Die Magie des Wortes – Melanie Meier

von Thomas

Oft will man die richtigen Worte finden, fĂŒr etwas, das unbeschreibbar scheint. Meistens sind es wahrhaftige GefĂŒhle oder innere Regungen, die schwer in Worte zu fassen sind. Aber ist es ĂŒberhaupt möglich, Wahrheit mit Wörtern auszudrĂŒcken? Melanie Meier bezieht klar Stellung dazu und zeigt auf, wie uns das Wort die Wirklichkeit vorgaukelt.

von Melanie Meier

 

 

Wir benutzen es stĂ€ndig, manche von uns denken (angeblich) damit, es prĂ€gt unser Weltbild, dient der Kommunikation und hilft uns bei sĂ€mtlichen Analysen: das Wort. Was aber hat es damit auf sich? Was bewirkt es? DĂŒrfen wir ihm dankbar sein oder mĂŒssen wir besonnen damit umgehen?

In letzter Zeit liest und hört man in der alternativen Szene vermehrt vom sogenannten „Framing“. Dieser Begriff stammt aus der Kommunikationswissenschaft, heißt ĂŒbersetzt „Rahmen“ und meint so etwas wie einen Deutungsrahmen, der durch Worte gesetzt wird und innerhalb dessen Grenzen alle nachfolgenden Überlegungen stattfinden. Inzwischen gibt es auch im deutschsprachigen Raum einschlĂ€gige LektĂŒre aus der Kognitionsforschung, die sich mit diesem Thema befasst.

Das beste Beispiel ist das des Wortes „Zeit“. Wir wissen nicht, was Zeit ist, kein Wissenschaftler kann eine schlĂŒssige ErklĂ€rung abgeben, und trotzdem bedienen wir uns eines Konstrukts, auf das wir uns kollektiv geeinigt haben, um diesem Begriff einen Sinn zu geben. Hören oder lesen wir dieses Wort, assoziieren wir in der westlichen Welt damit unweigerlich eine lineare Abfolge von Ereignissen, eine Bewegung durch den Raum, sehen die Vergangenheit hinter uns und die Zukunft vor uns liegen. Die Richtigkeit, die Wirklichkeit dieses Konstrukts lĂ€sst sich ganz einfach testen, denn wĂ€re es wahr, mĂŒsste die Zeit rĂŒckwĂ€rts ablaufen, wenn wir einen Schritt zurĂŒck machen. LĂ€ge die Vergangenheit hinter uns, mĂŒssten wir rĂŒckwĂ€rts in sie zurĂŒckkehren können. Offenbar ist das noch niemandem gelungen, ansonsten brĂ€uchte sich keiner den Kopf ĂŒber Zeitreisen zerbrechen.

Derartige Deutungsrahmen gibt es so viele, wie es Wörter gibt. In stillem Einvernehmen haben wir sie hingenommen, wir bedienen uns ihrer in jeder Sekunde und merken es die meiste Zeit nicht einmal.

Vor allem in der politischen Landschaft finden sich solche Konstrukte zuhauf. Man mag der Vorstellung anheimfallen, Politiker gĂ€ben nichts als sinnfreie Phrasen von sich, doch dahinter verbirgt sich weit mehr. Mit diesen Phrasen setzen sie Rahmen, sie zwĂ€ngen ein Thema in das Korsett, in dem sie dieses gern sehen möchten. Eines der bekanntesten ist wohl das der „Operation“, das einen kriegerischen Angriff in RĂŒschen und reine Farben kleiden will. Welche Assoziationen der Begriff „Operation“ im Gegensatz zum „Angriff“ in einem Geist freisetzt, ist klar: Bei der Operation sieht man einen Menschen in strahlend weißem Kittel vor sich, der aus gesundem Fleisch Böses entfernt, wĂ€hrend beim Angriff an Aggression, Blut, Schandtaten und Tod gedacht wird. Ergo wĂ€re jeder Politiker, der sich nicht des Schönsprechs bedient, gleich welche Richtung er vertritt, ein ausgemachter Narr und wĂŒrde wohl auch nicht gewĂ€hlt werden.

