Spirituelle Suche

von Lexikon

Suche entsteht hĂ€ufig aus dem inneren Verlangen eines Menschen heraus, die Schleier vor seinen Augen wegzuziehen, um zu sehen, was sich hinter der sichtbaren Welt verbirgt. Viele Menschen, die sich auf spirituelle Lehren oder Seminare einlassen, sind zu Beginn ihrer Reise selten ausreichend bewusst und „entwickelt“, um die gesamten Konsequenzen ihres Tuns zu ĂŒberblicken. In manchen FĂ€llen fĂŒhrt diese Tatsache zu einem neuerlichen Schlafzustand, nur unter verĂ€nderten Bedingungen, wenn sich jemand wie blind einer Gruppe oder einem Lehrer anschließt, die oder der eigene Interessen verfolgt.
Letztlich ist jeder fĂŒr sich selbst verantwortlich, auch wenn er noch nicht die volle Reife zu dieser Verantwortung besitzt. Aus diesem Grunde ist anzuraten, vor der weiteren Suche an der Bildung eines Unterscheidungsvermögens zu arbeiten, das einen in die Lage versetzt, auch in scheinbar schönen Situationen auf der Hut zu sein und vielleicht gerade dann aufzuwachen, wenn es gar nicht erwĂŒnscht ist (→ Sekten).
Es ist auf jeden Fall zu empfehlen, dass ein suchender Mensch sich einen provisorischen Rahmen absteckt, in dem er definiert, wohin die Reise gehen soll. Dieser Rahmen sollte jedoch offen bleiben, sodass Begrenzungen ĂŒberschritten werden können, sobald sie sich als hinderlich erweisen. Der Weg der spirituellen Suche sollte letztlich zu einer grĂ¶ĂŸeren geistigen Freiheit fĂŒhren, nicht zu einer EinschrĂ€nkung. „Schneide dich nicht so zu, dass du in den Mantel passt, sondern schneide den Mantel so zu, damit er Dir passt“, sagte der Philosoph und spiritueller Lehrer Anthony de Mello (1931-1987) einmal. Es geht darum, mit der eigenen Selbsterkenntnis voranzukommen. Ein Sucher wird in diesem Sinne zu einem Forscher auf unbekanntem Terrain.
Die spirituelle Suche ist generell ein individueller Prozess. Dennoch sind Sucher in den meisten FĂ€llen dabei auf andere Menschen angewiesen. Auch wenn jeder den „geistigen Menschen“ in sich trĂ€gt, gelingt es selten, seine Wirklichkeit ohne Hilfe anderer lebendig werden zu lassen. Erfahrungen in Gruppen, in einem → Kloster oder → Ashram oder bei und mit einem → Meister können bei der Entwicklung etappenweise helfen:
„Die Art der Hilfe, nach der wir suchen, soll uns in die Lage versetzen, bei der begrenzten Zeit, die wir zwischen Geburt und Tod zur VerfĂŒgung haben, mit einer vernĂŒnftigen Aussicht auf Erfolg das zu tun, was wir zumindest theoretisch auch ohne diese Hilfe tun könnten. Ich kann keine Regeln ĂŒber Hilfe aufstellen, denn sie ist ihrem Wesen nach spontan und ungezwungen.“ (John G. Bennett 1978, 52)
Dennoch gibt → Bennett einige wichtige Hinweise darauf, was helfen kann:
1. Die Gegenwart oder der Rat von Menschen, die selbst Transformation erreicht haben oder auf dem Wege dazu sind.
2. Der Besuch von Orten, an denen intensive Transformation stattgefunden hat, oft → heilige Orte und HeiligtĂŒmer.
3. Die Hilfe, die ein Lehrer seinem SchĂŒler gibt. Das setzt einen Lehrer voraus, der mit einer „Hilfsquelle“ in Verbindung steht oder der durch eigene Arbeit → Baraka (geistige Kraft, Segen) ĂŒbertragen kann. Eine Lehrer-SchĂŒler-Beziehung erleichtert diese Übertragung.
