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MYSTICA Essays Christentum oder Evangelium der Liebe? – Maximilian Yehudi Schäfer

Christentum oder Evangelium der Liebe? – Maximilian Yehudi Schäfer

von Thomas

JesusTextZweifelsohne gibt es einige Diskrepanzen zwischen der Frohbotschaft des Jesus und dem, was die Kirche aus seinen Worten und Lehren gemacht hat. Maximilian Schäfer hat sich eingehend mit diesen Unterschieden beschäftigt und Interessantes herausgefunden.

Von Maximilian Yehudi Schäfer


Es ist für einen Menschen des Abendlandes zu Beginn des 21. Jahrhunderts, der sich mit ernsthaftem Interesse der Lehre Jesu zuwenden möchte, heute unmöglich geworden, dies unbefangen zu tun. Zu sehr ist über die Jahrtausende hinweg die biblische Botschaft, die mit diesem Namen verbunden ist, von den Kirchen und unzählbaren Glaubensgemeinschaften, vereinnahmt, interpretiert und dem eigenen, begrenzten Verständnis angepasst worden. Aber nicht nur das, das „christliche Gedankengut“ ist so sehr ein Teil unseres kollektiven Erbes geworden, es ist über die vielen Jahrhunderte abendländischen Geistesgeschichte so tief mit dem sich entwickelnden geistigen Bewusstsein des Menschen verschmolzen, dass man das spezifisch „Christliche“, für sich genommen, nur noch sehr schwer von der allgemeinen ethisch-moralischen Bewusstseinsentwicklung der Menschheit trennen kann. Daher ist es für uns heutige westeuropäische Menschen auch gar nicht so einfach, gewisse Standards ethisch-moralischen Denkens und Handelns einfach zu übergehen, weil sie bereits ein Teil unseres kollektiven Gewissens geworden sind.

Es ist umso schwieriger diese geistige Verschmelzung von biblischer Lehre und kollektiven ethischen Standards im kollektiven Unterbewussten als Tatsache anzuerkennen, weil sie sich nicht in erster Linie auf der Ebene des bewussten rationalen Denkens vollzieht, sondern vielmehr in dem viel weiteren und weniger greifbaren Bereich des Seelischen, das sich in einer geheimen Symbolsprache, unbewussten Einstellungen und Haltungen, sowie spontanen Traumbildern ausdrückt.

Man könnte das Phänomen mit einem Garten veranschaulichen, der in eine Urlandschaft hineingebaut wurde und bei der man zwar noch die Wirkungen dieses schöpferischen Umgestaltungsprozesses an allen Ecken und Enden spüren und beobachten kann, es aber unmittelbar nicht mehr nachzuvollziehen ist, wann, auf welche Weise und durch wen dieses Einwirken erfolgt ist.

So gesehen tragen wir alle bereits einen Teil des christlichen Erbes in unserem Fleisch und Blut, wenn wir auf dieser Erde erscheinen, zumindest wenn wir im abendländischen Kulturkreis geboren sind. Und diese Prägung findet im gesellschaftlichen und sozialen Umfeld, in das wir hineingestellt sind, seine Entsprechung in den Inhalten von Liedern und Märchen, die uns von klein auf vermittelt werden, in den ethischen und moralischen Standards der Erziehung und Bildungsinhalte und natürlich auch, als letztes Glied in der Kette, in der Gesetzgebung der herrschenden, staatlichen Institutionen.

Wenn wir also zum Beispiel heute in den meisten Industriestaaten ein Sozialhilfesystem haben, das die sozial Schwachen vor dem Absturz in Obdachlosigkeit und Siechtum bewahrt, so kann man das auch als geschichtliche Entsprechung von Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter ( Lukas 10, 25-37 ) sehen. Auf gleiche Weise könnte man auch die Ursachen für die Entwicklungshilfe und die zahlreichen staatlichen und nichtstaatlichen humanitären Hilfsprojekte als unser kollektives christliches Erbe interpretieren.

Und so gesehen hat es dann auch eine gewisse Berechtigung, wenn man unter anderem von Europa als dem „christlichen Abendland“ spricht, wenn auch mit diesem Begriff geschichtlich wohl eher die herrschende Dominanz der beiden großen christlichen Kirchen gemeint ist, als dass etwa die Standards der Bergpredigt Jesu als allgemeine Richtschnur für ethisch-moralische Gesinnung allgemein anerkannt wäre.

