Die spirituelle Evolution des Sri Aurobindo – Christian Salvesen

von Redaktion

Heute wird in esoterischen Kreisen viel von spiritueller Evolution und Wendezeit gesprochen. Dass es solche Gedanken und Theorien aber schon immer gab, zeigt dieses Portrait des bekannten indischen Philosophen Sri Aurobindo. Christian Salvesen stellt seine wichtigsten Gedanken vor und macht sich dazu auch seine eigenen…



von Christian Salvesen

Während Charles Darwin „nur“ die Prinzipien der biologischen Evolution aufzeigen und empirisch belegen wollte, kamen nach ihm schon bald Ideen einer geistig-spirituellen Höherentwicklung des Menschen auf. So etwa Friedrich Nietzsches Vision des Übermenschen, die von der Nazi-Ideologie verdreht und für ihre Zwecke vereinnahmt wurde. Zwar ist die Vorstellung einer übermenschlichen Leitfigur schon im Keim im Buddhismus und im Christentum vorhanden, doch erst im 20. Jahrhundert sahen Vordenker wie Sri Aurobindo, Teilhard de Jardin, Jean Gebser und schließlich Ken Wilber in herausragenden Gestalten wie Buddha und Jesus Exemplare oder Vorboten eines neuen Menschen, einer Bewusstseinsebene, die irgendwann alle Menschen erreichen.

Ein Aspekt dabei ist die Überwindung von Zeit und Raum, und schon damit ist klar, dass sich diese geistige Evolution nicht auf das einzelne Gehirn oder individuelle Bewusstsein reduzieren und auch nicht auf einer linearen Zeitlinie voraussehen lässt. Der indische Weise Sri Aurobindo gilt selbst als ein Vorbote, als Avatar. Er hinterließ das bisher wohl vielschichtigste und umfangreichste Werk zu diesem Thema. Sein Grundgedanke: Das Göttliche steigt „im Anfang“ in die scheinbare Antithese seiner selbst, das absolute Unbewusste hinab und entfaltet von dort in einem immer intensiveren und in der Zeit nicht endenden Prozess das im Unbewussten „eingefaltete“ göttliche Potential.

 

Der Freiheitskämpfer

Sri Aurobindo wehrte sich stets gegen äußere, biografische Darstellungen seines Lebens. Ihm ging es um das innere Leben. Dennoch möchte ich hier die wichtigsten Daten skizzieren. Am 15. August 1872 in Kalkutta als Sohn eines Landarztes geboren, standen die ersten 20 Jahre von Aravinda Ghose überwiegend unter dem Einfluss westlicher Erziehung. Irische Nonnen erzogen den 5-7 jährigen in Darjeeling, anglikanische Geistliche und Professoren den 8-20-jährigen in verschiedenen Schulen in England, zuletzt am King’s College in Cambridge.

Als er 1893 nach Indien zurückehrte, konnte er fließend Latein, Griechisch und auch Deutsch (Goethe) lesen, kannte die klassische westliche Literatur, Philosophie, Kunst und Musik, doch bis auf etwas Bengali keine indische Sprache. Allerdings wusste er bereits bei seiner Ankunft in Bombay, dass er sich für die Freiheit Indiens einsetzen würde. Er empfand die soziale und kulturelle Situation seines Volkes als unerträglich erniedrigend, lernte schnell die wichtigsten Sprachen seines Landes und das heilige Sanskrit, wurde in Kalkutta Chefredakteur der nationalistischen Tageszeitung Bande Mataram (Gruß an die Mutter Indien) und der inoffizielle Führer der so genanten Extremists, dem extremistischen Flügel des Kongresses, der sich für die vollständige Unabhängigkeit Indiens einsetzte.

