Lernen von Paris – Dr. Ruediger Dahlke

von Thomas
DahlkeParisArtikel

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Der Anschlag in Paris hat uns alle aufgerĂŒttelt und allein in der Hauptstadt Frankreichs mehr als eineinhalb Millionen Menschen dazu bewegt, Zeichen zu setzen. Was könnten wir aus diesem in jeder Hinsicht zu verurteilenden Anschlag erkennen? Der Arzt, Psychotherapeut und Autor Dr. Ruediger Dahlke wagt einen Blick aus ganzheitlicher Perspektive.

von Dr. Ruediger Dahlke


NatĂŒrlich fĂ€llt es schwer, aus solch einer religiös motivierten oder jedenfalls verkauften Wahnsinnstat positive Erkenntnisse zu ziehen. Aber nach den „Schicksalsgesetzen“ und ihrem wichtigsten, dem der PolaritĂ€t, muss es auch die geben.

Wir könnten etwa erkennen, wie sehr sich Religion missverstehen lĂ€sst. Was mĂŒsste das fĂŒr ein wahnsinniger Gott sein, der solchen Terror wie von IS und Al Kaida gutheißen wĂŒrde, der die KreuzzĂŒge und die Mordorgie der Inquisition gebraucht hĂ€tte? So könnte uns solch ein schreckliches MissverstĂ€ndnis dazu bringen, wieder nach der Essenz jedweder Religion zu suchen, wie sie sich im Sufismus ausdrĂŒckt, in den Gedichten Rumis, aber auch in der Lehre des heiligen Franz von Assisi und den deutlichen Ansprachen des neuen (Papstes) Franziskus.

Wir Menschen christlicher Kulturen könnten bei solchen Gelegenheiten erkennen, was wir zu verlieren und zu verteidigen haben. Dass das in so großen Demonstrationen fĂŒr unsere von unseren Vorfahren erkĂ€mpften Freiheiten, zu der auch die der Religion gehört, nun geschieht, ist wundervoll. Wir haben noch immer – etwa verglichen mit vielen islamischen LĂ€ndern – Aspekte von Pressefreiheit und fĂŒr die lohnt sich einzustehen.

Und es ist ein Fortschritt, dass sich fast alle relevanten islamischen Vertreter in Frankreich und Europa jetzt offen von Gewalt distanzieren und zu Gewaltfreiheit aufrufen – endlich! Wenn dieser entsetzliche Gewaltakt dazu fĂŒhrt, dass die große Mehrheit friedlicher Muslime endlich entschieden Front macht gegen die vergleichsweise wenigen GewalttĂ€ter, dann wĂ€re viel geschehen. Dann mĂŒssten aber auch aus muslimischen Kreisen GewalttĂ€ter endlich schon im Vorfeld angezeigt werden, um sie rechtzeitig unschĂ€dlich zu machen. Mir kommt vor, das geschieht noch viel zu selten.

Und dann könnte man vielleicht auch bei uns bei allem Respekt vor der Pressefreiheit, die in den meisten muslimischen LĂ€ndern noch fast unbekannt ist, mal in sich gehen und eine Standort-Bestimmung machen. Wie wichtig Satire ist, zeigen gerade schwierige Zeiten. Was war und ist eine Satiresendung wie „Die Anstalt“ in Deutschland fĂŒr ein Segen in diesen von Kriegshetze geprĂ€gten Zeiten mit ihren von „guten“ US-Freunden vereinnahmten Politikern und Journalisten!

Aber vielleicht sollte man heutzutage, wo so viele PulverfĂ€sser kurz vor der Explosion stehen, auch einmal darĂŒber nachdenken, ob es nicht einen Unterschied zwischen politischer Satire und der Verunglimpfung religiöser Symbole und Inhalte gibt. So wie Muslime mehrheitlich Pressefreiheit nicht kennen, eigentlich nur, wenn sie unter uns im Westen leben, haben Christen nicht mehr die geringste Ahnung, was Gebot-Treue meint im alttestamentarischen Sinn ihrer eigenen Religion. Da heißt das zweite mosaische Gebot: „Du sollst Dir kein Bildnis machen von Gott Deinem Herrn!“

Christliche Kirchen sind aber voll von Darstellungen des Christus und ReligionsbĂŒcher fĂŒr Kinder sogar von Gott Vater, meist als altem Herrn mit Rauschebart. Wir haben gar kein GefĂŒhl mehr, was fĂŒr ein Schlag das ins Gesicht des mit Muslimen und Juden geteilten Alten Testamentes ist.