Wenn also heute von „Christentum“ gesprochen wird, dann werden mit demselben Begriff zwei sehr unterschiedliche Dinge bezeichnet. Einmal die großen amtlichen christlichen Konfessionen wie Katholizismus, Protestantismus oder Anglikanische Kirche, sowie die unzähligen größeren und kleineren christlichen Glaubensgemeinschaften, die sich auf die heilsgeschichtliche Rolle von Jesus von Nazareth berufen, und zum anderen das Leben und die Lehre Jesu Christi selbst als historische und geistige Tatsache und in der Folge ihre geistesgeschichtliche Offenbarung und Ausprägung, über die Jahrhunderte hinweg.

Oder anders gesagt, es hat von Anfang an, also bis zurück zu der Zeit als Jesus von Nazareth noch persönlich über diese Erde ging, immer schon den Gegensatz gegeben zwischen dem geistigen Sinn seiner Lehre und dem Symbolgehalt der Ereignisse seines Lebens als wesenhafte Entsprechung zur geistigen Evolution der Menschheit und dem, wie verschiedene Gruppen und einflussreiche Individuen, allen voran die katholische Kirche,  nun sein Leben und seine Lehre aus ihrem begrenzten menschlichen Verständnis heraus für sich interpretiert und dann möglicherweise mittels ihrer Machtposition als „die einzige und richtige Weise der Auslegung“ dogmatisiert haben. So bedeutet das Wort „katholisch“ aus dem Griechischen übersetzt auch „das Ganze betreffend“ oder „allgemein“. Und so wie der Name das bereits ausdrückt, nimmt die katholische Kirche ja bis zum heutigen Tag für sich in Anspruch die allgemein gültige Nachfolgerin der von Jesus Christus selbst gegründeten Glaubensgemeinschaft zu sein.

Als Begründung hierfür sollte das Wort Jesu an Petrus herhalten: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde ( nicht Kirche!) bauen.“ ( Matth. 16,18 ). Es ist mehr als verwegen von Seiten der Katholischen Kirche, die sich selbst gerne mit dem Ausdruck „Stuhl Petri“ schmückt, zwischen diesem Spruch Jesu, bei dem er seinen Apostel Simon Petrus ausgewählt hatte, der Leiter der gerade entstehenden kleinen Gemeinde um Jesus zu sein und der sehr viel später entstandenen weltlichen Machtinstitution der Katholischen Kirche einen Zusammenhang herzustellen. Denn ihre Gründung zusammen mit der Orthodoxen Kirche, die damals noch nicht voneinander getrennt waren, fällt geschichtlich auf die Zeit der Konzilien von Nicäa, Konstantinopel und Chalcedon, also zwischen dem Jahr 325 und 451, bei denen der vorher über mehrere Jahrhunderte verfolgte christliche Glaube schließlich zur Staatsreligion erklärt wurde. Eine solche Verbindung herzustellen wäre in etwa so, als würden wir heute versuchen die ganz spezifische Weise des praktizierten Glaubens der Zeitgenossen von Martin Luther eins zu eins in unsere Zeit zu übertragen und dies dann als den einzig wahren Glauben zu erklären.

Um diesen Gegensatz von „esoterischer“ und „exoterischer“ Religion besser zu verstehen, ist es erhellend, sich nochmals vor Augen zu führen, wie denn eigentlich das „Christentum“ entstanden ist. Als Jesus vor ca. 2000 Jahren als Wanderprediger in Judäa mit seiner Botschaft des Himmelreiches aufgetreten ist, da gab es zu dieser Zeit bereits den “Tempel“ als Hüter der institutionalisierten Judentums. Ein zentraler Punkt dieses jüdischen Glaubens war ( und ist es bis heute) die Erwartung auf einen Messias aus dem eigenen Volk, der dem Joch durch fremder Besatzungsmächte, wie es wiederholt in der jüdischen Geschichte der Fall war, ein für alle mal ein Ende bereiten und ein Friedensreich einleiten würde, bei der die Gebote Gottes unter der Führung Israels überall auf der Erde allgemein bestimmend werden würden. Dieser im Volk und der Priesterschaft tief verwurzelte Messiasglaube stammte aus den Vorhersagen einer ganzen Anzahl von Propheten, die unabhängig voneinander zu verschiedenen Zeiten, das Kommen und die begleitenden Umstände eines solchen Erlösers geschaut und mit erstaunlicher Detailtreue bis in die Einzelheiten und zum großen Teil völlig übereinstimmend, beschrieben haben.

