Machtmißbrauch in der spirituellen Szene – Christian Salvesen

Wissen ist Macht_Salvesen_MYSTICA

© kallejipp / photocase.de

Wissen ist Macht, und kann missbraucht werden – auch von spirituellen Lehrern. Wissen gilt in unserer Gesellschaft als besonders erstrebenswert, im TV-Quiz kann man 1 Million Euro gewinnen. Das spirituelle Wissen kann ebenfalls eine verführerische Macht sein.

von Christian Salvesen

 

 

 

Wir kennen den Slogan „Wissen ist Macht“. Er erscheint zum Beispiel in der Werbung für Persönlichkeitsentwicklung und Managementtrainings. Und die Geschichte belegt: Wer lesen und schreiben konnte und so über Wissen verfügte, der hatte auch Macht und Einfluss. Immer wieder ging es in Revolutionen wie der Französischen von 1789 oder den Arbeiterrevolten in den 20er Jahren in Deutschland darum, dass die sozial schwachen und armen Menschen auch den Zugang zu Bildung und Ausbildung erhalten. Das ist bis heute aktuell: Je mehr Wissen und Bildung, desto besser die Berufschancen.

Doch das geflügelte Wort „Wissen ist Macht“ bedeutet noch mehr. Es stammt aus der Philosophie von Francis Bacon (1561–1626), einem Pionier der Aufklärung. Er schreibt 1598 in Bezug auf die Wissenschaft „Wissen selbst ist Macht“ und 1620 in seinem Hauptwerk Novum Organum: „Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache über deren Wirkung täuscht“. Wir dürfen nicht vergessen, dass zu jener Zeit der Glaube an Hexerei viel Leid erzeugte. Die Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung war gleichsam blockiert. Das Meckern eines Ziegenbocks oder das Lachen einer Frau konnten durchaus als Ursache für den Brand eines Hauses und als Werk des Satans angesehen werden, eben aus Unwissenheit.
Im weitesten Sinn ist Wissen nicht nur gut für die eigene Karriere, sondern vor allem für die Entwicklung unserer Spezies Mensch. Philosophen wie Sri Aurobindo, Jean Gebser und Ken Wilber sehen eine Entwicklung des Bewusstseins, die durch eine höhere, göttliche Instanz gelenkt wird, und dabei geht es primär um ein inneres Wissen.

Der französische Philosoph, Historiker und Soziologe Michel Foucault (1926-1984) kam zu dem Schluss, dass „Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert.“

Was so wichtig für uns Menschen ist, kann aber auch missbraucht werden. Ein Betrüger ergaunert sich heute meistens Informationen durch das Internet, spioniert den Zugang zu Kontodaten aus usw. Jeder hat wohl auch selbst erlebt, dass jemand etwas weiter erzählt hat, was ihm oder ihr mit dem Schweigesiegel anvertraut wurde. Wissen besteht aus Informationen, für die nicht nur in Spionagefilmen getötet wird. Es kann die Nummer eines Bankkontos oder einfach nur eine Adresse sein – und das Wissen darum entscheidet über Leben und Tod. Und das bedeutet auch Macht.

 

Wissen und Macht im Bereich der Spiritualität

Wir können hier unzählige spannende Fälle von Macht und Machtmissbrauch in der Geschichte, der Politik usw. erörtern, eben das, was auch in Krimis und der aktuellen Presse behandelt wird. Doch im Folgenden soll es um Wissen und Macht sowie ihren Missbrauch im Bereich der Spiritualität gehen.

