Bildung-Menschwerdung – Wolf Schneider

von Redaktion

Sind wir schon die, die wir sein sollen, oder mĂŒssen wir erst erzogen werden? »Ich hab wieder was gelernt«, sagt man nach einer schmerzlichen Erfahrung. So wie politisch Bewegte einst sagten, sie seien »progressiv«: Man wĂ€hnte sich zugehend auf etwas, das besser ist als das hier, jetzt. Heute ist man »spirituell unterwegs«. Gut so, aber wohin denn? Sind wir Menschen nicht schon gut – oder wenigstens akzeptabel –, so, wie wir sind? Bildung und Erziehung sind die klassischen Worte fĂŒr das Streben des Menschen sich zu bessern.

Die Befreiung von Bildern ist ebenso wichtig wie das Erwerben von Bildern; die Entschulung ebenso wichtig wie die Schulung

Bildung – bedeutet das heutzutage, ein paar gefragte Worte in der richtigen Reihenfolge googeln zu können? Erst durch eine lange und mĂŒhevolle spirituelle Entwicklung wird der Mensch zum Menschen, sagte Georges I. Gurdjieff

 

Von Meister Eckart stammt das Wort, das zum SchlĂŒsselbegriff fĂŒr die geistige Schulung im deutschen Sprachraum wurde: Bildung. Es beschĂ€ftigt sich mit der »imago dei«-Lehre, gemĂ€ĂŸ der sich Gott im Menschen ein Bild von sich erschaffen habe. Aber auch der Mensch wirft ein Bild von sich nach außen, sagt Eckart – ein Ziel, eine Vision – und strebt dann danach, diesem Bild Ă€hnlich zu werden – das ist Bildung. Dieselbe Wurzel hat das Wort »Einbildung«: Wir bilden uns ein, jemand zu sein, der wir aber nicht sind. Um nicht zu oft Einbildung mit Bildung zu verwechseln, mag es ratsam sein, nicht nur danach zu streben, zu einem geistig entworfenen Bild von sich selbst zu werden, sondern auch falsche Bilder von sich selbst (und der Welt) loszuwerden. Die Befreiung von Bildern ist genauso wichtig wie das Erwerben von Bildern; die Entschulung genauso wichtig wie die Schulung.


Den Kopf fĂŒllen oder freimachen?

Kurioserweise gibt es im Deutschen das Wort »GehirnwĂ€sche« (Ă€hnlich dem brainwashing im Englischen) fĂŒr die Indoktrination mit unerwĂŒnschten Bildern (von der Welt und von sich selbst). Obwohl doch eher die Bildung – im Sinne einer EinprĂ€gung von Bildern – eine Indoktrination mit etwas Aufgezwungenem ist. So viele Bilder werden uns stĂ€ndig eingeprĂ€gt! Erst wĂ€hrend der Jahre des Heranwachsens, dann fortlaufend durch die Medien. Da sollte doch ab und zu eine WĂ€sche, ein Wegwaschen des aus guten GrĂŒnden Verworfenen, des Veralteten oder Unnötigen, des GerĂŒmpels im Kopf von Nutzen sein.

Hier zeigt sich die Unsicherheit unserer Kultur, vielleicht aller Kultur, bezĂŒglich einer Ethik der Erziehung und Bildung: Geht es dabei eher darum, im Menschen etwas anzubringen, was noch nicht da ist, oder darum, sich von etwas zu befreien, was da ist, aber weg soll, weil es stört? Folgende aus Japan stammende Zen-Anekdote illustriert immerhin, dass FĂŒlle stören kann:

Ein Professor kam zum Zenmeister mit der Frage, was Zen sei. Der Meister aber sagte nichts, sondern schenkte dem Besucher stattdessen erst einmal Tee ein. Zum Entsetzen des Professors aber hörte der Meister nicht auf zu gießen, als die Tasse schon voll war, so dass die heiße FlĂŒssigkeit dem armen Fragesteller ĂŒber die Hand rann, ĂŒber den Tisch, auf den Boden 
 »Warum hören Sie denn nicht auf zu gießen? Die Tasse ist doch lĂ€ngst voll!«, entfuhr es ihm. »Sehen Sie, so ist es mit ihrem Verstand. Was auch immer ich sagen könnte ĂŒber das Wesen von Zen, Ihr Speicher fĂŒr ein solches Wissen ist doch schon ĂŒbervoll und kann gar nichts mehr aufnehmen.«
Bildung als AufklÀrung

Bildung, dieses edle deutsche Wort, gibt sich so MĂŒhe, sich abzuheben von der schnöden Ausbildung und der Erziehung »zu etwas«. Bildung will frei sein von Zweckdenken, will Menschwerdung sein im Eigentlichen, GottesĂ€hnlichen. Bildung sei immer auch AufklĂ€rung, sagten die AufklĂ€rer in der Zeit der deutschen Klassik. Wenn denn also auch Bildung ein »Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten UnmĂŒndigkeit« (Kant) sein soll, dann geht man dabei raus aus etwas, man verlĂ€sst ein GefĂ€ngnis, das man sich laut Kant auch noch selbst gebaut hat; oder man hat die eigenen Erzieher es bauen lassen und versĂ€umt, sich dagegen zu wehren. Also weg mit dem MĂŒll, mit dem was mich einschrĂ€nkt, mit den Schleiern vor meinen Augen, der UnmĂŒndigkeit und der Furcht, ich könne nicht zu mir selbst stehen, nicht mĂŒndig sein. Weg mit der Feigheit, den Schritt in die Freiheit nicht zu wagen und dem Verzagen vor dem Allzuvielen – weg damit. Demnach wĂ€re Bildung nicht der Erwerb von etwas, wir haben doch schon genug, sondern ein Akt der Befreiung von etwas, eine Entledigung.

Jedenfalls hat jede Kultur und jede Epoche ihren eigenen Bildungsbegriff, und der hĂ€ngt sehr eng mit dem zusammen, wofĂŒr sie sich selbst hĂ€lt. Wer der Mensch sein will, zu dem will er sich bilden und seine Kinder dorthin gebildet haben. Bildungsdebatten sind deshalb immer Wertedebatten. Sie rĂŒhren ans Eingemachte einer Kultur, an die Traditionen ebenso wie an Zukunftsvisionen.
Wer weiß schon was

Gerade mal gut fĂŒnftausend Jahre ist es her, dass Menschen die Schrift erfanden. Noch bis ins 20. Jahrhundert konnten die meisten Menschen der Welt nicht lesen und schreiben. Sie erlernten entsprechend der TĂ€tigkeit ihrer Eltern landwirtschaftliche oder handwerkliche Fertigkeiten ebenso wie die Benimmregeln ihrer Kultur. Lesen und Schreiben gehörten meist nicht dazu; nur die Oberschichten einiger Hochkulturen lehrten das, oft verbunden mit der Vermittlung eines Grundwissens ĂŒber die Welt. Ein solches wird in Europa seit der Renaissance ausnehmend hoch bewertet, heute auch in Asien. In den USA, der wissenschaftlich fĂŒhrenden Nation der Erde, die sich als Erbin der AufklĂ€rung sieht, sind die Differenzen zwischen dem Wissen der Elite und dem der Unterschichten jedoch so extrem wie eh und je. Als Bush junior den Irakkrieg begann, wussten die meisten Amerikaner nicht, wo dieses Land liegt. Heute hĂ€lt ein Viertel der Amerikaner Obama fĂŒr einen Muslim, seine EinfĂŒhrung einer Krankenversicherung halten sie abwechselnd fĂŒr faschistisch und sozialistisch, und 42 % von ihnen glauben, dass die heutigen Lebewesen sich nie entwickelt haben, sondern schon immer so waren, wie sie sind, weil sie von Gott so erschaffen wurden.
Ist Bildung gut?

