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MYSTICA Editors Corner Editor’s Corner III: Jedem sein Guru!

Editor’s Corner III: Jedem sein Guru!

von Redaktion

Ein Kommentar von Thomas Schmelzer

Ist die Zeit der spirituellen Meister ein für alle Mal vorbei? Stimmt es, dass wir letztlich alle den Guru in uns haben – so etwas wie innere Führung, Intuition? Vermutlich ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten, und schnell ist ein Pauschalurteil gefällt, das für manche einfach nicht zutrifft.

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Was ist denn eigentlich ein Meister? Zunächst einmal jemand, von dem ich etwas lernen kann. Er beherrscht sein Fach, und ich möchte dort auch besser werden. Jeder Bäckermeister ist also der Lehrer für angehende Bäcker und ein erfolgreicher Künstler hilft ermutigt und inspiriert junge Künstler. Klar, dass ich als Regieassistent bei guten Regisseuren lernen wollte (oder ich mir die wenigen Vorbilder für spirituelle Moderation wie Rainer Holbe oder Dr. Hans-Christian Meiser genau ansah). Nur in der Spiritualität scheint das nicht so einfach zu sein. In klar strukturierten Disziplinen wie Tai Chi oder Yoga geht es ja noch – aber wie ist es mit spiritueller Suche?

Manche Esoteriker sagen, sie sind stolz darauf, nie einen „äußeren Meister“ zu brauchen, denn sie werden stets durch ihre Seele geführt. Neulich sprach ich mit einer Frau, die Osho als ihren Meister erkannte. Er führe sie schon seit 2001. Ich rechnete nach, stellte fest, dass er da schon lange tot war und merkte: Ach ja, hier ging es wohl um eine geistige Führung. Klar, Osho ist sicher schon längst im Kreise der aufgestiegenen Meister angekommen, wo er unlängst die Neuzugänge José Argüelles und Sai Baba begrüßen durfte.

Das Angenehme ist ja auch, dass solch eine Führung aus der geistigen Welt selten mal widerspricht und noch seltener auf jene dunklen Flecken hinweist, die jeder von uns hat, und die er nicht sehen kann. Sicher gibt es Führung aus geistigen Ebenen – aber manchmal braucht es eben doch einen atmenden, sprechenden, manchmal auch fluchenden Menschen als hilfreiches Gegenüber. Und ein spiritueller Meister hat eben – so sollte man vermuten – einen ganz guten Einblick in die Dimensionen des Geistes.

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Vielleicht ist ein echter Meister einfach nur ein guter Freund, der einen auf jene unerforschten, oft unangenehmen Stellen des eigenen Selbstes hinweist. Zugleich ist er aber viel mehr.

Eineinhalb Jahre hatte ich mit meiner Freundin das Glück, bei solch einem „Meister“ zu sein – regelmäßig, einmal die Woche, im privaten Umfeld. In der Vergangenheit war ich eine Weile ein intensiv Suchender und hatte auch eine feste Vorstellung, dass Erleuchtung sicher eine super Sache sei. Nach einigen flüchtigen Gesprächen und Begegnungen, vielen Büchern und Meditationen wünschte ich mir regelrecht solch eine persönliche Erfahrung.

Innere Suche ist immer eine sehr persönliche Sache, und jeder empfindet es anders. Ich jedenfalls sah diesen Meister und war sofort tief im Herzen berührt. Etwas in mir sagte einfach: „Ja!“. So ergab sich, dass ich regelmäßig zu seinen „Satsangs“ ging – gemeinsame Meditationen, und Gespräche. Es war die vielleicht intensivste Phase innerer Suche meines Lebens. Einige Worte von ihm hallten den ganzen Tag in mir nach. Auch während der Arbeit schien ich manchmal im inneren Dialog mit ihm zu sein und verstand auch wirklich einige alte Gedankenstrukturen, die einfach nicht mehr brauchbar waren, durch diese Gespräche.

Und es gab jene Ebenen, die nicht wirklich erklärt werden können. Tiefe meditative Erlebnisse, Einheitserfahrungen, Liebe. Eine Liebe, die wohl dieser Mensch in mir entfacht hatte, die aber auch ohne ihn in mir war. Und ich verstand intuitiv, was Ram Dass meinte, als er sagte: Der Meister ist das Herz, das Herz ist Gott, Gott ist Liebe.

