Der Traum in Zeiten von Social Media – Denis Tengler

von Thomas
Denis Tengler Traum MYSTICA

© kallejipp / photocase.de

In diesem Artikel teilt Denis Tengler seine Erfahrungen mit der Psychodynamik von TrÀumen im Rahmen gesellschaftlicher VerÀnderungen. Haben sich unsere TrÀume und seelischen Befindlichkeiten berÀndert durch unsere zeitraubenden Social-Media-AktivitÀten? TrÀumen wir heute weniger, und wenn ja, warum?

von Denis Tengler

 

 

 

 

WĂ€hrend allgemein-kultureller Wandel nur sekundĂ€r Beachtung finden wird, möchte ich den Schwerpunkt vornehmlich auf die VerĂ€nderung unseres Traumverhaltens durch Social Media legen, da an dieser Stelle ein relevanter Ansatz liegt, mit dem wir unsere TrĂ€ume besser nutzen können. Die reine Physiologie der TrĂ€ume ist fĂŒr diesen Artikel weitestgehend irrelevant, sodass ich auf die Beschreibung physiologischer VorgĂ€nge wĂ€hrend des Schlafs & deren VerĂ€nderungen, nicht eingehen werde.

 

TrÀume einst und heute :

Der Traum einst

NatĂŒrlich haben unsere Vorfahren aller Zeiten getrĂ€umt und den TrĂ€ume(r)n verschiedene Gewichtungen beigemessen; die Spannweite reicht von Völkern, in denen TrĂ€ume zur Grundlage der zwischenmenschlichen Kommunikation der Einzelindividuen wurden bis hin zu solchen Völkern, in denen der individuelle Traum unbeachtet blieb und nur die Traumbotschafen des z. B. StammesfĂŒhrers fĂŒr relevant befunden wurden. WĂ€hrend weltweit der Traum unterschiedlich gewichtet wird, möchte ich diesen Abschnitt vornehmlich unserer eigenen (Traum-)Kultur widmen und damit natĂŒrlich an der Stelle beginnen, bei der eine Systematisierung entwickelt wurde, die in der Lage war, sich weitreichender durchzusetzen, als bis zu diesem Zeitpunkt geschaffene Klassifizierungen, die einem gewissen Anspruch an Wissenschaftlichkeit genĂŒgen wollten – bei Freuds Traumdeutung.

In dieser Systematisierung der TrĂ€ume liegt der Schwerpunkt vornehmlich auf der Ersatzdarstellung mĂ€nnlicher und weiblicher Sexualattribute. Sexuelle Phantasien werden z. B. in Form lĂ€nglicher GegenstĂ€nde als PenisĂ€quivalente klassifiziert, wĂ€hrend runde/ aufnehmende Objekte Ersatz fĂŒr die Vagina darstellen. Die Interaktion dieser Ersatzinhalte im Traumgeschehen stellt somit den eigentlichen Sexualakt dar.

Kritiker werfen dieser Systematik vor, schematisch einseitig orientiert zu sein. Das gehĂ€ufte Auftreten sexueller Kontexte in den TrĂ€umen wĂ€hrend Psychoanalyse und psychoanalytischer Therapie soll vornehmlich darauf begrĂŒndet sein, dass der Therapeut im Rahmen des Übertragungs- und GegenĂŒbertragungsprozesses die Erwartung an den Klienten stellt, entsprechende Inhalte „eigenstĂ€ndig“ zu generieren. WĂ€hrend diese Kritik heute durchaus berĂŒcksichtigt werden muss, bin ich der Meinung, dass ein abschließender Meinungsbildungsprozess in Bezug auf die Entstehungszeit dieser Klassifizierung nicht möglich ist, da Trauminhalte selbstverstĂ€ndlich durch den Zeitgeist geprĂ€gt werden.

Betrachten wir das Krankheitsbild der „echten Hysterie“- die echte Hysterie stellt das verdrĂ€ngte Verlangen nach sexueller AnnĂ€herung dar. In dem Moment, wo sich die Möglichkeit im Sinne eines Verlangens ergibt, sich selbst fallen zu lassen und sich der Begierde hinzugeben, „fĂ€llt das Tantchen in Ohnmacht“. Einhergehend mit der weitestgehenden Sexualisierung unseres Alltages ist diese Form der Kompensation heute weitgehend obligat geworden; auch unsere TrĂ€ume sind heute eindeutiger sexuell und beinhalten wenig Ersatzinhalt; wir TrĂ€umen „offen“ von Sex und erleben Orgasmen wĂ€hrend des Schlafs.

