Ich bin ein Mensch, kein Roboter – Gabi Poerner

von Thomas
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© sylvi.bechle / photocase.com

Die Psychologin Gabi Poerner zeigt, wie wir mit Stress umgehen und zur Gelassenheit finden können.

Ein Interview von Christian Salvesen

 

 

 

 

 

 

Frau Dr. Poerner, Ihr aktuelles Buch hat den Titel „Der Weg zur Gelassenheit. Mit Druck und Stress positiv umgehen.“ Wie sind Sie auf das Thema Gelassenheit gekommen? Was bedeutet es fĂŒr Sie persönlich?

Ich bin auf das Thema gekommen, weil fast alle Teilnehmer in meinen Trainings und Coachings ĂŒber Stress und Druck ganz allgemein klagen. Das Thema interessiert mich schon sehr lange, wohl auch deshalb, weil ich ĂŒberhaupt nicht gelassen war. Wie komme ich zur inneren Ruhe? FĂŒr mich bedeutet Gelassenheit nicht, dass ich da stets gelassen sitze, sondern: Ich bin auf dem Weg. Dass ich mehr und mehr Abstand gewinnen kann zu den Dingen und mehr bei mir bleiben kann. Dass ich sagen kann: „Okay, so ist die Situation“, ohne mich damit zu identifizieren, sodass ich sie als solche wahrnehmen kann. Weil ich bei mir bleibe, habe ich dann verschiedene Möglichkeiten zu agieren.
Wenn ich nicht gelassen bin, dann springe ich auf Knopfdruck an, bin mit der Situation und den Dingen identifiziert, bin dann eher getrieben. Und das ist genau das, was ich nicht will.

 

Sie haben im Buch die 10 Regeln der Gelassenheit von Papst Johannes XXIII prĂ€sentiert, wo bei jeder stark betont wird, dass es immer nur um heute geht. Wie sind Sie auf diese inspirierenden Regeln gestoßen?

Ich hatte ein Training in einem Kloster und mich vorher mit einem Priester dort unterhalten – was ist in unserer Gesellschaft los, warum muss alles immer schneller gehen und perfekt sein, wie kommen wir zu mehr Gelassenheit – und er fragte mich, ob ich die berĂŒhmten zehn Gebote der Gelassenheit kennen wĂŒrde. Er konnte sie auswendig hersagen. Ich fand sie daraufhin ĂŒberall im Internet, hatte aber vorher noch nie davon gehört.

 

Johannes spricht in seinen Regeln auch Aspekte an, die ich nicht auf Anhieb mit Gelassenheit verbinden wĂŒrde, zum Beispiel Überwindung. Da heißt es: „Nur fĂŒr heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fĂŒhlen, werde ich dafĂŒr sorgen, dass niemand es merkt.“ Ist das nicht ĂŒberraschend?

Ich denke, dass es ganz wichtig ist, Aufgaben zu ĂŒbernehmen, wo du dich ĂŒberwinden musst. Viele Leute schieben das vor sich her, und das macht Stress. Wenn du aber sagst: „Okay, das mach ich jetzt!“ – unabhĂ€ngig davon, ob du Lust dazu hast oder nicht, dann ĂŒberwindest du eine HĂŒrde und bist anschließend zufrieden mit dir selber. Du merkst auch, so schlimm war es ja gar nicht und hast mehr Handlungsspielraum bekommen. Wenn du das immer wieder machst, stĂ€rkst du letztlich dein Selbstvertrauen und SelbstwertgefĂŒhl. Dadurch, dass du nicht davon lĂ€ufst, bist du zunehmend in der Lage, die Dinge wahrzunehmen und anzunehmen – als Aufgabe, die jetzt ansteht, ohne dagegen einen Widerstand aufzubauen.

 

Der SchlĂŒssel liegt offensichtlich im Jetzt, im Moment zu sein.

Ja, wobei ich mir schon Ziele setze. Doch ich schau eben immer: Was kann ich jetzt tun? Andererseits: Wer zu sehr Ziel fixiert ist, setzt sich unter Druck.

 

Kommen eigentlich auch Menschen mit Burnout zu Ihnen, mit heftigen Symptomen wie Kopfschmerzen, und die nicht wissen, woran es liegt?

In den vergangenen Jahren sind fast nur noch Menschen zu mir gekommen, die in Richtung Burnout gedriftet sind. Und die nicht wussten, wie es ĂŒberhaupt zu dem Burnout gekommen ist. Ich musste den Klienten zunĂ€chst klarmachen, dass es mit ihren Überzeugungen zu tun hat. Überzeugungen wie: „Nur wenn ich viel leiste und perfekt bin werde ich anerkannt“. Und es sind ja eben gerade die vom Burnout betroffen, die tatsĂ€chlich sehr viel leisten. Es ist ein Spiel scheinbar ohne Grenzen. Wenn du schnell bist, willst du immer noch schneller und effektiver sein. Es bleibt immer weniger Zeit, einmal tief durchzuatmen und zu schauen: Hey, was tut mir gut? Die Leute setzen sich dermaßen unter Druck und meinen, sie mĂŒssten das alles schaffen. Sie merken dabei nicht, dass sie auch ein Gegengewicht brauchen. Es ist ganz wichtig, dass du auch immer wieder deine Batterien auflĂ€dst.

 

Und da kommt die Meditation ins Spiel?

Ganz richtig. Und die Achtsamkeit. Ich selbst schĂ€tze sehr die „One Moment Meditation“, ein kurzes Innehalten, eine Minute, die empfehle ich gerade Menschen, die in ihrem Job besonders herausgefordert werden. FĂŒr die ist es ganz wichtig, langsamer zu werden. Wir ĂŒben das auch: sich selber wahrzunehmen. Mein Eindruck ist: Je mehr du Richtung Burnout driftest, desto weniger nimmst du dich wahr.

