man nur anstupsen musste, damit es im Kreis rannte. Kurzum, meine Aufmerksamkeit glitt anfangs unbemerkt, inzwischen bewusst herbeigefĂŒhrt, von den Ă€ußeren Geschehnissen in mein Innenleben ab. Und weil ich die Trigger nun kenne, die mich frĂŒher im Gleichschritt meiner Gesinnungsverwandten haben losmarschieren lassen (bildlich gesprochen), sehe ich dieselben Mechanismen natĂŒrlich jetzt auch ganz deutlich bei anderen im Hintergrund ablaufen.

Sie sind allesamt Fallen, diese Trigger und Mechanismen, und sie können und werden an manchen Stellen auch aktiv und gewollt eingesetzt, so zumindest meine Überzeugung.

Nun sehe ich mich also um und höre von ĂŒberall die absurdesten StreitgesprĂ€che, die sich allesamt darum drehen, auf welcher Seite man stehe und ob man damit richtig liege. Weltweit sterben tĂ€glich Menschen durch Gewaltverbrechen, anschließend werden stichprobenartig die Lebenseinstellung, Herkunft und politische sowie religiöse Angehörigkeit sowohl der Opfer als auch der TĂ€ter ĂŒberprĂŒft und zum Diskurs gestellt. Die Gewalt setzt sich in den Diskussionen ĂŒbergangslos fort, man prĂŒgelt aufeinander ein, schießt mit der „einzig wahren Richtigkeit“ auf den anderen, tötet einander mit den Waffen verschiedener Geschmacksrichtungen und Farben, und selbst ehrenwerte Galionsfiguren versĂ€umen es nicht, ĂŒber dem Feindeslager ihre intellektuellen und damit eiskalten Streubomben niedergehen zu lassen, die die Zivilbevölkerung genauso treffen wie militante StĂŒtzpunkte. Dabei sonnen sich ausnahmslos alle in den hehren Strahlen des gerechten Zorns, der ihre geröteten Stirnen und Wangen weiter aufheizt und sie nicht gerade schöner macht (das Paradox schlechthin, dieser „gerechte Zorn“, zumindest in diesem Zusammenhang).
Tante Anneliese aus dem Kindergarten wird genauso zum Krieger wie der Nachbar Horst, der bereits seit Jahren mit dem Schlagring fĂŒr seine rechte Sache einsteht, oder wie der junge Andreas, der lieber linksum geht, weil er dort seine Keule versteckt hat.

Aber ist wirklich alles eine Frage des Standpunktes? Ist ein Standpunkt ĂŒberhaupt ebenerdig? Stehen beide Beine tatsĂ€chlich auf gleicher Höhe, oder muss man den Untergrund nicht erst mit Gewalt ebnen und mit Asphalt ĂŒberziehen, damit das so ist? Und bekommt nicht der beste Asphalt mit der Zeit Risse, hebt sich und wird wieder höckerig?

Was dann? Was, wenn der Boden, auf dem man sich sein Identifikationsschloss gebaut hat, jĂ€h absinkt und der errichtete Palast dem schiefen Turm von Pisa Ă€hnelt? Geht man dann hin und schlĂ€gt einfach auf denjenigen ein, dessen TĂŒrmchen noch nicht in Schieflage geraten ist, auf dass es ihm schon heute und nicht erst morgen ebenso ergehe?

Ich weigere mich, mich einem Lager zuzuordnen. Wozu ich frĂŒher gern fĂ€hig gewesen wĂ€re, das bin ich heute aus einem SelbstverstĂ€ndnis heraus, das sich allmĂ€hlich entwickelt hat, ganz bewusst nicht. Alles was ich mir selbst zu denken, zu glauben und zu wissen erlaube, ist das: Ich bin Mensch. Das ist meine IdentitĂ€t, und jede weitere Identifikation ist Nebensache. Und durch dieses SelbstverstĂ€ndnis Ă€ndert sich auch automatisch meine Sichtweise auf meine Mitmenschen, das bleibt nicht aus.

