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MYSTICA Essays Ich ess Blumen – Judith Stromeyer

Ich ess Blumen – Judith Stromeyer

von Thomas

© marshi / photocase.com

Vegaterier, besser noch, Veganer zu sein ist heutzutage unter spirituell aufgekl√§rten Menschen besonders in Mode. Das damit einhergehende Bewusstsein f√ľr die Unsinnigkeit von Massentierhaltung hat zugenommen ‚Äď aber sollen wir tats√§chlich alle Veganer werden? Hier eine humorvolle Betrachtung einer Agraringenieurin.

Von Judith Stromeyer

Sachlich betrachtet bin ich meines Studiums wegen so etwas wie der nat√ľrliche Feind eines jeden soliden Veganers. Allein schon die Berufsbezeichnung „Nutztierwissenschaftlerin“ impliziert, dass ich und meinesgleichen Tiere be-nutze, aus-nutze, und Wei√ü- der- Kuckuck -wie-nutze. Au√üerdem liebe ich ganz offen und ehrlich Lammbraten, Stiefel aus Rindsleder und Wollpullis und besitze die Unversch√§mtheit, meine Pferde zur reiten. Und ja, meine schamanische Trommel war im fr√ľheren Leben eine Hirschkuh.

Wenn man sich in „spirituellen“ Kreisen bewegt (darf das der Nutztierwissenschaftler √ľberhaupt??), trifft man fr√ľher oder sp√§ter auf den Typus des erleuchteten Veganers. Diese Spezies hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Welt mit erhobenem Zeigefinger Bilder drastischer Schlachthofszenen, ermordeter m√§nnlicher K√ľken und lieber kuscheliger Schweine vor Augen zu f√ľhren.

Ich bin, als schn√∂der √Ėkologisch korrekter Teilzeit-Vegetarier (Motto: „Ich ess nur, was auf meinen Wiesen gefressen hat…“) ebenso davon √ľberzeugt, dass die von uns praktizierte Massentierhaltung v√∂llig absurd, krank und widerw√§rtig ist. Auch sonst haben wir viele gemeinsame Vorstellungen. Allerdings lehne ich die „Nutzung“ von Tieren nicht per se ab, und in diesem Punkt kommt es dann zu ausgiebigen Diskussionen.

Ich denke, dass die Welt besser dran w√§re, wenn Menschen nur die Tiere essen d√ľrften, die sie vorher gehegt und gepflegt und dann selbst und h√∂chstpers√∂nlich f√ľr ihre Fleischgel√ľste ins Jenseits bef√∂rdern m√ľssten – mit dem n√∂tigen Respekt und der angebrachten Achtsamkeit! Eine solche Regelung w√ľrde den Fleischkonsum ganz von selbst und ohne militante Missionierung seitens gro√üst√§dtischer Pflanzenfresser in vern√ľnftige Bahnen lenken.

Ein Gedanke besch√§ftigt mich bei der Vorstellung einer „Vegan World“ besonders: Was w√ľrde mit all den Nutztieren geschehen? Sie w√§ren zweifelsohne zum Aussterben verurteilt, denn es gibt keinerlei nat√ľrlichen Lebensraum mehr f√ľr sie und zudem w√ľrden sie dem Menschen ja sein Gr√ľnzeug wegfuttern, bzw. die Fl√§chen beanspruchen. Wenn ich tagt√§glich im Garten unsere Heidschnuckendamen beobachte, gelassen, zufrieden in der Sonne wiederk√§uend, f√§llt es mir schwer, eine Welt ohne Nutztiere „besser“ zu finden – und ich kann auch nicht umhin, festzustellen, dass meine Pferde ihre Arbeit gerne tun, und ja, offensichtlich unzufrieden und schlecht gelaunt werden, wenn ich sie ein paar Wochen nicht „nutze“, sondern ihnen schlicht ein relativ freies und pferdegerechtes Leben auf einer gro√üen Weide biete.

