Das Subjekt im Wandel – Wolf Schneider

von Redaktion

Wirtschaft und Politik kreisen stĂ€ndig um die Themen Wandel und VerĂ€nderung. Da stehen dann die KrĂ€fte der Erneuerung den KrĂ€ften des Beharrens gegenĂŒber, und »Innovation« ebenso wie »Bewahren« sind große Worte, die von Festrednern mit viel Pathos ausgesprochen werden.

»Wandel« oder »Wechsel« bestimmen Kampagnen, politische wie wirtschaftliche, und wo die Traditionalisten und Konservativen (»FrĂŒher war es besser«) den Reformern oder RevolutionĂ€ren (»In Zukunft wird es besser sein«) gegenĂŒber stehen, schauen alle nach draußen: zum Gegner hin oder auf des Objekt, das sich Ă€ndern soll – in der Politik ist das die Gesellschaft, in der Wirtschaft das Produkt.

 

Das Subjekt auf Heldenreise

Was aber geschieht dabei mit den Subjekten, die da entweder festhalten oder erneuern? VerĂ€ndern und erneuern die sich nicht auch selbst? Vom klassischen Bildungsroman bis zu allen anspruchsvollen modernen Filmen und TheaterstĂŒcken verĂ€ndern sich im Lauf der Handlung nicht nur die Szenen, sondern auch die Handelnden – die Helden. Es ist nicht mehr wie in den alten Epen, dass ein fixes Subjekt eine verĂ€nderliche Umgebung erlebt, sondern das Subjekt selbst, der Beobachter und ErzĂ€hler, wird im Lauf des Geschehens ein anderer. Mit dieser VerĂ€nderung des Subjektes – in der Literatur »Heldenreise« genannt – verlĂ€sst man den Raum des nur Politischen und Wirtschaftlichen und tritt ein in der Bereich der Kunst und der Psychologie. Und wo dort das Subjekt das Subjekt betrachtet, also sich selbst, beginnt der noch tiefer gehende Bereich des Selbstreferentiellen. Das Land der – vorhandenen oder vermissten – Weisheit, im modernen Jargon: der »spirituelle« Bereich.

Ganz werden

Wissenschaftlich lĂ€sst sich dieser Bereich kaum erfassen, denn die Wissenschaft lĂ€sst nur als Tatsache gelten, was sich unabhĂ€ngig vom Beobachter feststellen lĂ€sst. Das Experiment muss wiederholbar sein von einem ganz anderen Beobachter, egal ob dessen Muttersprache Spanisch oder Japanisch ist, und ob er beim FrĂŒhstĂŒck gerade Streit hatte mit seiner Frau. Der Beobachter aber wandelt sich; er ist heute nicht mehr derselbe wie gestern und wird auch morgen wieder anders sein und deshalb anderes wahrnehmen. Auf seiner Heldenreise stirbt er viele Male und wird ebenso oft neu geboren. Und er stirbt diese Tode nicht etwa so, wie im indischen Konzept der Wanderung einer Seele von einem individuellen Körper zum nĂ€chsten, sondern dieses »Stirb & werde« geschieht innerhalb dieses einen Individuums – das ja nicht wirklich ein »Unteilbares« ist (das ist die Bedeutung von »Individuum«), sondern ein vielfĂ€ltig geteiltes Wesen, das danach strebt, ganz zu werden.

Der Tod als Coach

Wer sich diese inneren Wandlungen bewusst macht und im Zuge dessen immer mehr Verantwortung dafĂŒr ĂŒbernimmt, wer er ist, verliert mehr und mehr die Angst vor dem eigenen physischen Tod – und damit auch vor all den kleineren, seelischen Toden, dem Scheitern und Verlieren, den vielen Verlusten und Abschieden, die das Leben so mit sich bringt. Ein solches, nicht mehr primĂ€r auf Sicherheit ausgerichtetes Leben, in dem wir als verĂ€ngstigte BĂŒrger hinter zu vielen Schutzmaßnahmen emotional und geistig verkĂŒmmern, kann sich öffnen fĂŒr ein Leben voller Abenteuer und Staunen. Da bewahrheitet sich dann, was Hölderlin sagte: »Wir sterben, um zu leben«! Unser VerhĂ€ltnis zum Tod ist ganz entscheidend dafĂŒr, wie fröhlich wir das Leben verbringen. FĂŒr den echten LebenskĂŒnstler ist der Sensenmann ein kaum zu ĂŒbertreffender Coach: Sage mir, wie du dem Tod gegenĂŒber stehst, und ich sage dir, wie du lebst!

 

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 GrĂŒndung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com

 

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