Das Problem dabei ist, dass all diese Worte nur das sind: Konstrukte. Sie haben mit der Wirklichkeit grĂ¶ĂŸtenteils so viel zu tun wie das genannte Beispiel mit der Zeit, nĂ€mlich nichts. Und dennoch prĂ€gen sie uns, richten unsere Wahrnehmung aus und formen somit unsere individuelle RealitĂ€t. Diese Deutungsrahmen „fixieren“ uns, sie halten unsere Gedanken in einem Rahmen fest und erlauben keinen Blick ĂŒber diesen hinaus. Wie das funktioniert, lĂ€sst sich einfach zeigen. Versuchen Sie, jetzt nicht an eine rote Rose zu denken.

Na? Haben Sie sie vor dem inneren Auge gesehen, die Rose? Sie gerochen? Sich an einen bestimmten Tag erinnert, an dem die Königin der Blumen fĂŒr Sie eine Rolle gespielt hat? Sie sehen schon, es ist unmöglich, nicht daran zu denken 
 Oder geht es doch?

Jeder Schriftsteller, jeder Autor und Rhetoriker, der sich nur ein wenig mit dem Werkzeug beschĂ€ftigt, das er verwendet, wird ihnen sagen können, was Worte und Wörter sind. ZunĂ€chst sind sie ein Kommunikationsmittel, damit man sich austauschen kann, so wie etwa der EichelhĂ€her einen Schrei ausstĂ¶ĂŸt und damit alle Lebewesen in seiner Umgebung vor drohender Gefahr warnt. Wir modernen Menschen allerdings mit unseren komplexen Sprachen bewegen uns auf verschiedenen Ebenen, und alle davon gehören in die Welt der Ideen und geben weder die Wirklichkeit wieder noch können sie tatsĂ€chlich zum Ausdruck bringen, was in einem Menschen vorgeht.

Wir nehmen an, wir verstĂŒnden einander mithilfe von Gesagtem und könnten auf Grundlage von Gehörtem zu SchlĂŒssen kommen. Jemand teilt uns mit, er sei sehr glĂŒcklich, und wir greifen automatisch auf unsere Erfahrungen in Verbindung mit GlĂŒck zurĂŒck und suchen anschließend im Leben des anderen nach Vorkommnissen, die unseren Erinnerungen Ă€hneln, um zu ergrĂŒnden, woher sein GlĂŒck rĂŒhrt. Dass dieser Mensch allerdings etwas gĂ€nzlich anderes als Auslöser erfahren haben kann, ziehen wir zumeist nicht in ErwĂ€gung. Und dass sich seine Interpretation von GlĂŒck von der unseren grundlegend unterscheiden könnte (was ziemlich sicher so ist), darĂŒber denken wir gar nicht nach.

Vielleicht empfindet er GlĂŒck, wenn er einen Vogel beim Flug beobachtet, wĂ€hrend uns das kalt lĂ€sst und wir uns glĂŒcklich fĂŒhlen, wenn wir von unserer Tochter ein gemaltes Bild geschenkt bekommen, was fĂŒr den anderen, der schon beim Anblick eines Vogels zutiefst glĂŒcklich war, die pure Ekstase bedeutet. FĂŒr beide Erscheinungen benutzen wir somit dennoch dasselbe Wort – und assoziieren dabei völlig unterschiedliche Dinge.

Wir befinden uns in der Welt der Ideen, und innerhalb dieser existiert keine Wirklichkeit. Ein Wort ist nichts Existenzielles, nichts Elementares, es hat kein fassbares Gewicht, kann nicht ergriffen und mit unseren Sinnen wahrgenommen werden. Wir hören Laute, doch diese Laute haben zunĂ€chst keine Bedeutung. Die Bedeutung erhalten sie nicht durch ihre Existenz, sondern erst sehr viel spĂ€ter mithilfe unserer kognitiven FĂ€higkeiten, mithilfe unseres Gehirns, das das Gehörte mit Erlerntem abgleicht, einordnet und analysiert. Diese Untersuchung findet bereits abseits der Wirklichkeit statt, der gehörte Laut ist vergangen, der Moment verstrichen, die Erde hat sich weitergedreht und wir denken noch immer 