Muslimen ist es weltweit ein Anliegen, dieses zweitwichtigste Gebot unserer gemeinsamen Basis einzuhalten, weswegen ihre Moscheen bilderfrei nur auf Ornamente setzen. FĂŒr sie ist die Karikatur schon das zweite Vergehen, nach dem ersten, sich ein Bild von Allah oder seinem Propheten Mohammed zu machen.

Und dann wĂ€re die Frage zu diskutieren, ob es wirklich notwendig ist, sie immer wieder mutwillig an diesem Punkt zu verletzen, nur weil man selbst jede SensibilitĂ€t fĂŒr religiöse GefĂŒhle und Empfindungen verloren hat? Wem nĂŒtzt das, immer wieder Benzin in dieses Feuer zu schĂŒtten in dem Wissen um den FlĂ€chenbrand, der damit ausgelöst wird?

Um keine MissverstĂ€ndnisse aufkommen zu lassen: Die Pressefreiheit ist unverzichtbar und wir sollten alles tun, sie wieder herzustellen und die UnabhĂ€ngigkeit der Journalisten zu gewĂ€hrleisten, ihnen also etwa auch helfen und Mut machen, sich aus der Umarmung der „guten“ US-Freunde und ihrer Freundeskreise zu befreien und uns wieder zu informieren statt zu indoktrinieren.

Und natĂŒrlich schließt diese Freiheit bei uns auch die ein, sich ĂŒber Religion und ihrer Protagonisten lustig zu machen. Aber mĂŒssen wir uns denn jede Freiheit, die wir haben, auch in jeder Situation (heraus) nehmen? Nur weil wir so wenig Zugang zu Verletzlichkeit und SensibilitĂ€t haben?

NatĂŒrlich können wir sagen, die Muslime sollen gefĂ€lligst nicht so empfindlich sein. Das fĂ€llt besonders dann leicht, wenn man jede eigene Empfindsamkeit lĂ€ngst eingebĂŒĂŸt hat und eine rechte Politik mit der Betonung des Recht des stĂ€rkeren propagiert, wie es ĂŒberall geschieht und auch gerade nach diesem entsetzlichen Geschehen von Paris. Wer alle Muslime wider hinauswerfen will, sollte sich mal ĂŒberlegen, wie LĂ€nder wie Frankreich und Deutschland dann ihre Sozialsysteme erhalten wollen, die vom „Nachwuchs“ junger Leute leben.

Und warum sind denn so viele Muslime so empfindlich? Auch diese Frage lĂ€sst sich mit Hilfe der „Schicksalsgesetze“ klĂ€ren wie die obige mittels ihres PolaritĂ€tsgesetzes. Das drittwichtigste unter den „Schicksalsgesetzen“ ist das des Anfangs. Alles liegt im Beginn begrĂŒndet, oder wie Hermann Hesse sagt: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Was hat Juden und Muslime so verzaubert, dass sie sich ĂŒber die Jahrtausende befehden?

So, wie zwischen Juden und Christen die Kreuzigung steht, ist es zwischen ihnen und Muslimen der gemeinsame Start: Abram war prophezeit worden, er wĂŒrde Stammvater eines großen Geschlechtes werden. Als er aber als Greis noch immer keinen Nachwuchs von Sarah, seiner Frau hatte, legte er sich zu Haga, seiner Magd, und sie gebar ihm Ismael, der, von Sarah angenommen, nun sein Erstgeborener war. Haga fĂŒgte sich in ihr schweres Schicksal des Verzichts. Aber Gott Jahwes unergrĂŒndlicher Ratschluss fĂŒhrte dazu, dass die hochbetagte Sarah wider alles Erwarten nun auch noch einen Sohn, nĂ€mlich Isaak gebar, der nun Zweitgeborener war. Die – laut Bibel – offenbar ebenso ungerechte wie streitbare Sarah nervte nun Abraham so lange, bis er ihren Isaak zum Erstgeborenen erklĂ€rte und Haga und Ismael vertrieb. Aus diesen wurden die Ismaeliten oder Araber und ihnen wurde vorausgesagt, ihre Nachkommen wĂŒrden zahlreich wie die Sterne, aber sie mĂŒssten immer um ihre Anerkennung kĂ€mpfen. Und so war es. Ismael und Haga bemĂŒhten sich immer wieder um Anerkennung, blitzten aber ab. Selbst als sie zu Abrahams Beerdigung kamen, wurden sie von Sarah und Co vertrieben.

Und genau da stehen wir heute noch. Araber und ihre Nachkommen, die Muslime, sind zahlreich geworden und kĂ€mpfen weltweit um Anerkennung. Und selbst wenn sie schwerstreich durch Öl werden, gelingt es ihnen doch nicht so recht. Ihnen fehlt, trotz enormer geschichtlicher Leistungen im Hinblick auf die frĂŒhe Wissenschaften wie der Medizin, der Baukunst, etc. ein Selbst-Bewusstsein und SelbstwertgefĂŒhl.

