Nichts allzusehr! – Dr. Christoph Quarch

von Thomas
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Warum es heute nicht darum geht, Griechenland zu retten, sondern sich von Griechenland retten zu lassen. Ein Plädoyer für eine Wiedergeburt des Abendlandes aus dem Geist der Griechen von einem Kenner der griechischen Kultur und Philosophie.

Von Christoph Quarch

Warum Griechenland? Warum gerade dort? Warum kocht die Euro-Krise ausgerechnet in diesem Land auf und nicht in Irland, Portugal oder Spanien? Misswirtschaft? Korruption? Ein politisches Zweiparteiensystem voller Filz und Vetterleswirtschaft? Eine Mentalität, die den Staat als Selbstbedienungsladen miss-braucht? All das mag zutreffen. Aber all das bleibt flach, an der Oberfläche. Denn all das öffnet keinen echten Verstehensraum, in dem Einsichten geboren werden könnten, die aus der Krise führen. Die meisten gängigen Erklärungen laufen stattdessen darauf hinaus, dass die Griechen einfach zu faul, blöde oder korrupt sind, um sich in der globalen Finanzarchitektur der Welt zurechtzufinden. Aber das kann es ja wohl nicht sein.

Fragen wir noch einmal: Warum Griechen-land? Gibt es eine tiefere Bedeutung – eine, die etwas zu verstehen gibt, auch wenn sie keine empirischen Beweise anzuführen weiß? Gibt es eine symbolische Bedeutung? Ja, die gibt es, und auch wenn wir uns mit ihr auf das Terrain der Spekulation begeben, hat sie doch den Vorteil, die Augen zu öffnen. Denn seien wir ehrlich: Es ist doch erstaunlich, dass die Krise einer heißgelaufenen globalen Finanzwirtschaft genau dort aus-bricht, wo die westliche Kultur vor knapp 3000 Jahren begann; dass genau dort in aller Klarheit zutage tritt, was faul ist an jener großen und mächtigen Zivilisation des Abendlandes; dass genau dort die giftigen Früchte eines maßlos gewordenen Denkens prangen, wo einst ein Geist geboren ward, der Großes in die Welt trug?


Ironie des Weltgeistes

Liegt es nicht nahe, mit dem US-amerikanischen Philosophen Peter Kingsley zu mutmaßen, in einem großartigen Akt der Ironie habe der Weltgeist beschlossen, das Abendland just da unter-gehen zu lassen, wo es einst begann? – Ja, nahe liegt es in der Tat, aber die naheliegendste Deutung ist nicht immer die beste. Weil auch sie keine Zukunfts-perspektive öffnet. Daher sei es erlaubt, eine andere Antwort auf die Frage „Warum Griechenland?“ vorzuschlagen: Griechenland deswegen, weil es für die westliche Zivilisation das Gebot der Stunde ist, genau dorthin zu blicken, wo sie begann – freilich, ohne sich an der Oberfläche des heutigen Griechenland zu verlieren, sondern um in die Tiefe zu schauen: nach Hellas.

Wenn wir dies tun, dann werden wir eine wunderliche Entdeckung machen: Im Jahre 2012 geht es nicht so sehr darum, dass wir mächtige Industrienationen Griechen-land retten – sondern, dass wir begreifen, dass wir uns von Griechenland retten lassen müssen. Denn mit finanzwirtschaftlichen und politischen Instrumenten wird man allenfalls die ökonomischen Symptome einer Krise behandeln, die in Wahrheit eine geistige Krise ist. Das Gegengift aber, das den intoxinierten Ungeist des Westens zu heilen vermag, heißt Hellas: ein homöopathisches Therapeutikum, das anders als alle allopathischen Pillen die Selbstheilungskräfte unserer Kultur zu befeuern vermag.


An den Ursprung

Denn der Blick auf Hellas ist ein Blick auf unseren Ursprung – auf dasjenige, was den westlichen Geist ursprünglich auszeichnet. Und was ihn groß gemacht hat. Es ist der Blick auf die Quelle unserer Demokratie, unserer Kunst, unserer Philosophie, unserer Wissenschaft, unseres Sports, unseres humanistischen Ethos. All diese Segnungen der Menschheit sind zwischen dem siebten und vierten Jahrhundert v. Chr. im griechischen Kulturraum entstanden. Was dort jedoch nicht entstanden ist, sind unsere Religion und unsere Ökonomie. Das muss zu denken geben.

