Die Kraft der Entscheidung – Martin Frischknecht

von Thomas
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© Steffz / photocase.de

Links oder rechts, zustimmen oder ablehnen, Apfel, Birne oder Banane? StĂ€ndig mĂŒssen wir uns entscheiden, und das ist so was von anstrengend. Das ĂŒberlassen wir lieber anderen oder Maschinen. Doch dabei geht viel verloren.

Eine vergnĂŒglich-philosophische Betrachtung ĂŒber Wege und Irrwege der Entscheidungsfindung

von Martin Frischknecht, Redaktionsleiter der empfehlenswerten Zeitschrift SPUREN

 

 

Sie hatte vier Kinder grossgezogen, den Haushalt gefĂŒhrt und ihrem Mann den RĂŒcken freigehalten, wĂ€hrend dieser eine steile Karriere in der Industrie hinlegte. Mit seinem Einkommen stieg der Wohlstand der Familie, und als die Kinder ausgeflogen waren, blickten sie einem gesicherten Ruhestand entgegen. Doch kurz vor der Pensionierung scherte ihr Mann aus. Er traf sich mit anderen Frauen, durchlebte eine zweite Jugend und verliess die gemeinsame Wohnung.

Da war sie allein. Durch diese Zeitschrift erfuhr sie von einem Trauerseminar, geleitet vom griechischen Psychologen Jorgos Canacakis. Obwohl sie in ihrem Leben noch nie an so etwas teilgenommen hatte, meldete sie sich an zu einem EinfĂŒhrungswochenende. So stand sie am Tag X am Bahnhof und wartete auf den Zug, der sie zum Seminarort bringen sollte.

Das ist nun mehr als zwanzig Jahre her, doch sie sagt, das Bild stehe vor ihren Augen, als ob es gestern gewesen wĂ€re: Der Zug kam. Die Lokomotive fuhr ein, sie sah die RĂ€der auf sich zukommen und fĂŒhlte in sich ein Schieben. Etwas drĂ€ngte sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Bevor sie sich aufs Gleis warf, vernahm sie in sich eine Stimme: «Tu’s nicht, dieser Mann ist es nicht wert.»

Das hielt sie am Leben. Sie bestieg den Zug, fuhr zum Seminar und traf sich mit Leidensgenossinnen. Manch einer ging es weit schlimmer als ihr. Sie alle lernten an dem Kurs, ihr Leid zu beklagen, ihren GefĂŒhlen Ausdruck zu verschaffen und dadurch wieder in Fluss zu kommen. In den Fluss des Lebens. Das Wochenende im Tal der TrĂ€nen war der Wendepunkt. Von da an ging’s wieder bergauf fĂŒr sie.

 

STILLE TAT

Kein Zweifel, die Frau hat damals eine gute Entscheidung getroffen. Es war die richtige, die notwendige Entscheidung fĂŒr sich und fĂŒr ihre Lieben, fĂŒr ihren Mann, von dem sie seitdem getrennt lebt, aber auch die richtige Entscheidung fĂŒr den LokfĂŒhrer, die Umstehenden, die Kursteilnehmerinnen, fĂŒr Enkel und Urenkel, die da noch kommen sollten.

Mit anderen Worten: Es war eine weitreichende Entscheidung, seltsamerweise aber eine, von der die meisten Betroffenen bis auf den heutigen Tag nichts erfahren haben. HĂ€tte sie sich anders entschieden, hĂ€tte sie ihrem Leben damals ein Ende gesetzt, hĂ€tte sich ihr Freitod als schicksalsschweres Zeichen von Vorwurf, Schuld und VerhĂ€ngnis ins Leben vieler Menschen eingebrannt. So aber ist es bei einer stillen Tat geblieben, deren Auswirkungen sich erst nach und nach subtil ausbreiteten und unerkannt ihre BlĂŒten trieben. Wohlriechende, hilfreiche Blumen, deren Schönheit kaum je der Urheberin zugeschrieben werden.

