Kranke Organe behandeln wie ein Kind – Mirsakarim Norbekov

von Thomas

kindkranktextIn dem aberwitzig-provokanten, letztlich aber erstaunlich informationshaltigen Bestseller „Eselsweisheit“ des russischen Doktors und Medizinphilosophen gibt es ein Kapitel, in dem er gewohnt humorvoll beschreibt, wie es ihm als frischgebackenen Vater ging. So, meint er, sollten wir unser krankes Organ hegen und pflegen, damit es gesund wird.

von Mirsakarim Norbekov


Der Mechanismus der Entstehung eines zweiten Kraftschubes auf der Flucht vor einer wilden Horde manisch-sexueller MĂ€use

Oder:

Wissenschaftliche BegrĂŒndung der Anwendung eines Mechanismus zur Behandlung des Verschwindens der Augen hinter SehkrĂŒcken, sprich Brillen

In unserem Organismus gibt es Bereiche, die die Rolle eines Akkumulators spielen, der den energetischen Impuls sammelt und bereithĂ€lt. Ihn kann man mit einer zusammengedrĂŒckten Metallfeder oder mit einem Katapult in Kampfbereitschaft vergleichen. Ein plötzliches Rascheln, ein Schrecken, die Hand erzittert und der Stein fliegt los. Der Körper hat die entsprechende Pose eingenommen, das Muskelkorsett hat sich verĂ€ndert.

Die erste Phase der Eingewöhnung geschieht ĂŒber einen blitzartigen Nervenimpuls. Er Ă€hnelt einer Explosion und wirkt nur kurze Zeit. Die StabilitĂ€tsreserve des Organismus ist in diesem Fall gering. Als Beispiele mögen Sprinter dienen, welche sich auf kurze Distanzen wollstĂ€ndig verausgaben.

In dem Moment schĂŒttet das Hormonsystem Reserven aus seinen Speichern aus. Es kommt zu der zweiten Anpassung des Organismus an die Umwelt. Das ist zu vergleichen mit MittelstreckenlĂ€ufern. Sie laufen anfangs langsamer als im Sprint und verausgaben ihre KrĂ€fte schrittweise. Bei ihnen ist die IntensitĂ€t der Einwirkung gering, aber hĂ€lt lĂ€nger an.

Wenn die Hormone schon das ihre geleistet haben, kommt es in unserem Organismus zur »allgemeinen Mobilmachung«, ĂŒber das Blut. In dem Moment bekommt man einen neuen Kraftschub oder, wie man sagt, den »zweiten Atem«. Der Organismus ist dadurch lĂ€ngeren erhöhten Belastungen bereit. Das ist vergleichbar mit dem Marathonlauf.

Es stellt sich heraus, dass eine nicht unwichtige Rolle in der Anpassung des Organismus an neue Bedingungen die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, spielen.

Ist das fĂŒr Sie eine Neuigkeit? Ertappt!

Wir haben ja davon schon gesprochen, als die Rede war von brangebundenen Azetylcholinesterase der Erythrozyten und Chloroblasten von biologischen Systemen bei ihrer Anpassung an die innere und Ă€ußere Umwelt. Also gut! Das ganze noch einmal in verstĂ€ndlicher Sprache!

Dass die roten Blutkörperchen den Gasaustausch vollfĂŒhren, das weiß sogar das Schulkind. Aber sie arbeiten auch noch als BrieftrĂ€ger und Kuriere zur Übergabe von langfristigen Befehlen ĂŒber VerĂ€nderungen auf allen Ebenen, die vom zentralen Nervensystem ausgehen.
Die Erhöhung der emotionalen Stimmung, die wir durch Willensanstrengung auslösen, wirkt auf das Zwischenhirn (Thalamus, Hypothalamus), welches mit dem emotionalen Zentrum verbunden ist. Es ist fĂŒr die einfachsten Funktionen des Organismus nach folgendem Schema verantwortlich:
»Mir ist heiß, mir ist kalt, ich bin traurig, ich bin fröhlich, ich will essen « Diese elementaren Befehle werden dem gesamten Organismus ĂŒber das Blut weitergereicht – vom Hirn zur Peripherie. Wenn sich also ein Mensch freut oder Ă€rgert, erfahren davon augenblicklich alle Zellen des Organismus. Der Gedanke wirkt auf das emotionale Zentrum, und die Anpassung aller inneren Prozesse geschieht ĂŒber das Blut. Das heißt, die Emotionen werden ebenfalls ĂŒber das Blut ĂŒbertragen.

