Spirituelle Erzählungen aus Persien vom „Meister der Erleuchtung“

von Thomas

Von der Bibel wissen wir, dass sie mit Gleichnissen gefüllt ist. Bildhafte Gleichnisse sind ein sinnvolles Mittel, in scheinbar märchenhaften Geschichten wahre Weisheitslehren zu vermitteln. Nicht nur in der christlichen, sondern auch in der islamischen Tradition arbeiten Religiöse mit spirituellen Erzählungen, die interpretiert und analysiert werden wollen, um ihren Schatz zugänglich zu machen.

von Natascha Stevenson

 

Das 2006 erschienene Buch „Das Rauschen der Flügel Gabriels“ enthält drei solcher Erzählungen und entsprechende Erläuterungen der Islamwissenschaftlerin Bettina Löber. Beeindruckend schildert sie, wie der persische Philosoph Suhrawardi, sogenannter „Meister der Erleuchtung“, schon im 12. Jahrhundert als universeller islamischer Denker verstand, welchen spirituellen Weg menschliche Seelen gehen. Beispielsweise macht die Autorin mit ihrer Analyse der Geschichte „Die Erzählung vom westlichen Exil“ von Suhrawardi auf tiefgründige Weise deutlich, wie unglaublich nah sich islamische und moderne Spiritualität sind.

In dieser ins Deutsche übersetzten Geschichte sind zwei Brüder tagsüber in den dunklen, tiefen Abgründen eines Turms gefangen, durch den von oben dank eines Lichtstrahls ein sonnenhelles Seil herunterzuhängen scheint. Doch nur nachts und unbekleidet ist es den Männern leicht möglich, im Turm ganz nach oben zu steigen und frei zu sein. Was es mit dieser Allegorie auf sich hat, erfährt man im folgenden Textausschnitt.

Aus „Das Rauschen der Flügel Gabriels“ von Bettina Löber:

So wie der Baum von Suhrawardi sowohl kosmologisch als auch innermenschlich gedeutet wird, können wir ebenfalls mit der Lichtluke eine mehrschichtige Symbolik verbinden. Bisher haben wir den Turm als das All gedeutet. So gesehen, ist die Lichtluke das Fenster, durch das die höheren Lichtstrahlungen in das irdische Universum hineinwirken können.

Sieht man die Lichtluke im Zusammenhang mit der feinstofflichen menschlichen Gestalt, von der bereits die Rede war, kann man sie als „Lichtfenster“ im Haupt des Menschen, als das so genannte Seelenfenster deuten, von dem in der Esoterik die Rede ist. Wir haben bereits von den Kraftzentren gesprochen, die Suhrawardis Nachfolger Simnani in der subtilen Körperlichkeit des Menschen voraussetzt und die in der heutigen Esoterik als Chakras bezeichnet werden. Drei dieser Chakras werden im Haupt des Menschen lokalisiert. In diesem Zusammenhang sagt Suhrawardi:

„Wisse, dass die Verbundenheit der Seele mit dem Körper durch den Einfluss eines Körpers besteht, der das Pneuma (ruh) ist. Dieses Pneuma leuchtet im Gehirn, und zwar so, dass, wenn sein Licht abnimmt, dadurch das Leben beeinträchtigt wird.“

Der ätherische Körper, den Suhrawardi mit dem arabischen Begriff ruh meint, ist also der Lebensgarant für den stofflichen Körper, da er diesen mit Licht, mit Lebenskraft versorgt. Die Lichtluke, das Seelenfenster, bietet dem Menschen die Möglichkeit, sich vom trüben astralen Licht der irdischen Welt abzuwenden, um das reine geistige Licht der höheren Welt zu empfangen. Deshalb spricht man auch davon, dass der Mensch entscheiden muss, in welche Richtung er sein Seelenfenster öffnet. Der Autor Gustav Meyrink nannte einen seiner Romane „Der Engel vom westlichen Fenster“. Er benutzt dabei dieselbe Symbolik vom Westen wie Suhrawardi. Wer sein Seelenfenster nach Westen hin öffnet, empfängt Lichtkräfte und Eindrücke, die bloße Imitationen der Wahrheit sind. Viele magische Praktiken, die in esoterischen Kreisen über das Seelenfenster eine Verbindung mit der göttlichen Welt ermöglichen sollen, sind Wahrnehmungen, „die als Scherz des Teufels die Vorstellung erreichen“, um mit Suhrawardi zu sprechen. Um sich wieder mit dem göttlichen Licht zu verbinden, muss der Mensch sein Seelenfenster „nach Osten“ hin öffnen. Das kann er nur, wenn in ihm bereits ein neuer, geläuterter Seelenzustand entstanden ist.

(…)

Die Burg mit den Türmen, in die sich die Brüder nachts erheben können, steht hier für das All, also bildlich für die Werkstätten der zweiten Erzählung. Das arabische Wort burdsch bedeutet sowohl „Turm“ als auch „Tierkreiszeichen“. In diese Burg können die Gefangenen „am Abend ohne eure Kleider“ aufsteigen. Kleider sind die Gewänder, die Verkörperung der Seele. In „Das Rauschen der Flügel Gabriels“ war vom Nähren oder Ausflicken des Derwischgewands die Rede, und wir haben gesehen, dass damit auf das Lichtkleid, den feinstofflichen Strahlenmantel der Seele hingewiesen wird. Neben dem stofflichen Körper gibt es weitere feinstoffliche „Hüllen“, in denen sich die Seele des Menschen ausdrückt. Suhrawardi führt dazu aus: „Im organische Körper des Menschen gibt es einen subtilen, hauchfeinen Körper, der ‚Leben schenkende Seele‘ genannt wird. Solange er besteht, besteht auch die Verbindung der Seele mit dem Körper. Wenn nicht, tritt der Tod ein.“

