Burnout: Wie Resilienz und Weisheit helfen – Mike Kauschke

von Thomas
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Was macht uns innerlich stark? Warum werden Menschen von SchicksalsschlĂ€gen fĂŒr immer gezeichnet, wĂ€hrend andere wieder den Mut zum Leben finden? Was ist der Ausweg aus einer schnelllebigen Zeit, in der Burnout gang und gĂ€be zu sein scheint?

Eine Spurensuche im Umkreis von Resilienz, Salutogenese und Weisheit vom Redaktionsleiter von evolve.

von Mike Kauschke

 

Die Diagnose Burnout ist momentan allgegenwĂ€rtig. In unserer immer schneller werdenden Welt sind wir mit vielen Stressauslösern konfrontiert: stĂ€ndig steigende Anforderungen am Arbeitsplatz; Angst davor, ihn zu verlieren; die Informationsflut und die permanente Erreichbarkeit durch Mobiltelefone und Internet; der Spagat zwischen Kindererziehung und Karriere – und als Hintergrundrauschen die Krisen in der Finanzwelt, der Ökologie und Politik, die uns stĂ€ndig begleiten. All das kann uns emotional so in die Enge treiben, dass unsere innere Kraft versiegt und wir ausbrennen.

Die Idee der Resilienz oder psychischen Widerstandskraft scheint einen Ausweg aus diesem Dilemma zu ermöglichen. LĂ€ngst beschĂ€ftigt sich auch die Wissenschaft mit dem Thema, Ratgeber fĂŒr mehr psychische StabilitĂ€t werden zu Bestsellern, Seminare zu Resilienz als Burnout-Prophylaxe sind ausgebucht. Dabei werden oft Methoden aus der Psychologie oder auch AchtsamkeitsĂŒbungen angewendet, die Menschen eine innere Zentrierung entwickeln lassen. Aber geht es hier eigentlich nur um ein Problem auf der individuellen, persönlichen Ebene? Oder zeigt sich in den steigenden Burnout-Zahlen nicht auch eine tiefere Misere unserer Kultur? Der Soziologe Hartmut Rosa stellt als Folge der stĂ€ndigen Beschleunigung eine zunehmende Entfremdung von uns selbst und der Welt fest. Der Philosoph Byung-Chul Han spricht von einer „MĂŒdigkeitsgesellschaft“ und sieht Burnout und Depression als Krankheiten unserer Zeit. Es scheint, als könnten wir mit der KomplexitĂ€t der Welt nicht mehr mithalten. Und obwohl es sicher viele hilfreiche Methoden gibt, scheint eine radikalere Umorientierung nötig. Worin diese bestehen kann, zeigt sich vielleicht, wenn wir die Resilienz, unsere innere StĂ€rke, bis zu ihrer Quelle zurĂŒckverfolgen, die wiederum unser ganzes Sein in der Welt verwandeln kann.

 

Gestalter, nicht Opfer

Als Pionierin der Resilienzforschung gilt die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner. In den 70er Jahren fĂŒhrte sie eine Langzeitstudie zu der Frage durch, wie sich Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, zu Erwachsenen entwickeln. Die Eltern der Kinder waren zum Teil psychisch auffĂ€llig, alkoholkrank, arbeitslos und/oder arm. Unerwartet bei ihren Untersuchungen war fĂŒr Werner, dass ein Drittel dieser Kinder sich trotz dieser schwierigen Erfahrungen in der Kindheit normal entwickelte. Sie schlussfolgerte daraus, dass diese Kinder ĂŒber besonders starke psychologische WiderstandskrĂ€fte verfĂŒgten. Werner unterschied drei Aspekte, durch die diese Kinder trotz allem gesund heranwachsen konnten: persönliche Faktoren wie ein positives Selbstkonzept, eine unterstĂŒtzende Beziehung zu mindestens einem emotional stabilen Familienmitglied und eine Gemeinschaft oder eine Gruppe Gleichaltriger, in der sich das Kind aufgehoben fĂŒhlt.

