Wie werde ich meinen Guru los? – Christian Salvesen

Ich weiß, das ist eine ziemlich provokative Überschrift. Ich hatte in den vergangenen 30 Jahren wunderbare spirituelle Lehrer, Bhagwan/Osho, Barry Long, Ramesh Balsekar, Pyar… und vielen anderen bin ich auf einer unvergesslichen Art persönlich begegnet: Gangaji, OM Parkin, Eckart Tolle, Willigis Jäger, dem Dalai Lama…Für all diese fruchtbaren Begegnungen bin ich dankbar. Und doch weiß ich jetzt, dass mich keiner von ihnen in irgendeiner Weise näher zu mir oder an die Wahrheit gebracht hat. Wie ist das möglich? Nur so: Es gibt in Wahrheit kein Weiter und kein Näher! Haben die Lehrer mich dann wenigstens zu dieser Erkenntnis geführt? Vielleicht.

Eigenartiger Weise wusste ich bereits durch eine ungewöhnliche Erfahrung mit 18 Jahren alles, was später durch meine spirituelle Suche und die Gurus zum Teil bestätigt, zum Teil aber auch überlagert wurde. Und heute würde ich zusammenfassen: Alles kann man lernen, Kunst, Heilen, Lebensführung, und hier sind Lehrer gut. Doch Eines können wir durch niemand von außen lernen und erfahren: Wer ich wirklich bin. Je eher ich mich da ganz nach innen wende und alle Meinungen, seien sie auch noch so spirituell anerkannt (Jesus, Buddha…) außen vor, gleichsam wie einen Wind vorbei streichen lasse, desto befreiter kann ich mich auf das wahre Abenteuer der Selbsterforschung einlassen.

Nun, einerseits würde ich aufgrund meiner Erfahrung sagen: Lass alle spirituellen Lehrer los. Du machst sie unwillkürlich zum Verwalter deiner Gedanken, deines Lebens, auch wenn sie dir das Gegenteil predigen. Jeder Guru ist ein Mensch, genau wie du, und er hat seine menschlichen Fehler. Wir wollen unsere Fehler loswerden und projizieren in den Guru ein makelloses Wesen, was er nie sein wird. Kommen seine Fehler heraus – sexueller Missbrauch u.a. – ist der Schock groß. Wunderbar! Kann der Lehrer mir dennoch helfen, jenseits aller Moral? Immer alles genau nach allen Seiten hin überprüfen! Das ist die Aufgabe des spirituellen Suchers und Schülers, bis er erkennt, dass es nichts zu erreichen gibt.
Nicht-Ich
Der spirituelle Meister repräsentiert genau das Gegenteil von dem, was uns in dieser Welt von allen Seiten eingetrichtert wird: „Du bist etwas ganz Besonderes. Lass dich nicht unterkriegen. Mach was aus dir!“ Der spirituelle Meister ist dein Tod. Er verlangt keine Ehrerbietung, keine Bestätigung des Ichs, keine Leistung. Doch was er sagt, wirkt untergründig, ja subversiv. Es höhlt die tief sitzende Vorstellung aus, ich sei eine eigenständige Person, die sich gegen den Rest der Welt durchsetzen muss. Der wahre spirituelle Meister gibt keine Bestätigung oder Techniken zur optimalen Suche. Er weiß selbst nicht mehr, wer oder was er ist, begrenzt und definiert sich nicht, und das kommt in seiner manchmal vielleicht hilflosen Art zu reden rüber.
So erlebe ich Tony Parsons und Karl Renz, deren „Talks“ und „Retreats“ ich gelegentlich besuche. Hier habe ich das Gefühl, dass ein Freund zu mir spricht, der sich nicht höher einstuft. Es ist bereits klar: Es gibt nichts zu erreichen, keine Erleuchtung. So wie ich bin, ist alles richtig, wie könnte es anders sein. Und – auch wenn das von diesen Erwachten, die sich selbst nicht als Lehrer sehen, immer abgestritten wird: Ich empfinde doch eine Bereicherung in ‚meinem’ Leben. Das ‚mein’ ist genau deshalb in Anführungsstriche gesetzt, weil ich es immer weniger als etwas erlebe, das mir gehört. Es ist einfach nur ein Leben, in jedem Moment neu, unbegreiflich wunderbar, nicht zu kontrollieren, wie die nächtlichen Träume deutlich zeigen, und es gehört keinem.
Wenn dich ein Guru auf dieses einfache Geheimnis stoßen kann, dann ist er ein guter Lehrer. Er muss dieses Nichts, dieses Nicht-Ich, ganz und gar sein, dann kann eine Art gemeinsame Schwingung entstehen, jenseits aller Worte. Etwas in dir schwingt mit, entgegen aller Wünsche und Erwartungen, und lässt zugleich los, kaum merklich. Die Wahrheit schwingt in dir mit – lässt eine innere Glocke klingen – und das ist für jeden zu jeder Zeit seines Lebens wieder neu und anders.
Allgemeine Qualitätskriterien möchte ich nicht aufstellen. Jeder Mensch muss seine Erfahrungen machen, auch riskieren, von einem so genannten spirituellen Lehrer „missbraucht“ zu werden. Allerdings empfehle ich dringend, ganz simpel zu unterscheiden zwischen einem Lehrer, der mir etwas beibringt – etwa mein Leben erfolgreich zu meistern, mein kreatives Potential zu fördern etc.- und jenen spirituellen Lehrern, die mir Erleuchtung und die Vernichtung des Ichs versprechen. Das kann nicht klappen. Schon deshalb nicht, weil ich nicht sterben will!
Es ist ein Widerspruch, vielleicht das Paradox des Lebens überhaupt. Ich will von mir selbst erlöst sein, suche Hilfe bei anderen, als könnten sie mich aus einer Art Hülle ziehen. Doch stets kommt wieder Ich zum Vorschein, wenn auch leicht verwandelt. Was ist zu tun? Alles nur Erdenkliche und zugleich nichts. Alle und jeden fragen, bedrängen, um Hilfe bitten und zugleich stur auf die Wand und in die Dunkelheit hinter den geschlossenen Augen starren, wenn die Träume hochkommen. Alles wahrnehmen und nichts für die Wahrheit halten. Das Leben Moment für Moment einsaugen, als wäre man der gestorbene Vater oder Großvater. Oder Buddha, Jesus. Perspektive aus dem Reich der Toten, dem Nichts, das alles umgibt und durchdringt. Jeder Moment geschieht im Nichts. Guru ist, was immer in die Leere zeigt, sie fühlbar macht und so von dem befreit, was man auf keinen Fall verlieren will. So gesehen ist ein echter spiritueller Meister dein schrecklichster Feind, der Tod selbst.
Christian Salvesen
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  7 Kommentare für “Wie werde ich meinen Guru los? – Christian Salvesen