In seinen späteren Schriften bezeugt Aurobindo, dass es ihm von Anfang an um Indien als „Mutter“ ging, um das spirituelle Indien, das der Welt ganz entscheidende Impulse geben kann. Als er 1908 wegen Konspiration verhaftet wurde und ein Jahr im Untersuchungsgefängnis verbrachte, setzte er sich intensiv mit der Bhagavadgita, dem wohl berühmtesten spirituellen Lehrgedicht Indiens auseinander. Nach einer ersten, unerwarteten Erfahrung des „Nirvana-Bewusstseins“ erlebte er dort die allem innewohnende Gottheit: In  allem, in seinen Gefährten, seinen Wächtern, dem Boden auf dem er schlief und in den Gefängnismauern, die ihn umgaben, begegnete ihm Sri Krishna, Sri Narajana (der innewohnende Gott).
Der Seher

Nun erkannte Aurobindo klar, dass Indien die Aufgabe hat, mit seinem spirituellen Wissen und Erbe weltweit einen Bewusstseinswandel zu bewirken. „Indien erhebt sich, um das ewige Licht, das ihm anvertraut ist, über die Welt auszubreiten.“. Obwohl im Alipore-Prozess von der Anklage freigesprochen, suchte Aurobindo 1910 in der französischen Enklave Pondicherri (heute Puducherri) Zuflucht. 1914 begegnete er erstmals Mira Alfassa, der Frau des französischen Diplomaten Paul Richard, die später als „die Mutter“ berühmt wurde. Sie erkannte in ihm auf Anhieb den „Einen“, den sie immer gesucht und der sie in ihren Träumen als „Sri Krishna“ angeleitet hatte.

Auf Anregung von Richard gab Aurobindo zwischen 1914-1921 die Monatszeitschrift Arya heraus. Er veröffentlichte dort seine Inspirationen und Erfahrungen in einer philosophisch gefassten Sprache, woraus die Hauptwerke „Das Göttliche Leben“ und „Die Synthese des Yoga“ und andere Bücher entstanden. An seinem poetischen Meisterstück „Savitri“, mit 24.000 Versen das längste Epos in englischer Sprache, arbeitete Aurobindo 40 Jahre.

Von 1920 bis zum Tod Aurobindos am 5. 12. 1950 wirkten er und „die Mutter“ zusammen als eine spirituelle Einheit – für ihre Schüler auch über den Tod hinaus in einer zeitlosen Dimension. Am 24. November 1926 hatte sich für Sri Aurobindo – nach seiner eigenen Aussage – die Bewusstseinsebene des Übermentals (Overmind) in sich verwirklicht. Seit diesem „Siddhi Day“ wurde sein von Mira geleiteter Haushalt ‚Sri Aurobindo Ashram’ genannt. Damals gab es nur 24 Schüler. Zur Zeit des 2. Weltkriegs setzten sich Aurobindo und die Mutter entschieden gegen die Nazis und für die Alliierten ein, obwohl Indien ja von den Briten besetzt war. Nach dem Krieg konzipierten sie eine „Universität“ und eine „Stadt der Zukunft“. Diese Stadt, Auroville, wurde durch das Engagement der Mutter schließlich am 28. Februar 1968 im Beisein des indischen Präsidenten und Vertretern aus 124 Nationen feierlich eröffnet und steht unter dem Schutz der UNESCO. Zu den Gründungsprinzipien, die Mira Alfassa in einer Fernsehübertragung verlas, gehören: „Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen. Auroville wird der Ort einer Erziehung ohne Ende, ständigen Fortschritts und einer Jugend sein, die niemals altert.“

Doch zuvor, am 29. Februar 1956, dem „Goldenen Tag“, geschah Mira Alfassa, was Aurobindo als seine Mission angesehen hatte und von Schülern auf sein unmittelbares Wirken zurückgeführt wird. Sie erlebte die „Manifestation des Supramentalen auf der Erde“. Sie sah, wie sie einem massiven goldenen Tor gegenüberstand, das die Welt vom Göttlichen trennte. Dann zertrümmerte sie das Tor mit einem einzigen Schlag, woraufhin das supramentale Licht und die supramentale Kraft in einem beständigen Fluss auf die Erde herabströmten. (wikipedia)
Der integrale Yoga

