Rosenkreuzer: Reise ins Unerwartete – Dr. Gunter Friedrich

von Thomas
RosenkrText

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In diesem persönlichen Bericht schildert der Autor seinen Weg als spirituell Suchender und Findender, der ihn zu den Rosenkreuzern fĂŒhrt.

2007 entstand die Stiftung Rosenkreuz in Deutschland, in den folgenden Jahren bildeten sich Rosenkreuz-Stiftungen und stiftungsÀhnliche Institute in anderen LÀndern.

Von Dr. Gunter Friedrich


WĂ€hrend meiner Kindheit erwachte das Empfinden, hier nicht zu Hause zu sein. Ich staunte die Menschen an und die Dinge und ĂŒberhaupt alles, was stattfand. Ich spĂŒrte: Die Menschen sind nicht glĂŒcklich. Irgendetwas lastet auf ihrer Existenz. Aber was? Nachts, in den TrĂ€umen, flog ich, einem Vogel gleich, ĂŒber die Landschaft, zwischen BĂ€umen und HĂ€usern hindurch. Die Weite ließ mich aufatmen. In Zeiten der Krankheit oder der SchwĂ€chung des Körpers stellte ich fest, dass ich nicht identisch bin mit meinem Körper. Denn mein Inneres war nicht krank. In der spĂ€teren Jugend hatte ich ein merkwĂŒrdiges Erlebnis. Ich kam aus dem Kino; der Film hatte mich sehr berĂŒhrt. Es war schon dunkel. Plötzlich erlebte ich mich viele Meter ĂŒber „mir“. Ich sah, wie „ich“ da unten auf der Straße stand. Es war ein gehöriger Schreck.

„Wer bin ich?“ Diese Frage begleitete mich. Doch ich stieß auf Grenzen, auf Nebel. Wo ist der Spiegel, in dem man sich zuverlĂ€ssig erkennen kann? Ich ließ mich auf Menschen ein, versuchte, sie zu erspĂŒren und wunderte mich, warum sie das Existieren nicht genauso rĂ€tselhaft empfanden wie ich. Die Dinge schienen ihnen selbstverstĂ€ndlicher zu sein. Eines Tages merkte ich, dass man mit BĂ€umen kommunizieren kann. KrĂ€fte gehen von ihnen aus. Und es scheinen Mitteilungen darin zu liegen, die man sprachlich nur umschreiben kann. Etwa in der Richtung: „Ich existiere – so wie du. Aber du bist Mensch. Du hast eine Aufgabe.“

Was hat es mit dem Existieren auf sich? Wörtlich bedeutet es Hervortreten (lat. exsistere). Woraus treten wir hervor? Nicht aus Sichtbarem. Immer wieder schien es mir, dass ich von AtmosphĂ€rischem berĂŒhrt werde. Ich vertiefte mich in Dichtung, Philosophie, Schriften der Religionen. Viele Autoren hatten offenbar Ă€hnliche BerĂŒhrungen und haben versucht, sie in Sprache umzusetzen, jeder auf seine Weise. Es gibt das nicht Fassbare, von dem ein Ruf ausgeht. Ich suchte ein Gegengewicht im normalen Leben, studierte Jura, grĂŒndete eine Familie, ergriff einen bĂŒrgerlichen Beruf. Dadurch wurde mir umso deutlicher, auf welch schwankendem Boden das sogenannte Reale steht. Und auch, wie stark die Bestrebungen sind, bewusst oder unbewusst, uns daran zu binden.

Meine Frau empfand Ă€hnlich. Wir begaben uns auf die Suche nach dem inneren Freiraum und der inneren Bestimmung. Wir befassten uns mit verschiedenen Gruppierungen, lasen Schriften aus Ost und West, machten Übungen der Vertiefung. 1976 stießen wir auf das Lectorium Rosicrucianum. Hier spĂŒrten wir ein geistiges Feld, zu dem wir eine Entsprechung hatten. Die Philosophie zielt auf Verwandlung, auf Neugeburt aus dem Geistig-Seelischen. Das Christentum wird als Weg angesehen, auf dem – aus der Tiefe des eigenen Innern  – eine neue IdentitĂ€t entsteht. Die Lehre schließt die anderen Religionen nicht aus. Auch unter anderen Vorzeichen ist ein solcher Weg möglich. Wir fanden geistige Weite – und Enge. Das Ego hat durch ein Nadelöhr zu gehen. Das Geistig-Seelische stellt sich dem Ego zunĂ€chst einmal als Gesetz dar.