Selbstversuch

Soweit meine Meinung. Da ich aber experimentierfreudig bin, und mir keiner vorwerfen soll, mein Hirn sei von den Suchtstoffen im K√§se vernebelt, hab ich mir selbst einen veganen Monat versprochen. Ich kann schlie√ülich nicht urteilen √ľber etwas, von dem ich keine Ahnung habe.

Der Abschied von den tierischen Produkten f√§llt erstaunlich leicht. M√ľsli mit Sojamilch ist tats√§chlich essbar. Okay, Tofu schmeckt immer noch… langweilig, vorsichtig formuliert, und R√ľhrei ist ersatzlos gestrichen. Aber daf√ľr lerne ich dazu: Seitan ist keine schwarzmagische Sekte oder ein seltener ostchinesischer Pilz, sondern eine Masse aus Gluten, die, mit richtigen Gew√ľrzen und scharf angebraten angeblich sogar Geschmack und Konsistenz von Rehr√ľcken kopieren k√∂nnen. Und Kuchenbacken geht auch ohne Ei und Milch, und wird von den Kindern hei√ü geliebt, da man ungestraft und ohne Angst vor Salmonellen vom rohen Teig naschen darf!

Mein Sohn passt ganz genau auf, was ich esse. Sobald sich etwas potentiell Verd√§chtiges meinem Mund n√§hert, kr√§ht er lautstark: „Mama, ist das vegan? Ist das eine Pflanze? Kannst Du das √ľberhaupt essen?“ oder auch: „wie k√∂nnen eigentlich Drachen vegan leben?“

Zugegebenerma√üen dauert das Einkaufen recht lange, wenn man Zutatenlisten studiert, und gr√ľbelnd und r√§tselnd vor dem Schokoladenregal steht, w√§hrend Mann und Tochter sich kichernd freuen, die leckere Nougatschoki ohne Konkurrenz verspeisen zu k√∂nnen. Mir wird beim Einkaufen wieder einmal bewusst, in wie vielen industriell hergestellten Nahrungsmitteln r√§tselhafte Dinge enthalten sind wie Butterreinfett, Mager-Molke-sonst-was-Pulver oder auch, besonders h√ľbsch, Mono- und Diglyceride von Speisefetts√§uren.

So vergeht der vegane Monat ohne das ich das Gef√ľhl habe, tats√§chlich auf all zu Viel verzichten zu m√ľssen, erstaunlich unspektakul√§r, das Ganze. Ich habe viele neue Geschmacksrichtungen kennengelernt, viel gelacht, interessante Gespr√§che √ľber Ern√§hrung gef√ľhrt und meine Familie hat sich √ľber diverse Kuchenexperimente gefreut…

Und erstaunlicherweise habe ich bisher keinerlei Drang versp√ľrt, jedem Menschen in meinem Umfeld ein Gespr√§ch √ľber ach so moralisch korrekte Ern√§hrung, die Unverdaulichkeit von Fleisch („Stell Dir vor, bei Obduktionen in den USA finden die kiloweise verwesendes Fleisch in menschlichen D√§rmen, echt eklig, neee, das willst Du doch nicht in Dir drin haben, oder???….“) oder jemandem meine pers√∂nliche Erleuchtung, seit ich nur noch rechtsdrehende gr√ľne Algenshakes zu mir nehme, aufzudr√§ngen …

Vielleicht mach ich noch ein bisschen weiter mit dem Veganertum. Bis es f√ľr unsere Bockl√§mmer Zeit wird, ihr Leben zu lassen – durch unsere H√§nde, in unserem Garten, mit Respekt und Dankbarkeit und dem Wissen, dass unser Weihnachtsbraten ein ganz besonderes und kostbares Geschenk ist.

