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MYSTICA Artikel Träumen als Brücke zwischen den Welten – Martina Pahr

Träumen als Brücke zwischen den Welten – Martina Pahr

von Natascha

Du bist, was du isst… und du bist auch, was du träumst? Warum eigentlich nicht! Oder sind Träume vielleicht doch nur Schäume? Wohl kaum, denn wer „klarträumen“ kann weiß, wovon wir hier reden. Es geht um eine Bewusstheit, die sich zwischen dem wachen und dem schlafenden ICH abspielt und ein großes Potential in sich trägt.

von Martina Pahr

 

 

„Im nächtlichen Reich unserer Träume verlieren wir uns, um uns selbst zu finden. Diese faszinierende, oft ignorierte Welt kann uns helfen, zu wachsen und zu heilen.“

Wir verbringen ein Drittel unserer Lebenszeit im dunklen Reich des Schlafes. Shakespeare lässt seinen Hamlet über das Sterben als tiefsten Schlaf sinnieren, in dem man dem Leid des Lebens entkäme. Doch was, wenn man dann träumte? In der Geschichte der Menschheit wurden Wachen und Träumen nicht immer so streng voneinander abgegrenzt wie heute. Als Medium, durch das die Götter kommunizieren, oder Brücke, auf der man ihnen begegnen konnte, genossen Träume in vielen Kulturen enorme Bedeutung. Der Traum wurde als realer Ort zwischen Diesseits und Jenseits wahrgenommen oder auch als eigenständige Wesenheit; er gab der Seele, tagsüber an den Körper gebunden, Gelegenheit, sich während des Schlafes frei zu bewegen. Die alten Inder glaubten, für im Traum begangene Tagen ebenso verantwortlich zu sein wie für das, was sie wach taten, die indigenen Amerikaner fürchteten, dass schlechte Träume dem Schlafenden schaden, und die Ägypter arbeiteten mit einem Verzeichnis von Traummotiven, um sie zu deuten. Im Zuge der Aufklärung wurden Träume dann als Abfallprodukte des Wachbewusstseins wahrgenommen. Sigmund Freud verhalf ihnen als „Königsweg zum Unbewussten“, wo alles, was im Wachzustand unterdrückt wird, unzensierten Ausdruck findet, vor mehr als 100 Jahren zu neuem Interesse. C. G. Jung, Begründer der analytischen Psychologie, ging später mit seinen „aktiven Imaginationen“ bis an die eigenen Grenzen, als er auf einer regelrecht schamanischen Reise in die Tiefen seines Unbewussten abtauchte und enorme Erkenntnisse zutage förderte: die Kollektivität des Unbewussten, Archetypen, unser Schatten, Synchronizitäten. Seine Tiefenpsychologie hat Träumen wieder die große Bedeutsamkeit zuerkannt, das ihnen lange abgesprochen worden war.

Heute wissen wir dank neuer Methoden der Hirnforschung sehr vieles sowohl über den Vorgang, das Träumen, als auch dessen Inhalt, den Traum. Wir können sogar Träume aus den Köpfen der Schlafenden auf Monitore übertragen! Wir träumen weit mehr als bislang angenommen: Nicht nur während der REM-Phase, sondern in sämtlichen Schlafphasen sehen wir Bilder, haben Gefühle und Gedanken und legen Erinnerungen an. Dabei ist das Bewusstsein nicht auf Input durch die Sinnesorgane angewiesen, sondern kann auf gespeicherte Information aus den verschiedensten Quellen zurückgreifen. Träume zeigen nicht nur, wie unser Geist funktioniert, sondern berühren wesentliche Fragen nach Identität, Seele und dem Zusammenhang von Körper und Geist. Wissenschaftsautor Stefan Klein bezeichnet sie deshalb als „Schlüssel, um das Rätsel unseres Bewusstseins zu lösen“. Das Gehirn steuert den Vorgang in einem eigens dafür vorgesehenen „Betriebszustand“, wobei es nicht weniger, sondern nur anders aktiv ist, teilweise sogar aktiver als im Wachzustand. Frei von chronologischer und logischer Reihenfolge, die unser Wachbewusstsein taktet, darf sich unsere kreative Kraft austoben. Dabei zerplatzt das, was wir gern unsere Identität nennen, wie eine Seifenblase: Wir haben im Traum nicht die Charakteristika oder Lebensumstände, die wir im Wachen als untrennbar mit unserem Selbst verbinden – und doch erfahren wir uns als Ich. Träume, so Autor Walter Hoffmann, zeigen uns Menschen, dass wir doch nicht so rational sind, wie wir uns gern glauben machen. Das Reich des Träumens ist unser inneres geheimes Universum, das darüber bestimmt, wie wir uns und die Welt um uns wahrnehmen. Und vielleicht ist es sogar noch viel mehr?