Seit diesen grundlegenden Untersuchungen von Werner hat sich das Feld der Resilienzforschung rasant entwickelt. Die American Psychological Association hat eine zehn Punkte zĂ€hlende „Road to Resilience“ formuliert, die neben der Pflege von Beziehungen vor allem eine zentrale Haltung charakterisiert: das Selbstvertrauen, uns auf die Möglichkeiten der VerĂ€nderung zu fokussieren, die sich aus einer schwierigen Situation ergeben. Diese FĂ€higkeit wird als „KontrollĂŒberzeugung“ bezeichnet. Toni Faltermaier vom Institut fĂŒr Psychologie der UniversitĂ€t Flensburg erklĂ€rt: „Wenn wir diese KontrollĂŒberzeugung besitzen, sehen wir uns eher als Gestalter unseres Schicksals und weniger als Opfer der Ereignisse.“ Ein weiterer Faktor ist unsere emotionale Intelligenz, ein Begriff, der durch die Arbeit von Daniel Goleman bekannt wurde und darauf verweist, dass wir unsere Emotionen einfach wahrnehmen können, ohne sie zu dramatisieren oder zu verharmlosen. Zudem sind wir in der Lage, sie positiv zu beeinflussen. Wir können uns zum Beispiel bei AngstgefĂŒhlen beruhigen oder aus unseren Emotionen bewusst Handlungen folgen lassen, die unseren eigenen Werten und Zielen förderlich sind.

Interessanterweise konnte in einer Studie mit Witwen herausgefunden werden, das sich diejenigen Frauen als besonders resilient zeigten, die starke Emotionen zulassen konnten – sowohl GefĂŒhle der Trauer wie auch GefĂŒhle des inneren Friedens und der Akzeptanz des Schicksalsschlages. Daraus zogen die Forscher den Schluss, dass ein wichtiger Faktor fĂŒr Resilienz die „emotionale KomplexitĂ€t“ ist, die FĂ€higkeit, wĂ€hrend einer Stresssituation verschiedene starke Emotionen zu erfahren, ohne dabei von ihnen vereinnahmt zu werden.

Wichtig fĂŒr die FĂ€higkeit emotionaler KomplexitĂ€t scheint auch die richtige Verbindung von Denken und FĂŒhlen zu sein. Einem zentralen Punkt der „Road to Resilience“ gemĂ€ĂŸ ist dabei eine langfristige Perspektive hilfreich, in der die momentanen Schwierigkeiten in einem grĂ¶ĂŸeren Kontext gesehen werden können. Hier bildet also die rationale FĂ€higkeit, das eigene Leben als ein sinnvolles und gestaltbares Ganzes zu sehen, einen Kontext fĂŒr zunĂ€chst ĂŒberwĂ€ltigend scheinende Emotionen.

Damit wird auch deutlich, dass fĂŒr Resilienz ein gewisser innerer Abstand zum emotionalen Erleben unterstĂŒtzend ist. Diese FĂ€higkeit zur Distanzierung lĂ€sst sich durch AchtsamkeitsĂŒbungen und Meditation schulen. Wir erfahren Gedanken und GefĂŒhle, ihr Kommen und Gehen, sind aber nicht unauflösbar in sie verstrickt. Meditatives Bewusstsein ist einerseits ein neutrales Beobachten, lĂ€sst andererseits aber auch positive GefĂŒhle in uns erwachen, wenn wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit von den Inhalten des Bewusstseins – zum Beispiel Gedanken, Emotionen, Erinnerungen  – zum reinen Gewahrsein lenken. Diese Freiheit von Gedanken und Emotionen „fĂŒhlt sich gut an“ und bringt uns in Verbindung mit einer inneren Freude und Zufriedenheit, die zu einer tiefen Ressource in stressvollen Situationen werden kann.

Diese psychische Erleichterung bildet allerdings nicht das eigentliche Ziel der meditativen Übungen. Vielmehr geht es dabei um den Kontakt mit einer existenziellen SphĂ€re in uns, in der unsere Trennung vom Ganzen des Lebens durchlĂ€ssig wird oder sich gar auflöst. Unsere IndividualitĂ€t im Sinne eines Getrennt-Seins von der Welt relativiert sich und wir fĂŒhlen uns aufgehoben in einem grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang. Diese SphĂ€re einer existenziellen Zugehörigkeit und eines grundlegenden Lebensvertrauens ist die eigentliche Quelle von Resilienz. Aus ihr entsteht eines der kostbarsten GĂŒter fĂŒr uns Menschen, ohne das wir innerlich verarmen: Sinn.

