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MYSTICA Essays Ist Erwachen lehrbar? – Ulrich Nitzschke

Ist Erwachen lehrbar? – Ulrich Nitzschke

von Thomas
ErleuchtText1

© bananarama / photocase.com

Spirituelle Lehrer leben davon, dass sie Schüler haben. Was aber können diese tatsächlich von ihnen lernen? Ulrich Nitzschke, Kenner der „Erleuchtungsszene“ und Autor der humorvollen Interviewreihe mit Erleuchteten hinterfragt hier einige Glaubenssätze, die mit dem Wunsch nach Erwachen einhergehen…

Von Ulrich Nitzschke

 

 

Erleuchtung lässt sich nicht lehren. Daher das unvermeintliche Resultat, auf das wir allenthalben stoßen: Alle fahren sie auf ihre Gurus ab, und alle werden sie von Tag zu Tag spiritueller, aber keiner wacht auf“.
[Jed McKenna]

 

1.Wie alles beginnt: unser ICH entsteht

Wir werden geboren und erleben unsere Welt zunächst in einer grenzenlosen Bewusstheit, ohne ein Empfinden von Zeit und Raum, ohne Unterscheidung zwischen dem Wahrnehmendem und dem Wahrgenommenen, zwischen Subjekt und Objekt. Ab dem zweiten Monat beginnt sich diese ganzheitliche Bewusstheit zu differenzieren und entsprechend differenzierter werden Gefühlswelt und Verhalten. Etwa im dritten Lebensjahr ist dieser Prozess so weit fortgeschritten, dass wir beginnen uns als etwas Eigenes und vom Umfeld Getrenntes zu empfinden. Was ursprünglich als Ur-Einheit erlebt worden war, entwickelt sich nun zunehmend zu einem komplizierten dualen Beziehungssystem zwischen einem sich herausbildenden ICH und einer von diesem als getrennt empfundenen  „äußeren Welt“.

Beim weiteren Heranwachsen sehen wir uns so immer stärker dieser scheinbar dualen „Wirklichkeit“ gegenüber. Wir sind fasziniert von ihren Wundern und Rätseln, aber auch verunsichert und verängstigt, denn sie fügt sich nicht unserem Willen und gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Und so vollzieht sich  ein langer und komplexer Wachstums- und Anpassungsprozess, in dessen Verlauf sich  je nach genetischer Veranlagung und sozialer Prägung ein einzigartiges Muster von Denk- und Verhaltensweisen herausbildet. Das soziale Umfeld sieht darin den Charakter oder die Persönlichkeit, Sozialwissenschaft und Psychologie sprechen von „Individuum“ bzw. „Ego“. In  seiner Abhängigkeit und Verletzlichkeit bleibt dem ICH letztlich keine andere Wahl als sich dieser Sicht anzupassen:  ein schmerzhafter Prozess der Identifizierung setzt ein („so bin ich eben“).

 

2.  Das Dilemma: das ICH steht sich selbst im Weg

Schließlich tritt so bei den meisten spätestens im Erwachsenenalter an die Stelle der ursprünglichen, grenzenlosen, non-dualen  Bewusstheit der Kleinkindphase ein verarmtes, eingegrenztes und fremdbestimmtes ICH-Bewusstsein. Dass dieses nicht von Anfang an da war, haben wir „vergessen“. Dass es uns nicht verloren gegangen ist, sondern im Unterbewussten ständig präsent ist, haben wir verdrängt. Und dass in dieser Verdrängung der Grund unseres Leidens am Dasein liegt, können und wollen wir nicht wahrhaben. Aus diesem Grund sind auch alle unsere Bemühungen, dieses Leiden zu überwinden und das ersehnte „Lebensglück“ kraft eigenen Willens und Bemühens zu erzwingen, vergeblich.

Und in diesem engen ICH-Bewusstsein reflektieren und interpretieren wir nun alles, was wir durch Sinne oder  Denkprozesse wahrnehmen – und leben so in einer Pseudo-Welt aus Vorstellungen, die wir  für die einzige Wirklichkeit halten.