In der Welt der Ideen beißt sich die Katze immer in den Schwanz. Indem wir sprechen und zuhören, stĂŒlpen wir der Wirklichkeit eine Unwirklichkeit ĂŒber. Wir warten auf ein besseres Morgen, das uns unablĂ€ssig entgegen- und das doch nie ankommt, und wir fallen einem vagen GefĂŒhl der Richtigkeit anheim, wenn wir daran denken, dass unsere Soldaten auf fremdem Terrain operieren. Möchten wir letztlich die Wirklichkeit ergrĂŒnden, reisen beispielsweise in das Kriegsgebiet, werden wir nur immer das sehen können, was die Worte in uns gelegt haben. Wir werden denken, es gĂ€be dort etwas, das herausoperiert werden mĂŒsste und werden es ĂŒberall sehen, dieses GeschwĂŒr. Wenn wir (Alternativen) wissen, dass wir einem Frame anheimgefallen sind, werden wir eben denken, wir – unsere Soldaten, unser Ein- oder Angriff – seien das GeschwĂŒr. Sodann greifen wir nicht mehr ein anderes Land und dessen Strukturen an, sondern uns selbst beziehungsweise die unseres Landes. Es bleibt allerdings ein Angriff, eine Operation; der Frame ist derselbe, wir haben nur das Feindbild geĂ€ndert. Wir sind vom einen Ende der Unwirklichkeit zum anderen gesprungen. Die Katze beißt sich in den Schwanz und tanzt im Kreis.

Der Hund, der die Katze von ihrem ewigen Tanz erlösen könnte, liegt in der Annahme begraben, alles begĂ€nne im Denken, in der Logik. Gerade in der spirituellen Szene ist es en vogue zu behaupten, man kreiere sich seine RealitĂ€t selbst. Das stimmt in Sachen Worte, wenn man sich klarmacht, dass das, was man sieht, eine Unwirklichkeit ist, eben weil man sich in einem Frame befindet. Aber es ist unmöglich, die Wirklichkeit mittels des Denkens, des Geistes zu verĂ€ndern, solange man der Unwirklichkeit auf den Leim geht. Unwirklichkeiten kann man unablĂ€ssig verĂ€ndern, es wird einem nur nichts bringen. Es bringt einen nicht nĂ€her an die Wirklichkeit heran. Man kann sich womöglich annĂ€hern, aber das war es auch schon. Meistens jedoch verstrickt man sich nur noch tiefer im trĂŒben GewĂ€sser der Imagination, in der Welt der Ideen.

Es ist nicht der Verstand und seine Logik, die den Anfang machen, wenn es darum geht, die Wirklichkeit zu erfahren. Aus dem Verstand, dem Intellekt heraus entstehen nur weitere Ideen, die Unwirklichkeiten hervorbringen. Geschmiedete PlĂ€ne, die sich in Luft auflösen, sobald der Moment Einzug hĂ€lt, sind der Beweis. TatsĂ€chlich scheinen wir die Wirklichkeit nur erkennen zu können, wenn wir sĂ€mtliche Ideen mit ihren Wurzeln ausreißen und das Leben unbelastet erfahren.

Im schöpferischen, im kĂŒnstlerischen Prozess kann man das am klarsten nachvollziehen. Jeder KĂŒnstler spricht davon, dass ihm seine Werke passieren, dass er nichts aus eigenem Willen und eigener Überlegung dazutut, dass es schlichtweg â€žĂŒber ihn kommt“ und er es lediglich auf die Welt bringt. Woher auch immer diese Inspirationen rĂŒhren, sie fahren plötzlich in ihn, gewinnen an Kontur – und dann erst schaltet sich der Verstand ein, der die nötigen Werkzeuge besitzt, um dem Ganzen Form zu geben und der ein fertiges Werk daraus macht.