Es gab schließlich zwei persönliche Gespräche, in denen es ganz schön zur Sache ging. Der Meister spiegelte mir da sehr deutlich einige Charakterzüge, auf die ich…nun ja, nicht unbedingt stolz hätte sein müssen. Das war hart. Rückwirkend denke ich manchmal, dass die ganze Chose eigentlich nur das zum Ziel hatte – mir diese Dinge aufzuzeigen, die dunklen Flecken eben, die ich alleine nie gesehen hätte.

Irgendwann dann aber war diese intensive Beziehung einfach zu Ende. Ich erkannte, wie ich mich abhängig gemacht hatte von – dem schönen Gefühl, ein auserwählter Schüler zu sein, mich im Lichte der Meditation zu sonnen, gegenüber dem Meister.

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Jetzt bin ich froh, etwas mehr im Herzen zentriert zu sein, eher meine eigene Mitte gefunden zu haben. Und im Moment bin ich nicht besonders intensiv auf spiritueller Suche – aber wie es morgen ist: Keine Ahnung.

Alles ist gut so, wie es ist. Ich bin nicht besser, wenn ich regelmäßig meditiere, wenn ich so schnell wie möglich weitere hindernde Gedankenstrukturen erkenne und beseitige. Ich darf einfach mal Spaß haben am Steak, an Sex, an stundenlangem Fernsehen, auch den größten Quatsch. Ja, und ich darf sogar verdrängen und die Augen zumachen.

Denn, und daran glaube ich wirklich, das Leben zeigt uns stets die richtige Richtung. Wenn Du mal überhaupt nicht mehr weiter weißt – Schau, was Du fühlst, was Dein Herz Dir sagt. Irgendeine Antwort, irgendeine Botschaft kommt bestimmt. Und wenn mal keine kommt: Sei froh. Ein bisschen Ruhe tut auch mal gut. Wenn aber das Leiden groß ist – oder wenn einfach große Lust und Freude dabei ist, eine Weile einem spirituellen Meister zu folgen – warum nicht?

Insofern: Ist nicht das Leben selbst er allerbeste und tollste Guru? Sich einfach dem hinzugeben, was ist? Wenn es sein soll, begegnet Dir ein wütender Chef, bei dem wieder mal etwas zu lernen ist. Oder es kracht in der Beziehung.

Oder es kommt tatsächlich ein Guru vorbei. Dann aber folge Deinem Herzen. Und wenn Dir danach ist, sag ihm einfach: „Ach, nee, lass mal. Ich guck erst noch Deutschland sucht den Superstar zuende….“

Thomas Schmelzer

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Weitere Artikel zum Thema auf MYSTICA:

Dietmar Bittrich: Es gibt keine Meister mehr! (Satire)

Abdi Assadi: Wie uns die Suche nach Erleuchtung hinters Licht führen kann (Interview)

Christian Salvesen: Wie werde ich meinen Guru los? (Essay)

Talk TV mit Peter Michel: Gurus und spirituelle Meister (mit Thomas Schmelzer)

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1 Kommentar

Miljenka Schmid 16. August 2011 - 11:42

Lieber Thomas,
mit deinem Beitrag hier machst du mir eine große Freude. Ich lese und lese … und da ist der Gedanke in mir: Jaaaa so denke ich mir das auch!

Mein Herz wird ganz weit und ich spüre diese, deine Erfahrungen und Gedankengänge die du hier mitteilst. Sie sind persönlich, einmalig und für mich authent. Gleichzeitig sind da viele Schnittstellen in denen ich meine Sicht der Dinge wiederfinde und das freut mich.
Ich sage jedem Menschen, dass er selbst ein Meister ist. Da gucken sie mich ungläubig an und manche ziehen gleich weiter. Manche bleiben eine zeitlang, hören meinen Erfahrunge zu ab und an lernen sie durch mich. Diese Menschen bereichern mein Leben, ich lerne von jedem, bin dankbar und in diesen Momenten sind sie meine äußeren Meister.
Ich hatte vor Jahrzehnten einen wunderbaren ungarischen Meister. Sehr fleissig war ich, wollte ich doch meine Meisterschaft erklimmen. Mein Meister war ein schwieriger Geselle nie beantwortet er mir eine Frage klar und deutlich und dies ärgerte mich sehr oft. Heute bin ich ihm sehr dankar für die 5 schwierigen Lehrjahre. Durch ihn habe ich gelernt: das Leben selbst ist spirituell, ich bin Mensch und ich lebe sehr gerne hier auf unserer wunderbaren Erde.

Danke für deinen Beitrag und ich wünsche mir, dass ihn recht viele lese.
Hab eine wunderbare Zeit, mit lachen und weinen und allem was du magst.
Herzensgrüße
Miljenka Schmid

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