 

NICHT ALLES EINS

Wer eine Entscheidung trifft, nimmt eine Trennung vor, und das ist nicht gerade eine LieblingsbeschĂ€ftigung spirituell orientierter Menschen. Die wollen doch lieber das grosse Ganze sehen, wollen zusammenfĂŒhren und vereinen, wobei sie verborgene ZusammenhĂ€nge im Auge behalten. Wohl wahr, Gut und Böse haben miteinander zu tun, Schwarz und Weiss bedingen sich gegenseitig, und das Opfer könnte ohne den TĂ€ter nicht sein. Doch solche Wahrheiten gelten auf einer Ebene, auf deren Höhe wir unser Leben eher selten verbringen. Im Alltag sehen wir uns stĂ€ndig vor Fragen gestellt wie «Rechts oder Links?», «DafĂŒr oder Dagegen?», «Annehmen oder Ablehnen?», und da helfen GemeinplĂ€tze nicht weiter.

NatĂŒrlich ĂŒberlassen wir manch eine Entscheidung des tĂ€glichen Lebens gerne anderen, und aus praktischen GrĂŒnden ist das auch gut so. Ein Navigationsinstrument im Fahrzeug fĂŒhrt gewöhnlich zuverlĂ€ssig ans Ziel, an die Verkehrsregeln halten wir uns zum eigenen Vorteil, und eine politische Partei erarbeitet sich ihre Meinung ĂŒblicherweise sorgfĂ€ltig, bevor sie eine Parole ausgibt.

Doch hier wie dort braucht es eine Vorentscheidung – selbst wenn diese unbewusst fĂ€llt, muss sie getroffen werden: Wir entscheiden uns zugunsten einer Partei, an deren Empfehlungen wir uns halten. Wir installieren ein Navigationsinstrument und schalten es ein, bevor wir losfahren. Und wir stimmen stillschweigend den Regeln zu, sowie wir vor das Haus treten, einen öffentlichen Weg betreten und zu Verkehrsteilnehmern werden.

 

PRALINEN UND KONFITÜREN

Daneben gibt es die bewusste Entscheidung, da nehmen wir wahr, dass wir die Freiheit haben, verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abzuwĂ€gen und uns auf etwas festzulegen. ZĂ€hneputzen muss sein, finden die meisten Menschen. Womit das aber getan wird, hĂ€ngt von vielen verschiedenen Entscheidungen ab. Da gilt es zunĂ€chst, das richtige Werkzeug auszuwĂ€hlen und dazu natĂŒrlich eine Tube mit Zahnpasta. Klingt einfach, doch wer im Supermarkt vor dem entsprechenden Regal steht und das Angebot gewissenhaft durchgeht, kann ganz schön ins GrĂŒbeln geraten.

Weil es bei solchen Entscheidungen ums Geld geht, gibt es dazu selbstverstĂ€ndlich die entsprechende Marktforschung. Die hat ergeben, dass ein Mehr an Auswahl den Konsumenten nicht unbedingt glĂŒcklicher macht. Vielmehr gibt es eine optimale Zahl an Wahlmöglichkeiten. Wer bei Pralinen oder KonfitĂŒren aus einem Angebot von 6 verschiedenen Geschmacksrichtungen wĂ€hlen kann, fĂŒhlt sich besser, als wenn er aus 24 verschiedenen Produkten zu wĂ€hlen hat. Das klingt paradox, hat aber eine einleuchtende ErklĂ€rung: Die Entscheidung fĂ€llt zugunsten von einem Produkt, zugleich aber gegen alle anderen Produkte im Angebot. 23-mal Ablehnen ist ja so was von anstrengend.

 

IM ZAUDERMODUS

Das ist das Dilemma unserer Zeit. Wir leben in einer Multioptionen-Gesellschaft und können dank kleiner und grosser elektronischer Hilfsmittel potenziell stĂ€ndig ĂŒberall sein. Zumindest virtuell. Der Körper und die Sinne sind immer noch an einen Ort gebunden und in einer Zeit verankert, im Hier und Jetzt. Doch die Gedanken, die schweifen mal hierhin, mal dorthin. Sie sind ĂŒberall, bloss nicht dort, wo der Körper ist. An diese permanente Abwesenheit haben wir uns gewöhnt, sie ist uns zum vertrauten LebensgefĂŒhl geworden. Virtuell haben wir schon vor der EinfĂŒhrung von Computer und Internet gelebt. Die neuen Medien haben diesen Zustand bloss auf eine höhere Stufe gehoben und die Möglichkeiten des Aufschiebens potenziert.