Das Gruppengeschehen brachte vieles in uns in Bewegung. Die gemeinsame Hinwendung, die Stille, die Ausrichtung auf das nicht Fassbare – sie fĂŒhrten im Laufe der Zeit zu Inspirationen, Einsichten, neuen Gedanken. Es gilt, das Körperliche von geistigen KrĂ€ften durchdringen zu lassen. ZwangslĂ€ufig erhebt sich aus dem Unbewussten Widerstand. Er fĂŒhrt zu Kritik, bei manchen zu Verleumdung. Wir lernten, psychische KrĂ€fte zu unterscheiden, es bildete sich eine Art ihrer Sinnesorgane. Die BemĂŒhung, mit dem umzugehen, was aus dem eigenen Wesen aufsteigt, ließ uns mehr und mehr erkennen, was in uns stattfindet – und auch in der Welt.

Das atmosphĂ€rische Feld der Gruppe ist eine Aufeinanderfolge seelischer „RĂ€ume“. Man kann in umfassenderen SeelenrĂ€umen „erwachen“. Sie werden erzeugt von Menschen, die denselben oder einen Ă€hnlichen Weg gehen. Hinweise und Richtlinien sind Helfer. Eines Tages erweisen sie sich als nichts anderes als die Beschreibung höherer seelischer ZustĂ€nde. Sie sind dann „ins Herz geschrieben“. Der Weg gleicht einem Spannungsbogen zwischen dem normalen Leben und dem geistig-seelischen Pol im Innern.

Auf diesem Bogen findet die innere Verwandlung statt. Der Weg ist ein Hin und Her, ein Sich-erhoben-FĂŒhlen und ZurĂŒckfallen; auf Inspirationen folgen Phasen des Nicht-mehr-Verstehens, auf Erfahrungen des Angekommenseins folgt erneutes mĂŒhsames Vorantasten. WidersprĂŒche, GegensĂ€tze, Momente der ErfĂŒllung, des Zweifels, der Verlorenheit, des Ergriffenseins, der Fremdheit und der innigen Verbundenheit mit den GefĂ€hrten, all das gehört zu dem Weg. Der transzendente Pol im eigenen Innern gibt allem Bedeutung. Er trĂ€gt, er ruft, er zieht uns ĂŒber uns hinaus. Einmal sah ich in einer Art EntrĂŒckung das Unsterbliche, das hinter unserem Dasein steht. Bei einem mir vertrauten Menschen zeigte sich in einem Moment die IndividualitĂ€t, die durch die Inkarnationen geht. Freude, Ur-Vertrautheit sind die Folge. Und einmal, als ich einen lĂ€ngeren Konflikt mit WeggefĂ€hrten hatte, stieg plötzlich ein Bild auf. Ich sah eine Szene mit denen, die an dem Konflikt beteiligt waren. Es war eine mittelalterliche Umgebung und ich beobachtete den Ursprung des Konflikts. Das war ein Geschenk. Ich musste lachen: „Diesmal werden wir es schaffen.“

Gedanken, in einer AtmosphĂ€re der gemeinsamen Hinwendung ausgesprochen, rufen hervor, wovon sie sprechen. Die HintergrĂŒnde des Daseins werden greifbarer. Das Bewusstsein muss jeden Schritt des Weges erfassen. Verstehen und wieder Loslassen, um neues Verstehen zu ermöglichen – FlexibilitĂ€t, Offenheit und Sehnsucht sind erforderlich.

Liebe in bislang nicht gekannter Art wird erfahrbar, als Grundkraft, die das Leben und alle Verwandlungen trĂ€gt, die in seinem Potenzial enthalten sind. „Wirklichkeit“ wird zur Beziehung zu dem inneren Quell, der in allem wirkt. Ziel des Lebens ist es, das Ebenbild dieses Quells entstehen zu lassen und sich mit ihm zu vereinen. Es ist der „Andere“ in uns. Mystiker sprachen von dem „Geliebten“. In nicht vorhersehbaren Momenten zeigt er etwas von sich. Einmal, in einer nĂ€chtlichen Stunde, erlebte ich „mich“ an einem nicht beschreibbaren Ort. Das Bewusstsein war unbewegt, hellwach, ein Punkt in großer Stille. In einer nicht messbaren Entfernung befand sich das Körperliche. Wellenförmig gingen KrĂ€fte aus von „mir“ zum körperlich Manifesten. Es war wie ein Strand, in dem sich die Wellen verfestigen.

In der Tiefe sind wir geistige Wesen. Der „Andere“ in uns ist nicht sterblich. Er ist nicht aufteilbar in die vielen Aspekte, die wir an uns kennen. Er ist Individuum im wörtlichen Sinn: „unteilbar“. Er gleicht dem Mittelpunkt eines Kreises, an dessen Peripherie wir uns befinden. In unserer heutigen Zeit können wir die KrĂ€fte erkennen, die den Weg zur Mitte verdunkeln.

