Zahlen, Zahlenmystik

von Lexikon

„Eine Zahl und die ihr innewohnenden KrĂ€fte zu kennen, ermöglichte es dem Menschen, sich der mit ihr zusammengehörigen Macht zu bedienen, zu zaubern oder seinen Gebeten stĂ€rkere Wirkungskraft zu verleihen. Die Kenntnis geheimer Bedeutungen der Zahlen spiegelt sich im Volksglauben ebenso wider wie in der hohen Literatur und kann in der mittelalterlichen Architektur ebenso entdeckt werden wie in der Musik, in der die Harmonie der Welt hörbar eingefangen ist“, schrieb die 2003 verstorbene Islamforscherin Annemarie Schimmel (1984). So verwundert es nicht, dass in allen Kulturen ZahlenqualitĂ€ten von Bedeutung sind. Da nun auch in allen Naturerscheinungen Zahlen und ZahlenverhĂ€ltnisse eine so große Rolle spielen, entstand bei vielen Mathematikern und Philosophen die Frage, ob Zahlen nicht nur Mengen, sondern auch QualitĂ€ten ausdrĂŒcken, die einen „Sinn“ haben und darĂŒber hinaus – und das ist die wichtigste Bedeutung – als Grundlage fĂŒr eine neue ganzheitliche Erkenntnistheorie dienen können und die auch ganz praktisch in allen Lebensbereichen wesentliche Fragen oder Problemlösungen lösen helfen.
Der Unterschied zwischen QuantitĂ€t und QualitĂ€t ist fĂŒr eine systemische oder vernetzte Erkenntnisweise enorm wichtig. Eine einfache Analogie macht den Unterschied deutlich: Komponieren wir ein Bild aus den drei Grundfarben Blau, Rot, Gelb, so können wir sagen, das Bild bestehe aus der Menge von drei → Farben. Die QualitĂ€t und die Schönheit des Bildes zeigen sich aber durch die Farbkomposition. Wenn sie in sich stimmig ist, entsteht fĂŒr den Betrachter der Eindruck, dass die Farben unabhĂ€ngig von ihrer Menge miteinander harmonieren. Es macht jedoch auch einen Unterschied, ob mehr oder weniger Farben verwendet werden. So besticht z.B. die Farbgebung der KĂŒnstlergruppe des Bauhauses (→ Kunst) durch die unvermischte Verwendung dieser Grundfarben. Hinzu kommt, dass alle anderen Farben, die noch verwendet werden könnten, nur „Zwischentöne“ sind und nichts an der Grundkomposition Ă€ndern.
Zahlenwerte drĂŒcken so gesehen eine Information ĂŒber bestimmte QualitĂ€ten und GesetzmĂ€ĂŸigkeiten aus. Sie sind „sinnvoll“. Jede Struktur hat Eigenschaften, die sich aus der Eigenschaft ihres Zahlenwerts ergeben, genauso wie ein Bild aus drei Grundfarben eine andere Wirkung hat als ein Bild aus nur zwei Grundfarben. Da der menschliche Körper und sein Gehirn physikalischen, chemischen und biologischen Strukturelementen entsprechen, ist es nicht verwunderlich, dass die menschliche Denkweise ebenfalls mit Zahlenwerten operiert. Wir können nichts verstehen, das keine Entsprechung in unserer Erfahrung und den vielfĂ€ltigen Strukturen hat, die uns umgeben.
Die Menschen mĂŒssen schon frĂŒh entdeckt haben, dass die Erscheinungen der Natur auf den Wiederholungen von Formen beruhen (→ Mantra). Der menschliche Körper mit zwei Armen und Beinen, die zweigeteilten fĂŒnf Sinnesorgane, die fĂŒnf Finger, fĂŒnf Fußzehen, die harmonischen Körperproportionen und vieles mehr machen deutlich, dass die Natur gleichmĂ€ĂŸige Muster hervorbringt. Da man die Erscheinungen der Natur abzĂ€hlen und ordnen kann, bezeichnet man die Zahlen eins, zwei, drei usw. als „natĂŒrliche“ Zahlen.
Aber nicht nur die ExtremitĂ€ten und die Sinnesorgane sind zweifĂ€ltig, auch das Gehirn besteht aus zwei sich ergĂ€nzenden HemisphĂ€ren. Diese Zweiheit ist bis zu den Erbanlagen feststellbar, der DNS, die durch zwei Basenpaare in einer sich ergĂ€nzenden Doppelspirale organisiert ist. Auf der atomaren Ebene finden wir die drei KrĂ€fte des Atoms, wobei sich die Dreiheit in den kleineren Teilchen wie den Quarks wiederholt. Das Zusammenwirken der drei unterschiedlichen Gehirne im Menschen (Kortex, limbisches System, Stammhirn) ist ein weiteres Beispiel fĂŒr die dynamische Wechselwirkung der Dreiheit.
