Das Ende der Arbeit – David Rotter

Was viele bei der Diskussion um die Wirtschaftskrise vergessen: Unser gegenwärtiges System kann schon deshalb nicht länger funktionieren, weil uns ganz einfach die Arbeit ausgeht. Endlich wird die Arbeit knapp!

Denn mit der technischen Entwicklung und der Steigerung der Arbeitsproduktivität haben sich die Voraussetzungen für Arbeit fundamental verändert. In einem Interview mit der Stuttgarter-Zeitung brachte US-Ökonom Jeremy Rifkin die Entwicklung jüngst auf den Punkt:

„Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft. Durch die ersten Mechanisierungsschübe verloren Millionen von Menschen ihre Jobs und wanderten vom Land in die Städte, um dort mit den Maschinen zusammen zu arbeiten. Aber die Computer und Informationstechnik von heute machen immer mehr Menschen ganz überflüssig. […] Wir vollziehen gerade einen Wandel hin zu einem Markt, der zum allergrößten Teil ohne menschliche Arbeitskraft funktioniert. Bis 2010 werden nur noch zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Fabriken gebraucht. Bis 2020 werden es weltweit nur noch zwei Prozent sein.“

Sein Fazit: „Langfristig wird die Arbeit verschwinden.“

Das sollte eigentlich eine gute Nachricht sein. Schon jetzt müssten wir nach verschiedenen Berechnungen nur noch 3-6 Stunden arbeiten, um das gleiche Wohlstands-Niveau zu halten, wie vor 10 Jahren – wenn es bei Arbeit überhaupt darum ginge, die Sachen herzustellen, die alle Menschen brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Auch die Befürworter des Bürgergeldes verweisen immer wieder auf die Tatsache, dass es völlig absurd ist, ein System zu erhalten in dem Arbeitslosigkeit ein Problem darstellt, während es gleichzeitig Arbeitslosigkeit produziert:

„In Zeiten produktivitätssteigernder Rationalisierungen stellen Aufrufe zur Vollbeschäftigung nichts als einen Ausdruck von Realitätsverlust dar.

Um „Vollbeschäftigung“ herzustellen müsste man die Wirtschaft an der Modernisierung hindern, massiv Löhne senken oder künstlich steuerfinanzierte „Arbeit“ schaffen.“ schreibt die Bundesagentur für Einkommen in ihrem Aufruf zum 1. Mai.
Die Lüge erhalten

Die Regierung tut dennoch alles erdenkliche, um die Illusion aufrecht zu erhalten – noch immer ist die Reduzierung der Arbeitslosigkeit Thema Nummer eins in den Wahlkämpfen und für die Herkunft der Arbeitslosigkeit bekommen wir immer wieder dieselben Lügen aufgetischt:

1. Arbeitslosigkeit entsteht, weil die bösen Unternehmer Stellen ins Ausland verlagern

Die Wahrheit: Die Zahl der Jobs die in Deutschland verschwinden, weil sie zum Beispiel nach Osteuropa oder China verlagert wird, ist verschwindend gering. Sie macht gerade mal ein Prozent der abgebauten Stellen aus.

Der wirkliche Jobkiller ist der technologische Fortschritt.

2. Arbeitslosigkeit entsteht, weil die Leute für die bestehenden Jobs nicht richtig ausgebildet sind.

Die Wahrheit: Selbst wenn alle Arbeitslosen in Deutschland Professor Dr. Dr. Ing. wären, hätten sie immer noch keinen Job.

3. Wir haben zu wenig Jobs, weil die Sozialabgaben zu teuer sind.

Die Wahrheit: Die Vergleiche zu den USA, mit denen hier immer wieder argumentiert wird, greifen kaum, wenn man sich die Auswirkungen eines abgespeckten Sozialsystems genauer anschaut: Allein 2 Millionen Menschen sitzen in den USA zum Beispiel in Gefängnissen.

Die Lüge muss aber aufrecht erhalten werden, weil nur durch das gegenwärtige System eine Umverteilung des Reichtums von unten nach oben möglich ist. Nur in der bestehenden Logik können Menschen gezwungen werden, menschenunwürdige oder moralisch bedenkliche Arbeit anzunehmen.


Die Zeit nach der Arbeit

Es wird Zeit zu erkennen, das Lohnarbeit nicht mehr notwendig ist, sondern nur Relikt eines gescheiterten Systems ist, dass soziale Ungerechtigkeit immer aufs Neue manifestiert. Und es gilt nun, Utopien zu wagen für eine Zeit nach der Arbeit. Das sieht auch Jeremy Rifkin ähnlich:

„Ich sehe zwei Alternativen für unsere Zukunft. Die eine ist eine Welt mit Massenarmut und Chaos. Die andere ist eine Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können.