Die Bhagavadgita galt bereits vor Aurobindo als eine Integration verschiedener Yoga-Wege: dem Yoga des Handelns, der Erkenntnis und der Hingabe. Aurobindo sah jedoch in der spirituellen Praxis seiner Zeit und ebenso in den Religionen allgemein eine Tendenz zur Askese und Weltflucht. Es ging ihm darum, das Weltliche in das Spirituelle zu integrieren. Für die Befreiung des einzelnen Bewusstseins, aber auch für die Befreiung Indiens: „Durch den Yoga wird Indien die Stärke erhalten, um seine Freiheit, Einheit und Größe zu verwirklichen.“ Dazu gehörte ein für Indiens spirituelle Tradition neues Element, nämlich das Geschichtsbewusstsein.

Die eigentliche Frage lautet: Wie kann ich mich dem dynamischen Göttlichen, dem Supramentalen Bewusstsein öffnen und so diesen Körper und Geist ‚vergöttlichen’? Der integrale Yoga ist ein Weg der bewussten Selbstentfaltung, bewirkt durch das „Psychische Wesen“ und durch Hingabe an die göttliche Bewusstseinskraft. Er ist in letzter Konsequenz der Weg zur supramentalen Transformation.
Involution und Evolution

Die westliche Naturwissenschaft der vergangenen 150 Jahre geht davon aus, dass sich organisches Leben und Bewusstsein aus Materie entwickelt haben. Was diese Materie letztlich ist, kann niemand sagen. Sie scheint sich in immer kleinere Teilchen zu verflüchtigen. Der Sprung von der anorganischen zur organischen Materie bleibt ebenso rätselhaft wie der vom Reiz-Reaktion-Schema zum Ich-Bewusstsein.

Sri Aurobindo geht von einem geistigen Prinzip als Ursprung aller Existenz aus und knüpft damit an die spirituelle Tradition Indiens, die Upanishaden und die Samkhya-Philosophie an, wo sich aus reinem Geist (purusha) und Materie (prakriti) alles manifestiert. Die höchste Ebene – satchitanand (Sein-Wissen-Seligkeit) – verdichtet sich laut Aurobindo über verschiedene Schichten des Bewusstseins bis ins Unbewusste. Diese „Involution“ ist vor jeder Vorstellung von Raum und Zeit. „Evolution“ ist der umgekehrte Prozess, mit der Entstehung der Materie als dem ersten Schritt. Bewusstsein ist das Fundament der Existenz: „Aus der Energie und Bewegung des Bewusstseins entsteht das Universum mit allem, was in ihm ist.“

Die Evolution und ihre inneren Gesetze sind überaus komplex und lassen sich kaum in ein einfaches Schema packen. Einerseits ist ja das göttliche Potential wie ein Same oder eine „spirituelle DNS“ (Dr. Thomas Dreyer) stets in allem enthalten und entfaltet sich (vergleichbar einem Baum oder auch einer Lotusblüte) im Prozess der Evolution. Andererseits betrifft der Entwicklungsprozess sowohl die individuell menschliche Ebene wie auch die geschichtlich-globale der ganzen Menschheit und die universale. Und es gibt vielschichtige Querverbindungen, auch Engpässe und kritische Phasen. Das Ganze verläuft keineswegs gradlinig aufwärts.

Für die Entwicklung des einzelnen Menschen „sorgt“ sein innerster Kern (psychic being, Repräsentant des jivatman), – in der christlichen Mystik die Seele, die zu Gott strebt. Analog zur Bildung der Zellwand von Einzellern, durch die das Innere vom Äußeren getrennt wird, hat sich auch geistig ein Innenleben ausgebildet, eine Art Innen- oder 4. Dimension (die Raum-Zeit der Physik wäre hierfür ein „mentales“ Symbol). Hier geschieht der Entwicklungsschritt zum Supramentalen, den Aurobindo und „die Mutter“ in seinen ersten Phasen vorgelebt haben: Die Verwandlung vom rein verstandes- und gefühlsmäßig um „seinen“ Körper“ besorgten Menschen zu einem freien Wesen, dessen Körper mehr und mehr im Stande ist, das ihm innewohnende göttliche Potential auszudrücken.

