Von Vampiren und Avataren – Christian Strasser

von Redaktion

In seinem Buch „Das erwachende Bewusstsein“ spricht Christian Strasser profund und mutig ĂŒber Zeiten der VerĂ€nderung, in denen wir uns alle derzeit befinden. Ein Bewusstseinswandel ist nötig.

Eines der fĂŒr mich spannendsten Kapitel ist seine brillante Analyse einiger aktueller Literatur-Bestseller. Einen Auszug darauf durften wir freundlicherweise hier veröffentlichen.
Von Vampiren und Avataren
Die Medienwelten spiegeln Verunsicherung und Sehnsucht

Literatur, seien es SachbĂŒcher, Romane oder LyrikbĂ€nde, gibt dem Leser die Chance, sich selbst bewusst zu erfahren. Ist es ein reflektierender, suchender Leser, kann er im Jungschen Sinne die verschiedenen Schichten seines Ichs spiegeln: das von außen erzeugte Ich, das Unbewusste, das VerdrĂ€ngte, die Schatten, vielleicht sogar das reine Selbst. Aber selbst jemand, der in der LektĂŒre einfach nur Unterhaltung oder Entspannung sucht, wird sich seiner selbst bewusster: Er entdeckt Empfindungen und Wahrnehmungen, die ihm möglicherweise verschlossen geblieben wĂ€ren.


Heute haben wir eine strikte Trennung von sĂ€kularer und sakraler Kunst. Doch das Transzendente, das Spirituelle und das Bewusstsein, all das ist noch immer auffindbar in Romanen, Gedichten, Filmen, selbst in SachbĂŒchern. Denn ĂŒber das Schreiben arbeitet sich der Autor an Themen ab, die ihn im Innersten bewegen, oft unbewusst. Er schildert sie kĂŒnstlerisch und prĂ€gt ihnen dadurch den Stempel seines Bewusstseins auf. Entspricht es dem kollektiven Bewusstsein, so kann er auf eine breite Wirkung hoffen.

Schon die historischen Beispiele geben uns einigen Aufschluss ĂŒber die jeweiligen Befindlichkeiten. In der griechischen Tragödie beispielsweise erfahren wir viel ĂŒber die Konflikte der Antike, vom menschlichen Miteinander bis hin zu politischen Schicksalsfragen. In den Romanen des achtzehnten Jahrhunderts machen wir Bekanntschaft mit den Zweifeln des erwachenden Individuums. Oft sind die Helden Suchende. Sie brechen aus ihrer gewohnten Welt aus und begeben sich auf eine lange Reise, an deren Ende sie transformiert sind. Eine feine Energieschwingung geht von diesen Werken aus, weil sie verschiedene Stadien des Bewusstseins veranschaulichen und den Leser an dieser Entwicklung teilhaben lassen.

Mich hat von jeher die Frage bewegt, warum bestimmte BĂŒcher in bestimmten Zeiten Konjunktur haben. Als Verleger musste ich solche LesebedĂŒrfnisse antizipieren, um am Markt erfolgreich zu sein. Daher habe ich mich immer fĂŒr das interessiert, was wir den Zeitgeist nennen: Welche Hoffnungen, welche WĂŒnsche bewegen die Menschen? Welche Ängste haben sie? Welche Themen treiben sie um? Heute verhalte ich mich anders. Ich gebe bewusst eine Richtung vor und verstĂ€rke Strömungen, die mir wichtig sind. Deshalb verschaffe ich Autoren ein Forum, die auf der Basis ihres erwachten Bewusstseins schreiben. Das allein ist mein Kriterium. NatĂŒrlich hoffe ich, dass sich möglichst viele Leser von diesem Bewusstsein ansprechen lassen, doch das ist mir eher auf einer energetischen Ebene wichtig, weniger auf der ökonomischen.

Sehen wir uns nun an, wie das Bewusstsein einer Epoche in BĂŒchern und neuerdings auch in Filmen zum Ausdruck kommt – altes Bewusstsein, unterdrĂŒcktes Bewusstsein, erwachendes Bewusstsein. Die BĂŒcher und Filme unterscheiden sich auf den ersten Blick von dem, was wir als offizielle Geistesgeschichte kennen. Die Geschichte des Verstandes und des Wissens ist bekannt. Weit aufschlussreicher fĂŒr den Zustand einer Gesellschaft aber ist es, ihre verschiedenen Bewusstseinsstufen
aus den ErfolgsbĂŒchern herauszulesen.