 

Der Sinn, der uns ĂŒbersteigt

Etwa zur gleichen Zeit wie Emmy Werner untersuchte der israelische Soziologe Aaron Antonovsky die Lage von Frauen, die den Holocaust ĂŒberlebt hatten. Trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse war ein Drittel der Frauen psychisch stabil geblieben. In einem weiteren Schritt formulierte Antonovsky daraus seinen Ansatz der „Salutogenese“. Als entscheidend fĂŒr die sogenannten Widerstandsressourcen sah er das KohĂ€renzgefĂŒhl an. Hierbei waren fĂŒr ihn drei Aspekte wichtig: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit oder BewĂ€ltigbarkeit und Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit.
Verstehbarkeit ist die Überzeugung, dass wir die Ereignisse unseres Lebens verstehen und geordnet erfassen und beeinflussen können; BewĂ€ltigbarkeit ist das Wissen, dass wir in uns und um uns die nötigen Ressourcen finden, um diesen Ereignissen konstruktiv zu begegnen. Aber der dritte Aspekt war fĂŒr Antonovsky der wichtigste. Denn ohne einen Sinn, der den Menschen zum Überleben, zum Weitermachen, zur Auseinandersetzung mit schwierigen Erfahrungen bewegt, wird ihm die innere Motivation fehlen, um auf schwierige Begebenheiten zu antworten.

In der Tat haben Menschen, die selbst unter schrecklichsten UmstĂ€nden ihre WĂŒrde bewahren konnten, eine innere WiderstandsfĂ€higkeit gezeigt, die ĂŒber das menschliche Vermögen hinauszugehen scheint. Es sind Menschen wie Viktor Frankl (
 trotzdem Ja zum Leben sagen), die kĂŒrzlich im Alter von 111 Jahren verstorbene Alice Herz-Sommer oder Etty Hillesum, die im Konzentrationslager schrieb: „Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen FĂŒĂŸen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgungen, die zahllosen Grausamkeiten – all das ist in mir ein einziges starkes Ganzes, und ich beginne immer mehr zu begreifen, wie alles zusammenhĂ€ngt, ohne es bislang jemandem erklĂ€ren zu können.“

Durch solche Worte spricht ein ErspĂŒren der Sinnhaftigkeit, in der uns tiefere Ressourcen als nur die der eigenen Psyche zugĂ€nglich scheinen. Wie in der Meditation können uns solche Erfahrungen geheimnisvoller Bedeutsamkeit in eine Verbundenheit mit etwas fĂŒhren, das unser getrenntes Dasein ĂŒbersteigt. Die Erfahrung von Verbundenheit und Einheit war immer eines der Anliegen mystischer Wege, weil sich darin unser SelbstgefĂŒhl erweitern kann. Wir sind dann nicht mehr nur ein persönliches Selbst, sondern unser Selbsterleben schöpft aus der ungetrennten Tiefe unseres innersten Wesens und dem sich entfaltenden Prozess des Lebens in uns, in anderen Menschen und in der Welt.

 

Weisheit ist lernbar

In den großen spirituellen Traditionen gilt die Erfahrung dieser existenziellen Verbundenheit als stĂ€rkste Quelle von Weisheit. Auch die wissenschaftliche Forschung nimmt sich seit einigen Jahrzehnten dieses schwer zugĂ€nglichen Bereichs an. Als einer der Pioniere der modernen Weisheitsforschung gilt Paul Bathes, der das „Berliner Weisheitsmodell“ formulierte. FĂŒr Bathes ist Weisheit ein „Expertenwissen in Bezug auf die fundamentalen Tatsachen des menschlichen Lebens“, das sich in Selbstvertrauen und Selbstreflexion, Altruismus und Empathie, in Wissen und dessen Anwendung im „richtigen Leben“ zeigt. Einen anderen Ansatz von Weisheit hat die Soziologin Monika Ardelt entwickelt. Sie schreibt der Weisheit eine kognitive (Streben nach Wahrheit), eine reflektive (Selbstreflexion) und eine affektive (MitfĂŒhlen) Komponente zu, wobei Weisheit fĂŒr sie darin besteht, diese Aspekte zu integrieren. FĂŒr Gert Scobel wiederum, Fernsehmoderator und Autor des Buches Weisheit – Über das,was uns fehlt, hat „Weisheit damit zu tun (
), wie wir uns in komplexen, scheinbar unlösbaren Situationen zurechtfinden und diese nachhaltig steuern“.

