Himmel und Hölle des Hieronymus Bosch – Christian Salvesen

Bosch_SliderHieronymus Bosch und die bildliche Kunst im Hoch- und Spätmittelalter – vor 500 Jahren starb der Niederländische Maler Hieronymus Bosch (um 1450-1516). Er gehört zwar nicht mehr zum Mittelalter sondern zur Renaissance, doch seine zum Teil albtraumhaften Bilder lassen sich besser verstehen, wenn man die Weltsicht des Mittelalters einbezieht. Christian Salvesen gibt einen Überblick der Zeit von Hildegard von Bingen bis Hieronymus Bosch.

von Christian Salvesen

 

Was ist das Mittelalter?

„Das ist ja finsterstes Mittelalter!“ War sie wirklich so finster, diese Zeit zwischen 500 – 1500 n. Chr., zwischen dem Ende des Römischen Reiches und der Reformation? Wie haben sich die Menschen damals gefühlt? Wie haben sie sich selbst und ihre Welt gesehen? Die heute noch erhaltenen Schriften, Bilder, Skulpturen und Bauwerke gewähren uns einen Einblick in ihre Seele.

Die fast 1000-jährige Geschichte des Mittelalters wird allgemein in drei Phasen unterteilt: Frühes, Hohes und Spätes Mittelalter. Ich möchte hier einige Aspekte der letzten beiden Perioden, also die bildende Kunst ab dem 12. Jahrhundert skizzieren.

In jedem Bild zeigt ein Maler etwas von sich selbst und von den Vorstellungen seiner Zeit. Zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert geschah eine Hinwendung zum Individuellen. Die Gesichter der dargestellten Menschen bekamen zunehmend einen emotionalen Ausdruck, wurden zu Charakteren, und zugleich wurde auch die subjektive Perspektive des Künstlers deutlich. Hier bereitet sich der Übergang zur Renaissance, der „Wiedergeburt des Menschen“ vor. Ab dem 15./16. Jahrhundert wurde der Mensch als ein freies Individuum gefeiert und die katholische Kirche verlor zunehmend ihre alles kontrollierende Macht. In dieser Zeit wurde erst der Begriff „Mittelalter“ geprägt. Er sollte zeigen, dass es sich um etwas „Mittleres“, um einen Übergang zwischen der Antike und der ganz „neuen“, der „Neuzeit“ handelte.

 

Die seelischen Qualitäten

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Die Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert in Europa war für unsere heutigen Maßstäbe in vielen alltäglichen Dingen wohl eher abstoßend. Auf den engen Gassen der Städte fraßen die Schweine die aus den Fenstern heraus geschütteten Abfälle samt Kloake. Das war die Müllabfuhr und Kanalisation. Und es wurde in späteren Jahrhunderten eher schlimmer als besser. Dann gab es die grausamen Kreuzzüge, die meist mit der Judenverfolgung in den eigenen Städten begannen. Doch auch all die Schreckensszenen der Folter, der Hexenverbrennungen und öffentlichen Hinrichtungen, die oft mit dem Mittelalter verbunden werden, steigerten sich erst in späteren Jahrhunderten – bis in die Zeit der „Aufklärung“ (Erleuchtung), also bis ins 18. Jahrhundert.

Nein, gemessen an vielen anderen menschlichen „Zeitaltern“ war das Hochmittelalter eine fast schon „schöne“ Zeit. In jedem Fall war die Schönheit ein Hauptthema. Gott wurde nicht mehr so sehr als äußerer Herrscher gefürchtet, sondern als eine Kraft verehrt, die den Menschen von innen her aufrichtet und nach oben, ins Licht und Immaterielle zieht. Diese göttliche Kraft zeigt sich auch in der Welt, offenbart sich den Sinnen.

In der Architektur gotischer Kathedralen bemerken wir die aufstrebenden Kräfte, die – ganz anders als in der gedrungenen Romanik – der Erde entfliehen möchten – hin zu Gott, in den weiten Himmel hinein. Wurden die Menschen zuvor – meist in den handgeschriebenen Bibeln – eher wie Schrift auf neutralem Hintergrund dargestellt, gewinnen sie nun ihre eigene Gestalt und Tiefe. Sie bewegen sich als Individuen in einer dreidimensionalen Welt.
An die Stelle Gottes des Allmächtigen tritt zunehmend das Vorbild seines mit und für uns leidenden Sohnes, Jesus Christus. Einer der damals berühmtesten Prediger, der Zisterzienser und Marienverehrer Bernhard von Clairvaux (1090-1153), fasste den Wandel in einem Satz zusammen: „Die Liebe besiegt die Furcht“ (Amor vincit timorem).

