Neue Wege aus der Angst – Martin Wertsch

von Thomas
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Was einen nicht umbringt, macht einen st√§rker, heisst es. F√ľr den heutigen Heiler Martin Wertsch mag dieser Ausspruch einen Lebensabschnitt beschreiben, der ihm ein hohes Ma√ü an Mut und √úberwindung abverlangte. Sich aus einem Geflecht von √Ąngsten erfolgreich zu befreien, ist eine erstaunliche Leistung. Der Autor hat fr√ľhe √Ąngste √ľberwunden und hilft heute denen, die unter solchen leiden.

von Martin Wertsch

 

¬ĽFurcht besiegt mehr Menschen als irgendwas anderes auf der Welt.¬ę (Ralph Waldo Emerson)

 

Die Kindheit ist eine magische Phase. Wir tun alles zum ersten Mal. Z√§hneputzen, sich mit Seife waschen, Risse in Mauern bewundern, in falschen Farben tr√§umen, fliegen k√∂nnen, sich an Wolken festhalten, die Sonne als beste Freundin haben, mit den Sternen reden und mit dem Mond spazieren gehen. In unseren winzigen K√∂rpern b√ľndelt sich die Achtsamkeit wie Sonnenlicht in einer Lupe: Mit pochendem Herzen betrachtete ich den Lampenschirm, der mich anstarrte wie eine gro√üe Spinne. Starr vor Angst lauschte ich dem Streit meiner Eltern. Bang h√ľpfte mein Herz und ich glaubte meine Augen m√ľssten verbrennen, wenn ich noch l√§nger die gro√üe schwarze Spinne mit meinen Blicken ber√ľhrte.

Als Kind hatte ich Angst vor allem: Fremden Menschen, vertrauten Menschen, der offenen Stra√üe, dem brummenden K√ľhlschrank. Alles war lebendig. Jeder Kieselstein hatte Pers√∂nlichkeit, jeder Grashalm sein Eigenleben. Wolken waren Gesichter, Bl√§tter und √Ąste bewegten sich verd√§chtig. Wie eine giftige Schlange lag der Gartenschlauch im Gras.

Die Ereignisse √ľberforderten mich. Nach der Scheidung meiner Eltern schloss ich mich lieber in mein Zimmer ein, um alles und jeden auszusperren. Der Umzug mit meiner Mutter in eine andere Stadt; eine neue Schule, lauter Kinder, die ich nicht kannte: Pl√∂tzlich war alles anders. Meine Mutter und ich lebten allein und hatten den Kontakt zum Rest der Familie verloren. Ich wurde ein Au√üenseiter, der st√§ndig unter √Ąngsten und Neurosen litt.

Meine Mutter war Zeit ihres Lebens immer mit ihren eigenen Problemen besch√§ftigt, und so hatte sie weder die M√∂glichkeit noch den Willen, f√ľr mich da zu sein. Ich wei√ü nicht, wo ich heute w√§re, oder ob es mich noch g√§be, wenn ich als Kind keine derart bunte und starke Fantasie gehabt h√§tte. Fr√ľher hielt ich es f√ľr eine Flucht nach Innen. Heute wei√ü ich, dass mir mein ‚ÄļSpiel mit den Gef√ľhlen‚ÄĻ das Leben gerettet hat.

Die Angst hilft uns, Gef√ľhle zu kontrollieren. Mit der Angst frieren wir unsere Gef√ľhle gleichsam ein. Danach m√ľssen wir sprichw√∂rtlich ¬Ľauftauen¬ę, um unseren Gef√ľhlen wieder freien Lauf zu lassen. Wer jedoch vollst√§ndig starr vor Angst ist, eingeschn√ľrt wurde in das Korsett der Angst, ist im Teufelskreis der Gef√ľhlskontrolle gefangen. Er kann seinen Gef√ľhlen nicht l√§nger freien Lauf lassen, aus Angst, was mit ihm passieren k√∂nnte. Ihm fehlt das Vertrauen, das Gef√ľhl der Sicherheit, um so weit entspannen zu k√∂nnen, dass er die Kontrolle √ľber sich selbst und seinen K√∂rper losl√§sst. Wer aber seine Gef√ľhle kontrolliert, indem er sie einfriert, der kann auch das Gef√ľhl der Sicherheit nicht sp√ľren. Es ist ebenfalls eingefroren.

Klimawandel, Umweltkatastrophen, ein Unfall im Atomkraftwerk oder auf der Autobahn… √Ąngste, so denken viele, sind irrational. In Wahrheit sind unsere √Ąngste rational. Darum sind sie so hartn√§ckig. Es ist nun einmal wahr, dass man jederzeit aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt erleiden kann. Wir k√∂nnen diesen Gedanken noch so sehr wegdr√ľcken oder relativieren, er bleibt wahr. Stress und Angst reichen sich br√ľderlich die H√§nde. Beide verringern die Stressresistenz unseres Bewusstseins. Derart sammeln sich die √Ąngste ganz von selbst immer weiter an. Je mehr Angst jemand hat, umso schlechter kann er mit seinen √Ąngsten umgehen. Und je schlechter er mit seiner Angst umgeht, umso mehr √Ąngste sammeln sich an. Dieser Teufelskreis ¬Ľangestauter √Ąngste¬ę ist ein entscheidender Aspekt jeder Angsterkrankung. Er muss durchbrochen werden, wollen wir den Weg der Heilung gehen. Aber wie?

