Sternenkinder Bestattung – Interview mit Helga Schmidtke

von Thomas
Baby at the Lake

© nailiaschwarz / photocase.de

Helga Schmidtke aus dem Lautertal erz√§hlte uns Ende 2015 von ihrer besonderen Arbeit, die mit dem Tod von¬†Kindern, die noch im Mutterleib versterben oder still geboren werden, in Zusammenhang steht. Kaum eine Mutter oder ein Vater m√∂chte sich auch nur ausmalen m√ľssen, wie verletzend und traumatisch der Verlust des eigenen Kindes w√§re – und die Eltern, denen dieses Schicksal wiederf√§hrt, werden laut Helga Schmidtke viel zu oft damit alleine gelassen.

 

Ein Interview von Natascha Stevenson

Ihr Arbeitsfeld ist die Sterbebegleitung, jedoch praktizieren Sie eine ganz spezielle Art der Trauerarbeit. Sie begleiten still geborene und sterbende Kinder sowie deren schmerzverzerrte Familien vor, w√§hrend und nach der Geburt ihres Kindes. Daraufhin haben Sie den Verein ‚ÄěSternenkinderzentrum Odenwald e.V. gegr√ľndet und wurden Sternenkinderbestatterin.

Ja, im November habe ich mich entschieden, mich als erste STERNENKINDERBESTATTERIN Deutschlands komplett nur auf Sternenkinderbestattungen zu spezialisieren. Dies war ein sehr intensiver Prozess und ich bin sehr froh und unendlich dankbar, dass ich diesen Weg nun gehen darf. Gef√ľhrt haben mich die Sternenkinder – immer wieder waren ihre Botschaften aus der geistigen Welt mir Wegweiser auf meinem Weg und so wird es auch weiterhin sein.
Denn die Entscheidung zu treffen, diesen Weg zu gehen war letztendlich auch ein Weg zu mir und meinem eigentlichen und wirklichen Seelenauftrag: Sternenkindergefl√ľster-Stimme sein f√ľr die Sternenkinder. Denn das ist es letztendlich (auch), WAS ELTERN UND FAMILIEN TROST GEBEN KANN – ein Kontakt mit ihrem verstorbenen Kind! Deshalb habe ich mich entschieden, diesen Weg nicht mehr im stillen und geheimen zu gehen, sondern mich zu zeigen.

 

Wie kommt der Name ‚ÄěSternenkinder‚Äú, den Sie solchen Kindern geben, zustande?

Urspr√ľnglich waren Sternenkinder einmal Kinder, die mit einem Gewicht von weniger als
500g vor, während oder nach der Geburt verstorben sind. Doch heute gilt dieser Name
auch f√ľr Kinder, die mit mehr als 500g Geburtsgewicht sterben. Das hei√üt auch Kinder, die in der 40. Schwangerschaftswoche still geboren werden, nennen wir Sternenkinder. Es war ein weiter Weg bis hierher, der ma√ügeblich gepr√§gt wurde durch den Einsatz der betroffenen Eltern Mario und Barbara Martin, die 2009 eine Petition an den Bundestag richteten. Hiermit wurde 2013 erreicht, das auch Kinder, die mit einem Geburtsgewicht von unter 500g geboren werden, ein Anrecht auf eine Beurkundung haben. Das klingt sehr n√ľchtern und sachlich, in der Praxis bedeutet dies jedoch, dass ab diesem Zeitpunkt JEDES Kind existent ist- auch r√ľckwirkend. F√ľr die betroffenen Eltern ein Meilenstein! Es beinhaltet auch, dass jedes Kind das Anrecht auf eine Bestattung hat. Dies bedeutet es gibt einen Platz, an dem Eltern trauern und ihren Kindern nahe sein k√∂nnen. Im Vorfeld wurden Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 500g teilweise mit dem Klinikm√ľll entsorgt.

 

Wie kommen Sie mit den Betroffenen in Kontakt? Wenden die sich direkt an Sie oder werden Sie durch Andere gegenseitig vermittelt?