Bis heute stehen vor allem zwei Namen für die kulturelle und geistige Blüte des Hochmittelalters: Die benediktinische Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) und der Dominikaner Meister Eckehart (1260-1328). Hildegard war vielseitig begabt – dichterisch, musikalisch, wissenschaftlich, visionär – und dazu äußerst tatkräftig und geerdet. Sie wurde schon zu Lebzeiten hoch verehrt. Ihr verdanken wir eine lebensbejahende bodenständige Spiritualität, die das sinnliche Erleben – Poesie, Kunst, Musik, Körperempfinden – als Pfeil ins Jenseits versteht und stets aufs Neue abschießt.

Im 12. Jahrhundert gab es erstaunlich viele Freiheiten in den Künsten und Wissenschaften. Islamische, jüdische und christliche, ja sogar buddhistische Traditionen befruchteten sich gegenseitig in kulturellen Metropolen wie Samarkand, Bagdad, Konstantinopel oder Granada. Die Kunst der Liebe grassierte an den Höfen. Jeder Adlige wollte seine Angebetete mit Minnedienst gewinnen, versuchte sich in Gedichten oder im Spiel der Leier. Überall entstanden kleine Subkulturen, Sekten, die unterschiedlich stark den ursprünglich heidnischen Göttinnenkult als Marienverehrung in christlicher Form neu aufleben ließen. Die Autorität der katholischen Kirche drohte von der weichen Welle eines vorzeitigen „New Age“ unterspült zu werden.

Meister Eckehart lebte weit über ein Jahrhundert später. Und da war die Toleranz bereits deutlich geschrumpft. Seine Predigten bezogen sich zwar meist auf das, was jenseits von Zeit und Raum ist. Eigentlich brauchte sich niemand, auch nicht der Papst, angegriffen zu fühlen. Dennoch wurde er von der Inquisition zensiert. Predigtverbot. Noch heute gängige Praxis, siehe Küng, Drewermann oder Willigis Jäger. Damals allerdings drohten Folter und Scheiterhaufen.

Das heitere, klare Gesicht der Herrscherpaare, Ritter und Knappen verzerrt sich ab dem ausgehenden 13. Jahrhundert zunehmend zu einer grimmigen Maske. Der „100-jährige Krieg“ (zwischen England und Frankreich, 1339-1453) bringt eine starke Verunsicherung. Wirtschaftlich und auch sonst geht es dem Volk schlecht. Plündernde Soldaten und entwurzelte Bauern ziehen durch die Lande. Angst wird zum Hauptthema. Angst vor der Hölle, Angst vor der Pest, Angst vor mordenden Banden. Gegen Ende des Mittelalters, im 15. Jahrhundert, scheint die Angst das beherrschende Lebensgefühl zu sein. Interessant ist die Parallele zu unserer Zeit. Immerhin sollen fast 20 Prozent der Deutschen unter Ängsten leiden, die therapeutisch behandelt werden müssen.

 

Himmel und Hölle

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Auschnitt aus „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch

Wie mag es sich anfühlen, wenn man beim Spaziergang aus der Stadt heraus an Galgen vorbeikommt, wo menschliche Leichname baumeln und verrotten? Die 12-jährige Tochter zeigt auf einen und sagt: „Hey, Papa, ist das nicht Hermann, unser Nachbar?“. Ziemlich gruselig, oder? War das wirklich einmal so, vor langer Zeit? Oder vielleicht auch erst vor nicht so langer Zeit? Vielleicht erst vor gut 60 Jahren in Deutschland? Oder erst gestern, in einem anderen Land?

Ist die Hölle womöglich immer gleich nebenan, lauert hinter der nächsten Ecke? Die Vorstellungen von Himmel und Hölle haben uns nach vielen Jahrhunderten der Konditionierung sicher immer noch im Griff. Wer wacht nicht gelegentlich aus einem Albtraum auf und denkt: Das war die Hölle!
Man könnte meinen, Hölle und Himmel seien ziemlich private Räume. Jeder erlebt seine ganz eigene Qual und Seligkeit. Im Mittelalter dachte man in dieser Hinsicht sozialer. Die Hölle war eine ewige Strafanstalt, die man mit seinesgleichen teilte. Die Phantasie konnte bei der Darstellung von Qualen auf ausreichend empirisches Anschauungsmaterial zurückgreifen. Schlimmer als das, was an Verurteilten praktiziert wurde, ging es eigentlich kaum noch.

Schwieriger war die Darstellung des Paradieses. Was konnte man da schon bieten: Endlos satt sein an Würsten? Ständig Engelschöre hören? Mit schönen Frauen und Männern im Jungbrunnen baden? Rechts von Gott mit Jesus und den Aposteln in einer Art Ältestenrat herumsitzen?

