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MYSTICA Artikel Von der Kernverletzung zur Kernkompetenz – Prof. Barbara von Meibom

Von der Kernverletzung zur Kernkompetenz – Prof. Barbara von Meibom

von Thomas

MaibomTextDie Politikwissenschaftlerin und Autorin hat mit „Deutschlands Chance“ ein beeindruckendes Buch über die ganzheitliche Aufarbeitung unserer geschichtlichen Vergangenheit geschrieben – dazu gab es im März 2014 auch einen Kongress in Berlin. Hier einige Gedanken zum Thema aus dem Schlußteil des Buches.

von Prof. Barbara von Meibom


»Es gibt keine Situation, die durch Vergebung
nicht erlöst werden könnte,
Vergebung löst Leid, Schmerz und die
Last der Vergangenheit auf.«
Monika Redl-Janßen

Deutschland trägt eine große Last und hat eine große Chance. Die Chance ist, sich mit dem eigenen Schatten zu versöhnen, zur posttraumatischen Reifung zu gelangen und damit aus dem Leiden zu lernen, das im deutschen Namen verursacht wurde und das auf uns Deutsche zurückgewirkt hat. Solches Lernen gelingt nur, wenn wir uns dem, was gewesen ist, in dem Bewusstsein stellen, dass es zu uns gehört, dass es ein Teil unseres Selbst ist und dass die Schattenkräfte, die individuell und kollektiv wirksam werden, keine Hirngespinste sind, sondern Ausdruck sind von menschlichen Gedanken, Gefühlen und Handlungen. Wir alle tragen – wie jeder Mensch weltweit – das Böse in uns. Das Böse heißt, dass wir uns, wenn es wirksam wird, von der Liebe, die wir in tiefster Essenz sind, abgeschnitten haben und unsere Ängste als Aggression und Gewalt nach außen tragen. Es gibt wohl niemanden, der – christlich gesprochen – den ersten Stein in dem Bewusstsein werfen könnte, dass er oder sie selbst nicht gefährdet sei und über jeder Möglichkeit stünde, schuldig zu werden.

Solches Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit und der eigenen Möglichkeit zu tiefster Inhumanität ist der beste Schutz, um sich mit den eigenen Schattenkräften auseinanderzusetzen. Solches Eingeständnis fordert auf und befreit dazu, sich konsequent den Lichtkräften in uns zuzuwenden. Grausamkeit ist nicht unsere Natur. Grausamkeit ist die Folge von Angst und Unsicherheit, von mentaler und emotionaler Verführbarkeit. Der Mensch ist eine Verkörperung der Liebe, lehren die spirituellen Traditionen und humanistische Psychologen wie Erich Fromm oder Roberto Assagioli stimmen dieser Sicht zu. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns auf die Gaben konzentrieren, die hinter den Schattenkräften darauf warten, befreit zu werden, dass wir sie würdigen, mutig annehmen und ausdrücken, damit wir Frieden mit uns selbst und mit anderen schließen können.

Dies alles setzt Versöhnung mit sich und anderen voraus. Wenn wir uns rückbesinnen darauf, dass wir Kinder des Göttlichen sind, geliebt und getragen, dann fällt diese Versöhnung leichter. Versöhnung befreit zu einer konsequenten Kultur der Partnerschaftlichkeit, zur Einbindung in die Völkergemeinschaft, zu einem sorgfältigen und rücksichtsvollen Umgang mit der eigenen Macht gerade den Schwächeren gegenüber und zu einer Bildung und Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, die menschlichen Potenziale und die höheren Anlagen wie Liebe, Mitgefühl, Respekt, Wertschätzung, Verantwortung zu befördern. Kernkompetenz, die aus der spezifischen deutschen Verletzung hervorgeht, kann daher nur, wie Gerald Hüther sagt, ein »Brücken bauen« zu sich und anderen sein, eine Haltung, die Verständigung und das Lösen von Konflikten unterstützt und damit eine Kultur der Verbundenheit fördert, die wir heute so sehr brauchen.