Das ist unterschiedlich. Es gibt ein großes Netzwerk unter den betroffenen Familien, viele Internetforen und Verbände sind auch hierzu miteinander verbunden. Die Netzwerkplattform Facebook ist hier nicht zu unterschätzen, doch auch die Vermittlung unter den Betroffenen ist nicht zu vergessen durch Kliniken, Hebammen oder Kinderärzte.

 

Wie viele Todesf√§lle von un- oder neugeborenen Kindern, w√ľrden Sie sch√§tzen, kommen in Deutschland vor, und wie viele davon erhalten eine derartige Betreuung?

2400 Kinder ab 500g wurden 2012 still geboren. Etwa 2000 Kinder unter 500 g werden jährlich still geboren. Und schätzungsweise 100.000-200.000 fehl-geborene Kinder gibt es jedes Jahr.
131 Kinder starben 2012 am plötzlichen Kindestod und 2202 Kinder starben 2012 innerhalb des ersten Lebensjahres (gerechnet ohne still geborene Kinder).
Das sind Zahlen, die im Internet zu finden sind und ich finde, diese sind gigantisch, denn hinter jeder einzelnen dieser Zahlen steht eine Familiengeschichte, steht Hoffnung, Verzweiflung, Liebe und unendlicher Schmerz.

Wie viele dieser Familien Begleitung vor, während und oder nach der Geburt erfahren, kann ich in Zahlen leider nicht nennen, ich weiß nur eines…. es sind zu wenige, denn immer noch gibt es Frauen, die nach einer stillen Geburt tief traumatisiert durch ihr weiteres Leben gehen.

 

Wenn eine menschliche Geburt also nicht der Weg ins Leben, sondern der Weg in den Tod ist, wie betroffen macht das die M√ľtter im Vergleich zu allen anderen Familienangeh√∂rigen? Was macht es f√ľr diese M√ľtter m√∂glicherweise besonders schwer?

Die Mutter ist diejenige, in der das Leben entsteht und w√§chst. Sie ist es, die die ersten Bewegungen des Kindes sp√ľrt und ist auf eine ganz besondere Art und Weise mit diesem neuen Leben verbunden. Alles, was die Mutter mitbringt, was sie erlebt und pr√§gt in dieser Zeit, erlebt das Kind auf direktem Wege ungefiltert mit. Die Mutter sp√ľrt, wie ihr K√∂rper sich mit jedem Tag der Schwangerschaft ver√§ndert und sich darauf einstellt, Leben wachsen zu lassen und zu geb√§ren. Und dann, manchmal von einer Minute auf die andere soll sich der K√∂rper und auch die Seele der Mutter auf Sterben, Tod und Trauer einstellen – und letztendlich auch auf Geb√§ren. Das funktioniert nicht auf Knopfdruck. Diese Umstellung braucht Achtsamkeit und Zeit.

Genau das ist oftmals das Problem. Sterben braucht Zeit. Zu begreifen, was da gerade passiert braucht Zeit. Sich verabschieden braucht Zeit. Und in unserer Gesellschaft hat Zeit keinen Platz mehr. Alles muss ganz schnell gehen, viele Frauen bekommen heute in der Pr√§nataldiagnostik ihren Befund und sollen zwei Tage sp√§ter in der Klinik ihr Kind auf die Welt bringen. Und die Menschen sind dann oft verwundert, warum das nicht funktioniert! Kinder sollen hinter verschlossenen T√ľren in einem normalen Krankenzimmer zwischen Wehentropf,¬† Klingel und Toilettenstuhl geboren werden. M√ľtter bekommen gesagt, sie sollen ‚Äěihr Zeltkn√§uel ausstossen‚Äú, und sich dann grad kurz melden, wenn sie fertig sind. Das sind alles Geschichten, die schockieren und doch sind es Geschichten, die mir in meiner Arbeit leider immer wieder begegnen.