Vier → Elemente sind grundlegend fĂŒr den chemischen Aufbau aller anderen Elemente wie Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff – die alten „Elemente“ Erde, Luft, Wasser, Feuer. Vier „Buchstaben“ begrĂŒnden den genetischen Code. Der Zahlenwert der FĂŒnf steht z.B. fĂŒr den Menschen, denn seine Proportionen folgen dem Goldenen Schnitt, der ebenso in der Konstruktion des FĂŒnfecks vorkommt (→ Chartres, → magische Symbole). Die arithmetische Progression der BlĂ€tter am Stiel einer Pflanze folgt ebenfalls den ganzzahligen VerhĂ€ltnissen. Viele BlĂŒten und BlĂ€tter sind fĂŒnfzackig.
Eiskristalle wiederum kommen in unzĂ€hligen verschiedenen Sechseckstrukturen vor, dem KohlenstoffmolekĂŒl liegt eine sechseckige Struktur zugrunde, die Bienen bauen sich Platz sparende sechseckige Wabenstrukturen.
All diese und andere Formen erinnern uns tĂ€glich an die Organisationsstrukturen der Natur. Die neueren Entdeckungen physikalischer Gesetze zeigen ebenfalls sich wiederholende Muster. Lichtquanten schwingen nach bestimmten ZahlenverhĂ€ltnissen, selbst die Ladungen der Partikel weisen ganzzahlige Werte auf, wobei auch die BrĂŒche ganzzahlig sind. Das fĂŒr die Gesundheit wichtige DrĂŒsensystem des Menschen besteht aus sieben DrĂŒsen, die in der indischen Lehre den → Chakras entsprechen.
Die Zahlen an sich geben noch keine ErklĂ€rung fĂŒr diese PhĂ€nomene. Man könnte jedoch sagen, dass die Zahlenstruktur das Spielerische und KĂŒnstlerische der Natur mit dem GesetzmĂ€ĂŸigen, Rationalen verbindet. Die geometrische Symmetrie weist auf Struktureigenschaften hin. Stabile Strukturen sind in der Regel geradzahlig, dynamische Strukturen ungerade. Die DNS mit ihrer Doppelhelix ist eine Ă€ußerst stabile Struktur, wĂ€hrend die dreiheitliche Atomstruktur stĂ€ndig in Bewegung ist.
Warum aber bildet die Natur ihre Strukturen nach erkennbaren Zahlenwerten? Es sieht so aus, als ob sie damit spielt, wie sie auf einfachste Weise immer neue Muster aus anderen Mustern gestalten kann. Und warum sind geradzahlige Muster stabiler als ungeradzahlige? Darauf sollten wir mit Johann Wolfgang von Goethe antworten: „Man suche nichts hinter den PhĂ€nomenen, sie selbst sind die Bedeutung“
Wie entstehen aus den Zahlenwerten Denksysteme, mit denen wir Mensch und Welt verstehen können? Der menschliche Geist besitzt die FĂ€higkeit, Strukturen und Prozesse zu simulieren, ohne diese Ereignisse auch körperlich nachvollziehen zu mĂŒssen. Die FĂ€higkeit, sich die Welt auf eine vereinfachte Weise bildhaft vorzustellen, war fĂŒr die Evolution und das Überleben des Menschen von großer Bedeutung.
Wenn wir an die QualitĂ€t einer Einheit denken (→ Pythagoras), dargestellt durch die Zahl eins, sind die Inhalte dieser Einheit nicht unterschieden, und dennoch ist eine Vielfalt von Informationen darin enthalten, vergleichbar mit dem „durchsichtigen“ Licht, das durch eine Brechung im Prisma plötzlich Regenbogenfarben zeigt (→ Farben). Manche geistigen Denkmodelle wie der nichtdualistische → Vedanta versuchen den Menschen zu dieser ununterschiedenen Einheit zu fĂŒhren. Es stellt sich jedoch die Frage, ob man dadurch der Vielheit der Erscheinungen, die aus dieser Einheit entstanden ist, gerecht wird. Sind die Erscheinungen der Welt und des Universums tatsĂ€chlich nur „Schleier“, → Maya, wie der indische Begriff besagt? Oder ist die Schöpfung aus der Einheit eine Notwendigkeit, damit die Einheit bewahrt bleibt (→ Kabbala)?
Mit der Zweiheit wird eine Unterscheidung eingefĂŒhrt (→ Dualismus). Wir haben es nun mit zwei Grundeinheiten zu tun – mit „farblosem“ Licht und Farben, um beim Farbbeispiel zu bleiben. Diese Zweiheit weist im ĂŒbertragenen Sinne auf viele Zweiheiten hin, mit denen wir umgehen und die ErgĂ€nzungen oder GegensĂ€tze aufzeigen wie z.B. null und eins, Energie und Materie, → Yin und Yang, Frau und Mann, Gott und Mensch, Kalt und Heiß, Hungrig und Satt usw. Diese Trennung einer Einheit in zwei ergĂ€nzende Elemente ist eine gedankliche Unterscheidung. Die ursprĂŒngliche Einheit ist nicht verloren gegangen, sie hat sich nur differenziert und ist konkreter geworden.
Im alten chines. Denken wurden die komplementĂ€ren Eigenschaften der Zweiheit mit der Dreiheit von Himmel, Mensch und Erde verbunden. Daraus entstand das komplexe Denksystem des → I Ging (→ Orakel), das alle GesetzmĂ€ĂŸigkeiten des menschlichen Schicksals zu ergrĂŒnden sucht.