 

3. Die Suche nach dem Ausweg

Zu allen Zeiten haben sich Denker und Weise Gedanken darüber gemacht, wie die Menschen dieser existenziellen Falle entkommen und so ihrem chronischen Leiden entgehen können.

Die einen kamen zu dem Ergebnis, der Mensch sei dazu außerstande. Zur „Er-lösung“  bedürfe es der Intervention jenseitiger Mächte und des Glaubens daran. Aus diesem Ansatz entwickelten sich  im Laufe der Zeit zahlreiche Glaubens-Systeme, teilweise mit vielgestaltigen „Götter“-  und „Dämonen“- Welten, ausgeklügelten Lehr-Systemen und pompösen Ritualen. Einige davon wuchsen dank günstiger historischer Bedingungen im Laufe der Jahrhunderte zu machtvollen „Weltreligionen“ heran.

Andere kamen zu dem Schluss, der Mensch sei sehr wohl befähigt sich selbst aus dieser Falle zu befreien; er müsse sich nur konsequent dem „richtigen“ Weg widmen. Aus diesem Ansatz entwickelte sich neben unterschiedlichen philosophischen Schulen auch ein breites Spektrum so genannter „spiritueller“ Lehren. Während diese im geistigen Leben des Ostens allezeit einen respektierten  Platz einnahmen, konnten sie im von der christlichen Religion dominierten Westen Jahrhunderte lang nur im Untergrund überleben. Erst im Zuge des Machtverlusts der kirchlichen Institutionen seit der Aufklärung gewannen sie allmählich an Boden. Seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind sie, so hat es den Anschein, nun auch im so genannten ‚Mainstream’ der modernen westlichen Gesellschaft angekommen.

 

4. Ist Erwachen lehrbar ?

Dort präsentiert sich heute dem spirituellen Sucher eine breite Palette östlicher und westlicher Lehren. Darunter verschiedene Richtungen des Buddhismus, ein buntes Spektrum meist auf die westliche Konsumgesellschaft zugeschnittener Yoga-Schulen, ferner der „Mystik“ zugerechneten kleinere Strömungen wie Schamanismus, Sufismus, Taoismus und Zen sowie authentisch westliche, meist als „integral“ bezeichnete Lehransätze, die von der Kompatibilität von Spiritualität und rationalem Wissenschaftsdenken ausgehen.

Unabhängig davon, für welche Richtung sie sich entscheiden, die meisten westlichen Sinnsucher sind der Vorstellung verhaftet, sie könnten für ihr – meist „Selbst-Realisation“, „Erwachen“, oder „Erleuchtung’ genanntes – Ziel etwas tun. Es gehe nur darum den „richtigen“ Weg zu finden bzw. sich dem „richtigen“ Lehrer anzuschließen

Aber sind diese Annahmen begründet?

Nach vorherrschender Auffassung ist ein solcher Weg lehrbar. Das Wissen und die Erfahrung, die jemand in inneren Prozessen selbst gewonnen habe, könne eine Lehrperson, die sich dazu berufen fühle, Interessierten auch weitervermitteln. Diese Sicht kommt den meisten Suchern entgegen, da sie glauben, spirituelle Lehr- und Lernprozesse würden unter kompetenter Führung mit der Zeit „irgendwie tiefer“ gehen und das begehrte Ziel komme damit wie von selbst in greifbare Nähe. Die Psychologie sieht darin eine Konstellation, die dazu tendiert, dass Lehrer- und Schülerseite sich gegenseitig in ihren jeweiligen Glaubensvorstellungen bestätigen, und durch die – wenn es sich beim Lehrer um eine charismatische Persönlichkeit handelt – die Entwicklung zu einer sektenartigen Kultur begünstigt wird.