von Judith Stromeyer
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Judith Stromeyer, Jahrgang 1978, Agraringenieurin und Gesundheitspraktikerin, lebt mit ihrer Familie und zahlreichen Vierbeinern auf einem alten Hof im wilden hessischen Vogelsberg. Das Schreiben ist seit ihrer Jugend  Lebenselixier, Leidenschaft, Notwendigkeit, Freiheit des Geistes und Alltagsritual.

www.holder-hof.de

9 Kommentare

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9 Kommentare

Chris Wölfelschneider 5. Mai 2020 - 09:21

Hallo Judith,also diese ‚ganz oder gar nicht‘ Mentalit√§t geht mir auch so ewig auf den Sack.
Ist doch sch√∂n, wenn sich jemand damit auseinander setzt und nicht stur alles ignoriert. Aber diese „Ich bin besser“-Mentalit√§t legen Gott sei Dank nicht alle an den Tag. Gl√ľckwunsch f√ľr deinen sehr gelungenen Essay.

Liebe Gr√ľ√üe, C.

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Judith 28. Februar 2013 - 11:03

Liebe Mitlereser- und schreiber,
ich wei√ü, dass dies ein „hei√ües Eisen“ ist, und ich mich mit einer klaren Stellungnahme ins Kreuzfeuer begebe. Und genau das finde ich schade.
Um es nochmal kurz auf den Punkt zu bringen: Ich bin Biolandwirtin. Meine Familie lebt vegetarisch, bis auf etwa 10 Mahlzeiten im Jahr, bei denen wir das Fleisch eines Schafes mit Genu√ü und Andacht essen. Milch, K√§se, Eier etc. beziehen wir vom Demeterbauer. Wir ern√§hren uns „bewusst“, eben weil wir wissen, wovon wir reden.
Meine Bitte:
Liebe Veganer, ich glaube, unsere Gemeinsamkeiten sind deutlich gr√∂√üer, als die Unterschiede! Wenn wir es geschafft haben, Massentierhaltung, Monsterschlachth√∂fe, Tierfabriken und sonstigen Wahnsinn abzuschaffen, und den Menschen ins Bewusstsein zu r√ľcken, was das Schnitzel wirklich ist, wenn nur noch kleinb√§uerliche Tierhaltung existiert,und Menschen, die Fleisch essen wollen, die Tiere selbst schlachten m√ľssen, genau dann k√∂nnen wir noch einmal √ľber Sinn und Unsinn des Veganismus diskutieren. Bis dahin, denke ich, sollten wir lieber unsere Energie darin investieren, an einem Strang zu ziehen, anstatt z. B. Fronten zwischen Vegetariern und Veganern aufzubauen…
Interessante Ans√§tze zur m√∂glichen Zusammenarbeit findet Ihr √ľbrigens in dem Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer.

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Sieglinde 26. Februar 2013 - 15:02

Liebe Judith,
neben dem ethischen Aspekt empfehle ich dir auch den gesundheitlichen Aspekt einer vollwertigen, pflanzlichen Ern√§hrung genauer zu betrachten. Dazu eignet sich sehr gut das Buch „China Study“.
Ich lebe vegan (ernähre mich vollwertig pflanzlich) und setze mich sehr intensiv mit dem Thema aus allen Gesichtspunkten auseinander, weil ich ständig mit Fragen konfrontiert werde. Ich stelle fest, dass zur Zeit ein Prozess in der Gesellschaft stattfindet. Die Menschen reagieren plötzlich auf das Thema Ernährung und das nicht nur aus Diät- oder Modeaspekt heraus. Das ist gut so. Wer Fragen hat soll ehrliche Antworten finden, um sich selber ein Bild zu machen, einen Bewusstseinsprozess durchzumachen und sein Handeln seine Bewusststein anzupassen.
Viel Spass beim Lesen
Lieben Gruss
Sieglinde

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Tanja 7. Februar 2013 - 14:42