Im deutschen Sprachgebrauch wird von dem ätherischen Körper oder Lebenskörper gesprochen. Der Aufstieg in die Türme der Burg ohne Kleider weist auf den menschlichen Zustand im Schlaf hin, wenn der stoffliche Körper und das Tagesbewusstsein ruhen, während das astrale Bewusstsein mit seiner feineren Hülle, dem sogenannten astralen Körper, in Bewegung ist. Diese nächtliche Aktivität wird als Traumbewusstsein bezeichnet. Die Ebene unserer nächtlichen Träume, an die wir uns morgens manchmal noch schemenhaft erinnern, ist aber nur ein Aspekt der nächtlichen astralen Bewusstseinsaktivität. Suhrawardi zielt hier auf die Möglichkeiten ab, die sich darüber hinaus für die suchende Seele ergeben, wenn der gröbere Anteil des Menschen „schläft“. Auf ihrer nächtlichen Reise durch die Sphären können ihr Erkenntnisse der höheren Welt zuteil werden, die im Moment des Erwachens in den Hintergrund treten, weil das Tagesbewusstsein nicht für sie offen ist.

Die auf diese Weise entstehende Erkenntnis ist jedoch nicht mit unseren gewöhnlichen Träumen identisch. In „Die Tempel des Lichts“ führt Suhrawardi näher aus:

„Wenn die Seele durch die Kräfte geschwächt wird, indem du sie durch vermindertes Essen und vermehrtes Wachen überwunden hast, erhält die Seele manchmal Zugang zu der Welt des Heiligen, und sie gelangt zu ihrem Heiligen Vater und empfängt von ihm die Kenntnisse. Sie verbindet sich mit den Seelen der Sphären, die ihre Bewegungen und die Notwendigkeiten ihrer Bewegungen kennen. Von ihnen empfängt die im Schlaf und im Wachsein die göttlichen Wahrheiten wie ein Spiegel, der das Bild von etwas durch die Gegenüberstellung zeigt. Es kann vorkommen, dass die Seele etwas aus der Welt der Intelligenzen schaut, und die Imagination stimmt sich darauf ab mit einem Bild, das ihm weitest möglich entsprich. (…) So schaust du wunderbare Gestalten, mit denen du vertrauten Umgang hast, oder du hörst gesprochene Worte. Es kann aber auch sein, dass sich etwas Äußerliches zeigt, zum Beispiel eine Gestalt, die wie eine Nachahmung ist und steigt und sinkt. Der Unterschied ist, dass eine Gestalt, die ein Bild der Ewigkeit ist, unmöglich aufsteigen und sinken kann, denn sie ist frei von den Gesetzmäßigkeiten der Körper. Jene Gestalt ist ein körperlicher Schatten vom wahren Bild, der dessen geistige Beschaffenheiten imitiert. Auch die Träume während des Schlafes sind Nachahmungen von dem, was die Seele schaut – ich meine die wahren Träume, nicht die wissen Traumphantasien, die als Scherz des Teufels die Vorstellung erreichen.“

Suhrawardi hatte wohl Grund, seine Schüler vor der Gefahr bloßer Imitationen zu warnen. Allzu leicht kann eine unvorbereitete Seele hier getäuscht werden. Die subtilen Einblicke der erwachten Seele in die höheren Welten sind nur möglich auf der Basis einer intensiven Läuterung und Überwindung der „Fesseln des Stoffes“.

Die inneren Erlebnisse der Seele sind zunächst zeitlich begrenzt. So geht es auch den beiden Brüdern. Da an jedem Morgen der schwere stoffliche Zustand wieder zur Aktivität erwacht, sind die nächtlichen „Aufstiege“ nicht von bleibender Dauer. Die wirkliche Befreiung kann nur durch den Rückweg zum Vater erfolgen, der im weiteren Verlauf der Erzählung beschrieben wird.

Offenbar sieht die Autorin „den Islam von seinen Wurzeln her nicht im Gegensatz zu anderen Religionen, sondern – wie es gerade im Sufismus deutlich zum Ausdruck kommt – als Offenbarung einer universellen Wahrheit, die sich immer wieder in anderen Gewändern und Bildern ausdrückt.“ Bücher wie diese sind aus meiner Sicht daher ein Geschenk an mündige Leser, die die Welt, ihre Bewohner und Religionen als Ganzes sehen, spirituelle Verbindungen erkennen und sich an ihren persönlichen Erkenntnissen erfreuen.

 

 

 

„Das Rauschen der Flügel Gabriels“ von Bettina Löber
DRP Rosenkreuz Verlag, 2006
Umfang: 179 Seiten
ISBN: 978-3938540121

Zu unserem Bedauern ist diese Lektüre leider vergriffen. Ähnliche Bücher finden Sie auf der Webseite des Verlags!

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1 Kommentar

Geist und Seele 28. Juni 2018 - 13:40

Danke für den Artikel über die spirituelle Geschichte. Darauf fallen mir direkt die Geschichten über die Gesetzmäßigkeiten des Kosmos ein, die von den Mystiker Gurdjieff geschrieben wurden: https://www.hermetik-international.com/de/mediathek/historische-schriften-der-mystik/georges-gurdjieff-warum-beelzebub-in-unser-sonnensystem-kam/

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