Varda Hasselmann – Schuld, Unschuld und Vergebung (Webtalk)

von Thomas

Als Trancemedium und Autorin zahlreicher BĂŒcher ĂŒber die Seele des Menschen hat Varda Hasselmann seit vielen Jahren eine begeisterte Fangemeinde. In ihrem neuen Roman „Die Seelenwaage“ widmet sich die Literaturwissenschaftlerin nun einem völlig neuen Thema: Schuld und Vergebung wĂ€hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 16. Juli 2015 stellte Varda Hasselmann das Buch im Rahmen eines Online-Talks vor – moderiert von Thomas Schmelzer.

 

Das Webinar war eine Zusammenarbeit mit Random House.

Protagonistin ist die 17-jĂ€hrge Bauerntochter „Burgl“, die von Dr. Mengele als „braune Schwester“ nach Auschwitz geholt wird, um die SĂ€uglinge auf seiner Zwillingsstation zu pflegen. Sie kennt nichts anderes als die Nazi-Doktrin und stellt keine Fragen. Nur vier Monate bleibt sie im Lager, bis es aufgelöst wird. Böses hat sie nie getan – und doch war sie „dabei“. Gepeinigt von Schuld, Scham und Furcht wird sie zu einer verhĂ€rteten, vereinsamten Frau. Schließlich bricht sie zu einer Wallfahrt nach Santiago auf, von der sie sich den Ablass ihrer SĂŒnden erhofft…

Im GesprĂ€ch mit Thomas Schmelzer verrĂ€t Varda Hasselmann, was sie an diesem Stoff fasziniert hat, warum die Verbrechen des Dritten Reichs bis heute nachwirken und wie uns SchuldgefĂŒhle und Selbsthass lĂ€hmen können. Sie können den Online-Talk live im Internet verfolgen und ĂŒber unsere Frage-Box selbst mitdiskutieren.

 

Aktuelles Buch:


 

 

Varda Hasselmann: “Die Seelenwaage”
Roman
Verlag: Goldmann, 2015
Umfang: 480 Seiten
ISBN-10: 3-442-22116-1

 


Hier können sie dieses und weitere BĂŒcher von Varda Hasselmann bestellen

 

 

 

 

 

Interview zum Roman „Die Seelenwaage“ von Varda Hasselmann

Frau Hasselmann, Sie sind seit vielen Jahren als Sachbuchautorin tĂ€tig und beschĂ€ftigen sich intensiv mit der Seele des Menschen. Mit „Die Seele der Papaya“ haben Sie aber auch schon einen Roman, mit „Aus lauter Liebe“ eine Reihe von ErzĂ€hlungen veröffentlicht. Nun legen Sie Ihren zweiten Roman vor. Wie kam es dazu?

Schon bald nach Erscheinen der „Papaya“ kamen Ideen fĂŒr einen neuen Roman. Der erste war mir so leicht aus der Feder geflossen! Aber der zweite ist ja bekanntlich immer die grĂ¶ĂŸere Herausforderung. Ich entwarf das Bild einer schlichten deutschen Frau, die auf ihre Weise zum Opfer des Nationalsozialismus wird, einfach deshalb, weil sie ein Kind ihrer Zeit ist. Sie steht fĂŒr Millionen anderer. Es stellte sich die Frage, ob ein junger Mensch sich unter dem Joch einer Diktatur wirklich heraushalten kann. Welche psychischen Folgen hat jahrzehntelanges Schweigen? Ist nicht auch Schweigen eine Tat? Kann man schuldig und unschuldig zugleich sein? Wer darf das Urteil fĂ€llen? Daher der Titel „Die Seelenwaage“.

Ihre Hauptfigur ist eine alte Frau. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Als blutjunges MĂ€dchen hat meine Hauptfigur in Auschwitz auf der Zwillings-Station des Dr. Mengele gearbeitet. FĂŒr den Rest ihres Lebens leidet sie an den psychischen Folgen der schrittweisen Erkenntnis, in welche KriegsgrĂ€uel sie verwickelt war. Im Alter ist sie verhĂ€rtet und verbittert, sucht spirituellen Trost in einer Wallfahrt nach Santiago, doch sie findet ihn nicht. Die Pilgerfahrt wird zu einer Reise in die schmerzerfĂŒllte Vergangenheit.

Was hat Sie bewogen, einen Roman ĂŒber Nationalsozialismus und Krieg zu schreiben?

Die zahlreichen Berichte von Zeitzeugen, die Flut der Veröffentlichungen, die nicht nur das furchtbare Leid der KZ-Opfer, sondern auch die innere Not, die Verblendung und  die seelische VerstĂŒmmelung der deutschen Jugend unter Hitler belegen, haben mich motiviert, mich diesem Thema zuzuwenden. Es geht im Roman aber eigentlich nicht um die Nazi-Zeit, sondern um das, was sie noch nach Jahrzehnten im GemĂŒt unserer Eltern und Großeltern angerichtet hat. Schweigen und Verschweigen stehen daher im Mittelpunkt des ErzĂ€hlens. Das Unvermögen, ĂŒber das Entsetzliche zu reden, und das Vergessenwollen betrifft eine ganze Generation und ihre Nachkommen. Meine beiden GroßvĂ€ter waren Parteimitglieder.

