Vergebung: Wunder oder Traumvorstellung? – Georg Jemora Huber

von Thomas
VergebungText

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Vergeben und Verzeihen – geflügelte Worte in der spirituellen Welt. Sind sie wirklich Allheilmittel, um mit Verletzungen und damit verbundenen Mitmenschen ins Reine zu kommen? Der Autor Georg Jemora Huber klärt über Missverständnisse auf und beschreibt einen gangbaren Weg der praktischen Vergebung.

Von Georg Jemora Huber

Vergebung scheint ein Mysterium zu sein, eine spirituelle Disziplin, ein Weg zur Erleuchtung und innerem Frieden. Kaum ein anderes Wort wird lieber und häufiger in der spirituellen Welt benutzt als das Wort Vergebung. Ohne Vergebung ist keine Heilung möglich, ohne Vergebung ist keine Liebe möglich, ohne Vergebung ist keine Spiritualität möglich, ohne Vergebung ist keine Erleuchtung möglich… Ja, diese Sätze kennen wir zu gut.

Wenn du als Mensch eine Verletzung erfahren hast und auf eine Gruppe spiritueller Menschen triffst, wird dir entweder vorgeschlagen, zu schauen, wo in dir eine Resonanz steckt, die diese Erfahrung ermöglichte. Ein anderer wird sagen, dass diese Erfahrung aus einer karmischen Schuld entstanden ist und dir gar aufzeigt, was du im letzten Leben mit dem Täter gemacht hast, der dir in diesem Leben geschadet hat. Eine ausgleichende Gerechtigkeit.

Jene in der Gruppe, die gerne mit dem Herzen „arbeiten“ werden dir sagen, dass du vergeben sollst. Doch wie soll das funktionieren? Wie kann ich vergeben, wenn mir ein Mensch Unrecht getan hat, mich jahrelang misshandelt hat, wenn er mir das Kostbarste genommen, das man mir nehmen kann?

Wir sind müde von Vergebung, wir wollen es nicht mehr hören. Und dann, wenn wir darüber nachdenken, dass wir einfach nicht vergeben können, fühlen wir uns minderwertig, klein, ungöttlich und unspirituell.

Vor einem Jahr ungefähr hatte ich ein Gespräch mit einer Frau, die mir mitteilte, dass sie unmöglich ihrem Vater vergeben könnte. Dieses Gespräch hatte in mir gearbeitet, ein Samen, dessen Blume ich nicht kannte, war in mir gepflanzt und in den darauffolgenden Wochen reifte dieser Samen. Diese Frau wollte und konnte nicht verzeihen, weil sie das Prinzip der Vergebung vielleicht missverstanden hatte. Missverstanden durch die vielen Theorien, durch die vielen Ratschläge und Anleitungen.

Ich sagte der Frau, dass das Prinzip der Vergebung nicht bedeutet, dass sie ihrem Vater die Verantwortung nehmen müsse. Vergebung bedeutet nicht, dass ich die Tat eines anderen gut heiße, die Verletzung als etwas Positives betrachte. Denn manchmal sind wir einfach nicht bereit dazu, wir sind Menschen und als Menschen sind wir verletzt.

Es ist doch erst einmal egal, ob wir auf spiritueller Ebene diese Verletzung karmisch angezogen haben, in Resonanz damit gegangen sind oder ob diese Verletzung gar uns dienlich ist, unser Leben ins positive kehrt und wir dieses nur noch nicht sehen können.
Als Menschen sind wir verletzt und diese Verletzung, diese emotionale Verletzung möchte genauso gelebt und erfahren werden, wie die Vergebung.
Ich gehe so weit und glaube, dass eine Vergebung auch dann nur wirklich stattfinden kann, wenn wir uns erlauben, all die Emotionen, die in uns unterdrückt worden sind, all die Emotionen, die wir erfahren habe, auch wahrhaft anzunehmen und zu erleben.

