Vergebung – Anssi Antila

von Thomas
AnssiSlider

(fotolia: bananna)

Anssi Antila ist ein junger spiritueller Lehrer in Berlin mit einer stets wachsenden Fangemeinde. Hier schreibt er ĂŒber die Bedeutung und Praxis der Vergebung.

von Anssi Antila

 

Vergebung ist unbeliebt. Kaum einer mag sich mit diesem Thema beschĂ€ftigen, obwohl es eines der wichtigsten ist — in der Selbstheilung und in der SpiritualitĂ€t. Von der BeziehungsfĂ€higkeit ganz zu schweigen. Viele Heiler setzen Vergebung und Heilung sogar gleich. Sie sagen: Heilung ist Vergebung.

Vergebung ist essenziell und keinesfalls nur ein Randthema. Ich wĂŒrde sogar behaupten: Ohne Vergebung kann es keinen Weltfrieden geben. Frieden und innerer Frieden sind ohne Vergebung nicht denkbar.

Daher lade ich dich ein, dich jetzt mit der Vergebung zu beschÀftigen.

 

Die harte Liebe

Es gibt keine ZufĂ€lle in deinem Leben. Dein Leben ist eine Kette von Ereignissen, die dich zu dir selbst fĂŒhren soll — zurĂŒck zu deinem höheren Selbst, zurĂŒck zu der Liebe, die du suchst. Auch wenn deine Erlebnisse alles andere als „liebevoll“ waren.

Das Leben nutzt alles, um dich auf den Weg zu dir selbst zu fĂŒhren. Alle deine Krisen fĂŒhren dich zu dir selbst. Das ist „harte“ Liebe — oder anders gesagt: Gnade. Sie ist nicht immer liebevoll, sie zeigt sich in SchicksalsschlĂ€gen, Krisen, Gewalt.

Vergebung bedeutet, dass du das anerkennst, statt gleich das ganze Leben zu verurteilen. Das Leben kann dich mit dem Höchsten nicht beschenken, wenn du seine Wege verurteilst.

 

Leid ist Unbewusstheit

Um dir selbst zu vergeben, musst du eines verstehen: Die Entscheidungen, die du getroffen hast, haben dich zu deinen SchicksalsschlĂ€gen gefĂŒhrt. Hast du es bewusst getan? Nein, natĂŒrlich nicht. Kein Mensch wĂ€hlt sein Leid bewusst, dennoch wĂ€hlt er es.

Alles, was geschieht, hast du mitbestimmt. Daher bist du fĂŒr die Konsequenzen verantwortlich. Immer! Auch wenn es so aussieht, als könntest du gar nichts dafĂŒr.

Daher ist Vergebung wichtig. Sie ist wichtig, weil du dein Leid selbst verursacht hast.

Ich wiederhole: Du hast es nicht bewusst, sondern unbewusst getan. WĂ€re es dir bewusst gewesen, dann brĂ€uchtest du dir nicht zu vergeben. Aber du hast unbewusst Leid erschaffen. DafĂŒr solltest du dir vergeben.

 

Der Sinn der Vergebung

Vergebung ist ein irrationaler Akt. Warte daher nicht auf gute GrĂŒnde, um zu vergeben.

Vergebung ist nicht logisch. Vertrauen und Demut sind der SchlĂŒssel.

Vertraue darauf, dass alles, was in deinem Leben geschah, aus Liebe geschah. Es geschah, weil das Leben dich liebt. Es geschah, weil du ein sehr mĂ€chtiges Wesen bist und das Leben deinem Willen folgt — nur hast du diesen Willen nicht immer zu deinem Nutzen eingesetzt.

DafĂŒr solltest du dir vergeben.

Sag innerlich: „Es tut mir leid, dass ich mir Leid erschuf.“ Manchmal steigt dann Reue in dir auf. Diese Reue gilt es auszufĂŒhlen, bis sie sich von alleine auflöst. Dauer: 10 bis 60 Minuten — nicht lĂ€nger.

Nach der Reue oder unmittelbar nach der Vergebung spĂŒrst du eine Erleichterung. Denn du wirst tatsĂ€chlich leichter, energetisch leichter. Warum?

Weil du dich von deinen Erinnerungen befreist, und zwar nicht von deinen mentalen Erinnerungen, sondern von deinen emotionalen Erinnerungen. Schließlich hast du auch ein emotionales GedĂ€chtnis, das manche Chakra nennen.