Als nun Jesus im Alter von dreißig Jahren seine Lehrtätigkeit begann und langsam in dem geographisch recht überschaubaren Landstrichen von Galiläa, Samaria und Judäa zu einer gewissen Bekanntheit gelangte, da gab es gleichzeitig noch andere Prediger und Führer, die entweder für sich selbst in Anspruch nahmen der erwartete Messias zu sein oder den seine Anhänger in ihrem Eifer dazu machen wollten. Da dies vermutlich auch in den voran gegangenen Jahrhunderten schon so war und da auch immer wieder falsche und echte Propheten mit mehr oder weniger großen Autorität und Sendungsbewusstsein aufgetreten waren, war ein solches Phänomen per se noch nichts Außergewöhnliches und alleine noch nicht in der Lage die bestehende religiösen Strukturen und Hierarchien in Frage zu stellen.

Erst als Jesus durch seine zahlreichen spektakulären Heilungen, wundersamen Speisungen von Tausenden von Menschen und Aufsehen erregenden öffentlichen Ansprachen eine über das gewohnte Maß hinausgehende Bekanntheit und Verehrung vor allem beim einfachen Volk erfuhr, da begannen die Vertreter des Tempels um ihre geistige und weltliche Autorität und Macht und damit auch um ihr Existenzrecht zu bangen. Da sie selbst die äußere Manifestation einer Religion, also die exoterische Seite repräsentierten, mussten sie aus ihrem weltlichen Denken heraus natürlicher glauben, Jesus wollte ihnen in diesem eigenen Bereich Konkurrenz machen und ihre weltliche Herrschaft mithilfe des Volkes stürzen. In Wirklichkeit hatte er aber von Anfang an erklärt: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ und seine engsten Jünger sehr früh darin eingeweiht, dass er der Obrigkeit von römischer Besatzungsmacht und jüdischer Hohenpriesterschaft überantwortet werden, gekreuzigt, aber auch am dritten Tag wieder auferstehen würde.

Wenn er also keine eigene äußere Religion aufrichten wollte, die dann zwangsläufig in Konkurrenz zum herrschenden „Tempel“ stehen musste, was war dann Jesu eigentliches Anliegen?

Aus einem tieferen geistigen Zusammenhang betrachtet, war seine Mission im Wesentlichen eine dreifache. Zum ersten tat er das, was alle von Gott gesandten Propheten und Gottessöhne versuchen, je nach der ihnen gegebenen Kraft mit mehr oder weniger durchschlagendem Erfolg. Er zeigte wortgewaltig die Fehlentwicklungen, welche die Jüdischen Religion seit den Zeiten von Moses und Joshua genommen hatte auf, prangerte mit großer innerer Autorität und einem zwingenden Geistesfeuer die Dekadenz und den geistigen Hochmut der Priesterschaft und des Tempels an und stellte die Lehre des „Ewigen Evangeliums“ mit der Kernbotschaft der Bergpredigt für das Judentum wieder her. Die Essenz dieser Lehre findet sich auch in einigen Offenbarungen anderer Völker wieder, unter anderen in dem chinesischen Tao Te King von Lao-Tse oder dem I Ging, der „Bhagavad Gita“ der Hindus oder viele Jahrhunderte später auch in den Schriften der persischen Dichter und Mystiker wie Rumi, Omar Khayyam oder Hafiz.

Allerdings ging Jesus in seiner Inkarnation vor ca. 2000 Jahren um ein ganz Entscheidendes über die Mission und Botschaft dieser anderen Gottesboten hinaus, nämlich durch sein so viel zitiertes, und über die Jahrhunderte tausendfach beschriebenes, und in Malerei und Bildhauerei dargestelltes Opfer, seiner Kreuzigung auf Golgatha.