Der große AufklĂ€rer Wilhelm von Humboldt (1767-1835) leitete in Preußen vorbildliche Bildungsreformen ein, die dann ab 1871 auch fĂŒr das vereinigte Deutschland galten. Dazu gehörte das Ideal einer umfassenden Allgemeinbildung, und fĂŒr die UniversitĂ€ten die Verbindung von Forschung und Lehre. Bis in die Weimarer Republik galt das so bildungsreformierte Deutschland neben England als das gebildetste und wissenschaftlich fĂŒhrende Land der Erde. Das hielt die so »gebildeten« Deutschen jedoch nicht davon ab, ganz demokratisch und verfassungsgemĂ€ĂŸ Hitler zum Reichskanzler zu erwĂ€hlen und dann von ihm und seiner Partei den grĂ¶ĂŸten Teil der geistigen Elite aus »völkischen GrĂŒnden« vertreiben oder vernichten zu lassen – ein schwerer Schlag fĂŒr alle Bildungsoptimisten, die dem Glauben anhĂ€ngen, je gebildeter der Mensch sei, desto klĂŒger und vielleicht sogar ethisch besser sei er auch.
Neue Maschinen

Heute sind die Anforderungen an Erziehung, Bildung und Ausbildung andere als zu Zeiten von Humboldt und auch noch der Weimarer Republik. Das Rechnen haben Maschinen ĂŒbernommen, die Rechtschreibung besorgen Computerprogramme. Schönschrift braucht man nicht mehr, man tippt ja auf Tastaturen. Anstelle von Allgemeinwissen haben wir Suchmaschinen – allen voran eine, ĂŒber die 80 % aller Suchanfragen laufen, sie hat dem Suchen ein neues Wort gegeben: googeln. Über die Werbeanzeigen, die dort bei den Antworten platziert werden, ist Google zum mĂ€chtigsten Unternehmen der Welt geworden. Bildung, heißt das unter diesen UmstĂ€nden nur noch, die richtigen Worte in der richtigen Reihenfolge bei Google eingeben zu können? Oder, falls der User ein Öko-Gewissen hat, bei Ecosia? Ist Bildung dann im Wesentlichen nur noch die FĂ€higkeit, die ĂŒber Suchmaschinen gefundenen Antworten im Leben anzuwenden? Lebenskunst als Anwendung des Wissen, das wir gegoogelt oder sonstwie auf dem Bildschirm gefunden haben?
Neue Schwerpunkte

Jedenfalls mĂŒssen die Curricula von heute dem Erlernen folgender FĂ€higkeiten hohe PrioritĂ€t geben: das Internet intelligent zu nutzen; mit Menschen umgehen zu können, die sehr verschieden sind; erfolgreich zu kommunizieren; Freiheit aushalten und nutzen zu können; sich entscheiden zu können; eine Beziehung zu fĂŒhren; gesund zu leben; die eigene Einzigartigkeit zu erkennen und dazu zu stehen; zu meditieren. Kopfrechnen, Rechtschreibung, Gedichte auswendig rezitieren oder historische Daten aufsagen können und ĂŒberhaupt: Faktenwissen aller Art hat an Bedeutung verloren. Wissen braucht man nicht mehr zu »haben«; viel klĂŒger ist es, den Weg zu wissen, wie man es erwirbt, wenn man es denn mal braucht. Also zum Beispiel ein Smartphone am GĂŒrtel zu haben, so wie die Cowboys damals den Colt, um damit im richtigen Moment die richtigen Fragen rausballern zu können. Denn das verfĂŒgbare – und lebensnotwendige! – Wissen nimmt so rasant zu, dass denjenigen, die mit der Infoflut nicht umgehen können, der Tod durch Ertrinken droht.
Elitenbildung einst und jetzt