  1. 2. Oktober 2010 um 10:06

    Hallo Christian,
    guter Text! Kann deine Gedanken gut nachfühlen. Das alte Paradox, gut formuliert.
    Liebe Grüße
    Wolf

  2. Manfred Miethe
    2. Oktober 2010 um 17:19

    Lieber Christian,
    das hast du ganz wunderbar formuliert. Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Alles Liebe
    Manfred

  3. Bréhant Marie
    4. Oktober 2010 um 10:51

    Hi, Christian,
    würdest du sagen: „es ist meine Sicht der Dinge“, wäre es aus meiner Sicht „richtiger“. Du fällst einen Urteil, warum? Jeder, der sich bemüht, ist gesegnet. Welcher „Guru“ er/sie auch trifft, ist er für ihn/sie der Richtige. Für jeden ist der Weg einzigartig, göttlich, auch ein Irrtum. Lieber ein Irrtum, aus dem man lernt, als gar nicht.
    Licht und Frieden erfüllt aller Menschen.
    Marie

    • Winfried
      26. April 2015 um 20:29

      Danke Marie, es fällt mir mit diesem Kommentar leichter den Lehrer einer Freundin zu akzeptieren – Winfried

  4. 7. Juli 2011 um 22:57

    Vielen Dank für diesen erfrischenden und inspirierenden Text. Auch mir spricht er aus dem Herzen. Doch wäre diese Erfahrung möglich ohne die Lehrer und Meister? Ich vermute, nicht. Für mich ist das ein bisschen wie die Ablösung von den Eltern – die biologischen Eltern sind gegeben, in der Pubertät (oder auch in der zweiten und dritten) müssen wir uns ablösen, um uns später wieder nahe zu kommen; die spirituellen „Eltern“ suchen wir uns – aber auch von diesen müssen / können / dürfen wir uns wieder lösen.
    @Marie: auch wenn es wörtlich nicht im Text steht, für mich kommt schon rüber, dass es Christians Sicht der Dinge ist, ich empfinde es nicht als Urteil, mehr als persönliche Erfahrung.
    Herzliche Grüße an alle
    Anke

  5. 12. Juli 2011 um 22:43

    unterschrieben… 🙂 treffend formuliert…

  6. Gerald
    11. Oktober 2012 um 22:06

    Es stimmt schon, Gurus muss man auch loslassen können, seinen eigenen Weg suchen. Aber andererseits, ich hätte ohne Gurus gar nicht gewußt wo oder wie ich suchen möchte. Es wäre eine zu unbestimmte Suche aus einer unbestimmten Unzufriedenheit heraus geworden. Deshalb komme ich auch immer wieder auf Lehrer zurück. Es ist ein Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung und der Abhängigkeit von anderen Menschen, in der wir uns wohl alle befinden.
    Ein Gleichgewicht, ein Auf und Ab, kein Entweder Oder.
    So sehe ich das 🙂
    LG, Jim

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