Das Lebensrestaurant – Fabian Ries

von Thomas
Das Lebensrestaurant_Fabian Ries_MYSTICA1

© David-W- / photocase.de

Wie man W√ľnsche richtig bestellt, damit sie in Erf√ľllung gehen – davon handelt dieses inspirierende und unterhaltsame Essay eines jungen Autors.

von Fabian Ries

 

Karl sitzt im Restaurant. Der Kellner kommt vorbei und legt Stift und Notizblock an. ‚ÄěSie w√ľnschen?‚Äú Karl antwortet mit grummelnden Magen: ‚ÄěIch habe Hunger. Ich will Essen!‚Äú. Der Kellner wartet noch einen Augenblick, bis er wieder fragt: ‚ÄěSie w√ľnschen?‚Äú Doch Karl erwidert nur ‚ÄěHabe ich doch gesagt! Ich will ESSEN‚Äú. Der Kellner verl√§sst Karl, um sich um seine weiteren G√§ste zu k√ľmmern. Soll er doch erst mal herausfinden, was er wirklich m√∂chte‚Ķ
Dies klingt verr√ľckt. Doch wie oft verhalten wir uns genau wie Karl?
-Ich bin zu dick, ich will abnehmen.
-Ich bin schlecht in der Schule/Studium. Ich will besser sein.
-Mein Chef ist ein Arschloch. Ich will hier weg.
Wie viel willst du abnehmen? Reichen dir ein paar Gramm? Was bedeutet es f√ľr dich besser zu sein? Beschr√§nkst du es nur auf deine Noten? Willst du in eine andere Abteilung, anderes Unternehmen oder als Selbst√§ndiger arbeiten?
Bei vielen von unseren W√ľnschen w√ľrde der Kellner des Lebens keine Ahnung haben, was er uns bringen soll. Meistens sind es nur allgemeine W√ľnsche, die weder messbar noch spezifisch sind. Wie Karl schreien wir nur unsere Bed√ľrfnisse in die Welt und das Leben reagiert ‚Äď es wartet bis wir wirklich wissen, was wir begehren. Doch fahren wir fort.

Karl hat verstanden, dass er nun konkreter sagen muss, was er m√∂chte. Er nimmt sich das Men√ľ vor und studiert es eingehend. Der Kellner kommt und fragt wiederum ‚ÄěSie haben eine Entscheidung getroffen, Sir?‚Äú. Karl antwortet ‚ÄěJa, habe ich. Ich will auf keinen Fall die Fischsuppe‚Äú. Der Kellner nickt, notiert sich die Fischsuppe und schreitet in die K√ľche. Der Kellner ist so sehr darauf trainiert Bestellungen aufzunehmen, dass er das Wort ‚Äěnicht‚Äú nicht versteht und nur das Bild der Bestellung im Kopf hat.
Als er Karl die Fischsuppe serviert, ist dieser außer sich.
Dies klingt vielleicht verr√ľckt, doch wie oft konzentrieren wir uns auf Dinge, die wir nicht m√∂chten? Ich hoffe, dass ich die Pr√§sentation nicht versaue‚Ķ Ich will blo√ü nicht beim Test durchfallen‚Ķ Ich will nicht alleine sein‚Ķ Ich nehme bestimmt f√ľnf Kilo zu, wenn ich dieses St√ľck Erdbeerkuchen esse.
√Ąngste sind m√§chtig, weil sie deinen Fokus auf die Dinge lenken, die du vermeiden m√∂chtest. Doch der Kellner des Lebens unterscheidet nicht zwischen Gutem und Schlechten und bringt dir das worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst.¬†Konzentriere dich immer auf das was du m√∂chtest. Die bestm√∂gliche L√∂sung. Die sch√∂nste Situation. Das optimalste Ergebnis.
Karl ist nun ein bisschen hilflos. Was soll er nur w√§hlen? Es gibt so viele M√∂glichkeiten. Als der Kellner kommt und nach der Bestellung fragt, z√∂gert Karl. In dem Moment lehnt sich ein √§lterer Herr mit faltigem Gesicht und Cowboyhut vom Nachbartisch zu Karl. Er winkt den Kellner her und sagt: ‚ÄěKarl nimmt eine Lasagne mit dem fettigsten K√§se den sie haben‚Äú. Der Kellner notiert sich die Bestellung und bringt sie zur K√ľche.
Schon sehr abwegig? Doch wie oft bestellen unsere Eltern, Chefs, Lehrer, Freunde oder die ‚ÄěGesellschaft‚Äú f√ľr uns? Wie auch Karl geben wir unsere Macht ab und lassen uns unsere W√ľnsche diktieren. Woher kommt der Plan von Haus bauen, Familie gro√üziehen und acht Stunden arbeiten? Wir sind zu einem gro√üen Teil fremdbestimmt und umso eher wir uns dies bewusst werden, umso eher k√∂nnen wir uns davon l√∂sen. Denn eine Sache ist klar:¬†Wir sind nicht auf diese Welt gekommen, um nach den W√ľnschen und Vorstellungen Anderer zu leben ‚Äď egal wie nahe sie uns stehen.