Dabei ist es durchaus nĂŒtzlich, sich zu erinnern, wie es damals war, als die Kulturen der Menschen sich zu Hochformen aufschwangen. Wie Sokrates unterrichtete (seine »Hebammenmethode«) oder was fĂŒr Wissen der Mystiker und Mathematiker Heraklit weitergab. Wie Mysterienschulen ausbildeten, oder Freimaurerlogen. Wie in Tibet Eliten gebildet wurden: die Auswahl geistiger FĂŒhrer nach dem Tulku-Prinzip und die dann folgende Ausbildung in Klöstern, im Falle des Dalai Lama im Potala-Palast. Oder die Auswahl und Ausbildung von Jiddu Krishnamurti durch die Theosophen, der sein radikaler Abschied von diesem Bildungsideal folgte, was aus ihm ĂŒberhaupt erst den genialen Lehrer machte, der er dann bis zu seinem Lebensende war. Aus den Oberschichten dieser LĂ€nder, auch außerhalb des ehemaligen britischen Weltreichs, schickte, wer sich das leisten konnte, seine Kinder jedoch lieber nach Oxford oder Cambridge, an westliche Eliteschulen, zu denen heute fĂŒhrend auch die Top-UniversitĂ€ten der USA gehören. In Frankreich besorgen Ähnliches die Écoles Normales SupĂ©rieures, in der Sowjetunion waren es die Kaderschmieden der Nomenklatura.
Bildung fĂŒr die Armen

Demokratisiert das Internet den Zugang zur Bildung? Einerseits ja. Indien hatte einen 10-Dollar-Laptop geplant, der Kindern armer Familien einen Zugang zur Welt des Wissens geben sollte. Nun ist daraus der Tablet-Computer »Sakshat« geworden, der von der Firma HCL Technologies gebaut werden soll, fĂŒr zunĂ€chst 30 Dollar, spĂ€ter auf 10 Dollar sinkend. Er soll 400 UniversitĂ€ten und 25.000 Colleges verbinden mit einem E-Learning-Programm. Hoffentlich folgt dem noch ein Projekt, das auch den GrundschuĂŒlern auf dem Land zugute kommt. Jedenfalls ist solch eine Massenbildungsinitiative, auch wenn der Computer subventioniert werden muss, billiger, als zehn Millionen Lehrer bereit zu stellen, plus Millionen gut eingerichteter SchulhĂ€user. Damit antwortet Indien auf Negropontes Bildungsinitiative OLPC (One Laptop per Child).

Solange das Internet nicht zensiert ist, werden sich Schlauköpfe damit immer Wissen beschaffen können, fĂŒr weniger Geld und ĂŒber geringere HĂŒrden als einst. Die Differenzen zwischen arm und reich werden dadurch jedoch nicht aufgehoben. Sie haben in den vergangenen 60 Jahren weltweit zugenommen, auch in der Bildung. Sogar im sozialdemokratisierten Deutschland ist der Zugang der Unterschichten zur Bildung nicht leichter, sondern in vieler Hinsicht schwerer geworden. Denn Bildungschancen hĂ€ngen nicht nur mit den bei Geburt vorhandenen Anlangen und dem finanziellen und sozialen Status der Eltern zusammen, sondern auch mit der Sprache und dem Dialekt der Eltern; dem, worĂŒber zuhause gesprochen wird; dem Wertesystem von Eltern, Lehrern und Gleichaltrigen; der Möglichkeit, die Hausaufgaben tatsĂ€chlich erledigen zu können (RĂ€ume, ansprechbare Eltern); der körperlichen Gesundheit der Kinder und der FĂ€higkeit, diese zu erlangen und zu erhalten – und vielem anderen mehr.
Spirituelle Bildung

