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MYSTICA Artikel Auch der Mensch muss artgerecht leben – Prof. Dr. Franz M. Wuketits

Auch der Mensch muss artgerecht leben – Prof. Dr. Franz M. Wuketits

von Thomas
artgerechtHausText

© Osawa / photocase.com

„Wir sollten nicht versuchen, unsere menschliche Natur zu Ă€ndern, sondern uns mit ihr arrangieren. Gerade in einer technologisierten und ‚globalisierten‘ Welt braucht jeder Mensch seinen eigenen, ĂŒberschaubaren Mikrokosmos; das heißt wir benötigen gesellschaftliche, politische und ökonomische Strukturen, in denen sich der Einzelne wohlfĂŒhlt, Eigenverantwortung ĂŒbernimmt und auch ein SelbstwertgefĂŒhl zu entwickeln imstande ist. Nur wer dieses GefĂŒhl hat, wird auch zu wahrer Mitmenschlichkeit fĂ€hig sein.“ Der Wiener Evolutions- und Kognitionsforscher Prof. Dr. Franz M. Wuketits, u. a. Autor des Buches „Zivilisation in der Sackgasse“, formuliert das Unbehagen vieler Menschen angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen und plĂ€diert fĂŒr eine RĂŒckbesinnung auf die wahre Natur und die wesentlichen BedĂŒrfnisse des Menschen.

Ein Interview von Oliver Bartsch


Fast ein Viertel der Menschen in den westlichen Industrienationen sind nach SchĂ€tzungen psychisch krank. Wie Ă€ußert sich dies und was könnten die Ursachen dafĂŒr sein?

Das Ă€ußert sich beispielsweise in Depressionen und im Burnout („Ausgebrannt-sein“). Die Ursachen sind eine Überlastung im familiĂ€ren und beruflichen Alltag, ein gesteigertes Arbeitstempo – alles soll immer schneller erledigt werden –, die Angst vor dem Versagen und oft genug das GefĂŒhl der Sinnlosigkeit, weil man die eigene Leistung nicht mehr als einen Beitrag zu einem Systemganzen zu bewerten weiß.

Einer Evolutionsgeschichte von fĂŒnf Millionen Jahren stehen nur wenige Jahrhunderte technologischer Zivilisation gegenĂŒber, welche die menschliche Natur entscheidend verĂ€ndern. Wie lĂ€sst sich diese Entwicklung evolutionstheoretisch einordnen und bewerten?

DafĂŒr gibt es in der Evolutionsgeschichte keinen PrĂ€zedenzfall. Die technologische Zivilisation kann – dazu ist sie einfach viel zu jung – die menschliche Natur in ihren Grundfesten nicht verĂ€ndern, wohl aber erschĂŒttern, was nunmehr auch der Fall ist. Viele Menschen, mit denen ich spreche, finden, dass unsere Zivilisation uns ĂŒberfordert, uns nicht mehr jenes WohlgefĂŒhl zu vermitteln vermag, welches wir im Interesse unserer seelischen Gesundheit benötigen. Der Mensch ist keine Maschine!

Der Ausdruck „artgerechte Menschenhaltung“ provoziert – und weckt vielleicht sogar Assoziationen zu den fatalen biopolitischen Experimenten der jĂŒngeren Vergangenheit. Wie verstehen Sie diesen Ansatz und wie grenzen Sie sich gegenĂŒber Missdeutungen ab?

Der Ausdruck darf ruhig provozieren, er soll aufhorchen lassen. Ich verwende ihn als Analogie zum Ausdruck „artgerechte Tierhaltung“, die ja lĂ€ngst eingemahnt wird. Mir geht es ganz und gar nicht um ein biopolitisches Experiment, ein solches wĂ€re – die Geschichte sollte es uns ĂŒberdeutlich gezeigt haben – in der Tat fatal. Wir sollen unsere Natur nicht Ă€ndern, sondern uns mit ihr arrangieren. WĂ€re alles an unserer Natur schlecht, dann wĂ€ren wir schon lĂ€ngst ausgestorben. Also, keine Angst vor unserer eigenen Natur!

„Dem Steinzeitmenschen in uns gerecht werden“ ist ein großes Anliegen Ihres Buches. Was ist das Bewahrenswerte an diesem evolutionĂ€ren Erbe und welche Perspektiven fĂŒr die (Weiter)Entwicklung des Menschen sehen Sie hier?

Ich weise in meinem Buch immer wieder darauf hin, dass wir von Natur aus Kleingruppenwesen sind, einer gewissen NĂ€he und Vertrautheit bedĂŒrfen. Angeblich – ich sage bewusst „angeblich“ – leben wir heute in einer global verstrickten Welt, unserer eigenen Natur gemĂ€ĂŸ aber braucht jeder von uns seinen eigenen ĂŒberschaubaren Mikrokosmos. Leopold Kohrs Formel „small is beautiful“, die ich auch aufgreife, lĂ€uft darauf hinaus, dass wir ĂŒberschaubare – gesellschaftliche, politische, ökonomische – Strukturen brauchen, in denen sich der Einzelne wohlfĂŒhlt, Eigenverantwortung ĂŒbernimmt und auch ein SelbstwertgefĂŒhl zu entwickeln imstande ist. Nur wer dieses GefĂŒhl hat, wird auch zu wahrer Mitmenschlichkeit fĂ€hig sein.

Im Mittelpunkt Ihrer Diagnose steht die „fatale Beschleunigung“ in allen Lebensbereichen. An welchen PhĂ€nomenen lĂ€sst sich diese besonders augenfĂ€llig beobachten und was sind ihre Folgen fĂŒr den heutigen Menschen?

Der Bereich der Kommunikation ist besonders augenfĂ€llig. Mit der elektronischen Kommunikation haben wir nun eine Grenze erreicht. Der nĂ€chste Schritt wĂ€re, dass Sie meine Nachricht erhalten, bevor ich sie ĂŒberhaupt geschrieben habe. Nun, das wird aus naheliegenden GrĂŒnden nicht möglich sein. Aber diese Form der Kommunikation treibt uns zur Eile an. Insgesamt ist heute die fatale Tendenz zu erkennen, alles möglichst schnell und möglichst viel auf einmal zu erledigen. „Holen wir uns doch im Vorbeigehen schnell einen Kaffee!“ Warum sollen wir uns den Kaffee schnell und im Vorbeigehen holen, warum setzen wir uns nicht gleich fĂŒr eine halbe Stunde in ein Kaffeehaus?!

Wenn die Zivilisation zwar eine Sackgasse ist, aber dennoch zur menschlichen Evolution gehört, welche Chancen hat ĂŒberhaupt der Einzelne, seine eigene „Natur“ zu beeinflussen oder gar zu verĂ€ndern?

Er soll ja (siehe oben) seine Natur nicht verĂ€ndern, sondern sich mit ihr arrangieren. Wir sollen nicht uns an die Zivilisation,  sondern die Zivilisation an uns anpassen, sie so gestalten, dass sie unseren in Äonen geformten BedĂŒrfnissen als Lebewesen gerecht wird.  Zivilisation ist nicht als Gegenteil unserer Natur zu begreifen.


Aktueller Buchtipp:
Franz M. Wuketits – Zivilisation in der Sackgasse, PlĂ€doyer fĂŒr eine artgerechte Menschenhaltung, Mankau Verlag

Das Interview fĂŒhrte Oliver Bartsch, http://oliver-bartsch.de

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