Dieses Buch hat die hier aufgeworfenen Fragen auf drei Ebenen umkreist. Zum einen hat es sich der Vergangenheit gestellt und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart gezeichnet. Doch dies geschah in dem Versuch, nicht bei den Schattenkräften stehen zu bleiben, sondern die Gaben sichtbar werden zu lassen, die hinter den Schattenkräften liegen. So ist daraus ein entschiedenes »Ja.« für die im deutschen Kulturraum angelegte Öffnung zur Spiritualität und zu Fähigkeiten geworden, die dem Gemeinwohl dienen.

Im zweiten Teil habe ich Überlegungen angestellt, wie dies in eine Führungskunst übersetzt werden kann, die – im Bewusstsein der Schattenseiten – dem Leben dient. Solche Führungskunst verlangt vor allem eine geistige Ausrichtung auf Verbundenheit und Partnerschaftlichkeit sowie Respekt und Wertschätzung für unsere sozialen und natürlichen Lebensgrundlagen.

Im dritten Abschnitt kommen mutige Menschen zu Wort, die heute beispielhaft für diesen Weg stehen. Viele von ihnen setzen ganz gezielt auf das zivilgesellschaftliche Engagement in dem Wissen, dass die vermachtete Politik ohne dieses Engagement nicht in der Lage ist, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Die hier Porträtierten – u. a. Gerald Hüther, Margret Rasfeld, Gesine Schwan, Geseko v. Lüpke, Götz Werner, Nele Hertling, Margrit Kennedy – stehen für eine Vielzahl anderer, die sich mit ihrer ganzen Kraft für ein neues Bewusstsein in Deutschland in den unterschiedlichsten Aktivitätsfeldern einsetzen.

Die meisten von ihnen zeigen, dass dies nicht geht, ohne die Sinnfrage neu aufzuwerfen und sich der in unserem Land immer noch so tabuisierten Spiritualität zu öffnen. Klammern wir diese Dimension unserer Existenz aus, dann gilt, was der Hirnforscher Gerald Hüther formuliert hat: »Es ist, als hätten wir ein Gehirn, wüssten aber nicht, wofür wir es einsetzen sollen.« Warum die Angst vor der Spiritualität? Was hat das Abgleiten in die Barbarei ermöglicht? War es eine menschenverachtende politische Religion, oder war es die konsequente »Abschaffung Gottes«, die erst zu einem spirituellen Hunger und einer spirituellen Verführbarkeit Anlass boten, den die Nationalsozialisten mit ihrer Politischen Religion besetzen konnten?

Wie dem auch immer sei, wir können die Frage nach dem Sinn unseres Lebens und Tuns weder abschaffen noch vermeiden. Wenn wir sie nicht in voller Bewusstheit und offen im Sinne einer Frage nach der Transzendenz, dem Urgrund, dem Numinosen, dem Sinn unseres Leben stellen, dann werden wir umso eher den Tanz um das goldene Kalb des Materialismus oder die tödliche Abstraktheit eines rein kognitiven Weltbildes praktizieren, in der das Leben zum zu untersuchenden und zu manipulierenden Objekt wird und die Lebendigkeit des Fühlens, der Verbundenheit und des Seins zur nicht definierbaren Restkategorie verkommt.

Deutschlands Chance ist in diesem Sinne, sich der Frage nach den Werten, nach dem, was wir Menschen wirklich brauchen und was das Leben wertvoll macht, mit neuem Mut zu stellen. Wir haben großartige kulturelle Traditionen, die hierfür einen Boden bereitet haben. Sie in die Gegenwart zu übersetzen, hilft das Potenzial des deutschen Kulturraums für die Lösung der Gegenwartsfragen zu nutzen. Wir haben die Chance, Idealismus und Realismus, Idealismus und Rationalismus zu versöhnen. Grundlage eines solchen Versuches kann und darf weder eine Selbstüberhöhung noch eine Selbstentwertung sein. Deutschland kann Großartiges beisteuern, wenn es sich auf eine Haltung des Servant leadership einlässt – eine Haltung, welche Führungskunst im besten Sinne demütig in den Dienst am Leben stellt.