Wenn so etwas wie in Chemnitz geschieht, bedeutet das, dass alles, was ich erkenne, das ist: Ein Mensch hat einen anderen Menschen getötet. Die AbsurditÀt dieser Tat, das Sinnlose und deshalb zutiefst Traurige daran offenbart sich innerhalb dieser einfachen Worte: Ein Mensch hat einen anderen Menschen getötet.

Mehr VerstĂ€ndnis braucht es nicht. Es ist weder komplizierter noch undurchsichtiger oder gar „ausweglos“. All diese Phrasen entlarven sich als ebenjene in dem Moment, in dem man die Angelegenheit auf diese Einfachheit herunterbricht.

Und – schwups! – habe sogar ich einen Standpunkt, nĂ€mlich den, dass ich nicht gewalttĂ€tig sein möchte, weil es absurd ist. Es entbehrt jeder Logik, und verdrehte Argumentationen, die Gewalt jeder Art dennoch diesen Anstrich geben möchten, haben nicht die geringste Chance, weil ich sie schon im Entkeimen als unlogisch erkenne. Ich bleibe gewaltlos, und das im Denken, im FĂŒhlen, im Sprechen und im Handeln.

Alles andere, jede politische Ideologie, Ausrichtung oder EinfĂ€rbung, ist schließlich ein kĂŒnstlich erschaffenes Konstrukt, mit dem ich mich identifizieren kann, ohne dass es meine IdentitĂ€t beeinflusst. Zwischen beiden Wörtern besteht ein wichtiger Unterschied: Eine IdentitĂ€t habe ich, ob ich will oder nicht, wĂ€hrend eine Identifikation allein meiner Wahl entspringt und sich damit jederzeit Ă€ndern kann. Mit dem Menschsein bin ich identisch, mit einer politischen oder religiösen Ausrichtung identifiziere ich mich.

Und hier beginnt die Gewaltlosigkeit, denn wer sich dieses Umstandes bewusst ist, wirklich bewusst, der wird nicht ins Bodenlose fallen, sobald ihn die Partei, die er seit seinem 18. Lebensjahr gewĂ€hlt hat, eklatant enttĂ€uscht oder er seine Arbeitsstelle verliert oder der Partner ihn verlĂ€sst oder 
 – nun, die Liste ist wahrscheinlich endlos. Das enthebt ihn nicht bestimmter GefĂŒhlszustĂ€nde, aber es verhindert den Fall ins Bodenlose und in die Gewalt. Er fĂŒhlt sich in einer sehr natĂŒrlichen Art und Weise frei und sicher, weil seine Freiheit und Sicherheit auf festem Grund stehen und sich nicht jĂ€h auflösen. Sie können sich nicht auflösen, weil sie in seinem Inneren grĂŒnden, auf seiner IdentitĂ€t, wĂ€hrend Identifikationen immer nur im Außen ihren Ursprung haben und damit auch von anderen niedergerissen werden können.

 

Auch die Gewalt hat ihren Anfang im Kleinen, im Subtilen. Es beginnt bei uns selbst.

Es beginnt an der Kasse im Supermarkt, an der man gewalttĂ€tig gegen den Vordermann wird, weil man zu nah aufrĂŒckt und in seine Distanzzone eindringt. Es beginnt bei den wĂŒtenden Worten, die man an die VerkĂ€uferin richtet, weil die Gepflogenheiten ihres Arbeitgebers nicht den Erwartungen entsprechen. Es beginnt bei der Ameise, die man absichtlich unter der Schuhsohle zermalmt. Es beginnt bei dem Satz, den man ĂŒber einen Bekannten Ă€ußert, um ihn in Diskredit zu bringen. Es beginnt beim morgendlichen Blick in den Spiegel, bei dem man ein Gesicht sieht, das man nicht akzeptieren will. Es beginnt bei der Vorstellung, die man von sich hat und der man einfach nicht gerecht werden kann. Es beginnt bei dem Gedanken, das Leben sei verschwendet, wenn man nicht dieses und jenes erhielte oder erreiche, und sei es die verschriene spirituelle Erleuchtung. Es beginnt bei der Vergewaltigung des eigenen Selbst, weil man sich zu einer Arbeit zwingt, die einem nicht liegt. Es beginnt bei der Kleidung, die in den meisten FĂ€llen eine Verkleidung ist. Es beginnt bei dem Titel, den man erwirbt und mit dem man sich verwechselt. Und so weiter und so fort 