Dein emotionales GedÀchtnis zu reinigen, das ist der Sinn der Vergebung.

 

Warum du vergibst

Warum solltest du dein emotionales GedÀchtnis reinigen?

Zum einen, weil dein emotionales Klima eine der wichtigsten Ursachen fĂŒr Krankheiten ist. Zum anderen, um nicht neues Leid zu erschaffen. Denn alle gespeicherten negativen GefĂŒhle wirken wie Magnete fĂŒr leidvolle Ereignisse: Du ziehst sie an, wenn du nicht vergibst.
Das Ego denkt, es wĂ€re umgekehrt. Das Ego denkt: Wenn ich alles unterdrĂŒcke und nicht vergebe, bekomme ich eine harte Schale und es geschieht mir nichts.

Doch das ist falsch. Es ist umgekehrt: Die harte Schale zieht weitere „SchlĂ€ge“ an. Das muss so sein. Anders kann dich das Leben nicht zurĂŒck in die Liebe fĂŒhren. Es muss deinen Panzer durchbrechen, weil du nur in die Liebe kommst, wenn du verletzlich bist und bleibst.

Solange du einen Panzer trĂ€gst, bist du fĂŒr die höheren Schwingungen gĂ€nzlich unsensibel. Daher wird das Leben alles versuchen, bis dein Panzer bricht. Das nenne ich „harte Liebe“. Verurteile das Leben nicht dafĂŒr. Es ist immer auf deiner Seite.

 

Warum ist Vergebung so schwer

Um zu vergeben, musst du eine Ordnung akzeptieren, die du nicht verstehst. Dazu gehört Demut, denn die Ordnung ist höher als deine Moral.

Es fĂ€llt vielen Menschen ungeheuer schwer, zu vergeben, weil es fĂŒr ihr Ego keinen Sinn ergibt. FĂŒr das Ego bedeutet Vergebung einen Machtverlust, weil du durch die Vergebung akzeptierst, dass es eine höhere Gerechtigkeit gibt, die dein Ego nicht bestimmen kann.

FĂŒr das Ego ist Vergebung unattraktiv, weil es gerne die Wunden der Vergangenheit missbraucht, um andere zu kontrollieren. „Wie kannst du es wagen, nachdem ich so einen schweren Schicksalsschlag erlebt habe …“ So spricht das Ego, das nicht vergeben hat. Es kann nicht verstehen, dass „schlimme Ereignisse“ aus Liebe geschehen.

Das Ego rechtfertig auch seinen persönlichen Rache-Feldzug, indem es nicht vergibt: Ich wurde verletzt, also darf ich auch andere verletzen; ich darf andere grundsĂ€tzlich schlechter behandeln, als ich gerne selbst behandelt werden möchte. Zumindest kann ich „fremde“ Menschen schlecht behandeln.

Vergebung setzt dem ein Ende, weil du so sensibel wirst, dass du keinem Menschen mehr Leid antun kannst. Und das will das Ego nicht. Denn in vielen Strukturen musst du unsensibel sein, um erfolgreich zu sein. Die AusĂŒbung vieler Berufe wĂ€re nicht denkbar, wenn der Einzelne beispielsweise nicht mehr lĂŒgen könnte, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Denk mal darĂŒber nach.

Wenn du intuitiv spĂŒrst, dass alles einen Sinn hat, und die göttliche Gerechtigkeit in Demut akzeptierst, dann kannst du vergeben. Dann sag innerlich: „Auch wenn ich es nicht verstehe, ich vertraue darauf, dass alles einen Sinn hat. Ich vergebe mir dafĂŒr, dass ich mir Leid erschuf.“

Der genaue Wortlaut ist dabei nicht wesentlich. Du kannst dir frei ĂŒberlegen, was du sagst. Was immer sich fĂŒr dich stimmig anfĂŒhlt. Wichtig ist, dass du es dir wirklich innerlich sagst oder es laut aussprichst: „Ich vergebe mir“. Und es vor allem auch so meinst!

So schwer ist das nicht.

 

Keine halben Sachen

Wisse: Halbherzige Vergebungen werden nicht akzeptiert. Vergebung ist ein Eid. Du versprichst dir selbst, die leidvolle Geschichte loszulassen und sie nicht mehr als Rechtfertigung fĂŒr dein Handeln und Denken zu missbrauchen.