Dieser entscheidende Unterschied kann gar nicht genug betont werden und macht den eigentlichen zentralen Kern der christlichen Lehre erst aus. Die ganze Mission seines Apostels Paulus, der ja Jesus nie persönlich im Fleisch begegnet ist, könnte man mit einiger Berechtigung auf die Darstellung und Interpretation dieses wichtigsten Ereignisses der Menschheitsgeschichte reduzieren. Dies hat interessanterweise auch seinen äußeren Ausdruck darin gefunden, dass immerhin die Zeitrechnung der ganzen zivilisierten Welt von diesem singulären Ereignis stammt. Wir leben ja heute im Jahre 2014, und das bedeutet nichts anderes als 2014 Jahre nach der Geburt eines Menschen mit Namen Jesus Christus! Das wird heute oft so leicht vergessen.

Und diese Zeitrechnung als ein globales, gesellschaftliches Faktum, müssen, wenn auch mit wohl eher gemischten Gefühlen, auch die Juden überall in der Welt akzeptieren, für die Jesus ja bis auf den heutigen Tag entweder ein gefährlicher Irrlehrer, ein fehlgeleiteter Fantast oder im besten Falle ein minderer Rabbi war, wie sie die lange Geschichte des Volkes Israel in unnennbarer Zahl hervorbrachte.

Und so warten sie bis heute immer noch auf ihren Messias als der zentralen Idee von der Erlösung aus dem Bann der weltlichen Macht und den gemeinsamen Zusammenhalt für ihren messianischen Glauben.

Paulus, vor seinem Erweckungserlebnis vor Damaskus selbst ein strenggläubiger, fanatischer Jude, also war es im Wesentlichen vorbehalten, den Sinn und die geistige Bedeutung des Kommens Jesu Christi als Mensch auf dieser Erde und die geistige Bedeutung seines Kreuzestodes seinen Zeitgenossen und durch seine Briefe auch uns Heutigen zu entschlüsseln. Mit einiger Berechtigung könnte man das, was er da an neuen und revolutionären Gedanken verbreitete, durchaus als „esoterisches oder gnostisches Wissen“ bezeichnen.

Was war nun das ganz Besondere an seiner Auslegung der Lehre Jesu und des „Mysteriums von Golgatha“, für seine Zeitgenossen so anstößig, dass er davon schrieb, dass es „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“ sei?

Dazu muss man zuerst wissen, dass jede der heute noch am stärksten vertretenen großen Weltreligionen sich auf einen oder mehrere messiasähnlichen Gründer zurückführen lässt, Krishna bei den Hindus, Buddha bei den Buddhisten, Zarathustra bei den Persern, Moses bei den Juden und Mohammed bei den Muslimen. Sie alle könnte man mit gewisser Berechtigung als Avatare oder Gottessöhne bezeichnen, die zu ihren Lebzeiten eine gewisse Anhängerschaft um sich versammelten und eine gottinspirierte Lehre brachten, die bis auf die heutige Zeit in so genannten heiligen Schriften überliefert wurden. Dies gilt mit gewissen Einschränkungen auch für den Chinesen Laotse und seinem Buch Tao Te King und das ebenfalls chinesische I Ging. Macht man sich nun die Mühe die Kernaussagen dieser Lehren miteinander zu vergleichen, geleitet, und das ist allerdings die Voraussetzung, von einem gewissen intuitiven Verständnis für solcherart geistiger Ideen, dann stellt man, vielleicht erstaunt fest, dass es im Kern die gleichen Gedanken, in verschiedenen Erscheinungen sind. Daraus lässt sich schließen, dass es sich um ein und dieselbe Botschaft handelt, mit einigen kleineren Abweichungen, die aber wohl vor allem den teilweise unterschiedlichen Zeitaltern und Kulturen geschuldet sind. Es gibt also, und das müsste doch für die meisten eine Frohbotschaft sein, für die letzten Fragen, die einen jeden Menschen auf dieser Erde betreffen, so etwas wie eine einheitliche Wahrheit.

Der große Unterschied zwischen all diesen Religionsstiftern und Jesus Christus ist nun aber, dass Jesus nicht nur eine Lehre gebracht hat und mit seinem Leben diese Lehre auch zu hundert Prozent bestätigt hat, so dass er einen Pfad hinterlassen hat, um ihm nachfolgen zu können, sondern er hat darüber hinaus, uns die Erlösung in seiner Person und seinem Opfer auf Golgatha bereits gebracht. Und genau das ist für so viele auch unter uns heutige „aufgeklärte“ Zeitgenossen der große Anstoß. „Den Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.“ Was bedeutet nun in diesem Sinne überhaupt „Erlösung“? Wieso sollen wir wie es heißt, durch das Blut Jesu Christi erlöst worden sein, ja warum brauchen wir überhaupt eine Erlösung?