Das Faktische und das Transzendente, die Vernunft und die Erfahrung sind völlig unterschiedliche SphĂ€ren. So können wir die Gesellschaft des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, ihre politischen und soziologischen Bedingungen, aus Quellen aller Art recht genau rekonstruieren. Wie das gesellschaftliche Klima aber den Einzelnen prĂ€gte, wie bedrohlich etwa die aufkommende BĂŒrokratie auf ihn wirkte, das erfahren wir nicht aus GeschichtsbĂŒchern, sondern aus Werken wie dem Franz Kafkas. In Romanen wie »Das Schloss« lesen wir von der Paranoia und den OhnmachtsgefĂŒhlen, die das Individuum angesichts einer anonymen bĂŒrokratischen Machtstruktur entwickelt.

Was die Industrialisierung zur gleichen Zeit betrifft, so liegen Statistiken, historische Beschreibungen und Zahlenwerke aller Art vor. Wie unheimlich aber dem Menschen die neuen Maschinen und die Übermacht der technischen Produktionsanlagen waren, fĂŒhrt der Film »Metropolis« von Fritz Lang vor. Er zeigt die Arbeiter als Opfer, zu Robotern degradiert, dem Takt der Maschine ausgeliefert. Und er beschwört den neuen Typus des Maschinenmenschen in Gestalt einer kĂŒnstlich erschaffenen Frau.

Sowohl Kafka als auch Lang sind Chronisten einer anderen Art von Menschheitsgeschichte, oder anders ausgedrĂŒckt: Sie sind Seismografen der menschlichen Seelen- und GefĂŒhlslagen ihrer Zeit. Sie selbst arbeiteten auf einer hohen Bewusstseinsstufe, gleichermaßen kritisch und schöpferisch. Ihnen ist zu verdanken, dass sie das erwachende Bewusstsein in Sprache und Bildern – die ja auch eine Sprache, die Bildsprache, darstellen – verdichteten, die bis heute gĂŒltig sind: das Bewusstsein dafĂŒr, dass es bedrohliche gesellschaftliche Entwicklungen gibt, die artikuliert werden mĂŒssen. BĂŒcher und Filme können also die Geschichtsschreibung des Unbewussten, der GefĂŒhle, auch der Defizite einer Zeit sein. Und als solche ebnen sie dem erwachenden Bewusstsein den Weg.

Die Geschichten, die sie erzĂ€hlen, erlauben Einblicke in den Menschen als Ganzheit. Wer subjektiv erzĂ€hlt, trennt nicht zwischen Soziologie, Psychologie, Politik oder Ökonomie; er schildert vielmehr die TotalitĂ€t des Erlebens. Und er macht zugĂ€nglich, was in keiner Chronik verzeichnet ist: eine seelische Landkarte der ungestillten SehnsĂŒchte. Im besten Falle lassen sich BĂŒcher und Filme daher als EntwĂŒrfe fĂŒr ein besseres Leben lesen, selbst da, wo sie rabenschwarz malen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das, was meist nicht explizit ausgesprochen werden kann und nur durch ErzĂ€hlen deutlich wird. Mit anderen Worten: BĂŒcher und Filme entwerfen eine BewusstseinsrealitĂ€t, in der das Geistige und auch das Spirituelle einer Gesellschaft sichtbar werden, nicht nur das Materielle.

Wenn ich die erfolgreichsten BĂŒcher und Filme der vergangenen Jahre betrachte, so ergibt sich ein verblĂŒffendes Bild unserer Gesellschaft. Denn es waren weltweit mit großem Abstand der »Harry Potter«-Zyklus von Joanne K. Rowling und die BĂ€nde von Stephenie Meyers Vampirsaga, die fĂŒr Furore sorgten. Die Geschichte eines Zauberlehrlings und die Erlebnisse eines MĂ€dchens, das sich in einen Vampir verliebt, erreichten Millionenauflagen. Was bedeutet das fĂŒr die Zeit, in der wir leben?

Beide Schriftstellerinnen entfĂŒhren ihre Leser in die Welt der Fantasie und der Zauberei, weit weg von der realen Welt. Die RealitĂ€t, das ist ganz offensichtlich, wirkt in ihren BĂŒchern kalt und bedrohlich. Sie scheint keinen Lebensraum zu bieten, in dem die Helden sich wohlfĂŒhlen könnten. Insofern sind diese Romane das Dokument einer Gesellschaft, die ein tiefes Unbehagen ergriffen hat, und Millionen von Lesern mĂŒssen ihr eigenes Unbehagen darin wiedererkannt haben.