Wie viel historische Recherche war notwendig, um ein authentisches Bild der Zeit und der Personen zu entwickeln?

Ich musste mich den geschichtlichen Gegebenheiten zuwenden, einer Sozialisation unter der Nazi-Doktrin, einem dörflich-katholischen Milieu, das im Kontrast dazu stand. Ich las historische Berichte und Analysen, Lebensgeschichten und Prozessakten, sah mir viele Dokumentarfilme an. Auch verbrachte ich einige Tage in GĂŒnzburg, der Heimat von Dr. Mengele und meiner Hauptfigur. Und wĂ€hrend ich immer mehr MitgefĂŒhl mit der alten Frau entwickelte, ĂŒber die ich schrieb, ging mir die BeschĂ€ftigung mit den Zwillingsexperimenten des Erbforschers derart an die Nieren, dass ich einmal ein ganzes Jahr mit dem Schreiben aussetzen musste und am liebsten alles hingeworfen hĂ€tte. Doch die Schuld-Thematik, der – wie ich glaube – kein Lebender entgehen kann, ließ mich nicht los.

Ihr Roman beschÀftigt sich mit den Themen Schuld und Vergebung wÀhrend und nach dem Zweiten Weltkrieg. Warum hat ein solcher Stoff auch siebzig Jahre nach Kriegsende nichts an AktualitÀt verloren?

Mit der Zeit wurde der Gegenstand meines Romans immer aktueller. AndrĂ© Hellers GesprĂ€ch mit Hitlers SekretĂ€rin bewegte mich außerordentlich. GĂŒnter Grass bekannte sich zu seiner SS-Vergangenheit. Letzthin waren auch die Prozesse 2013 und 2015 gegen MittĂ€ter von großer Bedeutung fĂŒr mich. Zu schildern was ein menschenverachtendes Regime, die Propagandamaschinerie und böswillige Indoktrination in einem Menschen anrichten, kann niemals an AktualitĂ€t verlieren. Solche Diktaturen gibt es auch im Moment zuhauf auf der Welt, wir erleben es jeden Tag. Doch die letzten Zeitzeugen des Dritten Reichs gehen uns verloren und die meisten von ihnen konnten nie ĂŒber das reden, was ihnen widerfahren ist oder was sie getan und unterlassen haben. Sie mussten alles Schreckliche, ihre TĂ€ter- und Opferschaft, verdrĂ€ngen, um weiterleben zu können. Ich spĂŒre mehr und mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr Menschen, die keine Wahl hatten, und Ă€rgere mich ĂŒber die Neigung zur Verurteilung nachfolgender Generationen, die den Absolutheitsanspruch des Nationalsozialismus niemals erfahren haben. Oft Ă€ußern sie sich in beklagenswerter GefĂŒhlsignoranz zum Leid der Älteren.

Die Protagonistin Ihres Romans war innerlich ĂŒberzeugt nichts Unrechtes getan zu haben, war aber faktisch auf der Seite der TĂ€ter. Vergeben kann sie sich das nie. Ihr Leben lang wird sie von SchuldgefĂŒhlen gequĂ€lt. Warum gelingt es ihr nicht sich selbst zu verzeihen?

Das Beharren auf einer vagen Mitschuld und das Verharren in der moralischen Selbstkasteiung ist fĂŒr sie eine unbewusste Form der SĂŒhne dafĂŒr, dass sie „dabei“ war. Wer nicht reden und nicht weinen darf, endet fast unausweichlich in VerhĂ€rtung. Zugleich ist die Sehnsucht nach NĂ€he und Liebe genauso groß wie die Angst davor, denn Liebe macht weich. Meine Hauptfigur stirbt lieber, als ihren Schweige-Eid zu brechen. Wer Jahrzehnte lang ein schuldbeladenes Geheimnis mit sich trĂ€gt, beginnt nach und nach sich ĂŒber seine SchuldgefĂŒhle als Persönlichkeit zu definieren. Das Schweigen verselbstĂ€ndigt sich. Sich nicht verzeihen zu können oder zu wollen wird zu einer Form narzisstischer SelbstgefĂ€lligkeit. Walburga kennt kein MitgefĂŒhl mit sich, nur Selbsthass. Selbstvergebung bedeutet fĂŒr sie CharakterschwĂ€che. Sich menschliche Fehlbarkeit zu verzeihen, erfordert ein großes Maß an Demut.

 

Vielen Dank fĂŒr dieses Interview!

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1 Kommentar

Dr.Dietmar Höhne 10. Juli 2015 - 09:23

Liebe Varda,
nach mehreren Seminaren bei Dir bin ich nun gespannt auf Dein neues Buch. Das Thema, das Du ansprichst, begegnet mir nicht nur in meiner eigenen Geschichte, sondern auch in denen derjenigen, die in meine Aufstellungs- und Weiterbildungsseminare, oder als Psychotherapiepatienten in meine Praxis kommen. Versöhnung ist mein Wunsch.
Herzlich,
Turiyananda.

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