 

Luzides Träumen

Im Buddhismus gilt der Klartraum als Entdeckungsreise zur wahren Natur des Ichs und zur Enttarnung der Realität als Illusion. Dabei ist sich der Träumende jeden Moment bewusst, dass er gerade träumt, was eine enorme Erweiterung seines gesamten Bewusstseins zur Folge hat. Er erfährt sein Selbst und auch alle Erscheinungen der Welt als hohles Konstrukt, als Traumgebilde, das sich vor die Erkenntnis der wahren Natur des Geistes, unsere Buddha-Natur, schiebt. Charlie Morley, der 2008 die Lehrbefugnis für das buddhistische Traumyoga erhielt, weiß: „Klarträumen bietet uns die Chance, unser Leben von Grund auf zu verändern.“ Da ein Mangel an Selbsterkenntnis und Achtsamkeit der Ursprung vieler Probleme ist, können sie dank der spirituellen Entwicklung und des Gedächtnistrainings, die mit luzidem Träumen einhergehen, gelöst werden. Klarträume machen uns mit unserem wahren Selbst vertraut; wir finden Zugang zur Weisheit unseres Unbewussten und zum eigenen göttlichen Potenzial. Wir können unser Schicksal im Traum gestalten und diesen Traum sogar Realität werden lassen, denn ohne die einengenden Regeln der „Wachwelt“ erfahren wir uns als unendlich schöpferische Wesen. Schlaf kann so ein „Übungsgelände für psycho-spirituelles Wachstum und ein Labor zur Erforschung unseres Innenlebens“ werden. Diese neue Achtsamkeit überträgt sich schließlich auf den Wachzustand, so dass wir auch luzider leben können: klar und bewusst.

Zum Klarträumen reaktiviert man während des Schlafens einen Teil des Gehirns, um so auch dann zu selbstreflexiver Aufmerksamkeit fähig zu sein. Wenn man dies lernt, kann man wählen, was man träumen will, und auf die Entwicklung der Träume eingreifen. Dies bedeutet nicht, die „Kontrolle“ über den Traum zu besitzen; Wir „bezwingen“ unser Unbewusstes nicht, sondern wir schaffen einen Zugang zu ihm, der nachhaltig wirkt: „Im Klartraum sind wir imstande, neuronale Verknüpfungen im Gehirn zu verstärken und neu anzulegen, mit der gleichen Wirksamkeit wie im Wachzustand.“ Wenn wir also im Traum mutig handeln, verstärken wir die neuronalen Verknüpfungen, die im Wachzustand mit Mut verbunden sind. So können Qualitäten verstärkt, Ängste bewältigt oder die Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Wenn wir in unserem Traumterritorium die Tiefen des eigenen Unbewussten erkunden, können wir dort auch Kontakt zum überpersönlichen, kollektiven Unbewussten herstellen, mit Erfahrung vielleicht sogar ins „universelle ozeanische Bewusstsein“ gelangen. „Es heißt, dass unser Unterbewusstsein uns jedes Mal, wenn wir träumen, einen Brief schreibt“, so Morley. Klarträumen bedeutet nicht nur, diese Briefe zu lesen, sondern letztendlich sogar, ihrem Verfasser zu begegnen.