Das Ende der Arbeit kann für die Menschheit einen großen Sprung nach vorn bedeuten. Wir müssen ihn aber auch wagen.“

Wie das Aussehen könnte, wird zur Zeit an vielen Stellen diskutiert: Bürgergeld/Bedingungsloses Grundeinkommen, Währungen auf Zeitbasis, massiver steuerfinanzierter Ausbau des Non-Profit Sektors, Ressourcenbasierte Ökonomie … Vorschläge gibt es genug. Sie alle werden aber nur dann funktionieren, wenn sich gleichzeitig auch das Bewusstsein der Menschen ändert: Wenn nicht mehr gearbeitet wird, um eine Minderheit reich zu machen, sondern ein erfülltes Leben in Wohlstand für alle zu ermöglichen.

Dazu muss zunächst der mit der Lohnarbeit zusammenhängende, fast religiöse Wahn beendet werden, zu dem wir alle konditioniert wurden. Wenigstens im Kopf sollten wir jetzt frei werden, denn:

Eine mögliche Welt ist anders!

Autor: David Rotter

Er lebt als freier Redakteur und Musiker in Berlin und Hamburg. Seit Ende 2008 Leitung der Sein-Online-Redaktion. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, wie sich Bewusstsein und gelebte Spiritualität im täglichen Leben, unseren Beziehungen und der Gesellschaft als Ganzes manifestieren kann.

Veröffentlichung mit freundlicher Genemigung von SEIN:
https://www.sein.de/gesellschaft/neue-wirtschaft/2009/das-ende-der-arbeit.html

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  2 Kommentare für “Das Ende der Arbeit – David Rotter

  1. 20. Juni 2011 um 17:09

    Wenn wir über das Ende von Arbeit sprechen, sollten wir uns auch darüber austauschen, in was für einem System wir hier leben. Wir leben nämlich nicht in einem Wirtschaftssystem, sondern in einem Geldsystem. Noch genauer ausgedrückt in einem Schuldenbasierten Geldystem auf der Basis von Zins- und Zinseszins.
    Wirtschaft ist ein komplexer Austausch von Waren- und Dienstleistungen zur Deckung der Bedürfnisse der Mitglieder in einem Kollektiv. Unser gegenwärtiges System ist aber ein Profitzentriertes Geldsystem zur Deckung der Bedürfnisse weniger auf Kosten des Kollektivs.
    Zins- und Zinseszins bewirkt eine Kapitalkonzentration in den Händen derjenigen,die Geld schöpfen können. Das sind die Banken, die virtuelles Geld kreieren,das nicht existiert und es gegen Zinsen verleihen. Die Schuldner zahlen aber real existierende Werte zurück. Das bedeutet, dass in unserem System nicht die Waren und Dienstleistungen im Vordergrund stehen, sondern der Profit und das Wachstum, sprich die Verzinsung.
    Verzinsung ist eine Exponentialfunktion, die in einer begrenzten, linearen Welt nicht funktionieren kann. Die Auswirkungen davon ist die Tatsache, dass sich immer mehr Kapital in den Händen von immer weniger Menschen konzentriert. Gespiegelt wird dieser Umstand auch durch die Tatsache, dass mittlerweile über 50 % des Weltbruttoumsatzes von den 100 reichsten Konzernen gemacht wird, eine wunderbar sichtbare Konzentration von Kapital. Eine weitere Folge des Zinssystems ist, dass damit es immer weiter laufen kann, das Geld immer mehr an Wert verlieren muss (Inflation). Mechanisierung, Automatisierung und Rationalisierung haben ihre Ursachen aussschließlich in der Profitmaximierung, sprich der Verzinsung des Investments. Es ist somit klar, dass der Verlust von Arbeitsplätzen und die immer geringer werdende Wertigkeit der menschlichen Arbeitskraft ursächlich mit unserem Geldsystem zusammenhängt.
    Mit dem Tauschmittel Geld, das ursprünglich geschaffen wurde, um den Austausch von Waren und Dienstleistungen zu erleichtern, haben wir nun eine Chimäre geschaffen, die uns zu verschlingen droht, wenn wir nicht begreifen, dass wir uns dieses System selber erschaffen haben. Da wir es erschaffen haben, können wir es ändern, z.B. durch Schaffung neuer Geldsysteme, Freigeld z.B.
    Um nun zum Ende zu kommen, sollten wir verstehen, dass Arbeit nicht dazu da ist, die Geldgeber bzw. Schuldengeber zufriendenzustellen, sonder eine Tätigkeit ist, die unserer Berufung enspricht und wirklich dem Wohle Aller und NICHT Weniger dient. Und davon gibt es genug. Es ist genug für Alle da. Es sind genug Ressourcen auf diesem Planeten vorhanden, um uns Alle mit Allem zu versorgen, was wir brauchen.

    In Liebe, Norman Quednau

  2. 20. Juni 2011 um 17:12

    Ich bitte die zahlreichen Rechtschreibfehler großzügig zu übersehen 🙂

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