Es muss zu denken geben, weil es einen geistigen Komplex verrät, der in der Tiefe der gegenwärtigen Krise des Westens wirksam ist. Seine Genese ist verschlungen, aber seine Symptome sind rasch benannt. Sie heißen: Anmaßung, Vermessenheit und Maßlosigkeit. Was die westliche Zivilisation derzeit von innen zu zerstören droht, ist ihr Verlust des Maßes. Es ist, als sei ihr der Sinn für das Maßvolle, Angemessene, Maßgebliche abhanden gekommen. Und es liegt auf der Hand, dass dieser Verlust des Maßes sich nicht allein in Gier und Geiz der Einzelnen ausdrückt, sondern vor allem in einem Wirtschaftssystem, dessen höchster Wert ein grenzenloses Wachstum ist – ein grenzenloser Profit, der durch grenzen-lose Ausbeutung und grenzenlose Kredite generiert werden soll – was de facto die Menschen in grenzenlose Abhängigkeit, Not und Entfremdung zwingt.


Der Wille zum Maß

Hellas dagegen war besessen vom Maß. Je-de Tempelruine, jede Skulptur kündet noch etwas von jenem unbedingten Willen zum Maß, der sich in der klassischen Phase der hellenischen Kunst Bahn brach und bis heute niemanden unberührt lässt. Doch nicht nur das: Es war auch der Wil-le zum Maß, der einen Solon in Athen die Eunomia (um 594 v.Chr.) und einen Kleisthenes später (um 507 v.Chr.) die Isonomia einführen ließ: politische Ordnungen, die darauf zielten, durch gleiche Rechte und gleiche Pflichten ein stabiles Gleichgewicht in der athenischen Bürgerschaft zu etablieren.

Dieser Wille zum Maß durchdringt auch die alte Philosophie von Thales über Heraklit bis Platon. Liest man Platons Abhandlungen über den „Staat“ (Politeia), über den „Staatsmann“ (Politikos) oder die „Gesetze“ (Nomoi), ist über-deutlich, in welchem Umfang das gesamte politische und ökonomische Denken um die Idee kreiste, sowohl in der Polis (dem Gemeinwesen) als auch im Oikos (dem Hauswesen) einen Zustand fließenden Gleichgewichts beziehungsweise flexibler Harmonie zu etablieren. „Die politische Kunst ist eine Messkunst“ heißt es im Dialog über den „Staatsmann“, wobei das Maß, an dem maßzunehmen hat, wer angemessen Politik betreiben möchte, nichts anderes ist als das ausbalancierte, die Widersprüchlichkeit und Mannigfaltigkeit der Bürgerschaft integrierende Gleichgewicht des Gemeinwesens.


Naturgemäß leben

Dieses innere Maß – und das war die eigentlich aufregende Entdeckung der alten ionischen Naturphilosophen vom Schlage eines Heraklit – ist keine willkürliche Setzung. Es ist nicht das kraft überlegener Machtbefugnis ausgesprochene Gebot eines transzendenten Gottes. Es ist auch nicht der moralische Imperativ der reinen Vernunft. Sondern es ist ein fundamentales Gesetz des Lebens, das sich vom Kosmos bis zum einfachsten Organismus überall entdecken lässt; ein Prinzip, das in der Musik genauso hörbar wird wie es in der Mathematik berechenbar ist. Die Welt selbst, der Kosmos – diese schöne Ordnung – sie enthüllte sich dem griechischen Geist als ein lebendiges Wesen, das dem unverrückbaren Maß des Lebens folgt: aus Vielem Eines zu machen, eine stimmige, harmonische Ganzheit aus vielen Teilen zu fügen, eine symphonia zu erzeugen, ein systema zu wahren.