Soll ein gutes Bildungskonzept SpiritualitĂ€t enthalten? Ja! Aber bitte nicht aus einem der religiösen Lager. Der christliche, islamische, mormonische, jĂŒdische oder hinduistische Religionsunterricht fördert in der Regel nicht die spirituelle Intelligenz eines Kindes. Das hat auch der sozialistische Unterricht nicht getan und auch der anthroposophische und der atheistische nur selten. Kindern SpiritualitĂ€t oder Religion »beizubringen« halte ich fĂŒr falsch. Besser ist es, dafĂŒr offen zu sein, wenn sie davon etwas wissen wollen, oder wenn sie eine Praxis erlernen wollen. »Biblische Geschichten« und andere mit religiösem Inhalt sollten (wenn ĂŒberhaupt) so erzĂ€hlt und gelehrt werden wie die anderen Mythen und MĂ€rchen einer Kultur. Es ist ja seit je einer der grĂ¶ĂŸten Fehler in der Vermittlung von religiösem Kulturgut, Poetisches und LegendĂ€res fĂŒr im platten Sinne real zu halten und aus Geschichten Dogmen zu errichten. So wie die Kinder sich eines Tages vom Glauben an den Weihnachtsmann und Osterhasen verabschieden, so sollen sie, wenn die Zeit dafĂŒr gekommen ist, auch die anderen Mythen verabschieden dĂŒrfen, egal, ob das nun Christi oder Mohammeds Himmelfahrt, die Existenz von Himmel und Hölle, Buddhas Geburt als Weltenlehrer oder die Geschichte von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen ist.
Jenseits der LagermentalitÀt

Religiöse Lieder, die aus einer LagermentalitĂ€t entstanden sind (»Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen«) sollten durch Friedenslieder ersetzt werden, wie etwa die Sufis sie singen und die Friedensbewegung. Die Warmwassertheapien bieten meditative Erfahrungen, die auch Kindern gut tun, ohne ein festes Weltbild zu vermitteln, von dem die EmpfĂ€nger dann meinen könnten, es eines Tages verteidigen zu mĂŒssen. Tanzen, Singen, Floating (z.B. im Samadhi-Tank) sind fĂŒr Kinder erstmal SpiritualitĂ€t und Mystik genug. FĂŒr Jugendliche dann die Praxis der Visionquests. FĂŒr Erwachsene auf jeden Fall auch das Sitzen in Stille (eventuell nach einer BewegungsĂŒbung). Die Übung der Achtsamkeit tut allen Altersgruppen gut, egal welcher religiösen Herkunft. Die Religionen und ihre Riten sollten so gelehrt werden, wie Religionswissenschaft und Ethnologie es tun und nicht als Dogmen, um GlĂ€ubige heranzuziehen oder Kader fĂŒr eine weltanschauliche Organisation.
Von Natur aus gut?

Ist der Mensch schon Mensch, wenn er geboren ist, oder muss er erst – durch Bildung? – zum Menschen werden? Rousseau löste mit seinen pĂ€dagogischen Schriften (1762 erschien ȃmile oder ĂŒber die Erziehung«) die moderne gesellschaftliche Bewegung »ZurĂŒck zur Natur« aus. Der Mensch sei von Natur aus gut, schrieb er. Erst durch gesellschaftliche EinflĂŒsse wie insbesondere die kindliche Erziehung wĂŒrde er schlecht. Die meisten Gesellschaftslehren hingegen meinen, der Mensch sei von Natur aus entweder schlecht oder weder gut noch schlecht. Erst eine gute Erziehung wĂŒrde ihn zu einem ethisch-moralisch guten Wesen machen.