Landauf, landab klagen Kursveranstalter und SeminarhĂ€user ĂŒber die mangelnde Bereitschaft ihrer Kunden, sich fĂŒr einen Anlass im Jahresprogramm beizeiten anzumelden. Es ist, als ob die Ausschreibung die Leute nicht erreicht hĂ€tte; der Seminarraum und die Unterkunft sind lange im Voraus gebucht, Wochen, Monate vergehen, in denen sich gelegentlich provisorisch jemand auf die Teilnehmerliste setzen lĂ€sst. Erst in den letzten Tagen entscheidet man sich dann.

Umso drĂ€ngender schreit das Leben nach Entscheidung: Bewusst wahrnehmen, welche Optionen sich anbieten, eine Wahl treffen und sich ohne Zögern dranhalten. Das verleiht einem eine gerichtete Kraft. Und egal, was daraus wird, erteilt einem das Leben eine Antwort, die anders nicht zu haben wĂ€re. Nur wer sich entscheidet, weiss spĂ€ter, was daraus geworden ist. Wer auf einer Kreuzung stehen bleibt, weil er sich nicht entscheiden kann, welche Richtung er einschlagen will, macht dabei vielleicht nichts falsch, lĂ€uft aber auch Gefahr, vom Leben ĂŒberrollt zu werden, weil er in den Weg kommt. Den Zaudermodus hinter sich lassen und sein Leben in die Hand nehmen, lautet eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit.

 

WÜRFEL, STÜHLE, MÜNZEN

Vielleicht mĂŒsste man dazu einen Kurs ausschreiben: «Entscheiden, aber richtig». Jeder Teilnehmer wĂŒrde sich verpflichten, vorab einen Roman zu lesen, der die Sache in existenzieller Dringlichkeit durchspielt: Der WĂŒrfler von Luke Rhinehart. Dessen Handlung ist zwar beileibe nicht jugendfrei, doch vermittelt dieses Buch eine Art der Entscheidungsfindung, die im Verlauf der Geschichte auf den Leser regelrecht einen Sog ausĂŒbt. Sechs Möglichkeiten breitet das Leben vor einem aus. Jede einzelne ist aufzuschreiben, danach trifft der WĂŒrfel die Wahl. SteuererklĂ€rung ausfĂŒllen, die Nacht durchtanzen, den Nachbarn zum Essen einladen, frĂŒh ins Bett, mit tausend Franken ins Casino, sich bei einer Partnerbörse anmelden. Die Chancen stehen 1:5. Egal, was dabei herauskommt, der WĂŒrfel hat immer recht, und seiner Entscheidung ist unbedingt Folge zu leisten.

Beim Kurs selber wĂŒrden die Teilnehmer verschiedene Methoden der Entscheidungsfindung kennenlernen und damit experimentieren. Allzu viele Methoden wĂ€ren es wohl kaum. Man weiss ja, wie das geht: Statt sich auf einen konkreten Entscheidungsprozess einzulassen, wĂŒrde manch einer sich schwertun mit der Wahl des Hilfsmittels, das ihn dabei begleiten soll. Solche Hilfsmittel gibt es naturgemĂ€ss viele. Sich damit herumschlagen, welche Methode die dienliche ist, fĂŒhrt vom Regen in die Traufe.

Nehmen wir drei: die MĂŒnze, drei Stimmen oder drei MĂŒnzen. Die Methode, eine MĂŒnze durch die Luft zu wirbeln und auf Kopf oder Zahl zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden zu lassen, erscheint denkbar einfach. Sie erfordert einiges an Vorbereitung, bei der es darum geht, ein Maximum an Reduktion zu erzielen. Eine vielleicht komplexe Frage ist herunterzubrechen auf zwei mögliche Antworten. Im Fussball geht das gut vor dem Anstoss bei der Wahl der PlatzhĂ€lften. Wird im Verlaufe des Spiels jedoch ein Foul begangen, wĂŒrde eine Entscheidung des Schiedsrichters durch MĂŒnzwurf gewiss nicht akzeptiert.

