Interview mit Verena Bentele

von Thomas

BenteleText1„Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“ – so heißt das berĂŒhrende Buch der vierfachen Weltmeisterin Verena Bentele, die an ihrem ermutigenden Beispiel zeigt, wie man trotz Handicaps (sie ist blind) erfolgreich ein glĂŒckliches Leben fĂŒhren kann.

Kontrolle ist gut, denn sie gibt uns Orientierung und hilft uns, unsere Ziele zu erreichen. Doch erst Vertrauen befĂ€higt uns, unsere Potenziale voll auszuschöpfen und am Ende die Goldmedaille zu gewinnen. Niemand weiß das besser als Verena Bentele, denn sie ist von Geburt an blind.
Die Ausnahmesportlerin und zwölffache Medaillengewinnerin lebt eine klare Philosophie des Vertrauens. Im GesprĂ€ch mit Markus Othmer erklĂ€rt sie, wie wir anhand eines mentalen Übungsprogramms, Schritt fĂŒr Schritt in jedem Lebensbereich unsere Grenzen verschieben können. Denn ihre ĂŒberzeugende Botschaft lautet: Wirklich blind ist, wer nicht vertrauen kann!

Kleiner Hinweis: Das vor Kurzem hier angekĂŒndigte Webinar fĂŒr den 20. MĂ€rz muss leider verschoben werden. Sobald der neue Termin steht, teilen wir Ihnen dies hier gerne mit.

Interview mit Verena Bentele

Der Titel Ihres Buches „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“ spielt mit einem im Volksmund verbreiteten Sprichwort – und stellt es einfach auf den Kopf. Warum ist Vertrauen eine so wichtige Eigenschaft im Leben?

Nur wenn ich vertraue, kann ich meine FĂ€higkeiten nutzen und meine Grenzen verschieben. Vertrauen macht uns mutig, Vertrauen hilft uns ohne Vorbehalte einem anderen Menschen zu begegnen und Vertrauen ermöglicht uns das Überwinden von Grenzen.
Vertrauen heißt aber auch, dass ich mir selbst etwas zutraue und Verantwortung ĂŒbernehme.

Sie sind von Geburt an blind und haben dadurch ein Handicap, korrekt ĂŒbersetzt: eine Behinderung oder einen Nachteil. Wenn man sich Ihre Biographie und Ihre sportlichen Erfolge ansieht, gewinnt man allerdings keineswegs den Eindruck, dass Sie sich jemals in irgendeiner Weise haben beschrĂ€nken lassen. Was verbinden Sie mit dem Wort „Handicap“?

Mein Handicap verbessern heißt fĂŒr mich, dass ich Hindernisse kenne, dass ich sie ĂŒberwinde und dass ich mir die richtige UnterstĂŒtzung suche. Es gibt durchaus Dinge, die ich nicht so gut kann aufgrund meiner Blindheit, jedoch weiß ich auch, dass es fĂŒr jeden Menschen Hindernisse gibt, egal ob blind oder sehend. Ich bin mit meinen SchwĂ€chen immer sehr offen, nur so kann ich mir UnterstĂŒtzung holen und meine Ziele mit anderen gemeinsam erreichen.

BenteleText2Wann haben Sie das Vertrauen in andere und in sich selbst als die grundlegende Kraft entdeckt, die Sie durchs Leben trÀgt?

Mir haben meine Eltern viel Vertrauen geschenkt, sie haben mir Verantwortung gegeben, mich viele Dinge erleben lassen, so beispielsweise das Radfahren, und sie haben mich immer bestÀrkt. Diese Grundlage hat mir immer geholfen, auch in schwierigen Situationen wie beispielsweise, als ich ins Internat gekommen bin. Bewusst wurde mir die Wichtigkeit von Vertrauen allerdings erst nach meinem Unfall 2009, nach einem schweren Sturz beim Langlaufen war mein Vertrauen in meine BegleitlÀufer beim Sport weg. Dieses musste ich mir auf dem Weg nach Vancouver erst wieder aneignen, oder wie man im Sport sagt: Ich musste das Vertrauen im wahrsten Sinn des Wortes trainieren.

Ist Vertrauen GefĂŒhlssache, fĂ€llt es einem in den Schoß – oder kann/muss man es sich erarbeiten und antrainieren?

Kinder brauchen unbedingt das Vertrauen ihrer Eltern. Als Erwachsene dann sind wir selbst verantwortlich fĂŒr das Vertrauen in unserem Leben, fĂŒr das Vertrauen in andere und fĂŒr uns selbst.
Ich weiß, dass Vertrauen trainiert werden kann und das finde ich sehr schön. Diese Chance haben wir alle, zu jeder Zeit im Leben. Deshalb war mir dieses Thema auch so wichtig fĂŒr mein erstes Buch. Ich möchte anderen Menschen Mut machen zu vertrauen, auch in Zeiten vieler Krisen.

Hindernisse ĂŒberwinden, Herausforderungen annehmen, Bruchlandungen akzeptieren und wieder aufstehen lernen: im Sport und im Leben gibt es allein sprachlich schon viele Parallelen. Was hat Sie der Sport fĂŒr das Leben gelehrt?