Und jetzt die Fangfrage!
Wenn Ihnen was wehtut, wie verhalten Sie sich da?
Merken Sie sich bitte Ihre Antwort.

Mein Lehrer sagte:
»Du musst dich zu einem kranken Organ verhalten wie zu einem Baby.«

Aber ich war doch ledig! Und ich hielt mich fĂŒr besonders klug. Erst mit den Jahren und mit der Erfahrung erlebte ich die ganze Tiefe des GefĂŒhls, welche damals meine Nieren benötigt hĂ€tten.

Das Kind kann selbststĂ€ndig nur atmen, saugen, schlucken, die Körpertemperatur halten, die Muttermilch verdauen, pissen und kacken. In allem Übrigen ist es vollstĂ€ndig abhĂ€ngig von uns. Jede Unzufriedenheit, Beschwerde oder Bitte kann es nur durch Weinen ausdrĂŒcken.
Ein krankes Organ ist wie dieses hilflose Kind, welches vollstĂ€ndig von uns abhĂ€ngt. Wenn irgendwas nicht stimmt, kann es seinen Zustand durch Missbehagen, Unwohlsein und Schmerz mitteilen. Das Kind weint, was tun Sie? Jetzt wiederholen Sie die Antwort, die Sie sich gemerkt haben. Das heißt, das Kind weint, und Sie


FĂŒhren wir eine Analyse Ihrer Antwort durch und vergleichen wir unsere Beziehung zum kranken Organ mit der Beziehung zum SĂ€ugling. Wenn bei Ihnen etwas wehtut, gehen Sie in die Apotheke und holen ein Schmerzmittel.

Das »Kind« hat begonnen zu klagen – Schmerzen sind aufgetreten, aber uns stört das und lĂ€sst uns keine Ruhe. Wir haben Analgin und geben es dem »Kind«. Wir haben den Schmerz runtergeschluckt, man hört keinen »Schrei« mehr, es ist Ruhe im Haus.

Sie wissen, dass das nicht gut ist, aber Sie machen so weiter. Sicher ist es einfacher und geht schneller. Aber das »Kind« ist vollstĂ€ndig abhĂ€ngig von Ihnen. Es hat auch so schon lange durchgehalten, aber als seine KrĂ€fte versiegten, hat es geschrien – es musste einfach um Hilfe rufen. Sie sagen zu ihm: »Schweig!« Aber das Kind weint trotzdem.
Merken Sie die AbsurditÀt Ihres Verhaltens zu sich selbst?

Ich ĂŒberprĂŒfe zum Bespiel als Erstes, wenn das Kind schreit, ob es nicht nass ist. Oder vielleicht liegt es unbequem, oder die Windel drĂŒckt irgendwo. Vielleicht ist es hungrig, oder der Bauch tut weh oder


Das heißt, erst suche ich nach einem Grund fĂŒr das Unwohlsein, und dann beseitige ich ihn, und das Kind beruhigt sich augenblicklich.

Was immer Sie tun, wie auch immer Sie mit Ihrem kranken Organ umgehen, es ist immer das gleiche VerhÀltnis wie zu einem SÀugling, weil das Organ in Teil von Ihnen selbst ist, Ihre Zukunft die auch nur von Ihnen abhÀngt.
Wenn Sie Ihre Augen heilen wollen oder ein beliebiges anderes krankes Organ, mĂŒssen Sie mit den Gesetzen der Natur vorgehen und nicht gegen sie: den Grund des »Weinens« finden und ihn beseitigen, dem »Kind« das geben, was ihm fehlt.