Wissen sollte hier eigentlich gleichbedeutend mit Weisheit sein. Religionsstifter wie Moses, Jesus, Mohammed oder Buddha gelten als weise und gerechte Menschen, die ein besonders inniges Verhältnis zu Gott, zur universellen Wahrheit und zur Liebe haben. Sie haben aufgrund ihrer mystischen Erfahrung eine besondere Autorität, sind auf eine Art machtvoll, die schwer zu definieren ist. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, soll Jesus gesagt haben. Er trennte deutlich zwischen der weltlichen und der göttlichen Macht. Andererseits soll er seinem Jünger Petrus eine Verantwortung und Macht übertragen haben, auf die sich bis heute jeder Papst „als Stellvertreter Gottes auf Erden“ beruft. Und wie wir aus der Geschichte wissen, haben die meisten Päpste ganz kräftig mitgemischt in der Politik.

Die Beziehung zur Macht ist bei den Religionsbegründern unterschiedlich. Moses führte sein Volk wie ein Herrscher durch die Wüste und gab ihm die zehn Gebote, Mohammed kämpfte als Krieger, Jesus wählte den Opfertod, Buddha verzichtete auf seinen Thron und Krishna schickt Arjuna in den Kampf, um alle seine Freunde und Verwandte zu töten. Ein allgemein verbindliches Konzept, wie sich Erleuchtung mit Macht verbindet, lässt sich hier nicht so ohne Weiteres ablesen.

In den Religionen der vergangenen 3000 Jahre nutzten Priesterkasten und Eingeweihte ein kaum durchschaubares Wissen um göttliche Zusammenhänge, um das Volk zu unterdrücken. Das lief und läuft immer noch so gut, weil die Grundängste des Menschen ausgebeutet werden. Jeder hat Angst vor dem Tod. Da ist eine Ungewissheit und Leere, in die man einen Himmel und eine Hölle hinein fabrizieren kann. Ein wunderbares Machtinstrument, sehr ausbaufähig. Das Wissen ist natürlich nur vorgetäuscht. Niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Aber das Geschäft mit Informationen aus dem Jenseits blüht auch heute. Es ist so menschlich, etwas wissen zu wollen, was doch grundsätzlich dem Verstand verschlossen bleibt. Wer da weise genug ist, sich dem Nicht-Wissen hinzugeben, wird kaum ein Opfer von Gurus werden, die ihm göttliches Wissen und Erleuchtung verkaufen wollen.

 

Machtmissbrauch heute

Nun, es gibt die Macht und ihren Missbrauch auch in der heutigen spirituellen Szene. Das ist besonders subtil und schwer greifbar. Denn etliche Schüler und Schülerinnen von Gurus würden nicht einmal auf die Idee kommen, dass sie womöglich missbraucht werden, sei es sexuell oder in anderer Hinsicht. Es ist manchmal schwierig, die Grenze zwischen Hingabe und Hörigkeit zu erkennen.

Wenn ich hierzulande jemanden als Guru verehre, ist das – im Unterschied zu Indien, woher diese Tradition stammt und wo das sozial anerkannt ist – reine Privatsache. Mit dem Gesetz komme ich nicht in Konflikt, denn es gilt die Religionsfreiheit. Ich darf jeden Guru verehren und anbeten. Es sei denn, er fordert zum Krieg gegen die Ungläubigen auf – da hört der Spaß auf!

Auf dem Rainbow-Spirit-Festival in München 2012 gab es eine Podiumsdiskussion zum Thema „Spirituelle Arroganz“. Die Moderation hatte Wolf Schneider, Herausgeber von Connection Spirit. Eingeladen waren Annette Kaiser, Schülerin der berühmten Sufimeisterin Irina Tweedie (1907-1999), die Theologin Katharina Ceming, sowie der Psychologe Christian Meyer, der erklärt, er könne Menschen zum Erwachen führen, und schließlich der Satsanglehrer Madhukar, Schüler des indischen Gurus Sri Poonja (Papaji). Es waren sehr spannende und auch unterhaltsame 90 Minuten – die jeder im Internet bei Jetzt-TV mitverfolgen kann. Ich überspringe hier den ersten Teil des Gesprächs zum Thema Arroganz und klinke mich ein bei der Frage, ob spirituelle Lehrer mit ihren Schülern Sex haben dürfen.