-> Diese Form der Traumdeutung möchte ich somit als vornehmlich auf den nach außen gerichteten Anteil unserer SexualitĂ€t bezogen beschreiben.

C. G. Jung hat diesem Konzept eine weit reichende Konzeption entgegengestellt und, neben den hervorragenden Arbeiten zur Symbolik, insbesondere auf die FĂ€higkeit des Menschen hingewiesen, archetypische Inhalte zu generieren/ abzurufen. Entgegen der hĂ€ufig gelesenen, kritischen Expertenmeinung, die Archetypenlehre stelle ein konkretisiertes System fixer Archetypenmuster dar, muss gesagt werden, dass diese Wiedergabe nicht korrekt ist. In der Archetypenlehre geht es vornehmlich um die große VariabilitĂ€t und die FĂ€higkeit zur Schaffung selbst, statt um eine Aufstellung fixer Archetypen und deren Definition. Daraus entsteht eine Traumarbeit mit einem hohen Grad an Individualisierbarkeit und, damit eingeschlossen, vielfĂ€ltigen Deutungsmöglichkeiten, die sich variabel am Klienten orientieren darf.

 

Der Traum heute

Aktuell scheint der Traum fĂŒr unsere Gesellschaft keine besondere Relevanz zu besitzen. Die meisten von uns wachen morgens auf und verfĂŒgen ĂŒber keinerlei Erinnerung an die TrĂ€ume der vorangegangen Nacht. Selten werden uns nachtrĂ€glich Trauminhalte bewusst und wenn dies doch einmal eintritt, dann zumeist nur solche aus der Zeit kurz vor dem eigentlichen Aufwachen, wenn unsere ersten Gedanken bereits um die Aufgaben und Inhalte des beginnenden und des vorherigen Tages kreisen, wodurch eine halbbewusste bzw. vorbewusste Traumsituation generiert wird.

-> FĂŒr die meisten von uns dient der Traum heute einzig dazu, die offensichtlichen Erlebnisse des Alltages zu reproduzieren, zu reproduzieren und immer wieder zu reproduzieren.

An dieser Stelle muss die Frage gestellt werden, ob die verarbeitende, integrierende und prophetische Funktion unserer TrÀume nicht mehr benötigt wird. WÀre dies der Fall, wÀre der Artikel an dieser Stelle nicht nur zu Ende sondern auch ziemlich langweilig.

 

Verlust des eigenen Traumbewusstseins

Die meisten von uns leben in der Vorstellung, dass wir heute sĂ€mtliche Wahlmöglichkeiten in Bezug auf unsere Lebensgestaltung wahrnehmen können. TatsĂ€chlich kĂ€mpft aber jede Generation um Freiheiten, die die Folgegeneration als selbstverstĂ€ndlich annimmt. In unserer Zeit der Kommunikation in der vierten Dimension (nach Johannson) sind unsere Wahlmöglichkeiten faktisch durch den Zwang zur Partizipation am stĂ€ndigen Dialog nach außen orientiert. Der innere Dialog erfĂ€hrt eine permanente Fehlsublimierung durch den nach außen gerichteten Kommunikationsdruck und kann als solcher die nach innen gerichtete Funktion nicht mehr ausĂŒben. Dies stellt einen der Kern-Faktoren dar, der dazu fĂŒhrt, dass unsere Trauminhalte nicht mehr ins Bewusstsein gelangen; die Botschaft an den Einzelnen wird zu bedrĂ€ngend, um zugelassen werden zu können und bleibt schließlich ganz aus, da das BedĂŒrfnis des Menschen nach gelebter Persönlichkeitsentwicklung nicht der tatsĂ€chlichen Lebensgestaltung entspricht. Eine sinnlose, ĂŒberflĂŒssige Internet-Banalkommunikation mit hohem zeitlichen Bindungspotenzial steht den Möglichkeiten des ultraschnellen & weltweit vernetzten Wissensaustauschs entgegen.

 

Wie der Traum nach Hause kommt

Steiner hat lebendig beschrieben, dass der erste Weg nach Innen ĂŒber die Bewusstwerdung und das Loslassen/Anhalten des inneren Dialoges fĂŒhrt. Daran hat sich nichts geĂ€ndert! Übertragen auf die heutige Zeit bedeutet dies, dass du zunĂ€chst den stĂ€ndigen, digitalen Außendialog loslassen/anhalten musst, damit du dir des inneren Dialogs wieder bewusst werden und diesen schließlich ebenfalls loslassen kannst. Das klingt zunĂ€chst banal; jetzt musst du nur mit dem Unterlassen beginnen und ich lasse dich an dieser Stelle damit alleine, denn es ist gerade das Alleinsein, mit dem du dich auseinandersetzen musst- darĂŒber gelangst du auch zum produktiven, nutzbringenden Einsatz der sozialen Medien.

