Das Zeitalter der Bedrohung – Nicolas Flessa

KriseTextWir leben in einem Zeitalter der Bedrohung. Wie jedes Zeitalter hat es sich stufenweise herausgebildet. An allen Ecken und Enden kriselt es, wächst das Empfinden für eine – je nach Lesart – alternativlose oder auswegslose Situation. Wie aber entsteht so eine Bedrohung? Und woran machen wir sie fest?

Von Nicolas Flessa

Bedrohung ist ein Konzept, das wir in unserem Inneren aufbauen, ein psychischer, kein unmittelbar physischer Zustand. Ich möchte darauf hinweisen, dass Bedrohung potentiell unrealistische Züge trägt. Wer bereits in jene Zustände, die von ihm zuvor als Bedrohung wahrgenommen wurden, eingetaucht ist, ist nicht mehr im eigentlichen Sinne bedroht. Von Armut bedroht ist bloß jener, der es de facto noch nicht ist. Bedrohung ist demnach ein un-realistischer und prognostischer Begriff. Ist die Bedrohung real geworden, löst sie sich auf.

Dieser Zusammenhang rechtfertigt meine Analyse der gegenwärtigen Zeit als eine Epoche der Bedrohung. Vielleicht wird man mir entgegnen: Aber was ist dann mit Zeiten, in denen Menschen sehr realen »Bedrohungen« ausgesetzt waren? Schwere Krankheiten, Kriege etc. waren damals kein psychischer, sondern vielmehr ein sehr alltäglicher und damit realistischer Zustand. Ich möchte daher für diese Zeiten nicht von Bedrohung, sondern vielmehr von Existenzkrise sprechen. Wer zu dieser Zeit von Armut bedroht war, konnte in den folgenden Wochen bereits verhungern; wer Gewalt fürchtete, konnte schon wenige Tage später Opfer einer willkürlichen (staatlichen wie religiösen) Justiz oder einer gewaltsamen Eroberung werden.

Dies bringt uns zu dem Begriff der Krise, der seit einigen Jahren sehr populär geworden ist. Ich halte dies nicht für einen Zufall, sondern vielmehr für die Folge einer sehr bewussten Begriffsverwirrung. Im Gegensatz zur Bedrohung fehlt der Krise in der Umgangssprache ein entscheidendes Element: Bedrohung kommt von Drohung. Krise aber braucht – zumindest begrifflich – kein aktives Pendant. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Was der gegenwärtige Diskurs in Politik und Medien suggeriert, ist eine quasi naturgegebene Krise, wie sie im Bewusstsein des Mittelalters Kriege und Krankheiten gewesen sein mögen. Dieser Begriff schürt das Gefühl der Unabwendbarkeit und verschleiert den Umstand, dass dem Gefühl einer Bedrohung meist eine Drohung vorausgegangen ist. Drohen aber kann nur, wer Autorität besitzt.

Das Zeitalter der Bedrohung ist charakterisiert durch eine gefühlte Ausweglosigkeit wie Bewegungslosigkeit. Der Analyst des Untergangs, Konstantinos Kavafis, fand im Jahre 1897 folgende poetische Worte für diesen Zustand: »Ohne Rücksicht, ohne Mitleid, ohne Schamgefühl // Haben sie große, hohe Mauern errichtet um mich. // Und hier sitze ich nun ohne Hoffnung. / Ich denke nur an das eine, wie dieses Schicksal den Verstand mir verzehrt. // So viel hatte ich draußen zu tun. Warum gab ich / Nicht acht, als sie diese Mauern errichteten? // Ich habe die Maurer nicht gehört – kein Geräusch. / Unmerklich haben sie mich aus der Welt gemauert.«

Interessant ist, wie sehr sich das Bedrohungsgefühl in beiden globalen »Lagern« – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – zu ähneln scheint. Während im so genannten Westen die heute als Klimawandel weich etikettierte Umweltzerstörung, ein wachsendes soziales und finanzielles Ungleichgewicht und tödliche Krankheiten (vom Rinderwahn bis zu AIDS) für Unruhe sorgen, sind es im Osten und in den Entwicklungsländern wachsende soziale Missstände, staatliche Gewalt und Überbevölkerung. Und so, wie die Religion und die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren und reineren Vergangenheit im Orient zur Wunderwaffe aufgestiegen sind, ist es im Okzident die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren und reineren Vergangenheit – z.B. in Form der Biobewegung und der Rückkehr zu alten Familienbildern. Grundlage beider Bewegungen bildet die Vorstellung, dass die Zukunft an sich, die Entwicklung höchstens ein Fortschritt weg vom Idealzustand ist, mit Sicherheit aber keine Lösung für die gegenwärtige Bedrohung darstellt.

So wie die Zukunft zur Drohung geworden ist, ist es die Gegenwart zum Zeitalter der Bedrohung. Ein solches Klima aber produziert keine Lust mehr auf die Analyse von Ursache und Wirkung und auf den mäßigenden Gebrauch des Verstands, sondern im Gegenteil einen Hang zur Beseitigung von Symptomen und zum Aberglauben. Indem aber der Einzelne und die sich aus ihm zusammensetzende Gesellschaft zu hysterischen Wesen verkommen, wird aus der Demokratie eine Waffe. Gerade wir Deutschen haben den Zusammenhang zwischen einer verführten Mehrheit und falschen Propheten schmerzhaft am eigenen Leib erlebt und ebenso verblendet wie gewissenlos in unsere Umwelt exportiert.

Mit Schicksal hatte das ebenso wenig zu tun wie das, was in den kommenden Jahren vor uns liegt. Gegen eines der konstituierenden Merkmale eines Zeitalters der Bedrohung, die Unabwendbarkeit, hilft nur ein Gegengift: Die Lust an der Analyse von Ursache und Wirkung und der mäßigende Gebrauch des Verstands. Gegen alle Trends und Moden dieser Zeit – und gegen jene, die von der Bedrohung profitieren, im Westen wie im Osten.

Von Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

www.nicolasflessa.de

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  1 Kommentar für “Das Zeitalter der Bedrohung – Nicolas Flessa

  1. 10. Dezember 2013 um 08:10

    «Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.» (André Gide)

    http://www.neukölln.org/drohung/

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