„Seele waltet in allem“, sagte Platon, und lehrte, dass alles Beseelte dem kosmischen Gesetz des Lebens folgt: Maß zu halten, zu stimmen, das Gleichgewicht zu treffen, trefflich zu sein. Für den Kosmos gilt das nicht minder als für ein Gemeinwesen, ein Unternehmen oder jeden Einzelnen. Immer entscheidet sich das Gelingen oder Misslingen eines lebenden Wesens daran, ob es ihm gelingt, das Maß zu halten, Stimmigkeit nach innen und nach außen zu verwirklichen, sich einzufügen in die große Ordnung des Lebens und das eigene Leben nach Maßgabe der inneren Stimmigkeit zu harmonisieren und zu integrieren. Nichts soll unterdrückt werden, alles – angemessen und maßvoll – ins Ganze eingehen. Nur dann ist ein Wesen gesund – nur dann bleibt die Seele heil: ob nun die der Natur, des Staates, eines Unternehmens oder des Individuums.

Der hellenische Wille zum Maß ist so gesehen keine menschliche Anmaßung. Niemand kann nach griechischem Verständnis anderen das Maß eines gelingenden Lebens vorgeben. Weil alles Leben den Maßstab seines Gelingens in seiner ganz eigenen Verfasstheit immer schon in sich trägt. Ihm zu entsprechen hieße angemessen und maßvoll zu leben. Ihm zu widersprechen hieße das Leben und seinen Sinn zu verfehlen. Es wäre Hybris: vermessene Selbstüberhebung, die einzige „Sünde“, die der hellenische Geist zu benennen wusste.


Der Fluch der Hybris

Hybris galt als Frevel gegen das Leben selbst. Und deshalb wurde sie im alten, mythologischen Bild der Welt von den Göttern gestraft. Waren sie doch die Garanten eines wahren, seiner selbst gemäßen, guten, glücklichen und sinnvollen Lebens. Allen voran Apollon – der Gott, in dem sich wie in keinem zweiten der Geist des alten Hellas zu einer macht-vollen Gestalt verdichtete. Apollon ist der Gott des Maßes. Überall da, wo es stimmt, zeigt er seine Macht: als Gott der Heilkunst, unter dessen Einwirkung das körperliche Gleichgewicht wieder hergestellt wird; als Gott der Musik, unter dessen Einwirkung die schönste Harmonie erklingt; als Gott der Dichtung und Philosophie, unter dessen Einwirkung das wahre Wort gefügt wird, das den Sinn aus dem Dunkel ans Licht trägt.


Du musst dein Leben ändern!

Apollon ist auch der Treffliche. Er trägt den Bogen, und seine Pfeile verfehlen nie ihr Ziel. Wo es sich trifft, so dass es stimmt, da ist er mächtig. Wo das Maß getroffen wird, da geht es ihm angemessen zu. Trefflich sind auch seine Worte, die wie Pfeile auf den Menschen treffen, um ihn zur Trefflichkeit anzuhalten: „Erkenne dich selbst“ und „Nichts allzusehr“, stand in großen Lettern am Giebel seines großen Tempels zu Delphi – ein Imperativ, der in der Essenz auf nur eines weist: Erkenne das Maß, das dir gesetzt ist und hüte dich vor Anmaßung!

Wie würde man sich wünschen, dass dieser einst in Hellas erklungene und beherzig-te delphische Imperativ im 21. Jahrhundert wieder Gehör fände! Wie würde man sich wünschen, dass bis weit in die Chefetagen der Banken und Unternehmen hinein aus den Ruinen des alten Heiligtums jenes autoritative Wort donnerte, das Rilke einst angesichts eines Apollon-Torsos vernahm: Du musst dein Leben ändern! Erkenne dich selbst! Finde dein Maß! Nimm an ihm Maß – und nicht an den vermessenen Erwartungen, maßlosen Begierden, anmaßenden Ansprüchen deines Ichs!


Der Westen am Scheideweg

Vielleicht wäre es so gesehen doch nicht das Dümmste, in Griechenland die alte Währung wieder einzuführen. Immerhin strahlte einem doch von der 1000-Drachmen-Note das hoheitsvolle Antlitz des olympischen Apoll entgegen. Wer Au-gen hatte zu sehen, der mochte wohl in dessen Blick das alte „Nichts allzu-sehr!“ vernehmen. Vom Euro spricht kein Gott zum Menschen …