4. Besondere → Rituale oder Zeremonien, in denen Übertragung geschieht. Diese Rituale werden oft Einweihung genannt (→ Initiation). Jede Form der echten Einweihung bringt den SchĂŒler in Kontakt mit einem besonderen „Hilfsstoff“. In Indien wird der Kontakt mit einem → Heiligen oder Guru → darshan genannt, was so viel wie „anschauen“ heißt. Zu diesem Heiligen pilgern dann die Menschen, um von seiner göttlichen Kraft etwas in ihr eigenes Leben mitzunehmen. Der Kontakt mit einer geistigen Kraft jenseits des Bewusstseins kann ein durchgreifender Anstoß sein, ersetzt aber die eigene Arbeit nicht.
5. in der → christlichen Mystik gibt es eine spirituelle Hilfe, die „Gnade“ genannt wird; hierauf hat der Suchende keinen Einfluss. Wird ein Mensch von der Gnade berĂŒhrt, so kann dies eine entscheidende Änderung in seinem Leben herbeifĂŒhren.
6. Es gibt auch spontane und unerklĂ€rliche Hilfe. Man könnte sie als Inspiration bezeichnen, ein PhĂ€nomen, das dem Suchenden manchmal ohne Ă€ußeren Anlass begegnet.
7. Manchmal wird einem unerklÀrliche geistige Hilfe in Augenblicken der Verzweiflung zuteil. Diese ist mit einer greifbaren, konkreten Situation verbunden.
8. Dann haben wir noch die Möglichkeit, ĂŒber Zeit und Raum hinweg einen direkten Kontakt mit einer Hilfsquelle herzustellen. Von einem gewissen Stadium der Entwicklung an kann der Sucher sich auf geistigem Wege mit solchen Quellen der Kraft und Hilfe verbinden.
Jede Hilfe, die ein Mensch bewusst annimmt, birgt auch die Verpflichtung, etwas von dem zurĂŒckzugeben, was ein Mensch empfangen hat. Gerade der spirituelle Weg beinhaltet das Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Je nach Lehre gibt es verschiedene Auffassungen ĂŒber das Geben. Wenn das Geben sich allerdings nur auf Geld bezieht, sollte der Sucher allerdings vorsichtig sein (→ Sekten).
Eine spirituelle Reise erfordert nicht nur fremde Hilfe. Wichtige Voraussetzungen sind der eigene Einsatz von Wissen, Geduld, Mut, Energie, Geld sowie der FĂ€higkeit, mit Ideen und Erfahrungen umzugehen, ggf. ein Übungsprogramm durchzufĂŒhren, sich regelmĂ€ĂŸig in einer Gruppe treffen oder Seminare zu besuchen. Manche Menschen schließen sich einem spirituellen Lehrer (→ Meister, → Guru) an und lassen sich auf Aufgaben oder Situationen ein, die sie fordern.
Jede Anstrengung, ob durch Studium der spirituellen Literatur oder durch das Befolgen gewisser Regeln oder anderer Methoden, baut im Suchenden eine Art „magnetisches“ Zentrum auf. Der Beginn der Reise ist hĂ€ufig das Studium spiritueller Literatur, manchmal auch die Teilnahme an einem Gruppenabenteuer, das psychische UmwĂ€lzungen bewirkt. Manchmal geraten wir ganz absichtslos mit Menschen zusammen, die plötzlich große Bedeutung fĂŒr unser Leben gewinnen. Immer ist es notwendig, Beziehungen einzugehen, zu BĂŒchern oder Menschen, oder auf die innere Verpflichtung zu hören, die in einem Menschen spontan erwachen kann.
Einen sehr guten Rat fĂŒr die Suche gab schon vor ĂŒber 2000 Jahren der → Buddha:

„Euer Glaube soll nicht allein auf Traditionen beruhen, selbst wenn diese seit vielen Generationen und an vielen Orten in hohem Ansehen gehalten werden. Glaubt nicht nur deshalb an etwas, weil viele Leute davon sprechen. Glaubt nicht nur deshalb, weil es Heilige vor langer, langer Zeit verkĂŒndet haben. Glaubt nicht an etwas, das ihr euch selbst ausgedacht habt, nur weil ihr annehmt, es handele sich um eine göttliche Eingebung. Glaubt nicht an etwas, das nur auf der AutoritĂ€t eurer Meister und Priester beruht. Nach eingehender Untersuchung sollt ihr nur das glauben, das ihr selbst geprĂŒft habt und fĂŒr sinnvoll erachtet und das eurem eigenen und dem Wohl der anderen dient.“ (Zitiert in „Kalama Sutta“)

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