Hallöchen,
naja habe mir den Artikel gerade durchgelesen und ehrlich gesagt nichts anderes erwartet. Veganer werden immer und √ľberall bel√§chelt, das finde ich schade. Habe erst seit kurzem damit begonnen mich vegan zu ern√§hren und muss st√§ndig h√∂ren wie Fleischesser sich √ľber (m)eine alternative Ern√§hrung lustig machen und es als ungesund und unnat√ľrlich bezeichnen ohne dass ich irgendwas √ľber ihre Ern√§hrung gesagt habe oder sie kritisiert h√§tte. Auch ohne dass Sie sich damit in irgendeiner Art und Weise vorher besch√§ftigt h√§tten um mitreden zu k√∂nnen. Irgendwie scheint es mir wie bei den Rauchern und Nichtrauchern, die Raucher regen sich auf wenn ein Nichtraucher mal was sagt oder finden unendlich viele Ausreden warum sie Rauchen (m√ľssen).
Dass man nicht irgendein Spiri-Fanat ist wenn man Veganer wird und einfach aus pers√∂nlichen Gr√ľnden und ethnischer √úberzeugung nicht weiter an dem aktuellen Stand dieser verkommenden Welt teilhaben will versteht kaum einer.
Dass man Fleisch, Milch, Käse und Eier auch beim Bauern kaufen kann ist klar, aber was ist mit den ganzen Fertigprodukten die man kauft (vom Ragout bis zur Mozzarella usw) die alle von den Massenproduktionen stammen.
Kurz gesagt, so wie ich keinen Fleischesser √ľberreden will und Leute respektiere wie sie sich ern√§hren, m√∂chte ich auch, dass ich als Veganer respektiert werde.
Vielleicht will man nur, dass manche Menschen das Schnitzel auf dem Tisch nicht nur als Essen betrachten das halt aus dem Supermarkt kommt (so was machen kleine Kinder normalerweise bevor sie nicht wissen wo es herkommt) und Fleisch nicht im √ľbertriebenen Ma√üe produziert und konsumiert wird (wie es heute doch gro√üteils der Fall ist).
Man sollte Respekt gegen√ľber allen haben, Tiere – Menschen, Pflanzenfresser – Fleischfresser um das mal so zu nennen. Doch jemanden zum Denken anzuregen ohne gleich √ľberzeugen und √ľberreden zu wollen ist doch kein Vergehen oder?
Der Artikel mag ja recht witzig sein (f√ľr manche) aber es geht um eine ernste Tatsache (und die Zust√§nde auf unserer Welt sind ernst) deshalb kann ich dar√ľber nicht lachen. Wenn jemand mehr Respekt gegen√ľber Tieren empfindet, vielleicht hat er es auch gegen√ľber Menschen. Wenn so etwas nur ansteckend w√§re, k√∂nnte die Welt wesentlich friedlicher sein und Hilfsbereitschaft, Respekt und Mitgef√ľhl w√ľrden etwas mehr Platz finden. Vegan ist nicht Mode, kein Spielchen oder Fanatismus sonder ein Lebensstil, eine √úberzeugung dass alle Lebewesen Gef√ľhle haben und (√ľber)leben wollen.
Das war nur einmal so ein Gedanke.
Gr√ľ√üe
Tanja

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Evelyne 17. Januar 2013 - 19:03