 

Schöpferisches Träumen

Während des Träumens unterscheidet das Gehirn nicht zwischen dem, was „wahr“ ist, also was wir mit den physischen Sinnen wahrnehmen können, und dem, was „nur“ geträumt ist. So hat jeder Einfall, jede Empfindung die Qualität einer Realität für uns. In der Genesis der australischen Aborigines wurde die Welt so auch in der Traumzeit erträumt. Auch auf der anderen Seite der Welt spielt die Manifestation luzider Träume im realen Leben eine bedeutende Rolle. Beim Nahualismus (der Ausdruck ist vielen von Don Juan bekannt, dem Lehrer Carlos Castanedas) handelt es sich um mündliche Überlieferungen uralten Wissens, die von noch älteren Völkern zu den Tolteken gelangten und von dort zu den Azteken und deren größter indigener Gruppe, den Mexihcas. Sergio Magana, ein Mexikaner toltekischen Ursprungs, hat als erster Initiierter einen Einblick in diese Tradition der Traumarbeit gegeben. „Wir sind das, was wir träumen“, stellt er seinem Buch voran. Tonal ist unsere an die physische Materie und fünf Sinne gekoppelte Wahrnehmung, der Wachzustand; es entspricht der Sonne und ist in Raum und Zeit verortet. Nahual dagegen ist die Energie des Universums, die Entsprechung des Mondes, der Aspekt der anderen Wirklichkeit. Wenn beide Aspekte im Traum zusammenkommen, wo viermal so viel Energie am Wirken ist wie im Wachzustand, kann ein Eingeweihter mit ihnen schöpferisch werden. Angehörige der 5000 Jahre alten Tradition des toltekischen Schamanismus benutzen für diese Arbeit einen Spiegel aus Obsidian. Sie können diesen schöpferischen Zustand auch im Wachzustand herbeiführen und in eine andere Realität blicken. Sehr viel später ist es fortgeschrittenen Träumern sogar möglich, in den kollektiven Traum anderer einzutreten und sie – und damit die Wirklichkeit – zu beeinflussen. Sie können Wahrträume iniziieren, einen Traum beliebig oft wiederholen, Träume an einem heiligen Ort einpflanzen – oder sogar schlafen, ohne zu träumen. So können sie als „Meister von fast unbegrenzter Kraft“ mühelos durch die Landschaft ihrer Träume navigieren und das wache Leben dabei gestalten.

 

Heilendes Träumen

Der schamanische Traumtherapeut Robert Moss, als „Vater des Aktiven Träumens“ bekannt, blickt auf 25 Jahre praktischer Erfahrung zurück, wenn er sagt: „Wenn wir die Wünsche der Seele verleugnen, dann wird die Seele verärgert und entzieht unserem Leben notwendige Lebensenergie.“ Er weiß und hat selbst erlebt, dass wir Anteile unserer Seele verlieren, wenn wir unsere Träume, die die geheimen Wünsche der Seele ausdrücken, nicht erfüllen. Träume zeigen uns darüberhinaus, wo ein Seelenteil hingegangen oder hängengeblieben ist, wenn Schmerz, Trauer oder ein Trauma ihm so zugesetzt haben, dass er nicht mehr im Leben bleiben möchte. Dieser Verlust äußert sich in fehlender Energie, Depression oder auch Sucht, mit der wir die entstandene Leere zu füllen versuchen. Es kann auch sein, dass die Sucht selbst einen Teil der Seele aus dem Körper vertreibt. Er sieht es als unsere Aufgabe an, unsere Seele wachsen zu lassen und immer mehr vom höheren Selbst zu verwirklichen. Träumen kommt deshalb bei schamanischen Arbeiten eine bedeutende Rolle zu. „Träumend finden wir die Mythen, die wir leben können, die Geschichten, die die Seele ans Steuer des Schiffs unserer Odyseen stellt“, schreibt Moss. „Ein Traum ist eine Reise und er ist auch ein Ort.“