Die BrĂŒcken zur Mitte werden durch geistig-seelische RĂ€ume gebildet. Sie entstehen durch die BemĂŒhung von Gruppen, die den Weg zur Mitte gehen. Es gibt sie rund um die Erde, in allen Kulturen. Durch sie entsteht „Atemluft“, die Möglichkeit geistiger BerĂŒhrung.

2006 empfing eine Reihe von Mitgliedern des Lectorium Rosicrucianum den Impuls, Stiftungen zu bilden als Orte der Begegnung. 2007 entstand die Stiftung Rosenkreuz in Deutschland, in den folgenden Jahren bildeten sich Rosenkreuz-Stiftungen und stiftungsÀhnliche Institute in anderen LÀndern.

Sie sind die Folge eines sich wandelnden SelbstverstĂ€ndnisses. Wer mit einem Boot einen Fluss ĂŒberquert hat, lĂ€sst es am Ufer zurĂŒck. Wer den GefĂ€hrten im Inneren erweckt, erwirbt einen anderen Namen. Der Rosenkreuzer ist dann nicht mehr Rosenkreuzer, der Sufi nicht mehr Sufi, der Kabbalist nicht mehr Kabbalist. Er ist Mensch, Bruder / Schwester mit allen.

Durch die Veranstaltungen der Stiftungen zeigte sich: Keine einzelne Gruppe vermag die FĂŒlle des Göttlichen umfassend widerzuspiegeln. Die Gruppen mĂŒssen sich die Hand geben, sich auf Augenhöhe nebeneinander stellen, ohne sich zu vermischen. Dann bilden sie eine Art Hohlspiegel und es entsteht ein Brennpunkt ungeahnter Kraft. Jede Gruppe wĂ€chst ĂŒber sich hinaus. Das gehört zu den Forderungen unserer Zeit. Im Geistig-Seelischen vereinen sich Ă€hnliche RĂ€ume ohnehin. Wissenschaftler, die nach dem Ursprung des Lebens forschen, nĂ€hern sich dem Göttlichen auf ihre Weise. Das wissenschaftliche Vorgehen ist eine notwendige ErgĂ€nzung zum spirituellen Weg. Die beiden sind komplementĂ€r und geben einander Impulse. Auch dies zeigte die bisherige Stiftungsarbeit auf beglĂŒckende Weise.

Die Bedrohung von Natur und Planet, von Individuum und Gesellschaft, die wir heute erleben, erfordert eine gemeinschaftliche Verantwortung aller, die den inneren Werten des Lebens zugetan sind. Alle, die sich hierum ernsthaft bemĂŒhen, sind miteinander verbunden, auch wenn sie es nicht merken. Die von ihnen ausgehenden psychischen KrĂ€fte berĂŒhren und durchdringen einander. Sie bilden einen unsichtbaren atmenden „Körper“. Durch ihn kann sich das Geistige des Lebens UnzĂ€hligen mitteilen.

Die Arbeit der Rosenkreuz-Stiftungen steht im Einklang mit dem Ursprung des Rosenkreuzertums. Es entstand vor Jahrhunderten als ein Zusammenfluss verschiedenster spiritueller Strömungen, als eine Synthese fĂŒr die Zukunft. Zum 400-jĂ€hrigen Geburtstag der ersten Rosenkreuzerschrift Fama Fraternitatis aus dem Jahre 1614 wurde im letzten Jahr ein Dokumentarfilm erstellt mit dem Titel Reise ins Unerwartete. Reinhard Eichelbeck, Autor des Drehbuchs und Wolfgang Jung, Produzent des Films, haben sich der Geschichte und den Inhalten des Rosenkreuzertums von außen her genĂ€hert; sie gehören der Strömung nicht an.

Das Eintreten des Unerwarteten liegt „in der Luft“. Es ist notwendig, damit viele einen Bewusstseinsschritt vollziehen zu können.

Dr. Gunter Friedrich


Infos ĂŒber den berĂŒhrenden und tief gehenden Film zum Thema Rosenkreuz, „Reise ins Unerwartete“, finden Sie hier.

www.stiftung-rosenkreuz.de

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2 Kommentare

Klaus Redlingshöfer 30. November 2015 - 16:20

Vielen Dank fĂŒr diesen ehrlichen, offenen Beitrag und Einblick. Vieles davon habe ich auch so erlebt und empfunden.

Reiner Klein 29. November 2015 - 22:49

Ein wunderbarer Text. Danke!

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