Hi,
Respekt ist wohl √ľberhaupt das Zauberwort, nicht nur in Bezug zu Tieren…!!
Bei mir ist es so, dass ich nicht ganz aufh√∂ren m√∂chte Fleisch zu essen, weil mein K√∂rper manchmal f√∂rmlich danach schreit. Test gemacht und lange keines gegessen, dann bekam ich Gliederschmerzen; ich a√ü ein sch√∂nes Steak, f√ľhlte mich nach kurzer Zeit wohler und die Schmerzen lie√üen nach.
Wie war es denn fr√ľher, es gab „h√∂chstens“ einmal zweimal im Monat und zwar Sonntags ein St√ľck Fleisch. Ok, damals sind die Tiere auch nicht so viel mit Medikamenten vollgestopft worden. Mein Vater (Dr. med. hom√∂op.) pflegte immer zu sagen: „Alles in Ma√üen“, was auch vielen anderen von der √§lteren Generation noch wissen. Und das rechte Ma√ü lernt man, indem man auf den K√∂rper h√∂rt. Er sagt uns genau was er braucht, nur verstehen wir manchmal seine Sprache nicht, weil wir es nicht gelernt haben sie zu verstehen (ich √ľbrigens inclusive)…!
Fleisch von artgerechter Haltung w√§re das Mindeste; aus der Region w√§re empfehlenswert; in Ma√üen w√§re gut und √ľberhaupt mit Respekt es zu verzehren zu D√úRFEN eine Aufgabe, die wir alle zu lernen haben!

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Fritzsche, Alexanda 17. Januar 2013 - 14:05

Hallo Judith,
ich finde Deinen Report klasse. Hab herzhaft gelacht – und kann so vieles nachvollziehen – ich versuche gerade die nicht ganz so harte vegetarische Linie durchzuziehen…leider bin ich im Internet – auch mit diesen Facebook- Dingensbumens nicht so daheim. Deshalb hab ich eben auf die Bewertungssterne geklickt – einfach mittenrein- und da ist dann eine 3-er Bewertung rausgekommen – dabei wollte ich doch nur schaun, was sich hinter den Sternen verbirgt……..sorry…….

Anm. der Redaktion: Wir haben – hoffentlich in Ihrem Sinne – Ihre Bewertung von 3 auf 5 Sterne erh√∂ht. Vielen Dank f√ľr Ihren Kommentar!

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Judith 17. Januar 2013 - 16:54

Danke Alexandra!
Ja, so geht mir das auch oft mit meiner Neugier! Und siehst Du, wieder was dazu gelernt…
Liebe Gr√ľ√üe, Judith

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Marietta 17. Januar 2013 - 01:57

Hallo Judith,

„Was w√ľrde mit all den Nutztieren geschehen? Sie w√§ren zweifelsohne zum Aussterben verurteilt, denn es gibt keinerlei nat√ľrlichen Lebensraum mehr f√ľr sie und zudem w√ľrden sie dem Menschen ja sein Gr√ľnzeug wegfuttern, bzw. die Fl√§chen beanspruchen“

Ist diese Frage wirklich Ernst gemeint? Du solltest angesichts deines Bildungsgrades eigentlich erkennen, wer wem jetzt das Futter wegfrisst und Fl√§chen beansprucht und dass Nutztiere in der Massentierhaltung keinerlei nat√ľrlichen Lebensraum haben. Die Tiere, die dann „aussterben“ sind die, die du jetzt ohnehin nicht siehst.

Sollten Zweifel bestehen, was man mit Tofu anstellen kann, empfehle ich uneingeschr√§nkt die Kochb√ľcher von Attila Hildmann. Da gibt es dann auch R√ľhrei, das schmeckt sogar meinem Noch-Omni-Freund.

F√ľr mich ist klar sp√ľrbar – aus jeder Zeile geht hervor -, wie sehr du schon im Zweifel bist, ob das noch f√ľr die Zukunft richtig sein kann, wie du dich bisher ern√§hrst hastn. Ich kann dich beruhigen, diesen Dialog f√ľhren alle Fleischesser, denn jeder Einzelne von ihnen merkt, dass mit dieser typischen Argumentationskette etwas nicht stimmen kann: jeder ist eine Ausnahme, denn jeder isst nur gaaaaanz wenig Fleisch und nur unter besonderen Bedingungen und nur, weil er Zugang zu Quellen von ungequ√§lten Schlachttieren hat. Das ist eine Gemeinsamkeit aller Omnivoren, die ich kenne. Diese uneingeschr√§nkte Achtsamkeit vor dem Fleischgenuss, das Segnen der Mahlzeit, das Bewusstsein √ľber das werte Leben, die besondere Ausnahme, die man gerade macht und das Nichteinverstanden sein mit der Massentierhaltung ist allen Omnivoren gemeinsam. Ach ja, keiner kauft sein Fleisch im Supermarkt, isst im Nicht-Bio-Restaurant Fleisch und jeder lehnt nat√ľrlich ab, wenn er irgendwo eingeladen ist, weil dann die Herkunft unbekannt ist. Ich pers√∂nlich kenne fast nur solch hochentwickelten ethisch-moralischen Omnivoren, die den Vegs erz√§hlen, wie ihre Fleischauswahl stattfindet. Hier ist der zweite Haken an deiner Geschichte oder gehst du wirklich nie ins Restaurant oder isst Mutters Schweinebraten, kaufst eine Bratwurstsemmel am Christkindlsmarkt?