Dazu gehört, dass du nicht mehr ĂŒber das Vergangene nachdenkst und auch nicht mehr darĂŒber sprichst — so als wĂ€re es nie passiert. Ohne Ausnahme! Und du begegnest dir selbst auch so, als wĂ€re es nie passiert. Andernfalls kann man nicht von Vergebung sprechen.

Vielleicht kennst du das: Du streitest dich mit jemandem. Dann versöhnst du dich und alles scheint wieder gut. Aber beim nĂ€chsten Streit mit derselben Person — zu einem ganz anderen Anlass — holt einer der StreithĂ€hne das vorherige Streit-Thema wieder hervor, um SchuldgefĂŒhle beim anderen zu provozieren. Letzteres nennt man ĂŒbrigens emotionale Erpressung.

Wenn alte Geschichten, die nichts mit dem aktuellen Streit zu tun haben, plötzlich hervorgehoben werden, hat nach dem ersten Streit keine wirkliche Vergebung stattgefunden. Denn Vergebung heißt: Dieses Ereignis ist jetzt abgeschlossen und ich begegne dem anderen so, als wĂ€re es nie passiert. Andernfalls kann man nicht von Vergebung sprechen.

Ob du dir selbst vergibst oder deinem NĂ€chsten, spielt keine Rolle. In der Wahrheit gibt es keinen „Anderen“. Alles bist du selbst.

 

Vergebung gleich Akzeptieren?

Vergebung heißt nicht, dass man jedes Verhalten akzeptieren muss. Ganz im Gegenteil: Vergebung heißt, dass man Reue empfindet, um ein Fehlverhalten nicht zu wiederholen.

Falls sich also jemand bei dir entschuldigt und du ihm vergibst, der andere aber sein Fehlverhalten wiederholt, hat er sich nicht wirklich entschuldigt.

Du kannst einmal vergeben, zweimal vergeben, aber spĂ€testens beim dritten Mal solltest du dir Gedanken machen, ob du das Verhalten des anderen weiter tolerieren willst. Denn es ist kein Akt der Selbstliebe, seine eigene WĂŒrde nicht zu achten.

Umgekehrt gilt das genauso: Wenn du dich entschuldigst, dann nur aus Reue, um etwas nicht zu wiederholen. Nur das ist eine echte Entschuldigung. Und nur sie ist es wert, dass dir vergeben wird.

Manche Menschen denken, dass man jemanden, dem man vergibt, auch mögen oder eine Beziehung mit ihm fĂŒhren muss. So ist das nicht. Du musst einen Menschen nicht mögen, um ihm zu vergeben. Du musst auch keine Beziehung mit demjenigen fĂŒhren, dem du vergibst.

Vergebung bedeutet einfach nur, dass du dich von deinen emotionalen Erinnerungen löst. Erinnerungen, die dir selbst schaden. Befreist du damit auch den anderen? Ja. Musst du ihn deshalb mögen? Nein.

Spielt es eine Rolle, ob derjenige weiterhin in deinem Umfeld bleibt oder in deinem aktuellen Leben anzutreffen ist? Nein. Du musst allen Menschen aus deiner Vergangenheit vergeben, um emotional frei zu werden. Zeitliche und rÀumliche Distanzen sind unerheblich, da die Erinnerung in dir wohnt.

Wenn du die Kraft hast, solltest du umgekehrt auch bei allen Menschen Vergebung suchen, denen du Leid verursacht hast. Das vergessen wir gerne, weil wir uns lieber als Opfer statt als TĂ€ter sehen, obwohl wir immer beides sind.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich unseretwegen in Therapie befinden. Einfach nur, weil wir es versÀumt haben, um Entschuldigungen zu bitten. Zeit heilt keine Wunden. Vergebung heilt Wunden.

Wenn du dich fĂŒr den Frieden einsetzen willst, kontaktiere alle Menschen, denen du Leid zugefĂŒgt hast und bitte um Entschuldigung. Das ist wahrer Friedens-Aktivismus und hat mehr Wirkung als alle Demonstrationen der Welt.

Vergebung ist Heilung, weil du dich von deinen emotionalen Erinnerungen befreist. In Demut akzeptierst du die höhere Gerechtigkeit. Aber was ist die höhere Gerechtigkeit?