Das ist eine sehr wichtige Frage, denn der Lehrer oder Guru steht für ein Wissen, das nicht mal eben so angelesen werden kann. Ich, der Schüler, die Schülerin, begreife womöglich endlich – nach langer verzweifelter Suche, worum es letztlich geht, das Geheimnis der Unsterblichkeit und der unbegrenzten Liebe, indem ich mich dem Meister ganz hingebe, offenbare, alles zulasse. Der Meister hat mich womöglich auserwählt, mit ihm sein Bett zu teilen. (Weibliche Gurus können sich entsprechend ihren auserwählten Schülern widmen). Auch die gleichgeschlechtliche Variante ist belegt. Wir haben leider genug unrühmliche Beispiele von weltberühmten Gurus, die nachweislich Sex mit ihren Schülern hatten und dabei großes Leid verursachten, ja sogar den HIV-Virus wissentlich übertrugen.

 

Die Diskussion

Nach einer guten halben Stunde, wo sich die Podiumsdiskussion etwas festgefahren hat, weil der Begriff Arroganz schwer zu definieren ist, fragen die Frauen in der Runde, Katharina und Annette konkret nach: Was ist mit sexuellen Übergriffen seitens des Gurus?

Annette Kaiser hat als Präsidentin der Transpersonal Society in den 80er Jahren viele spirituelle Lehrer kennengelernt, und gerade die tibetischen Lamas waren wohl in Sachen Sex recht ungestüm. „Es ging höllisch zu“, meint sie schmunzelnd. Doch es sei für sie ganz wichtig gewesen, hier Klarheit zu erlangen. Ihre Lehrerin habe stets den gesunden Menschenverstand beschworen. Die Tibeter bandelten derart mit den westlichen Schülerinnen an, dass der Dalai Lama ein Machtwort sprechen musste. Er verordnete die Heirat.

Annette Kaiser besteht darauf, dass es in jedem von uns die Instanz des Gewissens, des besseren Wissens gibt, eine „Richtlinie des Herzens“. Wir können und sollen uns jederzeit und in jeder Situation fragen: Stimmt das jetzt für mich? Die innere Ethik kommt aus der Stille und stimmt mit dem Kosmos überein.

Im Gespräch wird letztlich klar, dass Annette sexuelle Beziehungen zwischen Guru und Schüler ablehnt, auch wenn sie Ausnahmen zulassen möchte. Es entspinnt sich eine witzige Auseinandersetzung zwischen ihr und Madhukar, der anscheinend in der von ihr mit betreuten Schweizer Villa Unsprunn wegen Arroganz ausgeladen wurde. Madhukar war erfolgreicher Journalist im Fernsehen und verkündet, er sei von Poonja, der ihm den Namen (übersetzt Geliebter, süß wie Honig) gegeben hat, zur Vermittlung der Botschaft beauftragt worden, und die lautet: Du bist bereits frei.

Der kahlgeschorene Madhukar gibt sich jovial und lässig: Die Schweizer könnten es offenbar nicht aushalten, wenn die Suppe kalt wird, er sei eben etwas später gekommen, na und? Insgesamt steht Madhukar zu eben jenen Eigenschaften und Privilegien, die einem Guru in der indischen Tradition zukommen. Er lässt Schüler und Schülerinnen ohne Entgelt für sich arbeiten, sie müssen ihn sogar Siezen. Und er hat sexuellen Verkehr mit etlichen Schülerinnen. Das seien aber, so Madhukar, alles reife Frauen. Warum können Frauen nicht selbst entscheiden, in welches Abenteuer sie sich einlassen? Wer stellt hier überhaupt die ethischen Regeln auf? Warum sollte sich ein Erwachter daran halten?

