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Warum soll ich weinen? Der Umgang mit Trauer – Peter Graus

Wie gehen Menschen mit dem Tod ihres eigenen Kindes um? Ist ein Abschied in Liebe möglich, oder überwiegt der Schmerz? Die Erzählung handelt von einer wahren Begebenheit zwischen einem Vater und seinem jungen Sohn. Mit seiner herzergreifenden Geschichte hat der Autor schon vielen Menschen helfen und die Augen öffnen können.

von Peter Graus

 

 

 

Es ist Sonntag, der 13. Mai 1977. Heute bist du geboren worden mein Sohn, und alles, was Worte sagen könnten in diesem Augenblick, ist nicht auszusprechen, zu überwältigend ist das Gefühl, die Demut, das Glück und die Liebe zu dir, ich kann nur schweigen und spüre eine Träne mein Gesicht runterlaufen. Ich durfte Zeuge werden, wie ein neues Leben entstanden ist, wie aus der Saat die Frucht geworden ist und das Wunder der Schöpfung sich mir zeigte in einem Augenblick, der sich für alle Zeiten in meinem Herzen eingebrannt hat und mich erfüllt, wie nichts zuvor in meinem Leben.

Ich habe tausend Vorsätze, Träume, Wünsche und Ziele, wie du werden sollst, was du alles erleben darfst und wie ich mit dir zusammen den Weg des Lebens gehe, dich an meinem Wissen teilhaben lassen möchte und dich lehren will, worauf es im Leben ankommt. Meine stolzgeschwellte Vaterbrust ist nicht zu übersehen, und auch nicht das Strahlen in meinen Augen.

Nachdem du erkannt hast, dass der Chef ja eigentlich Du bist und uns mit deinem Lächeln oder auch Weinen – je nachdem, wie es für dich am besten nutzbar erscheint – erziehst. Da reift in mir auch langsam die Erkenntnis, dass wohl nicht wir, die Eltern, dich, sondern du uns formst und den Weg bestimmst. Die Natur hat das wohl so eingerichtet, denke ich mir, schön langsam sozusagen als Trick, damit die Eltern vom Kinderkriegen nicht abgeschreckt werden  – denn wer will schon zugeben, dass er sich anpassen muss und sein Leben wegen so einem kleinen Menschenwesen neu lernen darf?

Du bist ein guter Junge und entwickelst dich prächtig, wobei ich erfahren muss, dass wohl alle Väter in ihrem Jungen schon den nächsten Präsidenten oder Nobelpreisträger erkennen, kaum dass er das erste Mal „Papa“ sagt. Gut, nur macht die Liebe auch etwas blind und es hat wohl doch seinen Sinn, nur das Beste zu sehen und somit auch das Beste zu geben.

Heute ist dein achter Geburtstag und ich liebe dich immer noch sehr, was mich stolz auf mich macht, denn immerhin hast du es geschafft, meine Nerven, meine Geduld und die Kraft der Liebe immer wieder auf die Probe zu stellen, auf deine eigene Art und Weise.
Ich will hier nicht groß mit Beispielen kommen, sonst werde ich nicht fertig mit dem Erzählen, aber ich bin – muss ich zugeben – auch schon insgeheim stolz darauf, dass du schon mit 5 Jahren überrissen hast, wie einfach es ist, ein Auto zu starten und wärst du nicht, ich wüsste bis heute nicht, wie viele Meter das Band einer VHS-Videokassette hat, und wie lange es dauert, freigelassene Vögel einzufangen.

 

18 Uhr

Du beginnst zu schwitzen und klagst über Schmerzen in der Brust. Ich tippe auf eine Erkältung, packe dich warm ein und lege dich zu Bett. Am nächsten Tag ist es immer noch da – dieses Brennen, Ziehen und Drücken. Ich mache mir Sorgen und wir gehen zum Arzt. Er untersucht dich und meint, dass du zum genaueren Abklären in die Klinik musst, was immer das auch heißen mag. Der ganze Tag ist verplant mit Untersuchungen, Testen und wiederholtem Testen. Ich beginne mir Sorgen zu machen, Fragen zu stellen, keiner gibt mir eine konkrete Antwort, ich höre immer nur: „Das muss noch der Spezialist ansehen, der Chef beurteilen.“ Diese Antwort macht mir Angst, warum muss es ein Spezialist ansehen, und vor allem, was muss er ansehen? Ich beruhige mich selber mit der Antwort, dass mein Sohn in guten Händen ist und man einfach alles gut und richtig machen möchte.