Kaum ein Künstler hat die Phantasien in Bezug auf Himmel und Hölle so angeregt wie der Niederländer Hieronymus Bosch (1465-1516). Wir befinden uns, wie gesagt, bereits im Niedergang des Mittelalters. Was allein ein Statuengesicht aus dem 12. Jahrhundert an innerer Freude und Klarheit ausstrahlte, kann Bosch auch in ausgefeilten Gelüsten nicht mehr rüberbringen. Seine Bilder stellen eher Albträume dar. Und das Faszinierende ist: Jeder kann sich selbst darin in irgendeinem Detail wieder finden. Die Bilder, in denen Hölle und Himmel mit vielen Gestalten bevölkert sind, könnten fast als Illustration zu den Theorien des Unbewussten von Sigmund Freud betrachtet werden.

Bosch hat in seinen Bildern eine Symbolsprache verwendet, die heute zum größten Teil entschlüsselt ist. Am Ende sind einige Beispiele aufgeführt. Faszinierend oder verstörend wirken aber in Boschs Bildern vor allem die vielen Fabelwesen, Dämonen und Mischgestalten aus Tier und Mensch, die wehrlose Menschen quälen. „Ausgeburten der Hölle“, die sich kulturgeschichtliche jedoch auf ein eher pädagogisch gemeintes Werk zurückführen lassen, die so genannten „Bestiarien“. In verschiedenen populären Ausgaben wurden hier exotische Tiere oder auch Fantasiewesen vorgeführt, die bestimmte menschliche Eigenschaften veranschaulichen sollten. Solche Darstellungen waren im Mittelalter sehr beliebt, befriedigten sie doch auch eine Wissensbegierde und Sensationslust.

Wir sollten die Gemälde von Bosch allerdings nicht im Sinne einer existentiellen Angst interpretieren, wie sie etwa der norwegische Expressionist Edvard Munch (1863-1944) in seinem berühmten Bild „Der Schrei“ ausdrückte. Bosch wollte vor allem soziale Missstände aufzeigen, etwa den Konkurrenzkampf der Zünfte, die Ausbeutung des Volkes durch den Adel und die Kirche. Seine grotesken Bilder wirken auf uns wohl kaum komisch, aber sie sind zum Teil als satirische Übertreibung gemeint. Der Maler selbst lebte „gutbürgerlich“ mit seiner Familie zeitlebens im niederländischen Städtchen Herzogenbusch. Er trat zwar in einen religiösen Zirkel ein, der „Bruderschaft der lieben Frau“, aber als Mystiker oder Exzentriker ist er nicht auffällig geworden. Dennoch: Sein Werk bleibt bis heute eine eigenartige, geheimnisvolle Botschaft aus einer immer noch rätselhaften vergangenen Zeit – und wohl auch aus einem Bereich des Unterbewussten, der uns nach wie vor beeinflusst.

 

Symbolik bei H. Bosch
Der Bär steht für die Todsünde Zorn
Die Kröte – sie hockt meistens auf einer Person – steht für Verdorbenheit
Der Trichter, zumeist einer Person umgekehrt auf den Kopf gestülpt, steht für „Gemeinheit, betrügerische Absicht“ (der Träger des Trichters hat sich gegen den Himmel, das Auge Gottes abgeschirmt).
Die Knochenschuhe weisen ihren Besitzer als bösen Menschen aus.
Der Pfeil signalisiert ebenfalls „das Böse“
Der Dudelsack ist eine Anspielung auf die Todsünde „Wollust“.
Die Deutung von Symbolen hängt sehr von ihrem jeweiligen Bildkontext ab, so dass positive Symbole, wie der Schwan, der im Zusammenhang mit Maria Reinheit und Keuschheit bedeutet, in anderen Bildkontexten das Gegenteil bedeuten kann. So ziert er auf einer Fahne ein Haus, das durch andere Symbole eindeutig als Bordell ausgewiesen ist.
(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hieronymus_Bosch)

 

Über Christian Salvesen:

Er ist Autor, Künstler und Kenner der spirituellen Szene. 1951 in Celle geboren, Magister der Philosophie und Musikwissenschaften, Komponist und Musiker, arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist/Redakteur und hat etliche Bücher veröffentlicht, darunter „Advaita“ und „Liebe – Herz aller Weltreligionen“. In den 80ger Jahren leitete er in eigenen, erfolgreichen Rundfunksendungen beim WDR und NDR zur Meditation und zum Bewussten Hören an. Er lebt mit seiner kanadischen Ehefrau in der Nähe von München. Alles weitere erfahren Sie auf www.christian-salvesen.de

 

Literatur-Tipps:
– Umberto Ecco: Kunst und Schönheit im Mittelalter. DTV, 10,- Euro
– Otto Kammerlohr u.a.: Epochen der Kunst, Bd 2 Mittelalter, Oldenbourg Schulbuchverlag, Euro 27,95,-
– Wilhelm Volkert: Kleines Lexikon des Mittelalters. Von Adel bis Zunft. C. H Beck, 2004, Euro 12,90,-
– Jos Koldeweij/Paul Vandenbroeck/Bernard Vermet: Hieronymus Bosch. Das Gesamtwerk. Belser Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-7630-2390-9

 

 

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