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Sternenkinder Bestattung – Interview mit Helga Schmidtke

von Natascha
Baby at the Lake

© nailiaschwarz / photocase.de

Helga Schmidtke aus dem Lautertal erzählte uns Ende 2015 von ihrer besonderen Arbeit, die mit dem Tod von Kindern, die noch im Mutterleib versterben oder still geboren werden, in Zusammenhang steht. Kaum eine Mutter oder ein Vater möchte sich auch nur ausmalen müssen, wie verletzend und traumatisch der Verlust des eigenen Kindes wäre – und die Eltern, denen dieses Schicksal wiederfährt, werden laut Helga Schmidtke viel zu oft damit alleine gelassen.

 

Ein Interview von Natascha Stevenson

Ihr Arbeitsfeld ist die Sterbebegleitung, jedoch praktizieren Sie eine ganz spezielle Art der Trauerarbeit. Sie begleiten still geborene und sterbende Kinder sowie deren schmerzverzerrte Familien vor, während und nach der Geburt ihres Kindes. Daraufhin haben Sie den Verein „Sternenkinderzentrum Odenwald e.V. gegründet und wurden Sternenkinderbestatterin.

Ja, im November habe ich mich entschieden, mich als erste STERNENKINDERBESTATTERIN Deutschlands komplett nur auf Sternenkinderbestattungen zu spezialisieren. Dies war ein sehr intensiver Prozess und ich bin sehr froh und unendlich dankbar, dass ich diesen Weg nun gehen darf. Geführt haben mich die Sternenkinder – immer wieder waren ihre Botschaften aus der geistigen Welt mir Wegweiser auf meinem Weg und so wird es auch weiterhin sein.
Denn die Entscheidung zu treffen, diesen Weg zu gehen war letztendlich auch ein Weg zu mir und meinem eigentlichen und wirklichen Seelenauftrag: Sternenkindergeflüster-Stimme sein für die Sternenkinder. Denn das ist es letztendlich (auch), WAS ELTERN UND FAMILIEN TROST GEBEN KANN – ein Kontakt mit ihrem verstorbenen Kind! Deshalb habe ich mich entschieden, diesen Weg nicht mehr im stillen und geheimen zu gehen, sondern mich zu zeigen.

 

Wie kommt der Name „Sternenkinder“, den Sie solchen Kindern geben, zustande?

Ursprünglich waren Sternenkinder einmal Kinder, die mit einem Gewicht von weniger als
500g vor, während oder nach der Geburt verstorben sind. Doch heute gilt dieser Name
auch für Kinder, die mit mehr als 500g Geburtsgewicht sterben. Das heißt auch Kinder, die in der 40. Schwangerschaftswoche still geboren werden, nennen wir Sternenkinder. Es war ein weiter Weg bis hierher, der maßgeblich geprägt wurde durch den Einsatz der betroffenen Eltern Mario und Barbara Martin, die 2009 eine Petition an den Bundestag richteten. Hiermit wurde 2013 erreicht, das auch Kinder, die mit einem Geburtsgewicht von unter 500g geboren werden, ein Anrecht auf eine Beurkundung haben. Das klingt sehr nüchtern und sachlich, in der Praxis bedeutet dies jedoch, dass ab diesem Zeitpunkt JEDES Kind existent ist- auch rückwirkend. Für die betroffenen Eltern ein Meilenstein! Es beinhaltet auch, dass jedes Kind das Anrecht auf eine Bestattung hat. Dies bedeutet es gibt einen Platz, an dem Eltern trauern und ihren Kindern nahe sein können. Im Vorfeld wurden Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 500g teilweise mit dem Klinikmüll entsorgt.

 

Wie kommen Sie mit den Betroffenen in Kontakt? Wenden die sich direkt an Sie oder werden Sie durch Andere gegenseitig vermittelt?

Das ist unterschiedlich. Es gibt ein großes Netzwerk unter den betroffenen Familien, viele Internetforen und Verbände sind auch hierzu miteinander verbunden. Die Netzwerkplattform Facebook ist hier nicht zu unterschätzen, doch auch die Vermittlung unter den Betroffenen ist nicht zu vergessen durch Kliniken, Hebammen oder Kinderärzte.

 

Wie viele Todesfälle von un- oder neugeborenen Kindern, würden Sie schätzen, kommen in Deutschland vor, und wie viele davon erhalten eine derartige Betreuung?

2400 Kinder ab 500g wurden 2012 still geboren. Etwa 2000 Kinder unter 500 g werden jährlich still geboren. Und schätzungsweise 100.000-200.000 fehl-geborene Kinder gibt es jedes Jahr.
131 Kinder starben 2012 am plötzlichen Kindestod und 2202 Kinder starben 2012 innerhalb des ersten Lebensjahres (gerechnet ohne still geborene Kinder).
Das sind Zahlen, die im Internet zu finden sind und ich finde, diese sind gigantisch, denn hinter jeder einzelnen dieser Zahlen steht eine Familiengeschichte, steht Hoffnung, Verzweiflung, Liebe und unendlicher Schmerz.

Wie viele dieser Familien Begleitung vor, während und oder nach der Geburt erfahren, kann ich in Zahlen leider nicht nennen, ich weiß nur eines…. es sind zu wenige, denn immer noch gibt es Frauen, die nach einer stillen Geburt tief traumatisiert durch ihr weiteres Leben gehen.

 

Wenn eine menschliche Geburt also nicht der Weg ins Leben, sondern der Weg in den Tod ist, wie betroffen macht das die Mütter im Vergleich zu allen anderen Familienangehörigen? Was macht es für diese Mütter möglicherweise besonders schwer?