Harry Potter, der verwaiste Junge, leidet unter seiner Einsamkeit und der Lieblosigkeit seiner Stieffamilie. Auch die Kinder in seinem Alter treten aggressiv und feindlich auf. Ihm fehlt Geborgenheit, und er sehnt sich nach einer Welt, in der er sich seinen eigenen Platz erobern darf. Als er dann in das Reich der Zauberschule Hogwarts eintritt, sind zwar nicht alle Probleme gelöst, doch er bekommt seine Chance. Der perspektivlose, verschĂŒchterte Junge wandelt sich zum Helden, der sein Schicksal in die Hand nimmt. Die magische, ĂŒbernatĂŒrliche Welt ist sein Ausweg, eine SphĂ€re, in der ein lebenswertes Leben möglich ist.

Ich halte das Motiv der Verwandlung fĂŒr eine erzĂ€hlerische Figur, die stark an eine Transformation erinnert. Solange Harry stumm leidet, kann er nichts ausrichten. Als Entdecker der magischen Welt aber beginnt er bewusst zu handeln und einzugreifen – was einem »erwachten Handeln« gleichkommt. Der Subtext der »Harry Potter«-Saga lĂ€sst sich daher als eine Erweckungsgeschichte lesen: Der Geist verlĂ€sst die beschrĂ€nkte Wahrnehmung einer begrenzten Wirklichkeit, öffnet sich dem Wunderbaren und wird erlöst. Es spricht viel dafĂŒr, dass die Leser sich von diesem Subtext angezogen fĂŒhlten. Sie haben offenbar ein starkes BedĂŒrfnis, die materielle
»Welt« zu ĂŒberschreiten.

Lieblosigkeit und das Fehlen einer intakten Familie bedrĂŒcken auch Bella, den Teenager, der in Stephenie Meyers Romanen die Hauptrolle spielt. Sie hat fast schon resigniert angesichts ihres desinteressierten Vaters und einer Schule, in der sie als Außenseiterin gilt. Erst als der Vampir Edward in ihr Leben tritt, fĂŒhlt sie sich zum ersten Mal unverwechselbar. Sie macht die Erfahrung, dass sie um ihrer selbst willen geliebt wird, erstmals in ihrem Leben. Auch hier findet eine Transformation statt. Bella, die sich weder fĂŒr hĂŒbsch noch sonst wie fĂŒr außergewöhnlich hĂ€lt, macht Bekanntschaft mit einer Schicht ihres Seins, die korrespondieren kann mit ĂŒbernatĂŒrlichen PhĂ€nomenen. Sie erkennt sich selbst, unabhĂ€ngig von den Zuschreibungen anderer. Dass es die Liebe ist, die sie in etwas Besonderes verwandelt, lese ich als eine Metapher fĂŒr das UrbedĂŒrfnis nach einer geistigen Liebe, die man auch als spirituelle Liebe deuten kann – denn körperlicher Kontakt ist ihr mit einem Vampir verboten.

ResĂŒmieren wir die Motive von Rowling und Meyer, so lĂ€sst sich sagen: Beiden Buchserien gemeinsam ist die Diagnose einer durch und durch trostlosen RealitĂ€t. Hoffnungslosigkeit charakterisiert sie. Der Einzelne wird ĂŒbersehen, keine Freude, kein harmonisches Leben scheint möglich. Mit und in der Magie aber beginnt etwas völlig Neues: Harry und Bella empfinden sich als wichtig, als agierende, emotionale Persönlichkeiten, die ihr ganzes Sein ausleben.

Die Botschaft beider Geschichten besteht darin, dass die Helden eine »höhere Welt« der Regeln und Werte kennen lernen, mit denen ihnen ein Einklang gelingt. Harry erlebt die Verhaltensregeln von Hogwarts nicht nur als Zwang, sondern auch als Anleitung, sich von Gegnern zu befreien und das »Richtige« zu tun. Bella wiederum muss sich zwar den Regeln unterwerfen, die die Liebe zu einem Vampir ihr auferlegt, doch die erzwungene Distanz lĂ€sst sich auch als »reine Liebe« interpretieren, als Agape. Regeln und Werte mĂŒssen nicht per se einengen, sie geben auch Orientierung und vermitteln Sinn. Auf einer höheren Ebene vermitteln diese BĂŒcher die Existenz eines ĂŒbergeordneten großen Ganzen.