 

19 Uhr

Endlich, ich darf zum Chefarzt der Kinderabteilung, er schaut mich an, als wisse er nicht ganz genau, wie er beginnen solle, dann seine Worte:…..“Ihr Sohn hat ein schweres, seltenes Herzleiden, er kann mit diesem Herzen nicht überleben……“ Ich spüre alles und nichts, Schmerz, Wut und Ohnmacht… eine Kaskade aus Empfindungen fließt durch meine Adern wie eine Walze aus Lava, alles vernichtend und verbrennend. „Weiß mein Sohn es schon?“ – „Nein, ich wollte zuerst mit Ihnen darüber sprechen.“ Ich höre ihn wie durch Nebel, versuche zu verstehen was ich höre, nur kann ich es nicht… „Gibt es eine Chance?“ – „Ja, wir werden ihn anmelden und auf die Transplantationsliste nehmen, wenn er ein Spenderherz bekommt, sind seine Chancen gut…mit seinem eigenen Herzen hat er keine Chance.

Mein Sohn kommt herein, ich sehe und lächle ihn an mit einem Blick, der sicher alles sagt, was ich nicht aussprechen kann, umarme ihn und schweige. Ich versuche Worte zu finden, Worte, die dem Tode sagen wollen: Schenk meinem Sohn die Zeit, sein Leben zu erfahren. Worte, die alles einfach ungeschehen machen, und ich spüre: ich bin im Zweifel mit Gott.

Der Arzt sagt, er würde uns für ein paar Minuten alleine lassen und ich bin dankbar dafür, dass er mir die Chance gibt, mit meinem Sohn alleine zu sein. Ich beginne zu sprechen, versuche zu erklären und das Unfassbare greifbar, spürbar zu machen und ihm als einen Anfang, und nicht als ein Ende, nahezubringen. Er hört nur zu, sieht mich schweigend an und hält mich, dann sagt er zu mir: „Weißt du Papa, das wird schon alles gut, ich habe ja dich.

Nachdem ich ihn an diesem Abend zu Bett gebracht habe und alleine bin, beginne ich zu weinen, und der Schmerz in meinem Herzen scheint unerschöpflich zu sein – ich weine die ganze Nacht.

Die nächsten Wochen und Monate sind ein Warten, ein Hoffen und ein Bangen, es geht ihm immer schlechter, er verliert Gewicht und muss viele Medikamente nehmen. Er ist die halbe Woche in der Klinik, das Leben hat sich verändert und alles, was bisher so selbstverständlich schien, ist nicht mehr möglich. Ich beginne die Menschen, die mich besuchen und mir ihr Mitleid aussprechen, zu meiden – ich kann es nicht ertragen. Ich suche Kraft und Halt und keine Hilflosigkeit ausstrahlenden Menschen, das belastet mich und vor allem meinen Sohn enorm.

 

7 Monate später – 14 Uhr

……….das Telefon klingelt, wir haben ein Herz!………….Mein Herz bleibt fast stehen vor Freude, es ist soweit……..Wir rasen in die Klinik, alles ist vorbereitet und die Operation beginnt. Nach ein paar Stunden ist alles vorbei, der Arzt sagt mir, sie ist ohne Probleme verlaufen und wir dürfen zuversichtlich sein! Mein Sohn wurde ein zweites Mal geboren…….die Zeit danach ist die Zeit der Fragen, der Suche nach dem Sinn……… Er fragt mich oft: „Papa, wer musste für mich sterben? Habe ich das verdient, zu leben und den Schmerz der Eltern eines anderen Kindes in mir zu tragen?“ Ich sage ihm, dass diese Eltern es wollen, dass sie damit ein Leben schenken können, auch wenn ein Anderes dafür gehen muss. Doch diese Antwort scheint ihn nicht zu beruhigen und er fragt mich oft: „Denkst du nicht, dass ich einfach hätte gehen müssen, weil Gott mich so lieb hat und mich bei sich haben will?“ Mein kleiner Sohn ist weise geworden, ich lerne von ihm, nicht mehr er von mir….