Ein Schamane arbeitet nicht unbedingt allein; er arbeitet mit den Träumen des Patienten, mit seinen spirituellen Verbündeten und vielleicht sogar mit einer „spirituell lebendigen Gemeinschaft“, die dem Träumenden helfen, das umzusetzen, wonach seine Seele sich sehnt. Mit der Trommel, dem Pferd des Schamanen, kann er Menschen auf Traumreisen schicken, ob allein oder gemeinsam. Ein geübter schamanisch Träumender kann viele Bewusstseinsebenen hinabsteigen, dort erkunden, suchen und finden – und dann wieder unbeschadet ins Wachbewusstsein zurückkehren. Während eine Seelenrückführung nichts in den Händen von Laien verloren hat, wird die Möglichkeit, die eigene Seele durch Träumen selbst zu heilen, immer öfter genutzt. Jeder, der träumt, ist im Grunde ein kleiner Schamane, denn „Träumen ist echte Magie – die Kunst, Geschenke aus einer anderen Welt in unsere herüberzubringen.“ In seinem Buch präsentiert er Fallbeispiele von Schamanen und anderen Träumern sowie Übungen, um selbst zu einem tieferen Verständnis des Träumens und seiner Möglichkeiten zu gelangen. Die Seele, erläutert Moss, ist flüchtig und schlüpft immer wieder aus dem Körper – ob zeitweise wie im Schlaf oder teilweise dauerhaft wie bei einem Trauma. Mit einer schamanischen Seelenheilung im Traum können fehlende Aspekte der Psyche wieder in die Gesamtheit integriert werden. Ein Traum kann zu einem Portal gemacht werden, durch das man nach Belieben die andere Welt betreten kann; ein Partner kann unseren Traumraum betreten und uns als Fährtensucher zur Seite stehen; ein Seelenbaum kann eine schamanische Leiter zwischen den Welten sein; ein Windpferd kann uns tragen. Das Träumen bietet viele Wege, der Seele unserer Seele zu begegnen oder in der geheimen Bibliothek zu lesen – und zu heilen, uns selbst oder auch unsere Ahnen.

 

Träume sind Schäume?

Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens im Schlaf, wo wir unsere Gefühle ungefiltert und unzensiert erleben – allein dies könnte Anreiz sein, unsere Träume nicht gering zu achten.

Doch das Träumen ist noch unendlich viel mehr. Es kann uns zu einem tieferen Verständnis unseres Selbst und unserer Seele verhelfen. Dafür müssen wir uns allerdings daran erinnern. Zuweilen reicht allein schon das Nachdenken über und Interesse an Träumen aus, um sie bewusster wahrzunehmen, und allein schon der feste Vorsatz dazu, über Wochen gefasst, um uns am Morgen mehr und mehr an das zu erinnern, was in der Nacht geschah. Auch ein Traumtagebuch hilft, das Gedächtnis zu schulen. Wenn wir nach dem Aufwachen unseren Traumreisen nachspüren, kann die geheime nächtliche Welt unser Leben unendlich bereichern!

ZITATE:

„Wenns so recht schwarz wird um mich herum, hab ich meine besten Besuche.“ (Friedrich von Schiller)

„Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“ (Elias Canetti)

„Nimm dir Zeit, um zu träumen. Das ist der Weg zu den Sternen.“ (Aus Irland)

„Wenn wir nicht im Schlaf präsent zu bleiben lernen, wenn wir uns jede Nacht wieder verlieren, welche Chance haben wir dann wohl, im Tod bewusst zu bleiben?“ (Tenzin Wangyal Rinpoche)

 

Inspiration & Information

Robert Moss: „Traum-Heiler: Lebensträume erfüllen, Verletzungen heilen durch schamanisches Heilwissen“, Reichel Verlag

Stefan Klein: „Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit“, Fischer Taschenbuch

Charlie Morley: „Klarträumen für Anfänger“, Kösel Verlag

Sergio Magana: „The Toltec Secret: Manifestieren mit dem Toltekischen Obsidianspiegel.“, LEO Verlag

Walter Hoffmann: „Unsere geheime Welt im Schlaf“, Goldegg Verlag

 

Über Martina Pahr:

Als spirituelle Bloggerin und selbstständige Autorin gibt sie den Menschen ihre persönlichen Erfahrungen weiter.

www.martinapahr.de
www.besterblogderwelt.de

 

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