 

Beispiele fĂŒr zurĂŒckkehrende TrĂ€ume

Im Folgenden möchte ich dir zwei BeispieltrĂ€ume von Klienten mitteilen, inklusive einer grob zusammengefassten Ausdeutung. Hierbei ist zu beachten, dass sĂ€mtliche Traumaspekte individuell bewertet werden mĂŒssen. Traum eins ist im regulĂ€ren Alltag aufgetreten, wĂ€hrend der TrĂ€umer des zweiten Beispiels diesen transformierenden Traum erst hatte, als die fĂŒr ihn persönlich relevanten Ă€ußeren Bedingungen erfĂŒllt waren, die eine Integration des Inhalts möglich gemacht haben; dennoch bestand fĂŒr diesen Traum eine Amnesie ĂŒber viele Stunden, nachdem der TrĂ€umer damit begonnen hatte, seine Denkmuster am Folgetag zu hinterfragen. SelbstverstĂ€ndlich dĂŒrfen die hier beschriebenen TrĂ€ume als Beispiel verwendet werden.

–  Ein Klient, der sich in der Regel nicht an seine TrĂ€ume erinnern kann und dessen TrĂ€ume, wenn er sich mal daran erinnern kann, durch Inhaltslosigkeit gekennzeichnet sind, nimmt sich erstmalig vor, sich an seine TrĂ€ume zu erinnern und trĂ€umt in der Folgenacht, dass er die Tageszeitung liest. In der Zeitung wird sein eigener Berufsstand diffamiert und mit lĂ€cherlichen Zusatzbezeichnungen beschimpft; in der Zeitung gibt es naturgemĂ€ĂŸ keine Möglichkeit, sich momentan zu rechtfertigen.

-> Dem TrĂ€umer wurde daraufhin sein eigenes MinderwertigkeitsgefĂŒhl und sein stĂ€ndiges Ausagieren in Form selbstrechtfertigender Kommunikationsmuster bewusst. Beides hatte bislang einen ökonomischen Einsatz seiner eigenen Ressourcen in Bezug auf seine Arbeit und seine Mitmenschen verhindert.

– Ein weiterer Klient, der niemals einen Traum von hoher PrĂ€gnanz mit komplexen Inhalten erlebt hat, trĂ€umt, er sei ein mĂ€nnlicher Adliger und er befinde sich in einer BlechhĂŒtte. Außen steht das versammelte Volk und wartet auf eine Rede, jedoch gibt es in diesem Traum keine Notwendigkeit, die vorbereitete Rede tatsĂ€chlich zu halten; es ist sogar völlig indifferent, ob der Adlige die Rede vortrĂ€gt oder nicht – sowohl fĂŒr ihn selbst als auch fĂŒr das versammelte Volk ist es schlicht egal. Daraufhin beschließt der Adlige, die TĂŒr anzulehnen und autosexuelle Techniken zu praktizieren.

-> Dem TrĂ€umer wurde durch diesen Traum bewusst, dass sein eigenes Verhalten bisher vornehmlich reaktiv durch die Umwelt gesteuert wurde und nur wenig Selbstliebe beinhaltet hat. FĂŒr den TrĂ€umer war der Traum im höchsten Maße relevant und mit konkreten VerĂ€nderungen von Einstellungen, Empfindungen und Bewertungen seiner inneren Umwelt verbunden.

 

Abschluss

Dieser Artikel soll seine Wirkung zeitverzögert entfalten. Dies wird dann am besten geschehen, wenn du fĂŒr heute vergisst, dass du diesen Artikel gelesen hast und dich zudem daran hĂ€ltst, was du ĂŒber das Anhalten des Ă€ußeren Dialogs erfahren hast; damit kannst du bei diesem Artikel beginnen.

 

 

Über Denis Tengler:
Denis Tengler ist Heilpraktiker in eigener Praxis in Seeheim-Jugenheim. Da seine Laufbahn im Sportbereich als Athlet und Autor begonnen hat, wird seine Praxis vornehmlich von Sportlern und Sportlerinnen besucht. Er verbindet im therapeutischen Bereich verschiedene körper- und persönlichkeitsbezogene Verfahren, wÀhrend seine TÀtigkeit im Sportbereich heute z. B. Trainingsoptimierung, Sportrehabilitation, Wettkampfbetreuung sowie die Nachbehandlung von Sportverletzungen beinhaltet.

www.Strength-Coaching.com

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