Die neuere Sozialforschung, stark beeinflusst durch die Evolutionsbiologie, hat festgestellt, dass Grundtendenzen wie Egoismus, Altruismus und Empathie in allen Menschen angelegt sind (ĂŒbrigens alle drei auch schon bei einigen Tieren). Diese Anlagen sind »anthropologische Konstanten«. Beim Menschen sind sie ausnehmend stark und vielfĂ€ltig prĂ€gbar. Dieser ausgedehnten »Akkulturation« dient die lange Zeit kindlicher Hilflosigkeit und AbhĂ€ngigkeit von den Eltern, bei keinem anderen Tier ist diese so ausgedehnt. Insofern gehört es zum Menschsein, eine tiefe PrĂ€gung zu erfahren, und diese PrĂ€gung ist immer eine Ausrichtung, die gewisse Möglichkeiten eröffnet und andere verschließt.
Zum Menschen werden

Da die meisten Menschen das Potenzial, das in ihnen liegt, nur ansatzweise erschließen, haben einige spirituelle Lehrer, wie z.B. Georges I. Gurdjieff (1866-1949), gesagt, der Mensch wĂŒrde erst durch seine spirituelle Entfaltung zum Menschen. Zu diesem Zweck grĂŒndete Gurdjieff 1922 in Paris das »Institut fĂŒr die harmonische Entwicklung des Menschen«. Wenn wir von einer Tat sagen, sie sei »unmenschlich«, schwingt diese Beurteilung mit: Erst wenn du von solchem zutiefst abscheulichen Verhalten abrĂŒckst, bist du ein Mensch.

In Bezug auf Erziehung und Bildung gibt es seit je diese beiden Positionen: Wir sind schon, wer wir sein sollen, es gilt nur, dies zu erkennen und auszudrĂŒcken – unser natĂŒrliches menschliches Wesen, unsere Buddhanatur. Oder: Wir mĂŒssen erst werden, wofĂŒr wir bestimmt sind, erst dann sind wir Mensch, Christ, Bodhisattva, moralisches Wesen, altruistisch, gut, weise, oder was auch immer der gesellschaftliche Konsens vorsieht. Der Konflikt zwischen diesen beiden Positionen zieht sich durch die gesamte menschliche Geschichte.
Es ist, wie es ist…

Wenn etwa die moderne Satsangszene ihr »Es ist, wie es ist – und das ist gut so«, wiederholt, Ă€hnlich Erich Frieds »Es ist, wie es ist, sagt die Liebe«, dann schlĂ€gt sie sich damit auf die eine Seite und lĂ€sst sich von ihren Gegnern GleichgĂŒltigkeit vorwerfen. DemgegenĂŒber stehen die Bestrebungen etwa des Buddhismus (speziell des tibetischen), der westlichen Religionen und auch der meisten anderen pĂ€dagogischen Lehren, den Menschen zu dem zu erziehen, was er sein soll. In der Montessori-PĂ€dagogik, A. S. Neills Summerhill und anderen erfahren sie allerdings gewisse Gegenbewegungen.

Vermutlich liegt die Weisheit auch hier zwischen den beiden Polen: Basis jeder menschlichen Handlung, sei sie nun eine pĂ€dagogische oder nicht, sollte die Erkenntnis und Akzeptanz dessen sein, was ist. Egal als wie schlimm der Status Quo auch erscheinen mag – hierzu gilt es Ja zu sagen oder sogar (mit Erichs Frieds Worten): ihn zu lieben (»Es ist, wie es ist, sagt die Liebe«). Und dann beginnt hoffentlich das, was Krishnamurti die »göttliche Unzufriedenheit« (divine discontent) nannte: das Streben nach Besserem, Höherem; die Umsetzung des Traums von einer besseren Welt. Diesen Traum zu trĂ€umen ist menschlich, natĂŒrlich und allen fĂŒhlenden Wesen zutiefst eigen. Sich der Verwirklichung dieses Traums hinzugeben, gibt dem Leben Sinn und beglĂŒckt die so TĂ€tigen.

 

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 GrĂŒndung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com

Der Artikel erschien in der Connection 10/2010 – danke fĂŒr die freundliche Genemigung!

Graphik: Christina von Puttkamer

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