Wenn wir uns, vielleicht mit etwas gemischten Gefühlen dieser Frage ernsthaft stellen und darüber nachdenken, dann spüren wir, dass wir in einen Bereich hineinkommen, den man immer schon mit „Glauben“ umschrieben hat. Ohne einen solchen Glauben kann man sich einer Idee, wie der Erlösung durch den Tod Christi am Kreuz gar nicht nähern. Und Glauben in diesem Sinne bedeutet nicht eine Idee für wahr zu halten, die man nicht nachprüfen kann, wie zum Beispiel die Frage, ob das Weltall nun endlich oder unendlich ist. Glauben in diesem rein geistigen Sinn bedeutet, ein tief inneres Empfinden, dass das, also in diesem Fall die Tatsache der Erlösung und der Wirklichkeit der Person Christi, wahr ist, ja wahr sein muss. In der Wissenschaft wird eine Beweisführung ja so geführt, dass eine These durch ein immer wieder auf die gleiche Weise nachvollziehbares Experiment zu immer gleichen Ergebnis kommen muss, unabhängig von Zeit und Ort.

Liegt dies vor, so ist das Naturgesetz gültig. Auf geistigem Gebiet ist es nun so, dass eine Lehre sich dadurch als wahr erweisen muss, dass sie sich im Leben der Gläubigen als Wahrheit bewährt im Sinne des indischen „Sat, Chit, Ananda“-Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit. Was wahr ist, kann durch ernsthafte Bemühung durch das menschliche Bewusstsein erkannt werden und bestätigt sich durch ein Gefühl der inneren Freude.

Dieser Prozess des Glaubens kann aber auch einen ruhigeren, unspektakuläreren Verlauf nehmen. Vielleicht fängt man erst einmal an, die Tatsache der Inkarnation Jesu Christi  ernst zu nehmen und beginnt über sein Lehre nachzudenken und diese langsam Schritt für Schritt, gegen alle inneren und äußeren Widerstände, anzuwenden. Dann stellt sich vielleicht nicht sofort ein Gefühl großer Freude und Dankbarkeit ein, aber man merkt im Laufe der Zeit, dass man im eigenen Leben so etwas wie Boden unter die Füße bekommt, dass die Widerstände im Leben und die Irrungen und Wirrungen langsam abnehmen und man bekommt eine Ahnung, dass dieses Leben lebenswert und freudvoll sein kann. Jesus sagt zu diesen beiden Arten von Glaubenserfahrung Folgendes: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ ( Joh. 20, 29 )

Also wenn man im Christentum von der „Frohbotschaft“ spricht, so ist damit gemeint, dass Gott selbst in Jesus Christus auf die Erde kam ( darum feiert die ganze Welt jedes Jahr Weihnachten als das bedeutendste Fest weltweit ), dass er drei Jahre lang im Land Israel seine Lehre vom Himmelreich verbreitete, dass er schließlich auf Golgatha, damals vor den Toren Jerusalems, unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dass er nach drei Tagen wiederauferstanden ist und seitdem im Geiste weiterlebt und der Welt und allen voran seinen Devotees, weiterhin beisteht.

Nun, das kann man nun glauben oder nicht. Wohlgemerkt man muss es nicht glauben!
Tut man es nicht, dann passiert gar nichts, man wird weiterhin sein Leben, ob nun gut oder schlecht, freudvoll oder traurig, erfolgreich oder erfolglos, weiter leben. Gott lässt seine Sonne über alle scheinen.“