Dies hat nun auch Karl verstanden. Er entscheidet sich f√ľr den Caesar Salad. Als der geduldige Kellner wieder die Bestellung aufnehmen m√∂chte, ist Karl durch die vielen Fehlversuche sehr verunsichert und bestellt sehr z√∂gerlich und sch√ľchtern mit den Worten ‚Äěwenn es Ihnen keine Umst√§nde macht, dann h√§tte ich bitte gerne einen Caesar Salad, also das w√§re schon toll‚Ķ‚Äú
Wer bestellt schon so in einem Restaurant? Doch wo liegt hier der Unterschied zu deinem Leben? Wann hast du das letzte Mal die F√§uste auf den Tisch gehauen und eine Entscheidung getroffen, die von Klarheit und Kraft nur so gestrotzt hat? Ich¬†entscheide mich¬†bei der n√§chsten Klausur eine 1,3 zu schreiben! Ich¬†entscheide mich¬†flie√üend Spanisch sprechen zu k√∂nnen! Ich¬†entscheide mich¬†dreimal in der Woche Sport zu treiben! Und ich w√§hle ein Leben, das vor Gl√ľck, Gesundheit und Liebe √ľberl√§uft! DAS wird vom Kellner des Lebens verstanden.
Doch wir haben Angst. Machen uns Klein, damit unsere Kraft die Anderen nicht einsch√ľchtert. Blo√ü nicht arrogant wirken. Was ist wenn es nicht klappt? Es gibt viele Gr√ľnde, um nicht kraftvoll das vom Leben einzufordern, was man m√∂chte. Doch es gibt einen guten Grund es zu tun:¬†Es muss sein. Es gibt keine Ver√§nderung und keinen Erfolg, ohne dass davor eine kraftvolle Entscheidung getroffen wurde. Wenn du etwas √§ndern m√∂chtest in deinem Leben, dann mit Entschlossenheit.