Was die Weisheitsforschung und die Weisheitstraditionen vereint, ist die Erkenntnis, dass Weisheit sich entwickeln lĂ€sst. Allerdings nicht allein durch Methodik und die Ansammlung von Wissen oder nur durch die Zunahme an Erfahrung im Laufe des Lebens (und Alterns), sondern durch ein existenzielles Erkunden der letzten Fragen des menschlichen Daseins. Weisheit entspringt aus der Quelle des Ungetrennten in uns selbst und zeigt sich in etwas, das man vielleicht als existenzielle oder gar spirituelle Resilienz bezeichnen könnte. Sie beruht nicht nur auf Übungen des Selbstmanagements, so wertvoll und nĂŒtzlich diese auch sein mögen, sondern auf der inneren Öffnung fĂŒr den zugrundeliegenden Sinn unseres Daseins und fĂŒr das umfassendere Ganze, in dem unser Leben sich entfaltet.

Das steigende Interesse an Resilienz könnte auch auf das Sinnvakuum zurĂŒckzufĂŒhren sein, das viele Menschen heute spĂŒren. Otto Scharmer zum Beispiel sieht als Grund fĂŒr Burnout und verwandte PhĂ€nomene die Trennung zwischen unserem „jetzigen Selbst“ und unserem „höheren“ oder „zukĂŒnftigen Selbst“, dem Selbst, das wir werden können. Wenn wir diese innere „Vertikalspannung“, wie Peter Sloterdijk die Divergenz zwischen beiden Polen nennt, nicht mehr spĂŒren, fallen wir in eine innere Leere und Erschöpfung.

In einer TV-Sendung zum Thema Resilienz machte Gert Scobel vor kurzem unter großem Zuschauerinteresse auf ein Defizit aufmerksam, auf das wir seiner Überzeugung nach durch die kulturelle Förderung von Weisheit reagieren können und sollten. Resilienz, Salutogenese und Weisheit weisen darauf hin, dass der Mensch ein lernendes, ein sich entwickelndes Wesen ist. Der Weg wird dabei zum Ziel: Menschen, die in unabhĂ€ngiger Selbstreflexion die Tiefe ihres eigenen Wesens ausloten, die Beziehungen zu ihren Mitmenschen und der Welt entfalten und sich einem grĂ¶ĂŸeren Sinn verbunden fĂŒhlen, haben Zugang zu einer Kraftquelle in sich selbst. Eine Kultur, in der diese innere Haltung gefördert wĂŒrde, könnte dann selbst an Resilienz und Weisheit gewinnen und so auch bis in Wirtschaft und Politik hinein andere Strukturen und Lebensformen entwickeln, die wiederum diese QualitĂ€ten in Individuen unterstĂŒtzen. Wir mĂŒssen aber nicht darauf warten, dass dies von selbst geschieht, denn intuitiv können wir erahnen: Eine weisere Kultur beginnt in und zwischen uns.

Diese SphÀre einer existenziellen Zugehörigkeit und eines grundlegenden Lebensvertrauens ist die eigentliche Quelle von Resilienz.

 

Der Text ist zuerst erschienen in evolve – Magazin fĂŒr Bewusstsein und Kultur
www.evolve-magazin.de
www.facebook.com/evolve.magazin

 

Mike Kauschke ist leitender Redakteur des Magazins evolve, Autor und freier Übersetzer mit einem Schwerpunkt auf BĂŒcher mit spirituellen und integralen Themen, unter anderem von Steve McIntosh, Frederic Laloux, Jon Kabat-Zinn, Rick Hanson und Richard Rohr. Er praktizierte und studierte Zen-Buddhismus bei Lehrern in Deutschland und den USA und war in der Hospiz-Arbeit tĂ€tig. Seit ĂŒber zehn Jahren engagiert er sich in der Praxis und Entwicklung einer integralen SpiritualitĂ€t und ist Dialogbegleiter fĂŒr den emerge Dialogprozess.

www.evolve-magazin.de

 

Video zum Thema:
Die Sendung zum Thema „Resilienz“ in der Mediathek von Scobel

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