Alles, was dir passiert ist, ist höhere Gerechtigkeit, weil alles dich zu dir selbst fĂŒhrt. Im Moment des Geschehens kannst du das nicht verstehen, aber hinterher wirst du fĂŒr alles dankbar sein, was dir geschah. Es gibt keine höhere ErfĂŒllung im Leben als die Selbsterkenntnis = Erleuchtung. Daher ist alles, was geschieht, gerecht. Es passiert im Sinne deiner ErfĂŒllung.

Das bedeutet nicht, dass du jedes Verhalten akzeptierst, welches die WĂŒrde des Menschen missachtet. Du kannst vergeben und dich selbst achten. Du kannst vergeben und nichts mehr mit einem bestimmen Menschen zu haben wollen. Das ist kein Widerspruch.

 

Zusammenfassung

Vergebung erfordert ein Ritual — und sei es auch nur ein Gebet.

Vergebung löscht dein emotionales GedÀchtnis und damit auch eine verzerrte Wahrnehmung der RealitÀt. Denn solange du nicht vergibst, werden dich Àhnliche Dinge, Geschichten oder Ereignisse immer an deine Wunden erinnern. Folge: Du siehst die Dinge durch den Filter deiner Wunden, statt sie so zu sehen, wie sie wirklich sind. Das ist verzerrte Wahrnehmung.

Man könnte auch sagen: Vergebung löscht das Karma — die Ursache fĂŒr zukĂŒnftige Konflikte, die durch emotionale Erinnerungen angezogen werden.

Vergib nach Möglichkeit immer dir UND dem anderen, denn du bist auch der andere.

Reue auszufĂŒhlen ist gut, sich in SchuldgefĂŒhlen zu suhlen nicht. Schuld ist ein mentales Konzept und sollte nicht mit Reue gleichgesetzt werden. Schuld ist ein Manipulations-Instrument, ein mentales GefĂ€ngnis. Reue ist eine intuitive Empfindung, die dir sagt, dass du eine Disharmonie in dir und damit in der Welt erzeugt hast.

Denk daran, dass dein höheres Selbst unverwundbar ist. Es ist unschuldig wie die Seele eines Kindes. Alles Leid dient nur dazu, dass du deine Unschuld zurĂŒckgewinnst, indem du erkennst, was du wirklich bist.

Falls es dir schwerfĂ€llt, zu vergeben, bitte innerlich um die Kraft der Vergebung. Wende dich an dein höheres Selbst und sag: „Bitte gib mir die Kraft zu vergeben.“ Dann wird die Kraft kommen und du wirst spĂ€ter bereit sein, die ĂŒblen Geschichten loszulassen.

UnterschĂ€tze nicht die Kraft der Vergebung — auch wenn sie nicht mit großen innerlichen Ereignissen einhergeht. Wenn du sensibel genug bist, wirst du bei der Vergebung sofort eine energetische Erleichterung spĂŒren, die wir oft so beschreiben: „Mir wurde viel leichter ums Herz.“

Wenn das nicht passiert, heißt das nicht, dass die Vergebung nicht wirkt. Das Einzige, was nicht wirkt, ist Halbherzigkeit. Du musst es ernst meinen. Und dazu gehört vor allem, dass du die leidvolle Geschichte nach der Vergebung ad acta legst. Sie wird nicht mehr aus dem Keller geholt.

Vergebung bedeutet: Ende der Geschichte.

In Liebe
Anssi

 

Anssis Facebook-Seite

Video-Interview bei Jetzt-TV:

Hier finden Sie BĂŒcher von Anssi Antila

Ähnliche BeitrĂ€ge

3 Kommentare

Juergen 23. MĂ€rz 2017 - 22:58

Gute Zusammenfassung beim ersten Lesen Colin Davis Die perfekte Vergebung

Saskia 9. April 2016 - 12:23

HoÂŽopono pono in den besten Worten, in denen es in unserer Sprache beschrieben werden kann. Traumhaft lieber Anssi, ich danke Dir dafĂŒr. ♄

Andrea 5. August 2015 - 23:25

Mit einfachen, klaren, verstĂ€ndlichen Worten erklĂ€rt. Danke. Und es stimmt, nichts ist wichtiger als Vergebung, möchte man Frieden in seinem Herzen fĂŒhlen.

Kommentar schreiben