Die Methode der Entscheidungsfindung durch drei Stimmen wird dem genialen Trickfilmer Walt Disney zugeschrieben. Dieser habe sich vor einer wichtigen Entscheidung alleine in einen Raum zurĂŒckgezogen und darin nach eigenem GutdĂŒnken drei StĂŒhle platziert. Jedem Stuhl wurde eine Stimme zugeordnet, und auf jedem habe ein Blatt Papier und ein Stift gelegen. Sitzt man auf dem ersten Stuhl, so notiert man sich, was der TrĂ€umer und VisionĂ€r in einem zu sagen hat, Gedanken, GefĂŒhle, innere Bilder, einfach alles, was in die Feder fliesst. Auf dem zweiten Stuhl kommt der rationale Realist zum Ausdruck, der dritte Stuhl ist fĂŒr den kritischen Gegenspieler reserviert. Jede Stimme hat ihre zehn Minuten Aufmerksamkeit. Danach werden die verschiedenen Aussagen gegeneinander aufgewogen, und die Entscheidung wird gefĂ€llt.

Mit dem Werfen dreier MĂŒnzen lĂ€sst sich das chinesische Orakel I Ging befragen. UrsprĂŒnglich hantierte der Ratsuchende mit einer grossen Zahl von SchafgarbenstĂ€ngeln, die es in einem aufwĂ€ndigen Prozedere aufzuteilen und auszuscheiden galt, bis eine von sechs Linien bestimmt war. Mit den MĂŒnzen geht das schneller. Sechs WĂŒfe ergeben eine Kombination von sechs Strichen und damit eines von 64 möglichen Zeichen des I Ging. Der Fragende findet so gewissermassen zu einer Adresse an einem Rundweg mit 64 HĂ€usern. Was einem in dem Haus begegnet, hĂ€ngt stark von der Tagesform des Konsultierenden ab und von seiner Offenheit, die zuweilen obskuren SprĂŒche des jahrtausendealten Orakelbuches auf sich wirken zu lassen. Eindeutige Anweisungen im Sinne von «Tue dies» oder «Unterlasse jenes» sind vom I Ging eher nicht zu haben. Stattdessen bildet sich im regelmĂ€ssigen OrakelgĂ€nger ein VerstĂ€ndnis heraus fĂŒr das Zusammenspiel subtiler KrĂ€fte, die dem Leben zugrunde liegen.

 

«HIER STEHE ICH»

MĂŒnzen, StĂŒhle, SchafgarbenstĂ€ngel – ist das nicht alles reichlich antiquiert? Heute lĂ€sst sich das doch mit ein paar Mausklicks weit bequemer haben. Alleine vom I Ging gibt es gleich mehrere Apps, die einen betont benutzerfreundlich mit der jahrtausendealten Weisheit verbinden. Und selbstverstĂ€ndlich lĂ€sst sich online eine Tarotkarte ziehen, lassen sich virtuelle WĂŒrfel werfen oder tagesgenau der Maya-Kalender konsultieren. Manch eines dieser Angebote ist kostenlos zu haben, und was man mit der entsprechenden Auskunft dann tatsĂ€chlich tut, bleibt einem schliesslich selber ĂŒberlassen.

Eben. Beim mĂŒhelosen Vorgehen fehlt der Aufwand. Wer sich zu Zeiten der alten Griechen nach Delphi bemĂŒhte, um dort das legendĂ€re Orakel zu konsultieren, wer sich mit Beratern trifft, um das FĂŒr und Wider einer strittigen Angelegenheit stundenlang zu erwĂ€gen, wer StĂŒhle durch einen Raum trĂ€gt, um seinen Teilpersönlichkeiten eine Stimme zu verleihen, der steckt viel Energie in den Entscheidungsprozess und richtet sich im Verlaufe einer langen ErwĂ€gung darauf aus, die Entscheidung im Vollbesitz seiner KrĂ€fte zu treffen. Wie die konkrete Entscheidung dann ausfĂ€llt, und ob diese sich im RĂŒckblick als richtig oder als falsch herausstellt, ist gar nicht mal so wichtig. Weit wesentlicher ist die BĂŒndelung der Energie und der Mut, sich bewusst festzulegen.