Ob man nun, wenn man gläubig ist, besser und glücklicher oder sogar länger lebt, als ein Nicht-Gläubiger, darüber scheiden sich bis heute die Geister und es gibt darüber sogar eine Reihe wissenschaftlicher Erhebungen. Aber darum geht es letztlich auch gar nicht, sondern es geht darum, dass genau an dieser Stelle die Kirchen, insbesondere die katholische, mit ihrer vermeintlichen Interpretationshoheit ins Spiel kommen. Sie behaupten und interpretieren nun nämlich Dinge wie: derjenige, der das was im Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird, nicht annehmen kann, der kommt ins Gericht oder wird zumindest einmal nach dem Tode nicht in die Seligkeit eingehen, verbunden mit der Drohung ewiger Pein in der Hölle. Wir sprechen hier übrigens nicht vom Mittelalter. Man möchte gar nicht wissen, wie viele so genannte Christen auch heute noch an ähnlichen kindlichen und kindischen Vorstellungen festhalten. Dies ist wohl eines der traurigsten Kapitel, ja himmelschreienden Tragödien, der langen Geschichte von Fehlentwicklungen des äußeren Christentums überhaupt, nämlich die Erfindung der Hölle als Stätte ewiger Pein für die Ungläubigen. Kein Wunder also, wenn ein halbwegs vernünftig denkender Abendländer mit solchen Drohgebärden und Horrorszenarien, und nichts anderes sind sie bei Lichte betrachtet, nichts zu tun haben möchte und als Konsequenz wahrscheinlich aus der Kirche austritt oder seiner, wo auch immer bestehenden christlichen Gemeinde, den Rücken kehrt. Und genau da spielt sich dann aber bereits die nächste Tragödie ab: Es wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet!

Viele Menschen sind dann offenbar nicht so weit mit ihrem logischen Denken vorangekommen, dass sie schlussfolgern können: „Diese Horrorvorstellungen und Lächerlichkeiten sind ja Ausgeburt des begrenzten menschlichen Vorstellungsvermögens, vielleicht noch mit einem machtpolitischen Kalkül verbunden. Man muss aber doch trennen zwischen Kirche und Evangelium und sich am besten direkt an die Quelle halten, nämlich das biblische Wort selbst, von dessen Wert sich jeder selbst überzeugen kann“.

Dies war ja vor 500 Jahren bereits Luthers Anstoß und Anspruch an die „Freiheit eines Christenmenschen“. Wenn also heute jemand erklärt, er habe sich vom Christentum abgewendet, ja möchte davon nichts mehr wissen und man fragt ihn dann in aller Zurückhaltung, ob er denn überhaupt wenigstens eins der vier Evangelium selbst einmal gelesen habe und die Antwort ist „nein“ oder sogar, das interessiere ihn nicht, dann allerdings ist das ein klarer Hinweis, dass man es dabei mit demselben Phänomen wie beim Klerus, nur unter umgekehrten Vorzeichen, zu tun hat: Ignoranz. Die Folge dieser Ignoranz ist es dann auch, dass solche Menschen dann tatsächlich nicht mehr zwischen Katholischer Kirche und Botschaft Jesus Christi, wie überbracht in den Evangelien, unterscheiden können, und dieses Phänomen ist heute sehr weit verbreitet. Und lässt man den ganzen Glaubensaspekt einmal ganz außen vor, so ist es doch für einen Abendländer, der in einer durch und durch „christlich“ geprägten Kultur lebt, zumindest eine gravierende Bildungslücke, nicht einmal die wichtigsten Einzelheiten von Leben und Lehre der berühmtesten Person der menschlichen Geschichte zu wissen, derselben Person, die seit mindestens 1500 Jahren Legionen von Malern, Dichter, Schriftstellern und Musiker zu ihren größten Werken inspiriert hat und was dadurch ganz nebenbei zum Fundament unseres kunstgeschichtlichen, abendländischen Erbes geworden ist.

Als vor fast 500 Jahren Martin Luther in seinem Exil auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche übersetzt hatte, da war es vor allem für die kleinen Leute, die Leibeigenen, Bauern und Handwerker, ein unglaubliches Ereignis, ja ein Privileg, dass sie nun selbst sehen konnten, was in diesem Buch der Bücher wirklich steht. Nicht nur, dass sie jetzt mit eigenen Augen nachlesen konnten, dass weder Ablasshandel noch Zölibat, noch die Ausschließlichkeit männlicher Priester, biblischen Ursprungs sind, es war für sie eine noch größere Befreiung und wahre Frohbotschaft, denn sie verstanden jetzt, dass all die Worte Jesu, die er vor damals 1500 Jahren an seine Zeitgenossen gerichtet hatte, direkt auch ihnen galten: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ ( Mat. 11, 28-30 )