Die Fantasywelten der Autorinnen symbolisieren daher mehr als puren Eskapismus. Dass sie so viele Leser ansprechen, ist der Vision eines bewussten, sinnerfĂŒllten Lebens zu verdanken, in denen sich Millionen wiederfinden. Die BĂŒcher versprechen Alternativen in einer alternativlos und visionslos gewordenen Wirklichkeit. Dass sie den Massengeschmack treffen, zeugt von einer kollektiven Suche nach anderen Dimensionen des Seins.

Ich habe den Aufstieg dieser Romane, die die Magie zurĂŒck in den Mainstream trugen, mit grĂ¶ĂŸter Aufmerksamkeit beobachtet. In unserem sĂ€kularen Zeitalter markieren sie die Sehnsucht nach einem transzendenten System der Werte. Man könnte die Magie als stellvertretend fĂŒr die verlorene SpiritualitĂ€t interpretieren, ohne die der Mensch nicht ganz sein kann.

Es muss etwas »Höheres« geben, diese einfache Erkenntnis prĂ€gt die ErfolgsbĂŒcher von Joanne K. Rowling und Stephenie Meyer. Im Gewand der Trivialliteratur bricht sich hier ein BedĂŒrfnis Bahn, das offensichtlich Millionen von Menschen haben: Sie suchen nach einer ĂŒbergeordneten, sinnstiftenden Matrix.

FĂŒr ein Millionenpublikum, auch das ist eine Tatsache, existiert diese Matrix nicht mehr. Diese Menschen empfinden ihr Leben als sinnlos und kultivieren ihre Ängste, unfĂ€hig noch, ein lebensbejahendes Bewusstsein zu entwickeln. Ein Autor, der diese tiefen Ängste aus dem Unterbewusstsein an die OberflĂ€che seines ErzĂ€hlens holt, ist der frĂŒh verstorbene Stieg Larsson. Seine dĂŒstere »Millenium-Trilogie« feierte weltweit Erfolge, auf die europĂ€ische Verfilmung der drei BĂŒcher wird jetzt eine Hollywood-Version folgen.

Larsson schuf eine neue Dimension des Bösen. Seine Helden haben es mit den Nachtseiten unserer Zivilisation zu tun: Gewalt, Missbrauch, Menschenhandel, mörderische KriminalitĂ€t. Kaum jemand kann sich dem Sog dieser erschreckenden Gegenwelt entziehen. In ihr kĂ€mpfen zwei eigentlich Machtlose, ein engagierter Journalist und ein einsames PunkmĂ€dchen, gegen die Machenschaften skrupelloser Verbrecher an. Sie mĂŒssen ihre ganze Existenz einsetzen, um fĂŒr ihre Überzeugungen einzustehen. Was ihnen begegnet, ist ein Schattenreich der Amoral. Die Bedrohungen wachsen auf allen Ebenen, der Politik, der Polizei, der Ökonomie und der SphĂ€re des Privaten. Atemlos erlebt der Leser mit, wie alle Fassaden zusammenstĂŒrzen. Dahinter verbergen sich finstere Geheimnisse.

Schriftsteller wie Larsson haben ein untrĂŒgliches GespĂŒr fĂŒr den Zeitgeist. Bei der »Millenium-Trilogie« handelt es sich im Grunde genommen um eine BankrotterklĂ€rung unserer westlichen Industriegesellschaft. Unerbittlich wird vorgefĂŒhrt, wie eine Gesellschaft ohne Werte, ohne Moral, ohne innere ethische Instanzen aussehen wird – es sei denn, unerschrockene KĂ€mpfer fĂŒr das Gute gebieten diesen Entwicklungen Einhalt. Diese Hoffnung immerhin formuliert Larsson, indem er ebenso unkonventionelle wie glaubwĂŒrdige Helden entwirft, die der Leser sofort zu seinen Identifikationsfiguren macht. Vielleicht sind sie neue Grundfiguren der Rettung. Und vielleicht ĂŒbertrĂ€gt sich die Kraft, die ihnen zuwĂ€chst, auch auf die Leser. Womöglich macht gerade das, und nicht nur der voyeuristische Gefallen am perfekt inszenierten Schrecken, den Erfolg Larssons aus.


Auszug aus „Das erwachende Bewusstsein“ von Christian Strasser

Mit freundlicher Genemigung des Scorpio Verlags.

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