Demgegenüber vertritt eine Minderheit – mit oder ohne expliziten Bezug auf das klassisch-indische Advaita Vedanta –  eine provokante Gegenposition. Für sie ist unser Leben nur eine vorübergehende Manifestation allumfassenden EINSSEINs, die Vorstellung eines davon getrennten, autonomen Individuums somit pure Illusion. Daher könnten weder Lehre noch Glaube dem Sucher einen Zugang zur eigentlichen Wirklichkeit verschaffen, denn beide gründeten auf der dualen Vorstellungen eines Gegenübers von „Subjekt“ (ICH) und getrennten „Objekten“. EINSSEIN könne vielmehr nur aus einer radikal nicht-dualistischen  Perspektive erfahren werden. Dies setze jedoch die Auflösung des illusionären ICHs  voraus. „Erleuchtung“ sei demgemäß erfahrbar, aber nicht durch andere vermittelbar. Lehren, die im ICH verhafteten Schülern suggerierten, sie könnten einen „Pfad“ zu diesem „Ziel“ vermitteln, seien daher irreführend.

Zu den Exponenten dieser Sicht kompromissloser Non-Dualität zählen unter anderen Jean Klein,  Ramesh Balsekar, U.G. (nicht zu verwechseln mit Jiddu) Krishnamurti, Karl Renz, Tony Parsons und Richard Sylvester.

 

5. Welche der beiden Seiten „hat recht“?

Wer sich die Mühe macht in der einschlägigen Literatur für Zeugnisse authentischen Erwachens Belege zu finden, sieht sich bald mit einem überraschenden Befund konfrontiert. Aussagekräftige Berichte über von einer Lehrperson angeleitete Lernprozesse  zu authentischem Erwachen lassen sich kaum finden.

Über urplötzliche, für die Betroffenen völlig überraschende Durchbrüche dagegen liegen zahlreiche, z.T. ausführliche Berichte vor. Zu den bekanntesten Autoren zählen Eckhart Tolle und Byron Katie, die beide von einer tiefen psychischen Krise als Auslöser berichten. Ähnliche, besonders bewegende Zeugnisse sind die autobiographischen Werke Suzanne Segals („Kollision mit der Unendlichkeit“) und Pyar Trolls („Reise ins Nichts“). Andere Autoren wie Richard Sylvester(„Erleuchtet – und was jetzt?“) und Tony Parsons („Das offene Geheimnis“) berichten demgegenüber von plötzlichen Erwachenserlebnissen mitten im ganz normalen Alltag. Es finden sich zwar auch Beispiele (u.a. Gangaji, OM C. Parkin), in denen von einer entscheidenden Rolle des spirituellen Lehrers berichtet wird, doch geht es dabei um  die Resonanz des Schülers auf dessen Präsenz, nicht um einen Lehrprozess.

Nimmt man unsere ‚spirituelle Szene’ insgesamt in den Blick, ergeben sich weitere Fragen.

Wie kommt es, dass sich von den wohl Zehntausenden, die Tolles Lehre vom JETZT kennen, kaum einer öffentlich als „erwacht“ zu erkennen gegeben hat? Deklariert sie dieser weltbekannte Buchautor doch zu einer Art Königsweg, den jeder gehen könne. Wie wäre, ferner, zu erklären, dass aus der großen Zahl derer, die jahrelang Schüler des als erleuchtet angesehenen Meisters Osho waren, über glaubhafte Durchbrüche zum Erwachen kaum etwas zu hören ist? Und: müsste es, wenn man die  in den letzten Jahren rapide angewachsene Anzahl von „Lehrern“ und Teilnehmern in Rechnung stellt,  auf unserer eigenen „ Satsang“-Szene inzwischen nicht fast schon ein Gedränge von „Erleuchteten“ geben ?

 

6. Alles ein großes Missverständnis?

Beruht der Glaube an die Lehrbarkeit von „Erleuchtung“ auf einer Verkennung des ICH und so auf einem grundlegenden Missverständnis über die Natur des Erwachens? Vielleicht ist ja unser spirituelles Denken einfach zu  sehr von der modernen Psychologie seit Freud beeinflusst? In der unser ICH-Bewusstsein in eine (Ego genannte) quasi „untergeordnete“  und eine (meist als SELBST bezeichnete) „übergeordnete“ Komponente unterteilt wird. Was viele Suchende glauben lässt, sie könnten ihre dem Erleuchtungspfad nicht dienlichen Teile ihres Bewusstseins bekämpfen, unterdrücken oder durch „Psycho-Arbeit“  in den Griff bekommen. Wobei sie übersehen, dass möglicherweise genau darin ein besonders raffiniertes Konzept des ICHs liegt. Denn auf diese Weise trennt es  scheinbar die eigenen unliebsamen Teile von sich ab und kann sich dadurch umso großartiger fühlen. Was wiederum zur Folge hat, dass sich für den Sucher selbst der Kreis der Selbst-Täuschungen schließt und jeder Ausweg versperrt erscheint – es sei denn, er beginnt, was der große indische Weise Ramana Maharshi nicht müde wurde anzumahnen, seine eigenen  irrigen Vorstellungen vom ICH in Frage zu stellen.