„Meine Erfahrung ist, dass die Aura bei Männern, die mit hundert Frauen geschlafen haben, grau ist“, sagt Annette Kaiser. Madhukar entgegnet darauf: „Ich glaube eher, dass Männer, die keinen Sex haben, zum Beispiel Mönche, eine graue Aura verstrahlen. Ich fühle mich jedenfalls sehr lebendig. Ich sehe in jeder Frau eine Göttin, die genau weiß, was sie will. Und überhaupt ist ein Guru letztlich jenseits von Mann und Frau, er ist jenseits von jeglicher Form. Das ist die Liebe, die ich mit Papaji erlebt habe.“

 

Die Asymmetrie in der Meister-Schüler Beziehung

Sehr klare Position in der Diskussion beziehen auch Katharina und Christian. Beide lehnen eine sexuelle Beziehung zwischen Guru und SchülerIn kategorisch ab. Katharina begründet das mit der ethischen Bedeutung des spirituellen Lehrers.

Christian Meyer weist als Psychologe auf die Parallele zur Psychotherapie hin, wo das verbindliche Verbot der sexuellen Beziehung zwischen Patient und Therapeut besteht. Der spirituelle Lehrer (Guru, Meister) hat ein Wissen, das ihn für den Schüler unentbehrlich macht. Doch er darf das keinesfalls ausnutzen. Eine sexuelle Beziehung würde dieses delikate spirituelle Verhältnis von Meister und Schüler zerstören. Es geht nicht darum, dass ein erwachter Lehrer keinen Sex haben sollte. Er ist nicht heilig. Doch wenn er Sex hat, dann außerhalb der Meister-Schüler-Beziehung, auf Augenhöhe, symmetrisch. Der Lehrer sollte kein Leid erzeugen, doch in einer asymmetrischen sexuellen Beziehung wird es dazu zwangsläufig kommen.

Die Diskussion hat mir gezeigt, dass es allgemeine Regeln dafür gibt, wie sich man/frau vor einem Machtmissbrauch von spirituellen Lehrern schützen kann. Jeder sollte tief in sich hineinfühlen, was richtig ist (Annette Kaiser), rational überprüfen: Was gibt mir das wirklich? (Katharin Ceming). Was bedeutet eigentlich Asymmetrie in der Beziehung zum sprituellen Lehrer. Bin ich von ihm abhängig? Und auch Madhukar, der in diesem Diskussionsforum offensichtlich als Beispiel für „Spirituelle Arroganz“ herhalten sollte, hat einen wichtigen Punkt beizutragen: Bitte keine spirituelle Etikette. Erwachen ist kein Gesellschaftsevent mit Serviette, Messer und Gabel.

 

Über Christian Salvesen:

Er ist Autor, Künstler und Kenner der spirituellen Szene. 1951 in Celle geboren, Magister der Philosophie und Musikwissenschaften, Komponist und Musiker, arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist/Redakteur und hat etliche Bücher veröffentlicht, darunter „Advaita“ und „Liebe – Herz aller Weltreligionen“. In den 80ger Jahren leitete er in eigenen, erfolgreichen Rundfunksendungen beim WDR und NDR zur Meditation und zum Bewussten Hören an. Er lebt mit seiner kanadischen Ehefrau in der Nähe von München. Alles weitere erfahren Sie auf www.christian-salvesen.de

 

Buchtipps:
1. Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Suhrkamp, 2002.
2. Sabine Necker (Hrsg.): Wissen ist Macht: Aber nichts wissen macht auch nix . Coppenrath, Münster, 2010.

Infos zu den Teilnehmern der Diskussionsrunde:
Annette Kaiser – www.villaunspunnen.ch
Katharina Ceming – www.quelle-des-guten-lebens.de
Madhukar – www.madhukar.org
Christian Meyer – www.zeitundraum.org
Wolf Schneider – www.schreibkunst.com

Das Video der Posiumsdiskussion nebst vielen anderen interessanten Beiträgen auf www.jetzt-TV.de

Fotos von der Podiumsdiskussion können Sie hier einsehen.

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