Und Karl ist nun entschlossen. Er winkt den Kellner her, schaut in tief in die Augen und sagt: ‚ÄěIch m√∂chte einen Caesar Salad, pronto.‚Äú Der Kellner schreibt die Bestellung auf, bedankt sich und schreitet in Richtung K√ľche. Karl ist ganz erfreut, dass es doch so leicht geht zu bestellen.
Als er in der Wartezeit die anderen Gerichte der Restaurantg√§ste sieht, wird er pl√∂tzlich unsicher. Er sieht dampfende Thai-Suppen, sorgsam gef√ľllte Paprikaschoten und duftende zitronen-fenchel Risotto. Hat er die richtige Entscheidung getroffen? Als der Kellner gerade zu einem anderen Tisch laufen wollte, h√§lt ihn Karl auf, zieht seine Salat-Bestellung zur√ľck und bittet um Bedenkzeit. Der Magen bleibt leer.
Auch wir sind von der F√ľlle an M√∂glichkeiten erst mal erschlagen und bestellen etwas, um es dann gleich wieder abzubrechen. Ich will eine Freundin hei√üt es am Montag und am Dienstag freut man sich √ľber sein Singleleben. Diese widerspr√ľchlichen Signale sind wie verschiedene Bestellungen im Leben. Was soll der Kellner bringen? Auch viele unserer Handlungen stehen im Konflikt zu unseren W√ľnschen. Wir naschen, obwohl wir abnehmen wollen und schauen Fernsehen, obwohl wir uns nach Freunden und Liebenden sehnen.¬†Erst wenn unsere Gedanken, Worte und Handlungen im Einklang eine Bestellung formulieren versteht der Kellner was wir w√ľnschen.
Karl denkt dar√ľber nach, was er wirklich m√∂chte. Als sich der √§ltere Mann mit dem Cowboyhut wieder zu ihm lehnt, blockt ihn Karl freundlich ab. Er schafft das schon alleine. Seine Unsicherheit ist verschwunden. Er ist konzentriert und freut sich darauf bestellen zu k√∂nnen. Als der Kellner kommt w√§hlt Karl mit einem L√§cheln. Er wei√ü, dass es nicht seine letzte Bestellung sein wird und daher nicht perfekt sein muss. Warum auch? Er hat unendlich viele Bestellungen noch vor sich und kann noch so viel ausprobieren. Die Wahrheit ist, dass Karl immer bestellen muss,¬†er kann nicht nicht bestellen. Es ist wie ein Spiel, dessen Regeln er jetzt verstanden hat.
Ihm fällt zudem auf, dass nirgendwo Uhren hängen. Keiner der Gäste trägt eine Armbanduhr und auch der Kellner nicht. Im Lebensrestaurant existiert das Konstrukt der Zeit nicht. Karl versteht, dass seine Ungeduld nie mit dem verstreichen von Zeit zu tun hatte, sondern mit seinem Mangel an Vertrauen. Der Kellner des Lebensrestaurants kennt keinen Zeitdruck. Keine Hetze. Kein Drang. Er serviert. Mehr muss Karl nicht wissen.
Karl¬†sieht¬†andere G√§ste, die entr√ľstet aufstehen, weil sie f√ľr ihr Empfinden zu lange auf ihre Bestellung warten m√ľssen.
Doch er bleibt entspannt. Er beobachtet nicht mehr gierig die dampfenden Teller, die an ihm vorbei gereicht werden. Er versucht nicht mehr den Kellner mit seinen wartenden Blicken auf sich aufmerksam zu machen. Er kontrolliert nicht mehr jeden einzelnen Schritt des Kellners.
Er redet viel lieber mit den anderen G√§sten. Hilft ihnen ihre Bestellungen zu formulieren. Spricht √ľber das liebevoll eingerichtete Ambiente und begl√ľckw√ľnscht sie zu ihren leckeren Gerichten.
Dabei stellt Karl¬†fest, dass der Kellner noch so komplizierte Extraw√ľnsche ber√ľcksichtigt. F√ľr ihn macht es keinen Unterschied, ob ein Drei-G√§nge-Men√ľ oder ein Fleischpflanzerl mit einem trockenem Salatblatt bestellt wird.¬†Der Kellner unterscheidet nicht zwischen ‚Äěschweren‚Äú und ‚Äěleichten‚Äú Gerichten. Er serviert einfach.
Der Moment ist gekommen: Der Kellner √ľberreicht¬†Karl¬†eine kleine, aber feine Vorspeise. Karl bedankt sich h√∂flich, denn¬†Dankbarkeit bedeutet, dass man akzeptiert, was man selber bestellt hat.
Er hat gelernt¬†Kontrolle aufgeben, sich zur√ľcklehnen und entspannt auf die herrlichen Gerichte zu warten, die der Kellner mit Freuden serviert.
Es ist die leckerste Suppe, die Karl je gekostet hat.
Denn schlussendlich will der Kellner des Lebens nur das Beste f√ľr uns.

Schl√ľsselgedanken
-Bei vielen von unseren W√ľnschen w√ľrde der Kellner des Lebens keine Ahnung haben, was er uns bringen soll. Was willst du wirklich?
-Denk nicht √ľber die Fischsuppe nach, wenn du keine Fischsuppe m√∂chtest!
-Wir sind nicht auf diese Welt gekommen, um nach den W√ľnschen und Vorstellungen Anderer zu leben
-Eine kraftvolle Entscheidung ist ein Muss f√ľr jegliche Ver√§nderung.
-Deine Bestellung beginnt mit einem Gedanken, m√ľndet in ein Wort und schlie√üt ab mit einer Handlung.
-Dankbarkeit bedeutet, dass man akzeptiert, was man bestellt hat.
-Jede Bestellung geht in Erf√ľllung. Zeit existiert nicht. Es kommt meistens dann, wenn du nicht mehr dar√ľber nachdenkst, losl√§sst und dich um andere k√ľmmerst.

 

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√úber Fabian Ries:

Fabian inspiriert auf seinem Blog Freigeister! Menschen, die √ľber den Tellerrand schauen, quer denken und authentisch leben (wollen). Dabei be-geistert er als durch eine Mischung aus Psychologie und Spiritualit√§t seiner Leser in Form von unterhaltsamen Geschichten. W√§hrend seiner Asienreise arbeitet er gerade an seiner gr√∂√üten Geschichte: seinen ersten Roman.

www.fabianries.de

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