All das spaltet uns innerlich, bringt uns von unserer IdentitĂ€t ab und zwingt uns in abstrakte Gedankenlabyrinthe, die ĂŒberhaupt nicht essenziell sind. Sie sind nicht einmal wichtig. Im Gegenteil, sie sind unsĂ€glich unwichtig.

Einer Katze, die seit Jahren verzweifelt zu fliegen versucht, weil sie in einem Lebensratgeber (geschrieben von einem Kolibri) gelesen hat, das sei Voraussetzung fĂŒr ein glĂŒckliches Leben, wĂŒrden wir auch nicht anraten, noch hĂ€rter zu trainieren. Wir wĂŒrden ihr sagen, dass sie den Ratgeber wegwerfen und sich hinlegen und schlafen soll, weil es das ist, was ihresgleichen hauptsĂ€chlich unternehmen. Wir wĂŒrden ihr sagen, sie hĂ€tte Jahre ihres Lebens mit dem Versuch vergeudet, etwas zu sein, was sie nicht ist.

Wir aber erkennen unsere eigenen Flugversuche nicht, sind auf diesem Auge blind, springen wieder und wieder von derselben Klippe und wundern uns anschließend ĂŒber das viele Wasser und die schwere Kleidung, die uns in die Tiefe zieht. Nach einem solchen Tauchgang ist man selbstverstĂ€ndlich sehr erschöpft. Da bleibt gerade noch ausreichend Kraft ĂŒbrig, um dem Nebenmann, der sich auch zurĂŒck auf die Klippe schleppt, mĂŒrrisch zuzunicken, mehr ist schon nicht mehr drin.

Die Herausforderung liegt nicht da draußen im (geo-) politischen Geschehen oder in der Gesellschaft. Sie liegt in uns, in jedem Einzelnen von uns. Wir mĂŒssen besagtes Auge sehend machen, das gerade noch blind in der Höhle rollt, und uns selbst damit betrachten. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Vielleicht hören wir dann auch auf, uns gegenseitig in diese Entweder-oder-Schubladen zu packen, die uns entmenschlichen. Vielleicht können wir uns dann auf die wirklich wichtigen Fragen – nein, auf deren Lösungen konzentrieren, die sich damit beschĂ€ftigen, wie wir jedem Lebewesen auf diesem wunderbaren Planeten (Planet eingeschlossen) eine wĂŒrdige Lebensgrundlage schaffen, auf der er sich frei entwickeln und auf der er gedeihen kann. Meine Gedanken kreisen um nichts anderes mehr, zumindest bin ich darum bemĂŒht.

Ich bin guter Dinge. TĂ€glich begegne ich vielen Menschen, und aus vereinzelten und manchmal verstohlenen Gesten, Worten, Blicken und Handlungen kann ich den Sanftmut und die GĂŒte, die IdentitĂ€t, herauslesen, die unter all den Identifikationen verschĂŒtt gegangen ist. Wenn man die Mitmenschen darauf anzusprechen weiß, nicht unbedingt und nicht immer verbal, bekennen sie sich sogar dazu, und das macht mir Mut und schafft Hoffnung.

 

Über Melanie Meier:

Melanie Meier entstammt einer KĂŒnstlerfamilie, hat die Fachoberschule fĂŒr Gestaltung besucht und ist gelernte BuchhĂ€ndlerin. Heute ist sie Schriftstellerin, schreibt mystische Fantasyromane, die mit dem Qindie-Siegel ausgezeichnet sind, und arbeitet als freie Grafikerin und Texterin.

Weitere Informationen finden Sie unter www.Melanie-Meier.de

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