 

Praxis und Würdigung

Was kann der Einzelne tun, woran kann er sich orientieren, um sich selbst zu transzendieren? Es gibt Hilfe von den Avataren. Jesus war laut Aurobindo ein solcher Avatar, der um seine Einheit mit dem Göttlichen wußte. Ein Avatar (wie auch Aurobindo oder die Mutter) kann uns zeigen, wie wir bewusst an der Evolution teilnehmen und mitwirken können.

In seinem „integralen Yoga“ zeigt Sri Aurobindo in einer Verbindung von Bhakti (Hingabe an den Guru, später von Schülern meist auf „die Mutter“ bezogen), Jnana (Erkenntnis, hier auf das Entwicklungspotential ausgerichtet) und Karma-Yoga (nicht ich bin es, der handelt) einen genau beschriebenen Weg. Neu ist die zentrale Bedeutung, die das „Psychische Wesen“ (Chaitya Purusha, oder evolutionärer Wesenskern) und die Hingabe an die göttliche Bewusstseins-Kraft einnehmen.

Auch in der Evolution wirkt die Kraft gleichsam von oben, sie zieht empor. Dabei erfasst sie nicht nur den menschlichen Geist, sondern durchdringt und erleuchtet alle Zellen des Körpers. Und ob der einzelne es will oder nicht, es wird geschehen. Doch im Unterschied etwa zu Nietzsches Übermenschen oder Teilhard de Jardins Omega-Punkt gibt es bei Sri Aurobindo und der Mutter kein endgültiges Ziel der Bewusstseins-Entwicklung:
„Unser überbewusstes Selbst (superconscient Self) ist ewig in seinem Sein und Zeit ist nur eine seiner Modi (Erscheinungsweisen), unser „Innenleben“ (subliminal) ist ewig in seinem Werden und Zeit ist sein unbegrenztes Erfahrungsfeld.“

Sri Aurobindo ist der echte „Vordenker“ der spirituellen Evolution, nicht Ken Wilber, der viel von ihm übernommen hat, ohne das deutlich anzuzeigen. Aurobindos Werk ist natürlich weitaus komplexer, als hier nur annähernd skizziert werden konnte. Außergewöhnlich ist nicht nur sein leidenschaftlicher und selbstloser Einsatz für die Freiheit seines Landes und der Menschheit – der große indische Dichter Tagore schrieb: Vor dir, o Aurobindo, neigt Rabindranath sich tief! – einzigartig ist seine tiefe Einsicht in die Natur des Seins und die Tatsache, dass er die Erkenntnis mit der Frau an seiner Seite, „der Mutter“, vorbehaltlos teilte.

Die Selbsteinschätzung von Sri Aurobindo und „der Mutter“ als Wegweiser für ein neues Bewusstsein kann kritisch als Selbstüberhöhung (C.G. Jung: Inflation) gesehen werden. Doch solange sie zur Selbsterforschung anregt und nicht zur Anbetung stagniert, scheint es mir sinnvoll, diese Philosophie weiter zu erforschen und zu fördern, soweit es möglich ist.

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Christian Salvesen

mit freundlicher Genemigung von www.visionen.de

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1 Kommentar

I. Hartmann 8. Juni 2016 - 13:19

Die Supramentale Transformation findet statt. Sri Aurobindo wollte nie eine Philosophie begründen und diskutiert werden, sondern die nächsten Stufe unserer Evolution ermöglichen. Ich habe mittlerweile keine Scheu mehr, das zu bezeugen, denn ich lebe es.
Wir haben das „Glauben“ und die Hingabe an das Göttliche Bewusstsein verlernt, vielleicht aus Angst, einem „falschen Guru“ zu folgen und dem Anspruch, Jesus Christus sei der einzige Avatar gewesen, der der Menschheit einen entscheidenden Impuls für ihre Evolution gab.
Ich danke Herrn Salvesen für seine Würdigung.

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