Diese Passage verrät auch noch eine Eigentümlichkeit der Botschaft Jesu, die sie nicht nur von vielen anderen Religionen unterscheidet, sondern was auch viele so genannte Christen nicht verstehen, nämlich dass Jesus nicht einfach nur eine Lehre im Sinne einer Theologie gebracht hat, der einem Gläubigen nun, wenn er sie richtig praktiziert, den Seelenfrieden bringt, nein jeder Mensch kann sich in seiner Not oder seinem Glück direkt an Jesus Christus als lebendige Person wenden. Und er wird, wenn dies in voller Aufrichtigkeit geschieht auch eine Antwort, eine Resonanz finden: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der nimmt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ ( Lukas 11, 9-10 )

Jedes Detail in der Bibel hat seine Bedeutung und geistige Entsprechung, und so ist auch hier die Wiederholung der Aufforderung Jesu, anzuklopfen, ein Hinweis, dass dies in einer Haltung großer Ernsthaftigkeit zu geschehen hat, wenn man so will, nicht nur mit der Ego-Persönlichkeit, mit deren ichbezogenen Hoffnungen und Wünschen, sondern dem wahren existenziellem Menschen, um selbst für sich zu erfahren, dass Jesu Christus seine Verheißung wahr gemacht hat, als er zu seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt ausrief:  „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ ( Matth. 28/20 )

Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, dass kein Mensch auf dieser Erde allein ist, jeder kann sich in seiner Not an Jesus wenden, und wenn dies in der nötigen Ernsthaftigkeit geschieht, wird ihm geholfen werden. Es gibt Tausende Zeugnisse in der Geschichte von Menschen denen Jesus Christus auf solch übernatürliche Weise erschienen ist und ich bezweifle, dass dies auch für eine geschichtliche Person wie Buddha oder Mohammed gültig ist.

Nun könnte man mit Fug und Recht argumentieren, dass sich dies nun aber sehr ähnlich anhört, wie von irgendeinem Pfarrer oder Prediger einer etablierten christlichen Glaubensgemeinschaft bei der Sonntagspredigt. Das mag sein, denn die christliche Botschaft in ihrem Kern ist sehr schlicht und richtet sich an jeden Menschen. Das Problem sind nicht die Worte des Evangeliums, ob nun nach der Überlieferung direkt von Jesus stammend oder als Lehrgeschichte gedacht, das Problem sind die Gedanken derer, die sich im Laufe der Jahrhunderte berufen gefühlt haben, diese Worte des Evangeliums in ihrem Sinne zu interpretieren. Nicht nur, dass eine solche „Theologie“ schlichtweg falsch sein könnte, z.B. die Vorstellung einer ewigen Hölle, das „Teuflische“ ist vielmehr, dass Jesu Botschaft durch menschliche Interpretation in einen geistigen Zusammenhang, eine bestimmte Aura gestellt wird, die nicht aus dem ursprünglichen Evangelium selbst entstammt und die im Laufe der Zeit, wie geschichtlich auch geschehen, zum genauen Gegenteil dessen führt, wie es von seinem göttlichen Urheber gedacht war. Dann werden durch Wille und Vorstellung einer einheitlich wirkenden mächtigen Gruppe geistige Kraftfelder erzeugt, die sich genährt von den Gedanken und Seelenenergien ihrer Urheber, zu eigenen Welten entwickeln können, welche dann wiederum die einzelnen Seelen dieser Gemeinschaft in einer geistigen Gefangenschaft halten, welche den ungehinderten Blick auf die ursprüngliche göttliche Botschaft verstellt. Solche, gar nicht selten vorkommende, geistigen Phänomene werden in der spirituellen Terminologie als Egregore bezeichnet. So gut wie jede spirituelle Gemeinschaft hat sie. Den wahrscheinlich größten und mächtigsten Egregor nennt wohl die Katholische Kirche ihr Eigen und deren Rückrat ist ihre so viel benannte „christliche Moral“, letztlich nur ein reines Menschenwerk. Die Botschaft Jesu ist überhaupt nicht moralisch, sondern wahrhaftig. Während Jesus voller Mitgefühl die auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin vor der Steinigung durch den männlichen Mob bewahrte und von aller Schuld frei sprach, ist es bis heute gängige Praxis in der katholischen Kirche, dass Geschiedene von der Eucharistiefeier ausgeschlossen werden. In der Bibel liest sich das so: „Jesus aber richtete sich auf; und da er niemand sah denn das Weib, sprach er zu ihr: Weib, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt?  Sie aber sprach: HERR, niemand. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr! ( Joh 8, 10-11 )

