Wider die Resignation – Wolfgang Berger

von Redaktion

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Das sind die berĂŒhmten vier Fragen, auf denen Immanuel Kant seine Philosophie aufgebaut hat. „Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernĂŒnftigerweise fragen solle“, hat er dazu festgestellt.

Die Antworten scheinen heute gegeben: Was wir wissen können, bringen uns Schulen und Hochschulen bei. Was wir tun sollen, sagen uns unsere Vorgesetzten oder – wenn wir selbstĂ€ndig arbeiten- unsere Kunden. Was wir hoffen dĂŒrfen, ist eine Rente auf dem Existenzminimum. Und was wir sind, haben die Stammzellenforscher gerade herausgefunden: ein Hautsack voller Gewebe, Knochen und Fleisch. Vor vielen Jahren habe ich erlebt, was das bedeutet.

 

Resignation ist Tod

Der Empfangsraum der Kantine war schön dekoriert. Etwa hundert GĂ€ste standen in GrĂŒppchen beieinander und unterhielten sich. Alle gaben sich locker, bis auf einen: Ich stand vor meiner Beförderung zum Abteilungsleiter und war aufgeregt. Mein VorgĂ€nger wurde in den Ruhestand verabschiedet und aus diesem Anlass sollte ich ein paar Worte sagen. Es war erster Auftritt dieser Art.

Als der Herr des Vorstands hereinkam, wurde es still im Raum. Mit großen Schritten ging er auf den Jubilar zu, schĂŒttelte fröhlich dessen Hand und begann mit seiner Laudatio: „Mein lieber Freund Martin Döring – nachdem wir ĂŒber Jahrzehnte sehr gut zusammengearbeitet haben, denke ich, dass ich Sie heute so nennen darf. Es ist ein seltenes Geschenk und eine schwere Pflicht, einen so wunderbaren Menschen und Mitarbeiter zu verabschieden. Vor vierzig Jahren haben Sie als junger Ingenieur bei uns angefangen. Vierzig Jahre lang sind Sie ein Vorbild an Fleiß und PflichterfĂŒllung, an LoyalitĂ€t und Selbstdisziplin gewesen. Jede Ihnen ĂŒbertragene Aufgabe haben Sie mit bedingungslosem Engagement erfĂŒllt. Als Vorgesetzter haben Sie Ihre Mitarbeiter gefordert und gefördert. FĂŒr mich persönlich sind Sie immer ein wertvoller GesprĂ€chspartner gewesen, auf dessen Erfahrung ich bauen konnte. Bei all Ihren besonderen Leistungen sind Sie bescheiden geblieben. Ihr Ausscheiden wird eine große LĂŒcke hinterlassen. Wir werden Sie sehr vermissen…“

Dann stand ich im Rampenlicht. Kurz und lustig sollte es sein. Wenn es etwas zu lachen gĂ€be, wĂ€re die Situation fĂŒr mich gerettet gewesen. Ich war keine 30 Jahre alt, noch nicht verheiratet und beendete meine Ansprache mit der Frage: „Haben Sie, Herr Döring, in den 40 Jahren denn nie an Scheidung – von der Firma – gedacht?“ Die Reaktion der Anwesenden war nicht das erwartete befreiende Lachen, sondern gequĂ€lt. Und dann Martin Döring: „Mein lieber junger Kollege Berger! Das ist eine interessante Frage. Sie werden verstehen, dass meine Antwort darauf noch vor Jahren oder auch Monaten nicht ehrlich gewesen wĂ€re. Ab heute bin ich ein freier Mann. Ich kann Ihnen jetzt einfach die Wahrheit sagen: An Scheidung habe ich nie gedacht, aber – und damit ist kein Mensch gemeint, sondern das Unternehmen – an Mord.“

 

Berufung ist Leben

Aus Angst vor den Konsequenzen hat Herr Döring diesen „Mord“ nicht begangen. Er hatte wohl immer wieder gehofft, dass sich die Situation bessert – und sich irgendwann mit allem abgefunden und resigniert.

Die meisten von uns arbeiten, weil Sie ihren Lebensunterhalt verdienen mĂŒssen, nicht weil Sie es sinnvoll finden und gern tun. Aus Angst vor dem Risiko einer VerĂ€nderung bleiben wir, wo wir sind und ergeben uns unserem Schicksal. „Aber,“ hat Mahatma Gandhi gesagt, „Moral besteht nicht darin, den ausgefahrenen Geleisen zu folgen, sondern den wahren Weg in uns selbst zu finden und ihn furchtlos zu gehen.“

Nun, vielleicht meinen Sie, das sei etwas fĂŒr große Persönlichkeiten wie Gandhi oder fĂŒr Genies. Vielleicht meinen Sie, dass Sie kein CĂ€sar, Rembrandt, Goethe, Einstein, Mozart, Elvis Presley oder Fritz Walter sind und auch keine Kleopatra, Jeanne d’Arc oder Marilyn Monroe – nicht der große Staatsmann, Maler, Dichter, Wissenschaftler, Komponist, SĂ€nger, Fußballspieler; nicht die schönste Kaiserin, die bedeutendste Nationalheilige, die bezauberndste Schauspielerin – kein Genie und auch nicht berĂŒhmt.

Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen Ihnen und all den Genies und berĂŒhmten Persönlichkeiten der Weltgeschichte – der einzige Unterschied? Ein Mensch, der Genie ist, tut das, was er wirklich, wirklich, wirklich will. Das, nur das und nichts anderes. Er muss nicht intelligenter oder begabter sein als Sie. Er muss nicht mehr wissen als Sie. Er muss keine besseren Startbedingungen im Leben gehabt haben und nicht besser aussehen als Sie.

Es geht hier nicht um einen kleinen oder um einen großen Unterschied, es geht um den einzigen Unterschied: Ein Mensch, der Genie ist, kennt den Auftrag, den Zweck und das Ziel seines Lebens. Er weiß, was er tun will und wozu er berufen ist. Er kennt seine Berufung, seine „Mission“, lebt sie und ist – deshalb – glĂŒcklich.

 

Und was ist Leben?

Die Natur hat es weise eingerichtet: Sie setzt jedes Lebewesen in ein bestimmtes Umfeld und um zu ĂŒberleben, muss die Pflanze oder das Tier die Anforderungen des Umfelds fĂŒr das Überleben erfĂŒllen.

Auch wir Menschen sind auf den Einsatz unserer Potenziale programmiert. Jeder Mensch hat besondere Gaben und FĂ€higkeiten – manche im Kopf, andere in den HĂ€nden, wieder andere im Herzen, einige in den Augen, der Stimme, den Beinen, den Muskeln oder im ganzen Körper. Wer seine FĂ€higkeiten entwickelt und einsetzt, wird zufrieden; wer sie verkĂŒmmern lĂ€sst, verkĂŒmmert selbst.

Bei Maschinen sagt man, dass sie fĂŒr bestimmte Anforderungen ausgelegt sind. Wenn sie dann nicht eingesetzt werden, verrotten und verrosten sie. Auch Lebewesen wie der Mensch sind fĂŒr die BewĂ€ltigung bestimmter Aufgaben „ausgelegt“. Wer keine Aufgabe hat, hat keinen Grund zu leben. Wer einfach nur hofft und wartet, dass die UmstĂ€nde besser werden, hat das Konstruktionsprinzip der Natur nicht verstanden; er hat ihre Anforderungen fĂŒr Überleben nicht erfĂŒllt. Und wenn er trotzdem ĂŒberlebt, dann zunĂ€chst enttĂ€uscht und schließlich resigniert. Am Beispiel von Martin Döring haben wir das gesehen.

Es ist in Mode gekommen, ĂŒber die schlechten Zeiten zu jammern, die Schuld fĂŒr alle MissstĂ€nde bei anderen zu suchen und ĂŒber das zu lamentieren, was wir nicht Ă€ndern können. Diese innere Programmierung fĂŒhrt dazu, dass wir die Möglichkeiten, die wir haben, um die Welt zu gestalten, nicht sehen.

 

Die eigene Mission finden

In stabilen Zeiten hat alles seinen festen Platz. Und deshalb haben wir in solchen Zeiten auch kaum eine Möglichkeit, etwas zu verĂ€ndern und zu gestalten. In Übergangszeiten – und in einer solchen Zeit leben wir – werden die WĂŒrfel neu gemischt. Es liegt an jedem von uns, ob er da mitmischen und mitspielen will. Wenn die UmstĂ€nde sich Ă€ndern, kommen besondere Herausforderungen auf uns zu. Das ist wie in der Schule: nachdem wir in eine höhere Klasse versetzt worden sind, wird der Stoff anspruchsvoller.

Finden Sie Ihre Mission, erfinden Sie sie und richten Sie Ihr Leben danach aus. Zwischen finden und erfinden ist eigentlich kein Unterschied. Ein Erfinder findet auch nur Dinge, die er bis dahin noch nicht kannte, die es aber ja gibt. Wenn Sie Ihre Mission erfinden, schreiben Sie das Drehbuch fĂŒr Ihr Leben – Sie und niemand anders!

 

Der Artikel erschien erstmals in SEIN 09/2004, http://www.sein.de

Autor: Prof. Dr. Wolfgang Berger, www.business-reframing.de

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