 

6 Monate danach

……..Schmerzen in der Brust – Panik, Angst-Gefühle, die nicht zu kontrollieren sind… wieder ins Krankenhaus. Die Diagnose diesmal: der Körper will das Herz abstoßen, er nimmt es nicht an, wir brauchen ein anderes Herz – das ist die einzige Möglichkeit.

Und wieder sprechen wir miteinander – nein, diesmal spricht er und ich höre zu… “Weißt du, Papa, ich möchte nicht noch einmal das Herz eines Menschen in mir tragen, dessen Lebensweg zu Ende ist. Ich denke, dass ich nicht glücklich werde, wenn ich wieder mit dem Tod eines anderen Menschen mein Leben kaufen muss… Ich weiß auch, dass ich dir damit weh tue, wenn ich lieber sterben will, als das alles noch einmal auf mich zu nehmen. Aber du musst wissen, dass ich dich über alles liebe, egal wo, ich bin immer in dir, in deinem Herzen drin, denn du hast mir die Liebe geschenkt und das Leben, ohne dich wäre ich nie gewesen und ohne dich werde ich nie mehr sein, und auch du wirst nie ohne mich sein. Gott hat es mir in meinen Träumen erzählt, dass er mich braucht, ich muss meinen Weg gehen und wenn du mich liebst, wirst du mich gehen lassen, denn wenn du mich liebst, dann liebst du auch Gott… Ich brauche deine Liebe, nicht deinen Schmerz!“, und er lächelt mich an mit einem Blick, der tiefe Ruhe und Frieden ausstrahlt – ich beginne zu verstehen und loszulassen.

 

2 Wochen später

Ich halte dich in meinen Armen und ich empfinde Frieden und Liebe, und ich sage: „Danke Gott, für die Zeit, die du uns geschenkt hast um zu reifen und zu lieben.“ …Der letzte Atemzug… und irgendwo hat das Wunder der Schöpfung neu begonnen und die Liebe hat uns beide beschenkt, und aus Leid wurde Licht durch dich alleine, mein Sohn.

 

Der Autor über sich:

Mir ist schon lange aufgefallen, dass bei den meisten Menschen, die energetisch arbeiten, klare Vorgehensweisen und Erklärungen mit Umschreibungen und Theorien begründet werden, welche jede mögliche Interpretation offenlassen, und für mich im Nebel der vermutlich eigenen Unsicherheit dahinschweben. Bei der Heilarbeit geht es nicht nur um den Körper, es geht um seine Seele und darum, den Menschen als Partner zu betrachten – statt als Patienten und hilfesuchend, krank – und ihnen etwas zu geben, damit sie selbst in der Lage sind ihre eigenen Kräfte zu aktivieren. Erst dann werden der Austausch und die Interaktion zwischen zwei Menschen aktiv gestaltet und die Heilung kann im Rahmen dessen, was möglich ist, einsetzen. Heil sein kann vieles bedeuten, als Beispiel: Ich durfte mit vielen Menschen bis zum Schluss arbeiten, welche z.B. durch Krebs schon fast am Ende ihrer Reise waren. Dennoch sagten sie zu ihren Angehörigen „Ich bin heil “ –  auch das ist ein Teil der Bewusstseinstherapie.

 

Über Peter Graus

Er ist Begründer von Klangreisen, welche die Vertonungen der Natursymphonien sowie der Herzenssymphonien der Menschen und auch die der Tiere beinhaltet. Durch seine jahrzehntelange Tätigkeit in Gesundheitszentren, Klinken und bei Ärzten als Bewusstseins- und Energetischer Therapeut kann er auf einen großen, praktischen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Einer seiner Grundsätze lautet: „Ich sage dir nicht, wie krank du bist, sondern ich zeige dir, wie gesund du bist.“

www.sites.google.com/view/peter-graus

www.tagblatt.ch/intern/focus/

 

 

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