 

Macht es f√ľr Sie bei Ihrer Arbeit bzw. Vorgehensweise einen wesentlichen Unterschied, ob es sich um ein lebend geborenes Kind mit lebensverk√ľrzender Krankheit oder eine direkte Todgeburt handelt?

Nein, in der Sternenkinderbestattung mache ich da keinen Unterschied. Es braucht immer einen sicheren, besch√ľtzten Raum. Aber ich denke, in der Trauerarbeit danach gibt es Unterschiede: Wieviel Zeit haben die Familien schon mit dem verstorbenen Kind erlebt? Gibt es gemeinsame Erinnerungen, die ich vielleicht auch mit der Familie oder den Freunden teilen kann? Wenn das so ist, gibt es evtl. mehr gemeinsamen ‚ÄěGespr√§chsstoff‚Äú. Aber grunds√§tzlich gibt es eines, was immer wichtig f√ľr mich in meiner Arbeit ist – egal ob in der Sterbebegleitung, Bestattung oder der Trauerbegleitung- hier haben Eltern ihr geliebtes Kind verloren, und ich glaube dieser Schmerz ist immer gleich!

 

Was sind f√ľr Sie die Wurzeln f√ľr eine gesunde Trauer? Welche Rolle spielt die Spiritualit√§t dabei?

F√ľr mich spielt die Spiritualit√§t eine sehr gro√üe Rolle – gibt die ureigene Spiritualit√§t doch ein Weltbild und damit Halt und Perspektive in einer Situation, in der alles v√∂llig sinnlos scheint und der ganze Schmerzk√∂rper voll ist mit Trauer, Hoffnungslosigkeit und unendlichem Schmerz √ľber den Tod des Kindes. Menschen, die keine eigene Spiritualit√§t, kein eigenes Weltbild haben – und ich finde es ist hier v√∂llig egal, wie diese Spiritualit√§t aussieht – haben es schwer, in diesem dunklen Tal wieder einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen, einen Sinn darin zu finden, warum das geliebte Kind die Familie bereits wieder verlassen hat. Wenn ich als Mensch an nichts glaube, dann habe ich keine Kraftquelle und oft wird alles unendlich hoffnungslos.

 

Was w√ľrden Sie Eltern raten, deren Kinder oder Jugendliche von einem solchen Trauerfall besonders betroffen und traumatisiert sind, wenn diese ohne fremde Hilfe auf sich allein gestellt sind. Was k√∂nnen Eltern ihren Kindern und sich selbst dann Gutes tun, um den Verlust des Geschwisterchens zu bew√§ltigen?

Das Allerwichtigste ist, dass Emotionen gelebt werden Рund das kann unendlich viele Gesichter haben. Reden, lachen, weinen, schreien, schweigen.  Und es ist wichtig zu wissen, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Trauer und Trauma. Ein Trauma finde ich, gehört in die Hände eines Therapeuten Рin Kooperation mit einem Trauerbegleiter sicher eine geniale Kombination. Jedoch sehe ich in der Trauma-Arbeit auch die Grenzen einer Trauerbegleitung.

 

Wohin gehen die Verstorbenen  Ihrer persönlichen Ansicht nach nach dem Tod?

Der K√∂rper geht zur√ľck in Mutter Erde und die Seele in die geistige Welt.

Interview gef√ľhrt von Natascha Stevenson

 

√úber Helga Schmidtke:

Sie arbeitet seit 1990 im medizinischen Bereich, anfangs als ausgebildete Krankenschwester. Sp√§ter unterst√ľtzte sie Betroffene als Hospizbegleiterin und arbeitete als Palliative-Care Pflegefachkraft. Seit 2014 ist Frau Schmidtke als Sterbe- und Trauerbegleiterin selbstst√§ndig und bietet eigene Ausbildungen an. 2016 wurde Sie zu Deutschlands erster Bestatterin f√ľr Kinder, die noch im Mutterleib versterben oder still geboren werden.

www.die-sternenkinderbestatterin.de/

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