Fade Romane, schlechte Filme, leblose GemĂ€lde, eintönige Musik, bei der sich nichts fĂŒhlen lĂ€sst, sind die Erzeugnisse des Intellekts. Werke, die dem KĂŒnstler passiert sind, haben ein Eigenleben, eine Seele, die man sehen, fĂŒhlen und hören, die man erfahren kann. Dabei mĂŒssen diese Werke nicht einmal perfekt sein, sie können Schönheitsfehler haben, doch sie haben Seele, weil sie nicht aus dem Intellekt geboren wurden. Was der Intellekt entbindet, ist unbeseelt und kalt.

Genauso muss es vonstattengehen, wenn man die Wirklichkeit erfahren will. Der Verstand darf nicht an erster Stelle stehen, er muss die letzte Instanz sein, die das Erfahrene in Form bringt. Nur so kann man etwas Beseeltes finden und der Welt der Ideen entfliehen. Der Verstand kann nur Ideen hervorbringen, die Wirklichkeit allerdings existiert schon und muss weder er- noch durchdacht werden. Sie kann durchdacht werden, und das ist an vielen Stellen auch sinnvoll, doch dabei sollte man sich nicht der Illusion hingeben, das Denken beschreibe, ersetze oder verÀndere die Wirklichkeit.

Bedeutet das, man muss kopflos durchs Leben laufen und sich auf die Straße stĂŒrzen, ohne vorher nachzusehen, ob ein Auto kommt? Nein, auf keinen Fall. Wer das nun annimmt, hat sich wiederum nur in einem Frame vom einen Ende zum anderen begeben. Das muss man sich klarmachen, mehr muss nicht geschehen: Wir mĂŒssen begreifen, dass wir im Meer der Ideen schwimmen. Umso bewusster uns das wird, desto weniger bringen wir diese Frames, Gedanken, Ideen und Wörter mit der Wirklichkeit in Verbindung. Und umso weniger wir das tun, desto klarer tritt die Wirklichkeit hervor.

Exakte Beschreibungen befinden sich sogar noch weiter von der Wirklichkeit weg als ungenaue. Je poetischer und metaphorischer ein Text ist, je mehr Spielraum lÀsst er der Wirklichkeit, um hin durchzuschimmern. Dennoch, auch jede Metapher ist nur ein Konstrukt.

Man kann sich selbst immer wieder ganz einfach testen, indem man ĂŒberprĂŒft, ob man dual, also in Entweder-oder-Kategorien denkt. Macht man das, dann springt man lediglich in einem Frame hin und her. Stattdessen kann man sich um ein Sowohl-als-Auch bemĂŒhen, das unweigerlich die eingefahrenen Grenzen sprengt. Damit kommt man der Wirklichkeit nicht nĂ€her, höchstwahrscheinlich hĂŒpft man nur in den nĂ€chsten Frame (und vielleicht setzt sich das immer so fort, weil es ĂŒberhaupt keine „eine Wirklichkeit“ gibt), aber man ertappt sich zumindest bei frischer Tat. Denn eines darf man nie vergessen: Alles, was jemand oder man selbst gesagt oder geschrieben und was man gehört oder gelesen hat, stellt nicht die Wirklichkeit dar. Man tut dem Wort nichts Gutes, wenn man ihm diesen Stempel aufdrĂŒckt. DafĂŒr ist das Wort nicht da.

Das Wort dient als Hilfsmittel, als Werkzeug. Es schafft magische Welten, denn was sonst ist magisch, wenn nicht die Tatsache, dass man jemanden mittels eines einfachen Wortes dazu bringen kann, Unwirkliches zu sehen?

Ach, und das noch: Auch dieser Text war natĂŒrlich gespickt mit Frames 


 

Über Melanie Meier:

Melanie Meier entstammt einer KĂŒnstlerfamilie, hat die Fachoberschule fĂŒr Gestaltung besucht und ist gelernte BuchhĂ€ndlerin. Heute ist sie Schriftstellerin, schreibt mystische Fantasyromane, die mit dem Qindie-Siegel ausgezeichnet sind, und arbeitet als freie Grafikerin und Texterin.

Weitere Informationen finden Sie unter www.Melanie-Meier.de

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