Ein entfernter Verwandter, der in unserer Nachbarschaft wohnt, hatte jahrelang keine Kinder. Mit vierzig bekam er einen Sohn. Seine Frau und seine Mutter verwöhnten das Kind dermaßen, dass sie es sogar im Sommer warm kleideten.

Schließlich erkrankte das Kind und starb. Sie bekamen noch ein Kind, aber auch dieses starb. Es kam fast zur Scheidung. Die Frau beschuldigte den Mann, und der Mann beschuldigte die Frau.

Meine Mutter sagte: »Ich habe sieben Kinder und 35 Enkel großgezogen. Das nĂ€chste Kind nehme ich in meine Obhut.«

Es kam das dritte Kind. Meine Mama betreute es. Sie setzte den nackten SÀugling den Sonnenstrahlen aus und dem Wind. Die anderen protestierten und sagten: »Was machen Sie da? Das Kind wird sich erkÀlten!«

Sie schĂŒtzte das Kind vor der blinden und, wie die Erfahrung zeigte, tödlichen Liebe der Eltern.
Jetzt ist der Junge 15 Jahre alt. Bis fĂŒnf ging er sommers wie winters nackt, weil er sich nichts anziehen ließ. Er zog jede Kleidung wieder aus.

In unserem Haus zieht man die Kinder bis fĂŒnf nicht an, und wir leben in den Bergen. An alles kann sich der Organismus gewöhnen.

Also, was muss man diesem »Kind« geben?
Man muss dem Organismus und das kranke Organ stÀhlen.

Nicht stÀndig warm einwickeln, denn auch in das wachsamste Auge fÀllt einmal ein Staubkorn. Und vollwertige Nahrung geben.

Bei den Übungen, wenn Sie das »Kind« beruhigen, gehen Sie zĂ€rtlich, liebevoll, gefĂŒhlvoll mit ihm um.

Mein Lehrer sagte: »Stelle das GefĂŒhl vĂ€terlicher Liebe her!«

Heute ist mir klar: In etwas hatte er sich geirrt. Er hatte schon zu viele Jahre auf dem Buckel und vergessen, was ein lediger junger Mann fĂŒhlt.

Ich »verstand« und rief irgendwelche GefĂŒhle und Empfindungen hervor, und die Sache ging voran, freilich sehr langsam. Aber als ich zum ersten Mal das GefĂŒhl der Vaterschaft erlebte, war das etwas Unbeschreibliches.

Ich hatte mich natĂŒrlich darauf vorbetetet, bald Vater zu werden, aber trotzdem traf mich das Ereignis unerwartet. Einmal, als ich gerade von einer Dienstreise zurĂŒckgekommen war, wurde ich mit den Worten begrĂŒĂŸt: »Ich gratuliere zum Sohn!«

Ich lauschte meinem Herzen – da war gar nichts. Ich dachte: »Seltsam, wo bleibt den das vĂ€terliche GefĂŒhl?« Man drĂŒckte mir ein BĂŒndel in die Hand.

Als ich im Auto die Spitzendecke aufschlug, erschrak ich anfangs sogar. Da lag ein roter, runzeliger kleiner Greis.

Mein erstes GefĂŒhl war: »Werden alle Kinder so geboren?«

Wr kamen nach Hause. Ich spĂŒrte ihn: keine GefĂŒhle. Es fiel mir nur auf, dass niemand mich beachtete. Alle, die junge Mama und meine Eltern standen um diesen Schreihals herum.

»Na ja«, dachte ich, »die vĂ€terlichen GefĂŒhle kommen wohl am nĂ€chsten Tag.« Aber stattdessen kamen neue GerĂŒche hinzu. Zwei Wochen spĂ€ter musste ich wieder auf Dienstreise gehen.

ich kam nach drei Monaten zurĂŒck. Das Weinen hatte sich in ein Schreien verwandelt. Der Geruch der Windel war heftig. Die NĂ€chte waren ohne Schlaf. Mit einem Wort, nichts als Ärger!