„Die heiligen Weisen wollten den Ordnungen des inneren Gesetzes und des Schicksals nachgehen. Darum stellten sie den Sinn des Himmels fest und nannten ihn: das Dunkle und das Lichte. Sie stellten den Sinn der Erde fest und nannten ihn: das Weiche und das Feste. Sie stellten den Sinn des Menschen fest und nannten ihn: die Liebe und die Gerechtigkeit.“ (I Ging 1984)

Die ZahlenqualitĂ€t der Dreiheit, die in der Unterscheidung der drei Begriffe Himmel, Mensch und Erde im alten China implizit ist, weist auf einen systemischen Zusammenhang von drei GrundkrĂ€ften hin (→ TrinitĂ€t). Wenn wir drei KrĂ€fte in einem Wechselspiel sehen, erweitert sich die Erkenntnismöglichkeit und verĂ€ndert die Sichtweise, weil die DualitĂ€t von Himmel und Mensch durch das dritte Element Erde erweitert wird. Die polare oder ergĂ€nzende Wechselwirkung zwischen zwei Elementen wurde auf eine Wechselwirkung von drei eigenstĂ€ndigen Elementen ausgedehnt. Die Dreiheit bringt eine dritte Dimension in das GefĂŒge von KrĂ€ften genauso wie die drei Dimensionen des Raums.
Das Dreieck ist so auch die erste geometrische Figur, die eine FlĂ€che ist. Die RĂ€umlichkeit benötigt ebenfalls drei Faktoren wie Höhe, Breite und Tiefe. Daraus kann man die Entsprechung ableiten, dass ein System mit drei Elementen eine komplexere Vernetzung der Systemelemente bedeutet als eine Zweiheit aus LĂ€nge und Breite. Eine Wechselwirkung von drei KrĂ€ften bringt eine dynamische Beweglichkeit hervor – wie beim Flug der Vögel, die alle drei Raumdimensionen nutzen können.
Ein Denken mit Zahlensystemen entfaltet die KomplexitÀt der Ganzheit, so wie aus dem farblosen Licht sieben Farben entstehen. Die Einheit wird dabei nicht auf ihre Teile reduziert, denn wenn man die sieben Farben umgekehrt wieder miteinander vermischt, erhÀlt man kein reines Licht. Zugleich ist jedes komplexere Zahlensystem in der Lage, eine entsprechend komplexe Wechselwirkung innerhalb einer Struktur oder von mehreren Strukturen untereinander zu erkennen und annÀhernd zu verstehen.
Eine Ganzheit kann unendlich viele Teile haben, sie ist nie erschöpfend zu erfassen. Durch die Unterscheidung in eine neue Organisationsstruktur kann man jedoch einen „Sinnzusammenhang“ unter den vielen Teilen der Ganzheit finden. So werden die Teile der Ganzheit lebendig und verstĂ€ndlicher. „Mit objektivem Bewusstsein ist es möglich, die Einheit von allem zu sehen und zu fĂŒhlen. FĂŒr das subjektive Bewusstsein ist jedoch die Welt in Millionen gesonderter und unzusammenhĂ€ngender Erscheinungen gespalten“ (G.I. Gurdjieff, in: P. D. Ouspensky 1966, 205).
Vermutlich hat jeder Mensch den Wunsch, die SinnzusammenhĂ€nge zwischen den Strukturen des tĂ€glichen Lebens, den universalen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten und den eigenen individuellen BedĂŒrfnissen und WĂŒnschen zu verstehen. Diese Erkenntnis ist notwendig, um die eigenen Vorstellungen entsprechend zu korrigieren und anzupassen. Dasselbe gilt fĂŒr grĂ¶ĂŸere Organisationsstrukturen. Immer wieder sind Anpassungen an andere Strukturen notwendig, welche die eigene Struktur berĂŒhren und beeinflussen.
Eine solche Sichtweise jedoch hat nichts mit magischem Denken zu tun. Die vielfÀltigen zahlenmagischen Systeme, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, können so heute auf neue Weise interpretiert werden. Sie werfen auch ein Licht auf die Möglichkeiten, verschiedene spirituelle Denksysteme besser einzuordnen und zu verstehen.

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