Vier Jahre lang ging ich jede Woche zum Psychiater ‚Äď nur um noch pr√§ziser zu wissen, warum ich unter √Ąngsten litt. Die Biografie aufzuarbeiten, half mir sehr wenig. Ich erfuhr alle Gr√ľnde f√ľr mein Leid, aber keine Erl√∂sung davon.

Ich tat das einzig Richtige und konfrontierte mich mit der Angst. Es war Zeit, die seichte Wasseroberfläche meines Bewusstseins zu verlassen, um stattdessen tief darin einzutauchen. Bis auf den Grund hinunter, um die Wurzel meiner Angst zu lösen.

In der Meditation f√ľhlte ich in meinen K√∂rper hinein. Er f√ľhlte sich verkrampft an und ich konnte meine Beine nicht still halten. Ich schloss die Augen und f√ľhlte weiter nach. Allm√§hlich wurde mir bewusst, dass diese Unruhe von irgend woher aufstieg. Ich f√ľhlte immer tiefer in meinen K√∂rper hinein und richtete meine Aufmerksamkeit auf mein Stei√übein. Die innere Verkrampfung war hier am gr√∂√üten, so als w√ľrde ich mein Stei√übein umklammern. Ich blieb mit meiner Aufmerksamkeit bei meinem Stei√übein und beobachtete, wie die Angst von hier ausging und aufstieg… Es f√ľhlte sich wie etwas an, dass sto√üweise immer wieder Angstimpulse nach oben durch meinen K√∂rper sendete. Wie elektrische Luftblasen, die zur Wasseroberfl√§che steigen.

Ich war verbl√ľfft. Meine Angst hatte einen Ort in meinem K√∂rper, der physisch sp√ľrbar war. Als ich weiterhin mit meiner Aufmerksamkeit an meinem Stei√übein blieb, gab ich diesem festen Gef√ľhl ein Bild. Ich dachte sehr schnell an einen kleinen Welpen, der sich zusammenkauerte und erstarrte. Ich hatte Mitleid mit diesem kleinen Wesen und bekam eine Ahnung davon, was dieses kleine Tier empfand. Es f√ľhlte sich einsam. Pl√∂tzlich begann mein Herz zu klopfen und mit einem mal empfand ich eine starke, reine, bedingungslose Liebe f√ľr den Welpen.

Ich war erstaunt. Nicht nur, weil ich herausgefunden hatte, wo meine Angst sa√ü, sondern auch wegen der Erkenntnis, wie vielschichtig sie war. Ich hatte zum ersten Mal unter die Angst schauen k√∂nnen. Da war buchst√§blich etwas in mir, das sich einsam f√ľhlte. Ich begriff zum ersten Mal, dass die st√§ndige Unruhe in mir, wie ein Notsignal war. Impulsartig wurde es immer wieder ausgesendet, in der Hoffnung, jemand w√ľrde es h√∂ren.

Jahre sp√§ter, als ich selbst als Therapeut t√§tig war, nutzte ich meine emotionalen Zug√§nge neu. Ich habe dank meiner schweren Kindheit gelernt, Dinge leichter zu sehen und zu nehmen. Ich habe gelehrnt der Wahrheit meiner Gef√ľhle zu vertrauen. Das erforderte eine Entscheidung: Mein Wohlgef√ľhl ist wichtiger, als die materielle Realit√§t. In Wahrheit kann das Wohlgef√ľhl auch unabh√§ngig von der materiellen Realit√§t bestehen. Wir erschaffen unsere Zw√§nge selbst, klammern uns an die Welt, die uns anschlie√üend gefangen h√§lt. Und zwar so lange, bis wir uns entscheiden, den Griff zu lockern und das Klammern aufzugeben.

 

Martin

 

 

√úber Martin Wertsch:

Seine hohe Sensitivit√§t als Kind m√ľndete bei Martin Wertsch in einer schweren Angsterkrankung. Erst als Erwachsener fand er selbst aus der Umklammerung seiner lebensbedrohlichen √Ąngste heraus. Die Erfahrungen, die er auf diesem Weg gemacht hat, ver√§nderten sein Leben radikal. Heute arbeitet er als Heiler und Seminarleiter in der erfolgreichsten Heilpraxis Europas.

Demn√§chst erscheint sein erstes Buch “Die Angst als dein Freund ‚Äď In 7 Schritten aus der Angst”.

Hier können Sie Martin Wertsch in der Heilpraxis Bochum kennenlernen.

 

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