Und einmal kam ich nach Hause, ging zu meinem Sohn und entdeckte, dass er aus dem Körbchen, wohin wir ihn gelegt hatten, verschwunden war.

Es stellte sich heraus, dass er zu dieser Zeit bereits begonnen hatte, sich selbststĂ€ndig zu bewegen, kriechen oder sonstwie. Ich durchsuchte das ganze Haus – von ihm keine Spur. Ich schaute in die Vorratskammer. Da standen noch nicht geschlossene MarmeladeglĂ€ser – die Frauen des Hauses waren beim Einkochen.

Ich schaute mich um und mir war klar: Mein Sohn war hier gewesen. Zwei DreiliterglĂ€ser lagen umgestĂŒrzt in einer riesigen PfĂŒtze aus Marmelade, die Feder, die fĂŒr ein Federbett gesammelt worden waren, waren ĂŒber den ganzen Boden verteilt, dien frische Spur fĂŒhrte unter das Bett, und von dort blicken mich zwei Augen schlau blinkend an. Alles andere war voller Marmelade, Daunen, Federn, Staub und Schmutz, und wie es den Anschein hatte, war dies alles aus sĂ€mtlichen Vorratskammern unseres Wohnviertels zusammengetragen. Ich nahm ihn an der Hand und trug ihn ins Band.

In dem Augenblick, als ich begonnen hatte, ihn zu waschen, kam in mir ein neues, unerklĂ€rliches, aber sehr angenehmes GefĂŒhl hoch. Das war gleichzeitig eine zitternde ZĂ€rtlichkeit und ein jubelnder Stolz.

Es kann wohl niemand mit Worten elterliche GefĂŒhle beschreiben. Als ich ihn an mich drĂŒckte, fĂŒhlte ich auf der Brust sein Knilchen und im Gesicht den Atem aus einer frischen Quelle, und mir wurde wo wohl ums Herz, so leicht und gelassen, dass ich glaubte, ich fliege.

Ich hatte so ein GefĂŒhl, als wĂ€ren mir im RĂŒcken FlĂŒgel gewachsen: »Das ist mein Sohn!«

Lieber Leser, Sie haben wohl auch zumindest einmal im Leben etwas Ähnliches erlebt.

Und wenn Sie Ihr Kind und seine GrĂ¶ĂŸe betrachten, denken Sie darĂŒber nach, wie es ihm wohl einmal gehen wird. Sie sorgen sich ĂŒber seine Zukunft und sind gleichzeitig stolz.

Also, noch einmal!

Mit den Augen und mit jedem anderen kranken Organ muss man mit der gleichen ZĂ€rtlichkeit und Sorge arbeiten, mit der Sie Ihr krankes Kind pflegen. Und gleichzeitig, wĂ€hrend Sie Ihren inneren Blick dorthin richten, mĂŒssen Sie sich die Zukunft stolz wie die Zukunft Ihres Kindes vorstellen: Morgen werden Ihre Augen etwas besser sehen als heute. Und das jeden Tag.

Heute geben Sie ihnen eine Art »Vorschuss«, und morgen bekommen Sie unbedingt so einen Dank, von dem Sie nicht zu trĂ€umen wagten. Darin liegt auch das Prinzip: anfangs, das GefĂŒhl und dann das Ergebnis. Mit jedem Tag besser, besser und besser.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch:

EselbuchCover

Mirsakarim Norbekov:
„Eselsweisheit. Der SchlĂŒssel zum Durchblick oder wie Sie Ihre Brille loswerden“
Paperback, 352 Seiten, 100 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-442-21776-2
€ 12,50

Hier versandkostenfrei bestellen!

Hier finden Sie weitere Infos zum Buch

Ähnliche BeitrĂ€ge

Kommentar schreiben