«Hier stehe ich und kann nicht anders», soll Martin Luther 1521 gesagt haben vor dem Reichstag in Worms, vor Kaiser und KirchenmĂ€nnern, die von ihm den Widerruf seiner Thesen erwarteten. Der Reformator hatte sich seine Sache reiflich ĂŒberlegt. Es ist nicht so, dass er als fanatischer ÜberzeugungstĂ€ter angereist wĂ€re und von vornherein klar war, er wĂŒrde sein Ding durchziehen. Nach seinem Auftritt vor dem Reichstag hingegen stand fest, dass es fĂŒr ihn keinen RĂŒckzug mehr gab und er seine Ansichten auf Gedeih und Verderb bis ans Lebensende verteidigen wĂŒrde. Ob Luthers Entscheidung damals richtig war oder falsch, darĂŒber streiten die Theologen unterschiedlicher Bekenntnisse wohl noch heute. HĂ€tte der Reformator seine Einsichten jedoch auf die leichte Schulter genommen und wĂ€re er nicht dafĂŒr eingestanden, so wĂ€re die Sache wohl lĂ€ngst vergessen.

Kehren wir zurĂŒck in unsere Zeit und wenden wir uns einer Sparte zu, die im Zentrum unseres Hoffens und Bangens steht. Dort geht es nicht um subtile Energie und Erleuchtung, sondern um Profit und Boni, die scheinbar handfesten Resultate wirtschaftlichen Handelns. Im Dokumentarfilm Master of the Universe berichtet der ehemalige Investment-Banker Rainer Voss aus dem Innenleben der Finanzwelt, wo man per Mausklick Millionen verschiebe und sich dabei vorkomme wie auf der KommandobrĂŒcke von Raumschiff Enterprise. Zweifellos werden bei dieser Art von TĂ€tigkeit Entscheidungen von enormer Tragweite getroffen, und dass sich die Akteure ziemlich grossartig vorkommen, verrĂ€t schon der Filmtitel.

Wie in der Branche die Entscheidungen zustande kommen, muss man sich allerdings selber ausrechnen. Zum Beispiel anhand dieser Aussage: «Nach dem Krieg betrug die durchschnittliche Besitzdauer einer Aktie 4 Jahre», erklÀrt der mit gut 50 pensionierte Investment-Banker. Damals wurde ein Wertpapier also 4 Jahre gehalten, bevor es an der Börse mit Gewinn oder Verlust wieder verÀussert wurde. Die Börsianer galten damals schon als hektisches, stressgeplagtes Völklein mit eigenen Regeln. Heute betrÀgt die durchschnittliche Besitzdauer einer Aktie, gemÀss Voss, 22 Sekunden.

Das ist kein Schreibfehler. Sie haben richtig gelesen, es sind 22 Sekunden. So lange wird ein Wertpapier heute besessen, bevor es seinen Besitzer wechselt. Durchschnittlich. Das heisst, es gibt zahlreiche Wertpapiere, die in noch kĂŒrzerem Abstand gehandelt werden. Die Metapher «die Hand wechseln» greift zur Beschreibung dieser VorgĂ€nge grotesk ins Leere. Es handelt sich um ein kaufĂ€hnliches hektisches Verschieben zwischen eigens dazu eingerichteten Computerlandschaften. Die Entscheidungen der dort rund um die Uhr tĂ€tigen Hochleistungsrechner fallen automatisch aufgrund von Programmen, welche die Rechner auf Ă€ussere Reize reagieren lassen.

Der schreiende BörsenhĂ€ndler hat sich ĂŒberlebt, an seine Stelle sind wesentlich schnellere und effizientere Computer getreten, welche die Transaktionen in Bruchteilen von Sekunden erledigen. Einen Menschen braucht es an der Stelle nicht mehr. Umso drĂ€ngender sind wir gefordert, das Heft wieder in die Hand zu nehmen und in jenen Bereichen, in denen wir das noch können, bewusst Entscheidungen zu treffen. Auf die Weise, die nur wir Menschen drauf haben: mit Herz und Verstand.

 

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Über Martin Frischknecht:

Er ist Redaktionsleiter der empfehlenswerten Printmagazins SPUREN. Von Beruf ursprĂŒnglich BuchhĂ€ndler, hat er 2000 das Wagnis unternommen, selber BĂŒcher zu verlegen. Das Abenteuer begann mit «Nichts tun – Am Ende der spirituellen Suche» des amerikanischen Autors Steven Harrison. Seitdem sind in der EDITION SPUREN rund 40 Titel erschienen.

 

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