Diese Überlegungen sollen nicht beendet werden, ohne einen wichtigen Gedanken aufzugreifen, der über das bisher Gedachte und Geschriebene deutlich hinausweist und der den Kern verschiedener spiritueller Traditionen ausmacht. In der vedantischen Philosophie der Non-Dualität ist alles Leben Illusion (Maya). Demnach bewegen wir uns wie Schlafende durch Welten, die im Grunde irreal sind. Wacht ein Mensch aus diesem Traum auf, so wird ihm bewusst, dass alles Vergängliche unwirklich ist und alles, was wirklich existiert, universelles Bewusstsein ist oder absolute Wirklichkeit. Dieselbe Botschaft finden wir auch bei christlichen Mystikern (Kurs in Wundern: USA Foundation for Inner Peace 2012). Wirklich im Sinne beider spirituellen Traditionen ist nur das, was ohne Raum und Zeit, ohne Namen und Form ist, was nie geboren und nie gestorben ist.

Solche spirituellen Traditionen lehren uns, dass alles eine Frage des Bewusstseins ist. Zu welcher Transformation des Bewusstseins Menschen fähig sind, zeigen die großartigen Überlebenden von Auschwitz, die durch alle Gräuel hindurch zu einer uneingeschränkten Liebe des Lebens gefunden haben (Gonsior/ Spannbauer 2013). Ihr Mut zum Leben ist Ausdruck einer tiefen Liebe und enthält in sich das Versprechen einer bedingungslosen Liebeskraft, die uns Menschen innewohnt. Solange wir Gefangene unserer Vorstellungen und Konzepte bleiben, können wir uns nicht zur essentiellen Liebe befreien, die wir im Kern sind. Wir bleiben dann bewusst oder unbewusst Gefangene unserer Gefühle und Konzepte. Doch wir sind eingeladen, unsere geistige »Brille« zu putzen, unser Bewusstsein zu entwickeln und die Illusion über unsere wahre Existenz zu überwinden. In den spirituellen Traditionen wird dieser Prozess der Bewusstseinsentwicklung gerne verglichen mit dem Diamanten, der zum Brillanten geschliffen oder dem Gold, das zum Geschmeide geschmiedet werden muss. In diesem Sinne sind wir eingeladen, in der Unschuld anzukommen, die wir in unserer Essenz sind, die wir als Geschenk mit in dieses Leben gebracht haben und die als Geschenk darauf wartet, von uns »ausgepackt« und angenommen zu werden.

Ein Auszug aus dem Buch:
meibommm

 

Prof. Dr. Barbara von Meibom: „Deutschlands Chance. Mit dem Schatten versöhnen“
Europa Verlag 2013
336 Seiten
ISBN 978-3-944305-15-8

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Hier finden Sie Informationen zum Kongress „Aussöhnen mit Deutschland“ in Berlin, März 2014

http://aussoehnen-mit-deutschland.de/


Prof. Dr. Barbara von Meibom lehrte Politikwissenschaft mit kommunikationswissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Duisburg-Essen und ist Gründerin und Leiterin von Communio – Institut für Führungskunst in Berlin und Essen. In Büchern, Vorträgen, Weiterbildungen und Coachings setzt sie sich leidenschaftlich für eine Führungskunst ein, die sich auf Selbstführung gründet und im Sinne eines »Servant Leadership« dem Leben dient. Sie ist Autorin und Mitautorin zahlreicher Bücher und wissenschaftlicher Veröffentlichungen.

www.communio-fuehrungskunst.de

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1 Kommentar

Hans-werner Clausen 22. Februar 2014 - 19:28

Das war das schönste seit jahren was ich unter Wegweisende Ermutigung empfand. Danke Ihnen, bitte mehr……

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