Dies nur um Verst√§ndnis f√ľr meine Seite zu wecken, denn ich bin eine von denen, die ihre Erkenntnisse √ľber die Vorteile des Veganismus gerne teilt und mit dem Anliegen Tier-, Menschen- und Planetenschutz unterwegs ist, ebenso wie du deinen Selbstversuch teilst und die Kommentarfunktion freischaltest. Aber prophylaktisch schon mal darauf hinweist, dass du keinerlei Missionierungsanspruch hegst …, aber ist die Verteidigung, falls du zum Fleischessen zur√ľckkehrst schon gut vorbereitet – ganz ethisch, achtsam, dankbar, respektvoll, nur die eigenen Tiere, selbstgeschlachtet, ja, wer k√∂nnte dir das ausreden oder √ľbelnehmen wollen?

Mir erschlie√üt sich also auch nach dem Lesen des ganz nett geschriebenen Artikels nicht, wie man Spiritualit√§t, Respekt, Achtsamkeit und Dankbarkeit in einen Zusammenhang mit „Schlachten“ bzw. dem T√∂ten eines Tieres f√ľr den eigenen Genuss in einen Zusammenhang stellen kann, es handelt sich m.M.n. auch bei dir um eine Selbstt√§uschung, ohne die der Vorgang des Schlachtens und anschlie√üenden Genie√üens nicht m√∂glich w√§re.

Ich empfehle dazu, sich dies anzusehen: https://www.karmakonsum.de/2012/12/04/konsum-die-psychologie-des-fleischessens/

Das hilft, sich selbst in dem Zwiespalt, noch ein Fleischesser zu sein und evtl. bleiben zu wollen, besser zu verstehen. Alleine, dass du diesen Selbstversuch gestartet hast, ist der Schritt in den Veganismus. Meiner Erfahrung nach nicht reversibel. Ich wage zu prophezeihen, 2013 wird dein letztes Weihnachten mit geschlachteter Heidschnucke sein. Die folgenden Schnuckis werden dem M√§hen der Wiese und dem privaten Streichelzoo dienen, sonst nichts. Falls du dir nicht vorher „Earthlings“ gibst.

Alles Gute auf diesem Weg
-bei mir hat es auch irgenwie mal so √§hnlich angefangen –
Marietta

Auch sehenswert:
https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=gD2jb5qmLdQ#!
https://www.youtube.com/watch?v=rM4He247-Dg&feature=player_detailpage
https://www.milkiscruel.com/

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Judith 17. Januar 2013 - 16:50