Die Mutter ist diejenige, in der das Leben entsteht und wächst. Sie ist es, die die ersten Bewegungen des Kindes spürt und ist auf eine ganz besondere Art und Weise mit diesem neuen Leben verbunden. Alles, was die Mutter mitbringt, was sie erlebt und prägt in dieser Zeit, erlebt das Kind auf direktem Wege ungefiltert mit. Die Mutter spürt, wie ihr Körper sich mit jedem Tag der Schwangerschaft verändert und sich darauf einstellt, Leben wachsen zu lassen und zu gebären. Und dann, manchmal von einer Minute auf die andere soll sich der Körper und auch die Seele der Mutter auf Sterben, Tod und Trauer einstellen – und letztendlich auch auf Gebären. Das funktioniert nicht auf Knopfdruck. Diese Umstellung braucht Achtsamkeit und Zeit.

Genau das ist oftmals das Problem. Sterben braucht Zeit. Zu begreifen, was da gerade passiert braucht Zeit. Sich verabschieden braucht Zeit. Und in unserer Gesellschaft hat Zeit keinen Platz mehr. Alles muss ganz schnell gehen, viele Frauen bekommen heute in der Pränataldiagnostik ihren Befund und sollen zwei Tage später in der Klinik ihr Kind auf die Welt bringen. Und die Menschen sind dann oft verwundert, warum das nicht funktioniert! Kinder sollen hinter verschlossenen Türen in einem normalen Krankenzimmer zwischen Wehentropf,  Klingel und Toilettenstuhl geboren werden. Mütter bekommen gesagt, sie sollen „ihr Zeltknäuel ausstossen“, und sich dann grad kurz melden, wenn sie fertig sind. Das sind alles Geschichten, die schockieren und doch sind es Geschichten, die mir in meiner Arbeit leider immer wieder begegnen.

 

Macht es für Sie bei Ihrer Arbeit bzw. Vorgehensweise einen wesentlichen Unterschied, ob es sich um ein lebend geborenes Kind mit lebensverkürzender Krankheit oder eine direkte Todgeburt handelt?

Nein, in der Sternenkinderbestattung mache ich da keinen Unterschied. Es braucht immer einen sicheren, beschützten Raum. Aber ich denke, in der Trauerarbeit danach gibt es Unterschiede: Wieviel Zeit haben die Familien schon mit dem verstorbenen Kind erlebt? Gibt es gemeinsame Erinnerungen, die ich vielleicht auch mit der Familie oder den Freunden teilen kann? Wenn das so ist, gibt es evtl. mehr gemeinsamen „Gesprächsstoff“. Aber grundsätzlich gibt es eines, was immer wichtig für mich in meiner Arbeit ist – egal ob in der Sterbebegleitung, Bestattung oder der Trauerbegleitung- hier haben Eltern ihr geliebtes Kind verloren, und ich glaube dieser Schmerz ist immer gleich!

 

Was sind für Sie die Wurzeln für eine gesunde Trauer? Welche Rolle spielt die Spiritualität dabei?

Für mich spielt die Spiritualität eine sehr große Rolle – gibt die ureigene Spiritualität doch ein Weltbild und damit Halt und Perspektive in einer Situation, in der alles völlig sinnlos scheint und der ganze Schmerzkörper voll ist mit Trauer, Hoffnungslosigkeit und unendlichem Schmerz über den Tod des Kindes. Menschen, die keine eigene Spiritualität, kein eigenes Weltbild haben – und ich finde es ist hier völlig egal, wie diese Spiritualität aussieht – haben es schwer, in diesem dunklen Tal wieder einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen, einen Sinn darin zu finden, warum das geliebte Kind die Familie bereits wieder verlassen hat. Wenn ich als Mensch an nichts glaube, dann habe ich keine Kraftquelle und oft wird alles unendlich hoffnungslos.

 

Was würden Sie Eltern raten, deren Kinder oder Jugendliche von einem solchen Trauerfall besonders betroffen und traumatisiert sind, wenn diese ohne fremde Hilfe auf sich allein gestellt sind. Was können Eltern ihren Kindern und sich selbst dann Gutes tun, um den Verlust des Geschwisterchens zu bewältigen?

Das Allerwichtigste ist, dass Emotionen gelebt werden – und das kann unendlich viele Gesichter haben. Reden, lachen, weinen, schreien, schweigen.  Und es ist wichtig zu wissen, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Trauer und Trauma. Ein Trauma finde ich, gehört in die Hände eines Therapeuten – in Kooperation mit einem Trauerbegleiter sicher eine geniale Kombination. Jedoch sehe ich in der Trauma-Arbeit auch die Grenzen einer Trauerbegleitung.

 

Wohin gehen die Verstorbenen  Ihrer persönlichen Ansicht nach nach dem Tod?

Der Körper geht zurück in Mutter Erde und die Seele in die geistige Welt.

Interview geführt von Natascha Stevenson

 

Über Helga Schmidtke:

Sie arbeitet seit 1990 im medizinischen Bereich, anfangs als ausgebildete Krankenschwester. Später unterstützte sie Betroffene als Hospizbegleiterin und arbeitete als Palliative-Care Pflegefachkraft. Seit 2014 ist Frau Schmidtke als Sterbe- und Trauerbegleiterin selbstständig und bietet eigene Ausbildungen an. 2016 wurde Sie zu Deutschlands erster Bestatterin für Kinder, die noch im Mutterleib versterben oder still geboren werden.

www.die-sternenkinderbestatterin.de/

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