 

Ist es nicht eigenartig, das wir uns damit so schwer tun, unsere StÀrken zu sehen und anzuerkennen, und eher auf die SchwÀchen und Fehler fixiert sind? Woher kommt das?

Das ist zum Einen evolutionĂ€r bedingt. In den oft zitierten „Zeiten des SĂ€belzahntigers“ musste der Mensch stĂ€ndig auf Gefahren achten. Das ist noch genetisch in uns drin. Die andere Seite ist, dass unsere Eltern uns immer wieder aus Sorge verboten haben, dies oder das zu tun. Wir sind von daher Problemfokussiert. Damit ist eine Motivation verbunden, von dem Problem weg zu kommen. Und was will ich stattdessen? Wie möchte ich ab jetzt in der gleichen Situation handeln? Okay, ich möchte ruhiger und gelassener sein. Und wann habe ich das schon mal erlebt? Es gibt ja die Erfahrungen von Kraft und innerer Ruhe, die muss ich wieder im Körper spĂŒren. So stellen sich eine Zufriedenheit und mehr Selbstvertrauen ein. Wenn ich das ĂŒbe, kann ich immer besser und schneller an meine inneren StĂ€rken andocken und so herausfordernde Situationen immer besser meistern. Und natĂŒrlich werde ich immer wieder im Stress sein. Na und?

 

Worauf ist vor allem zu achten auf dem Weg zur Gelassenheit?

Unsere ganze Gesellschaft wird immer schneller. Wir hecheln atemlos hinterher, durchs ganze Leben, und da ist es enorm wichtig, dass du immer wieder auf dich selber achtest und gut fĂŒr dich selber sorgst. Bereits Anfang der 80ger Jahre habe ich Verlagen ein Buch zum Thema Selbstliebe angeboten, was damals als lĂ€cherlich abgelehnt wurde. Heute erscheint es fast selbstverstĂ€ndlich: Nur wenn ich mich selber wertschĂ€tze, kann ich andere wertschĂ€tzen und wirklich kreativ sein. Doch es ist in der Praxis ĂŒberhaupt nicht selbstverstĂ€ndlich. Es wird immer noch – aus unserer Erziehung heraus – als Egoismus verurteilt, wenn ich zum Beispiel „Nein“ sage zu etwas, was mir nicht gut tut. SelbstmitgefĂŒhl ist als Gegengewicht zu dem inneren Kritiker extrem wichtig. MitgefĂŒhl mit mir, gerade wenn etwas nicht gelingt. Es geschieht halt, das gehört mit zum Leben, zu den Erfahrungen, die jeder von uns macht.

 

Gelassenheit zÀhlte bereits in der Antike zu den wichtigsten Tugenden, etwa bei den Stoikern. Ist es nicht erstaunlich, dass wir uns gerade heute wieder an diesen traditionellen Werten orientieren?

Ja, ich finde, wir brauchen Gelassenheit als Gegengewicht zu unserer stressigen Welt. Immer wieder den Abstand zu den Dingen gewinnen und sich selbst zu fragen: Wo bin ich denn gerade in diesem Moment? Welche BedĂŒrfnisse habe ich? So kann ich der allgemeinen Tendenz, dass der Mensch zum funktionierenden Ding, zum Objekt gemacht wird, entgegenwirken. Damit wir uns selber nicht verdinglichen. Dass wir wirklich immer wieder wahrnehmen: Ja, ich bin ein Mensch und kein Roboter. Ich bin mehr als das, was ich tue. Tun ist nötig, aber das Sein ist allumfassend. Darauf zu achten ist eine Lebensaufgabe, die nie langweilig wird.
Die 10 Regeln zur Gelassenheit von Johannes XXIII:

  1. Leben
  2. Sorgfalt
  3. GlĂŒck
  4. Realismus
  5. Lesen
  6. Handeln
  7. Überwinden
  8. Planen
  9. Mut
  10. Vertrauen

 

Infos zum Buch:

der Weg zur Gelassenheit
Gabi Pörner: „Der Weg zur Gelassenheit: Positiv mit Druck und Stress umgehen“
Umfang:
304 Seiten
Verlag:
Allegria, 2015
Preis:
€ 16.99
ISBN:
978-3793422921

Hier können Sie das Buch bestellen.

 

 

 

Über Dr. Gabi Pörner:

Sie ist Psychologin, Autorin, Expertin fĂŒr effektive SelbstfĂŒhrung, Persönlichkeitsentwicklung sowie VerĂ€nderungskompetenz. Als Trainerin fĂŒr verschiedene Unternehmen und hat sie internationale Trainingsprogramme in Namibia, Indien, Alaska und Slowenien durchgefĂŒhrt. Außerdem ist sie als Business Coach fĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte und Privatpersonen tĂ€tig. Gabi Pörner ist ausgebildete NLP-Lehrtrainerin und kennt sich mit wirksamen Methoden zur Lösung von massivem Stress und Traumas besonders gut aus.

www.tim-training.de

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1 Kommentar

Karl Wiesner 7. August 2016 - 18:30

Gabi Pörner ist wirklich gelassen. Wenn Sie ein Buch ĂŒber Gelassenheit schreibt, dann spricht Sie ganz authentisch aus eigener Erfahrung.
Wenn Sie Gelassenheit lernen wollen, dann ist das Buch der richtige Ratgeber. Noch besser ist es sich von Gabi Pörner coachen zu lassen.

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