Gleichviel. Die westliche Welt steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts an einem Scheideweg: Entweder, sie macht weiter mit ihrem maßlosen Wirtschaften oder sie kehrt zurück zu der Weisheit derer, die unsere Zivilisation aus der Taufe hoben: zur Weisheit eines Menschentums, das sich unter das Maß des Lebens stellt. Neuerlich von der Wahrheit des Lebens (gr. zénos = des Zeus‘) befruchtet, könnte Europa sich zu neuer Schönheit und Kraft entfalten. Der Westen könnte mit hellenisch-dionysischer Gelassenheit das alte System kollabieren lassen – so wie die Seilbahn in Nikos Kazantzakis‘ hinreißendem Roman „Alexis Sorbas“ – im Vertrauen darauf, dass auch der ewige Wechsel des „Stirb und werde!“ ein Teil der großen Harmonie des Lebens ist.
Schluss mit der Deregulierung

Neues würde sich dann aus dem alten er-heben: eine gesunde Wirtschaft, die nicht mehr von der irrsinnigen Dynamik maßlosen Wachstums beherrscht ist; die bricht mit der Hybris der Deregulierung und Ernst mit der Weisheit der Alten macht, nach der das Leben nur dann ge-sund und glücklich ist, wo das Grenzen-lose, Grenzüberschreitende, Flüssige, Dynamische – wo das Geld – in ein stimmiges Maß gefügt ist. Griechisch gedacht kann Wirtschaft nur gelingen, wo ihr Grenzen gesetzt und Regeln auferlegt werden. Anderenfalls kehrt sie sich gegen das Leben selbst – ganz so, wie wir es heuer erleben. Regulierung tut not, alles andere ist Hybris. Es ist deshalb gut, wenn Länder wie Argentinien anfangen, die Irrtümer der Privatisierung und Deregulierung rückgängig zu machen.

Und es ist gut, wenn jetzt das griechische Städtchen Volos das Wagnis eingeht, den Euro abzuschaffen, um an seine Stelle eine Tauschwirtschaft auf Basis einer Regionalwährung einzuführen. Wie über-haupt komplementäre Währungen die Säule einer maßvollen Geldwirtschaft sein dürften, die Schluss macht mit der vermessenen Idee exponentieller Geldvermehrung. Zumal dann, wenn komplementäre Währungen Maß nehmen am Leben selbst, das statt ins Unermessliche zu wachsen seinen eigenen Grenzen folgt; und das statt ewig jung zu bleiben, altert und an Kraft verliert.

Maß nehmen am Maß des Lebens. Das ist es, was die Welt vom alten Hellas lernen kann. Das ist es, was die westliche Zivilisation neu beherzigen muss, wenn sie denn den Herausforderungen des 21. Jahr-hunderts gewachsen sein will. Ist das womöglich die Antwort auf die Frage „Warum Griechenland?“ Wer wollte das entscheiden. Doch dürfte es lohnen, dieser Spur zu folgen. Schauen wir auf den Tor-so jenes griechischen Geistes! Hören wir seine Stimme! Du musst dein Leben ändern!

Autor: Dr. Christoph Quarch

Erstmals erschienen in WIR – Menschen im Wandel (www.wir-menschen-im-wandel.de)

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3 Kommentare

Roland Marquardt 5. Juni 2013 - 12:39

Ein schöner Artikel, jedoch stimmt ein wesentliches Detail nicht. Peter Kingsley ist kein US-Amerikaner, sondern Engländer.

https://www.peterkingsley.org/deutsch.cfm

„Es ist Peter Kingsleys Lebensaufgabe, die besondere mystische Tradition wieder zum Leben zu erwecken und zugänglich zu machen, die vergessen direkt an den Wurzeln unserer modernen, westlichen Welt liegt.

Entwickelt vor Tausenden von Jahren, als Methode Menschen die Erfahrung der Wirklichkeit zu ermöglichen, ist diese Tradition ungemein stark, in ihrer Unmittelbarkeit und Direktheit. Und das bedeutet für uns heute mehr, als wir uns vorstellen können, denn sie enthält in sich das Geheimnis — die ursprüngliche Bedeutung und den heiligen Zweck — der Welt in der wir leben.“

Thomas 5. Juni 2013 - 12:58

Danke für diese hilfreiche Korrektur!
Thomas Schmelzer

W.Rieger 17. März 2013 - 00:10

Ein hervorragender Artikel. Seit gestern zeigt sich in Cypern die Folge dieser anmaßenden, uferlosen Wirtschaft.
Wir sollten uns schnell auf die „alten“ Werte beziehen, sonst überrollt uns unsere Hybris.
Danke für die Veröffentlichung

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