Hadere nicht mit dir, wenn du deine Vergebung noch nicht aussprechen kannst, sie wahrhaft fühlen kannst. Erlaube dir, nicht vergeben zu können und bleibe erst einmal in deinem Groll, in deiner Wut, in deiner Traurigkeit. Lebe sie, fühle sie, erfahre sie, drücke sie aus. Dies ist der erste Schritt, zu dem was wir Menschen Vergebung nennen.

Jede Erfahrung in unserem Leben erzeugt Emotionen. Wenn wir ungerecht behandelt werden, erzeugt dies Wut in uns. Wenn wir verletzt werden, erzeugt dies Trauer in uns. Wenn wir sehen, dass ein anderer Mensch uns verlässt, uns im Stich lässt, dann entsteht Enttäuschung in uns.

Diese Emotionen frei fließen zu lassen, wirkt heilsam. Die Emotionen entstehen und sie suchen ihren Weg nach draußen. Sie sind Gefühle in Bewegung. So wie der Körper bei einem Schnupfen versucht, die Krankheitserreger nach außen zu befördern, so möchte die Seele in ihrer Vollkommenheit bleiben, in dem sie Emotionen erzeugt, die ebenfalls rausgelassen werden wollen.

Doch oft können wir dies nicht, weil die Verletzung zu plötzlich kam, zu groß war.
Dies ist oft in unserer Kindheit so. Es ist einfach unmöglich, eine Verletzung als Kind in Form von Emotionen zu heilen.

Wenn du wirklich vergeben möchtest, dich selbst und auch den Anderen von deinem Urteil befreien möchtest, den Weg des Friedens gehen möchtest, so lasse im ersten Schritt deine Emotionen draussen. Erlaube dir, sie wahrhaft zu fühlen.

Gehe in Meditation oder einfach in die Entspannung. Wähle eine Musik, die dein Herz für jene Emotion öffnet, die du heraus lassen möchtest. Wenn es Wut ist, wähle eine kraftvolle Musik, ja vielleicht sogar „harte“ Musik. Wenn du die Trauer herauslassen möchtest, so höre Musik, die dein Herz öffnet.

Und dann stelle dir vor, wie jener Mensch, der dich verletzt hat, vor dir steht.
Schau ihn dir an, siehe in seine Augen und spüre dabei in deinen Körper, der dir seine Emotionen offenbart.
Spüre die Enge in dir, die Wut in dir, das Brennen in dir und dann erlaube dir nun, endlich all deine Verletzung auszusprechen. Es ist unwichtig, ob diese Person noch „lebt“ oder sie an deinen Worten nicht interessiert ist. In dieser inneren Begegnung gibt es all jene „aber“ nicht.
Sprich deine Verletzung aus und lasse die Emotion heraus. Wenn du wütend bist, dann schreie, wenn du traurig bist, dann weine.

Dies ist der erste Schritt zur Vergebung:
Erst einmal nicht an die Vergebung zu denken, sie nicht erzwingen zu wollen.

Du wirst sehen, wenn du deine Verletzung aussprichst, ist der Samen der Heilung schon in gepflanzt und er wird wachsen.

Vergebung ist ein Prozess, der nicht einfach von heute auf morgen abgeschlossen ist.
Und dennoch, Vergebung ist notwendig.

Doch erzwungene Vergebung heilt nicht dein Herz.

Im zweiten Schritt erlaube dir, selbst deinem Täter, jenem Menschen, der dich verletzt hat, ein Lächeln zukommen zu lassen. Siehe ihn wieder vor dir, und sage ihm vielleicht: „Ich kann dir noch nicht vergeben. Aber ich spüre in mir, dass ich es möchte!“
Vielleicht möchtest du ihm eine kleine Blume überreichen, als Zeichen, dass du den Frieden suchst. Tue es aber nur, wenn du spürst, dass du es wahrhaft willst. Komme in den Vorgeschmack einer Vergebung und gebe dem Täter eine kleine Aufmerksamkeit, die aus deinem Herzen kommt.