 

Von Ulrich Nitzschke
Jahrgang 1940. Studium der Geisteswissenschaften, über dreißigjährige Berufslaufbahn im Diplomatischen Dienst, seit 2004 freiberufliche Tätigkeit als Mentor und Autor in Bonn. Verfasser vieler Bücher, zuletzt „Revolution im Spiri-Land“

www.samurai-21.de

Hier finden Sie Bücher von Ulrich Nitzschke

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3 Kommentare

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3 Kommentare

Mensch 5. Mai 2015 - 17:17

Der Grund für Missverständnisse liegt ganz einfach an der Sprache an sich und derer Interpretation. Sprache ist etwas limitiertes und vor allem relatives was wir gut an den unterschiedlichen Auslegungen überlieferter Texte sehen können. Wir lassen uns Philosophisch und psychologisch in den Wahnsinn treiben, tauschen ein Konzept mit einem anderen aus, kreieren mit unserem komplexen Verstand eine Geschichte in der “Erleuchtung“ etwas ganz großes und wichtiges ist. Fakt ist das alles was wir uns zurecht denken nur rein hypothetische Annahmen sind im Grunde wissen wir überhaupt nichts aber wir bilden uns das ein . Wenn ein so genannter “Lehrer“ jemanden indirekt von seinem Glauben überzeugen will (was wirklich sehr oft vorkommt ) dann ist das nur möglich weil sein gegenüber psychisch labil ist und/oder Angst hat und halt im glauben eines angebotenen Konzeptes sucht. Menschen die niemals Verantwortung übernehmen wollen tuen sich ein leichtes damit Rat bei jemanden zu suchen der anscheinend tiefe Wahrheiten anzubieten hat . Jedoch wird bei genauer Betrachtung schnell deutlich das außer vielen Kalendersprüchen und mittelmäßig guten pädagogisch und psychologischen Verständnis wenig bei einem Satsang über bleibt außer viele Blinde Menschen und ein Einäugiger .

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Petrus Pohn 22. April 2015 - 00:51

Ein wunderbarer Artikel, der in aller Kürze, dass Dilemma eines Suchenden beschreibt.Herr Nitzschke zeigt die beiden Hauptströmungen in der sogenannten spirituellen Szene gut auf.Ich selbst habe lange gesucht und irgendwann ohne Grund gefunden – die Suche war dann beendet – , warum auch immer?
Wie die Allermeisten fing ich in der oben beschriebenen ersten Gruppe an.Ausgerichtet auf sogenannte Ziele, einen Weg und natürlich die Hoffnung auf „Erleuchtung“.

Mich hat diese Art von Spiritualität sehr frustriert gemacht.Irgendwann bin ich dann zu der anderen Gruppe gekommen, nämlich Advaita bzw. Nondualität, durch das Lesen des Buches – Jetzt – von Eckhart Tolle.

Danach bin ich so richtig eingestiegen und habe den unglaublichen Unterschied bemerkt.
Bin zu einigen Satsangs von Gaia begangen und habe viele Videos auf Jetzt TV mir angeschaut.
Die Last des Suchens ist abgefallen und ich mache mir heute so gut wie keine Vorstellungen mehr.
In der Satsangszene gibt es ein sehr breites Angebot von Lehrern – viele von denen lehnen dieses Wort allerdings ab.

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Bernd 26. April 2015 - 10:57

Es ist Gnade, du kannst nichts tun, Hingabe und liebe sollten geübt werden, namaste Bernd

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