Der Sport hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, Ziele zu haben und fĂŒr das Erreichen der Ziele mit anderen gemeinsam zu trainieren. Im Sport ist Training wichtig um FĂ€higkeiten zu entwickeln und zu stĂ€rken, das ist auch im normalen Alltag unerlĂ€sslich. Die RĂŒckmeldung im Sport ist durch die Ergebnisliste immer sehr ehrlich, so weiß ich immer, ob mein Training, mein Weg richtig ist. Klare Ziele, gute Kommunikation und Vertrauen in die Mannschaft – all das ist im Sport genau so wichtig wie im normalen Leben.

Als blinde SkilĂ€uferin sind Sie angewiesen auf einen „BegleitlĂ€ufer“, der Ihnen auf der Wettkampfstrecke die Augen ersetzt, Ihnen sagt, wo es lang geht und um wie viel Grad die nĂ€chste Kurve geht. Wie finden Sie heraus, ob Sie tatsĂ€chlich „blind“ vertrauen können?

Ich muss erst einmal klĂ€ren, ob mein BegleitlĂ€ufer und ich die gleichen Ziele haben. Dann trainieren wir zusammen und finden heraus, wie zuverlĂ€ssig der andere ist, ob wir gut kommunizieren können und ob ich die fruchtbare, gute Kontrolle des BegleitlĂ€ufers annehmen kann, ohne mich eingeschrĂ€nkt zu fĂŒhlen.
Blind vertrauen heißt nicht, dass ich nichts in Frage stellen darf. Blindes Vertrauen heißt, dass ich immer offen bin und dass ich klar sagen kann, wo ich welche Art der UnterstĂŒtzung brauche. Hohe Geschwindigkeiten auf der Langlaufstrecke sind nur möglich, wenn ich weiß, dass mein BegleitlĂ€ufer Verantwortung ĂŒbernimmt. Diese Verantwortung mĂŒssen in einer vertrauensvollen Beziehung beide Seiten ĂŒbernehmen.

Mit Ihrem Buch wenden Sie sich als Blinde an Sehende und bringen ihnen bei, wie man Vertrauen fasst – das ist doch eigentlich sehr komisch! Kann es sein, dass wir „normal“ Sehenden in ganz wesentlichen Dingen ein Brett vor dem Kopf haben?

Ein Brett können blinde und sehende Menschen vor dem Kopf haben, auch ich laufe immer wieder gegen meine eigenen Bretter und muss diese beseitigen. Ich habe viele Erfahrungen gemacht, die ich gern anderen Menschen zur VerfĂŒgung stelle, deshalb ist dieses Buch entstanden. Bei mir kann sich jeder vorstellen, dass ich Hilfe und Vertrauen in andere benötige. Ich weiß jedoch, dass das bei mir nicht anders ist als bei allen anderen Menschen, egal ob blind oder sehend.

Und was ist die wichtigste Botschaft, die Sie Ihren Lesern und Leserinnen auf den Weg geben wollen?

Suchen Sie sich Menschen, die sie unterstĂŒtzen, glauben Sie an sich und Ihre FĂ€higkeiten und trauen Se sich, Ihre Grenzen und Hindernisse im Leben als TrainingsgerĂ€t zu nutzen. Nur so können wir Vertrauen trainieren und unsere Möglichkeiten optimal nutzen.

Im Januar wurden Sie ĂŒberraschend zur neuen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung berufen. Was haben Sie sich als Ziel vorgenommen?

Ich möchte auf jeden Fall das Bild von Menschen mit Behinderung in das Bewusstsein der Gesellschaft rĂŒcken. Menschen mit Behinderung haben FĂ€higkeiten und vielfĂ€ltige Möglichkeiten, genau wie Menschen ohne Behinderung auch. Ich möchte erreichen, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft seinen Platz hat und selbst bestimmen kann wie er leben möchte.

Im letzten Teil Ihres Buches, dem „Blindipedia“, geben Sie von A bis Z – von Anfassen bis Zielen – einen Einblick in Ihr Alltagsleben, in Ihre Wahrnehmungen und besonderen Anschauungen. Welche MissverstĂ€ndnisse oder Vorurteile gegenĂŒber Blinden Ă€rgern Sie am meisten? Und was freut Sie?

Es Àrgert mich sehr, dass oft nicht ich angesprochen werde. Oft wird meine sehende Begleitung gefragt, was ich trinken möchte. Ich freue mich immer dann, wenn ich merke, dass meine Mitmenschen mich nicht anders behandeln aufgrund meiner EinschrÀnkung. Mit Blindipedia möchte ich Vorurteile abbauen, VerstÀndnis schaffen und vor allem möchte ich, dass sich das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft Àndert. Ich möchte mit Blindipedia alle wissen lassen, dass ich genau so gern flirte wie sehende Frauen, dass ich nicht gleich jeden anfasse, den ich kennenlerne und dass ich Farben wichtig finde, auch wenn ich sie nicht sehe.

Zum Buch:

BenteleCover

Verena Bentele, Stephanie Ehrenschwendner: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.
Die eigenen Grenzen verschieben und Sicherheit gewinnen“
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
Umfang: 224 Seiten
ISBN: 978-3-424-63092-3
€ 18,99

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Weitere Infos zum Buch finden Sie hier

Fotos: (c) Frank Bauer

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