Jedes Wort, jede Formulierung in der heiligen Schrift hat seine besondere Bedeutung und wenn es da nun heißt, dass er „niemand sah denn das Weib“, so bedeutet das, er hatte nur sie im Blick, er kannte sie und ihre Umstände, wusste vielleicht, dass sie sich einfach nur danach sehnte einmal zu lieben und geliebt zu werden und sie sich deshalb in ein Liebesabenteuer hinein ziehen ließ, dass dieses Versprechen barg. Jesus schaute nur auf ihre Liebessehnsucht, die Gott selbst in jedes Herz hinein gelegt hat, auch wenn diese sooft in der Sphäre des Irdischen nur falsche Versprechen und bittere Erfahrungen nach sich zieht. Die Hohenpriester und die späteren Kirchen hingegen machten ein moralisches Vergehen daraus, Ehebruch, und der muss bestraft werden, ja, bei den alten Juden sogar mit dem Tod. Aus der lebendigen Hinwendung und Erbarmung von einem Menschen zum anderen, ist ein Vergehen, eine Todsünde geworden. Schon an diesem einen Beispiel sieht man doch wie himmelweit der Unterschied ist zwischen der Frohbotschaft Jesu und der Drohbotschaft einer dogmatischen Macht-Institution wie der Kirche und wie ungerecht und stumpfsinnig es geradezu ist, beides in einen Topf zu werfen. Doch zeigt dieses Beispiel aus dem Johannesevangelium noch mehr. Nicht nur, dass die Ehebrecherin von Jesus vor der Steinigung bewahrt wurde, weil er sich vielleicht schützend vor sie stellte, wie wir das als „Gutmenschen“ im besten Falle vielleicht ebenfalls tun würden, er zeigte darüber hinaus auf, dass die gesetzestreuen Pharisäer, die schon zur Steinigung bereit waren, selbst vor der Reinheit und Absolutheit der lebendigen Gegenwart des Gottessohnes sich Ihrer eigene Sündhaftigkeit bewusst wurden. Ihr eigenes Gewissen hatte sie überführt, so dass sie gar nicht mehr in der Lage waren den ersten Stein zu werfen, selbst wenn sie dies vorher noch so sehr gewollt haben. Das ist die Wirkung der göttlichen Autorität und Magie des Gottessohnes und so unendlich weit erhaben über jeglicher von Menschen gemachter Moral.

Es bedarf also einer gewissen Ernsthaftigkeit, wenn man sich dem Thema, was die eigentlichen Grundlagen des christlichen Glaubens sind, annähern will.

Viele ernsthaft Suchenden, die sich abgestoßen, von der Scheinheiligkeit, Dogmatik und Enge der christlichen Gemeinschaften östlichen Lehren zugewendet haben, haben dort eine Wahrheit und echte Spiritualität gefunden, die ihnen geholfen hat, mit neuen, unvoreingenommenen Augen wieder auf ihre eigenen christlichen Wurzeln zu schauen, um womöglich mit Überraschung fest zu stellen, dass vieles was die hohen Meister im Osten verkündet haben, in etwas veränderter Form vielleicht, aber doch erkennbar, ebenso Bestandteil der Lehre Jesu und der Bibel ist.

Und vielleicht haben sie dann, neugierig geworden auf die authentische Botschaft Jesu Christi, überrascht festgestellt, dass diese seine Lehre überhaupt nicht altbacken, sondern erstaunlich modern und pragmatisch und gar nicht dogmatisch daher kommt und in vieler Hinsicht geradezu das Gegenteil von dem ist, wie sie es einmal in kritischer und manchmal etwas selbstverliebter Haltung, eingeordnet und zurückgewiesen hatten.
Ja, vielleicht entdecken sie ja schließlich sogar ihre Liebe zu diesem einzigartigen Menschen, diesem Juden aus Nazareth, der bereits vor mehr als zweitausend Jahre vor unserer Zeit über diese Erde ging und doch auf so eigenartige Weise das Ideal eines wirklichen, echten Menschen, wie wir ihn alle kollektiv als Ideal verborgen in unserer Seele tragen, in seiner Person verkörpert hat.

 

Von Maximilian Yehudi Schäfer
Lichtexperte, Bewusstseinstrainer, Autor
info (at) tarot-coach.de
www.tarot-coach.de und www.sexuelle-liebe.de

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