Liebe Marietta,
danke f√ľr Dein Feedback.Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viel mit den unterschiedlichsten Menschen √ľber dieses Thema gesprochen. Und ich merke- es l√§√üt keinen kalt, und das zurecht. Um „meine“ Art des 97,3% Vegetarismus noch mal kurz zu beschreiben: Einige Jahren lebten wir auf Demeterbetrieben und hatten den gro√üartigen Lusxus, 100% aller „tierischen“ Lebensmittel aus dem Betrieb selbst herzustellen, was ich als sehr befriedigend empfunden habe.
Seit einiger Zeit jedoch m√ľssen wir einkaufen(und das ist mir ein Graus), und seit dem habe ich das Fleisch essen komplett aufgegeben, weil mir tats√§chlich physisch √ľbel davon wird (nein, nicht weil ich zu viel youtube geschaut habe)…also nix mit ab und zu mal Bratwurst oder so…in diesem Fall bin ich wohl (zwangsl√§ufig)tats√§chlich die Sorte Omnivorin, die wirklich und wahrhaftig nur die eigenen Tiere i√üt. Denn unsere L√§mmer schmecken mir, nach wie vor, mir wird nicht schlecht, und ich habe nicht das Gef√ľhl, etwas falsches zu tun, indem ich sie schlachte und dann auch gerne esse.
Vielleicht noch eine Sichtweise, die mir im Laufe meiner schamanischen Arbeit doch immer klarer wird, und sich f√ľr mich stimmig anf√ľhlt. Ein Schaf,und auch eine Rind, ist ein Beutetier. Sie haben sich evolution√§r dazu entwickelt. Und tats√§chlich wissen sie um diese Aufgabe des N√§hrens.Wenn Du schamanisch arbeitest, kannst Du die „Gruppenseele“ solcher Tierarten w√§hrend einer Reise besuchen.Und es hat mich erstaunt, wie sehr sie sich ihrer Aufgabe bewusst sind. Aber der Mensch hat das mi√übraucht, wie so vieles, weil seine Gier keine Grenzen kennt,und er den Respekt vor den Tieren als Mitgesch√∂pf g√§nzlich verloren hat. D A S ist in meinen Augen das Problem.
Ich habe mit unseren Schafen ein sehr pers√∂nliches Abkommen getroffen: Sie leben in relativer Sicherheit und zufrieden bei uns in ihrer kleinen Herde. Die weiblichen L√§mmer behalten oder verkaufen wir. Die m√§nnlichen werden geschlachtet, dienen uns als willkommene Abwechslung auf unserem Speiseplan. Das f√ľhlt sich f√ľr mich einfach rundherum richtig an. Mir ist klar, dies ist mein pers√∂nlicher Weg, der f√ľr niemanden sonst richtig oder auch nur nachvollziehbar sein muss, und er ergibt sich aus meiner Sicht auf die Welt.
Und was die aussterbenden Nutztiere angeht- ich habe mich da gar nicht auf die Tiere aus der Massentierhaltung bezogen- diese gequ√§lten Wesen w√ľrden „in freier Wildbahn“ so oder so schnellstens ihr Leben lassen. Sie k√∂nnen ja kaum laufen, geschweige denn sich ern√§hren. Nein, mir liegen z. B. die alten Nutztierrassen am Herzen, f√ľr deren Erhalt ich mich einsetze, weil ich es wichtig finde, sie als Mitgesch√∂pfe zu erhalten.Und das k√∂nnen sie (meine Sicht als Biolandwirtin) nicht als reine „Streicheltiere“.
Und noch etwas stimmt mich in Bezug auf Spritualit√§t und Fleischkonsum nachdenklich: Ich habe z. B. viele American Natives als spirituell hochentwickelte Menschen in meinem Bewusstsein. Die Lakota, als Volk von jagenden Nomaden, haben vorwiegend von tierischen Produkten gelebt.Und gleichzeitig haben sie die Tiere als Br√ľder und Lehrer betrachtet, und die Sch√∂pfung in Ehren gehalten. Fleischkonsum an sich kann ich, f√ľr mich, nicht verdammen.
Und ein bekannter und anerkannter mongolischer Schamane, hochspirituell und brilliant, wird sich kichernd die Hand vor den Mund halten, wenn ich ihm von der seltsamen Idee berichte, Menschen könnten nur dann zu wahrer Spiritualität finden, wenn sie aufhören Fleisch zu essen.

Alles Liebe,
Judith

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