Und dann wirst du spüren, wenn es Zeit ist, wahrhaftig zu vergeben.
Du wirst wissen, wann es geschieht, deine Seele wird deutlich zu dir sprechen.

Es ist wahr: Im Denken Gottes gibt es keine Ungerechtigkeit und gerade du als bewusstes spirituelles Wesen erfährst nun nur Erlebnisse, die dir und deinem Seelenwachstum dienen. Durch die Vergebung wirst du dies erkennen können, wenn die Vergebung ausgesprochen wurde, gelebt und erlebt wurde, wirst du in dir spüren, dass es ein Ausgleich ist, dass dir diese Verletzung gedient hat oder gar, dass du diese Erfahrung selbst erschaffen hast, nicht weil du negativ gedacht hast, sondern weil du diese Erfahrung erleben wolltest, dieses Thema in dir bemeistern wolltest.

Du wirst vielleicht auch spüren, dass dieser Akt der Gewalt, der Akt der Lieblosigkeit in Wirklichkeit ein Akt der Liebe war.

Wenn du vergeben möchtest, dann öffne dein Herz. Verbinde dich mit dem Herzen Gottes, das auch dein Herz ist. Mache dir bewusst, aus welchem Ursprung du kommst und dass seine Liebe, Gottes Liebe, immer in deinem Herzen pulsiert.

Und dann siehe wieder die Person vor dir, die nun bald, kein Täter mehr ist.
Und spreche aus, was du aussprechen möchtest. Sage: „Ich vergebe dir!“

Nimm diesen Menschen in deine Arme und lasse deine Tränen fließen. Sprich es aus, sage ihm, dass du dir so sehr wünschst, dass es anders gelaufen wäre, zwischen euch. Doch dass du trotz all dieser Umstände wieder die Liebe zwischen euch fließen lassen möchtest.

Diese Worte werden dich ganz bewusst mit deiner Seele verbinden und mit jenen Qualitäten, mit jenen hohen Qualitäten, zu denen ein Mensch im Stande ist zu erfahren:
Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl, bedingungslose Liebe.

Die Vergebung ist ein Teil von dir. Die Liebe ist ein Teil von dir.

Sie mag für einen Moment bedeckt sein, wie die Sonnenstrahlen hinter dunklen Wolken, doch sie ist immer da. Lasse die Vergebung fließen, die Liebe fließen, denn sie wird dein Herz und das Herz des Anderen heilen. Keine Kraft hat die Fähigkeit dazu, außer jene, die in deinem Herzen wohnt.

Alles Liebe

Georg

 

Georg Jemora Huber wurde 1982 geboren und lebt mit seiner Familie an der Bergstraße in Deutschland. Er begann in seinem Leben recht früh Bücher und Geschichten zu schreiben. Mit 12 Jahren schrieb er seine ersten Romane und Geschichten, die er allerdings nie veröffentlichte. In seiner Kindheit und Jugend nutzte er jede Chance zu schreiben und tauchte immer wieder in Fantasiewelten ein, um diese später auf Papier zu bringen. 2009 erschienen erstmals Sachbücher von ihm, sein Erstlingswerk „Energetische Hausreinigung“ wurde zu einem Standartwerk in der spirituellen Literatur. Doch seinen Traum von seinem ersten veröffentlichten Roman gab er nie auf. Obwohl er viele Ideen für Geschichten hatte und ein paar Romane bereits schon fast fertig waren, bat er 2011 in einem Gebet um ein Buch, das viele Menschen berühren würde und es ihm ermöglichte, als Roman-Autor endlich Fuß zu fassen. Als Antwort war plötzlich die Geschichte von „In deiner Welt“ in seinem Kopf und berührt von dieser wunderbaren Geschichte machte er sich sofort daran dieser Geschichte Leben einzuhauchen. Georg Huber macht deutschlandweit Veranstaltungen und arbeitet in einer eigenen Praxis.

www.jeomra.de

www.facebook.com/AutorGeorgHuber

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