Daraus erklĂ€ren sich viele ihrer fĂŒr uns ĂŒbertrieben wirkenden Maßnahmen. Muslime haben inzwischen so unendlich viel mehr Land als Juden, aber es geht beiden Seiten immer noch genau um dieses winzige StĂŒck Heimat Jerusalem und PalĂ€stina und ums Prinzip und um Anerkennung. Die Muslime haben inzwischen in der UNO bezĂŒglich der PalĂ€stinafrage fast die ganze Welt auf ihrer Seite. Nur das kleine Israel und die großen USA widerstehen ihnen und genau die sind ihnen so viel wichtiger als der ganze Rest.

Vielleicht könnte den zumeist linken Karikaturisten und Kabarettisten bei uns die Erkenntnis der PolaritĂ€t klar werden, wie sie mit dem Öl, das sie immer wieder und ohne Not ins islamische Feuer schĂŒtten, genau den rechten KrĂ€ften der Le Pens aller LĂ€nder Wasser auf die MĂŒhlen leiten, beziehungsweise AnhĂ€nger zutreiben. Da sind sie die Umkehrung von Goethes Mephisto, der im Faust sagt: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

Die Kabarettisten und Satiriker sind natĂŒrlich in der gegenteiligen Lage, wollen das Gute und schaffen das Böse. Und daraus könnte die GrĂ¶ĂŸe erwachsen, sich in religiösen Belangen mit verletzenden Darstellungen zurĂŒckzuhalten. Aber das ist so schwer, denn es erforderte eine große ZurĂŒckstellung des eigenen Egos, und natĂŒrlich will und muss Karikatur und Kabarett auch wehtun in der Überzeichnung der Wahrheit. Wenn die platte Wahrheit schon Kabarett-Charakter bekommt – wie in letzter Zeit im Deutschland der neuen Hetze zum alten kalten Krieg – steht es schon besonders schlecht um die Demokratie.

Die „Schicksalsgesetze“ könnten so einfach so vieles klar(er) machen. Wer wissen will, warum etwas so lĂ€uft, wie es das tut, muss sich nur den Anfang anschauen. Einzig das macht Geschichte wertvoll, und Politik macht eigentlich nur Sinn, wenn sie aus Geschichte lernt.

Wer wissen will, wieso die USA so funktionieren, wie sie das tun, oder das katholische Christentum, kann es sich in ihren AnfĂ€ngen betrachten und in „Schicksalsgesetze“ nachlesen. Wer dabei noch möglichst alle Wertungen weg lĂ€sst, kann so vieles so viel besser verstehen und dabei lernen.

Und nichts mache uns glĂŒcklicher als Lernen, weiß die GlĂŒcksforschung, und so könnten uns auch wirklich glĂŒckliche Zeiten bevorstehen, wenn wir nur lernen wollten, in der Gegenwart, aus der Vergangenheit, fĂŒr die Zukunft.

Ihr Ruediger Dahlke


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3 Kommentare

Röder 13. Januar 2015 - 14:02

Danke,
ihr Artikel spricht mir aus der Seele.

Hans Gerhard Wicklein 13. Januar 2015 - 12:57

Lieber Herr Dr. Ruediger Dahlke,
Sie schreiben in Ihrem Artikel von „Aspekte von Pressefreiheit und fĂŒr die lohnt sich einzustehen“. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass die einzige Pressefreiheit der Mainstreammedien darin besteht, den Menschen zentralisiert aus dem Herzen der verborgen MĂ€chtigen perfide Propaganda als Wahrheit zu prĂ€sentieren? Es gibt eine Pressefreiheit, richtig, aber keine freie Presse!; keinen freien Journalismus, erst recht nicht dort, wo er hingehört, in die öffentlich-rechtlichen Sender. Und was sich unsere Presse leistet kann von der islamischen nicht einmal getoppt werden. DafĂŒr möchten Sie einstehen? Das kann ich nicht glauben. Und im Übrigen lohnt sich der ganze Aufwand der Kommentierung fĂŒr das Pariser Attentat nicht, es ist doch so offensichtlich, dass hier den Menschen ein billiges Schauspiel vorgefĂŒhrt wird.

Gabriele Arens 14. Januar 2015 - 16:57

Danke, diese Artikel spiegeln meine GedankengĂ€nge wider, die viele Menschen ebenfalls bewegen und die in dem ganzen Trubel (Show) untergegangen sind. Provokation – speziell im religiösen, ganz intimen und persönlichen Bereich – hat nichts mit Pressefreiheit zu tun. Weltfrieden findet bei uns selbst statt – im Herzen, in Gedanken, Worten und Taten.

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