Vierter Weg

von Lexikon

Der „Vierte Weg“ geht auf G.I. → Gurdjieff zurĂŒck. Im Allgemeinen wird er so bezeichnet, weil er die Wege des Fakirs (Körper), des Mönches (Seele) und des Yogi (Geist) vereint und somit auf alchemistische Weise einen vierten, integralen Weg erschafft (Sri → Aurobindo). Alle praktischen Methoden, die zur „harmonischen Entwicklung des Menschen“ fĂŒhren sollen, mĂŒssen mit dem Geist des Weges verbunden sein, damit sie wirksam werden und ihr Ziel erreichen.
Warum ein neuer Weg, ein neues „System“, wie es manchmal auch genannt wird? Ist diese Suche nach Wissen um die Einheit nicht auch auf den klassischen spirituellen Wegen möglich? Theoretisch ja, doch praktisch sind sie fĂŒr Gurdjieff nach seinen jahrelangen Forschungen fĂŒr den heutigen Menschen kaum noch gangbar. Es sollte zudem eine FĂ€higkeit geweckt werden, den inneren Impuls der Wahrheit (den Gurdjieff „Gewissen“ nennt, d.h. direktes Wissen) so wahrzunehmen, dass der Mensch grundlegend mit allen seinen Teilen – Körper, GefĂŒhl und Denken – in die Wirklichkeit aufwacht.
Aber nicht nur das: Die menschliche Willenskraft (→ Wille, freier) ist meistens zu schwach, sich absichtsvoll gegen Hindernisse durchzusetzen. Wenige Menschen handeln bewusst, sondern unbewusst, was Gurdjieff „mechanisch“ nennt. Deshalb bringt Gurdjieff folgenden Vergleich: Im unerwachten Stadium ist der Mensch nichts anderes als eine „Mensch-Maschine“ – ein Android, wie man heute sagen wĂŒrde. Der unbewusste, schlafende Mensch ist ein chaotisches BĂŒndel aus einer Vielzahl konkurrierender „Ichs“, von denen sich bald dieses durchsetzt und bald jenes. Nur der erwachte Mensch ist frei (→ Erleuchtung). Nur er kann aus eigenem Entschluss handeln, nur er ist verantwortlich. Erst mit der harmonischen Entwicklung aller Zentren und der Weckung des „wirklichen Ichs“ (→ Selbst) stellt der Mensch eine in sich einheitliche Person dar.
Der Vierte Weg ist ganzheitlich – oder wie Gurdjieff sagt – „der Weg des schlauen Menschen“. WĂ€hrend der Fakir oder Asket im Wesentlichen seine körperliche Verhaftung zu ĂŒberwinden sucht (→ Hatha-Yoga), der Mönch hauptsĂ€chlich mystische Hingabe praktiziert, um sich mit dem Göttlichen zu vereinigen (→ Bhakti-Yoga, → christliche Mystik), und der klassische Yogi sich in Versenkung ĂŒbt, um so zur Erkenntnis der Einheit zu gelangen (→ Raja-Yoga, → Vedanta), hat der Vierte Weg zum Ziel, körperliche Übung, seelische Reifung und geistige Einsicht mit allen ihren Aspekten gleichmĂ€ĂŸig auszubilden und harmonisch zu integrieren (integraler Yoga, Sri → Aurobindo). Gurdjieffs praktische Lehre besteht in Methoden, mit denen seine SchĂŒler lernen können, an allen drei Zentren, die er einfach „westlich zeitgemĂ€ĂŸâ€œ nur als Körper, FĂŒhlen und Denken bezeichnet, gleichzeitig zu arbeiten und diese drei Teile zu integrieren und zu harmonisieren. Mit der EinfĂŒhrung dieser Begriffe beschreibt Gurdjieff lange vor der Entwicklung der Gehirnforschung, dass der Mensch drei Hauptgehirne hat – Kortex (Denken), limbisches System und Zwischenhirn (FĂŒhlen) sowie Stammhirn (das motorische Gehirn) – und diese oft nicht synchron geschaltet sind.
DarĂŒber hinaus unterscheidet sich der Vierte Weg von manchen Wegen v.a. dadurch, dass er am Verstehen arbeitet:

„Ein Mensch darf nichts tun, was er nicht versteht. Je mehr er versteht, was er tut, desto grĂ¶ĂŸer wird das Ergebnis seiner Anstrengungen sein. Dies ist das Grundprinzip des vierten Weges. Das Ergebnis der Arbeit steht im VerhĂ€ltnis zur Bewusstheit der Arbeit. Auf dem vierten Weg ist kein ‚Glaube’ nötig; im Gegenteil, jede Art Glaube steht im Widerspruch zum vierten Weg. Auf dem vierten Weg muss sich ein Mensch von der Wahrheit dessen, was ihm gesagt wird, ĂŒberzeugen.“ (G. I. Gurdjieff in: P. D. Ouspensky 1966, 70)

Ein Motto von Gurdjieff war: „Sich immer in Frage stellen. Frage sein.“ Und darĂŒber hinaus: Gurdjieffs System ist offen, er ermuntert die Menschen, selbst nach der Erkenntnis zu suchen und zu forschen.
Die Psychologie des Vierten Wegs kann als → transpersonale Psychologie bezeichnet werden. Ihr Ziel ist die harmonische Entwicklung aller Anlagen und FĂ€higkeiten eines Menschen. Auch hier spielt eine andere Variante der Dreiheit – Persönlichkeit, Wesen und Ich – eine große Rolle. Durch Selbststudium und Selbstbeobachtung soll die Kraft der Persönlichkeit mit all ihren Automatismen und → Identifikationen mit der materiellen Welt ĂŒberwunden werden. Dadurch kann das eigentliche Wesen des Menschen sich stĂ€rker entfalten, sodass der Mensch „sich selbst“ wird. Das Ich ist in dieser Triade die dritte, kosmische Kraft des individuellen schöpferischen Willens, der erst wirksam werden kann, wenn das Ego der Persönlichkeit sich auf seine Rolle in der Welt beschrĂ€nkt und nicht den Platz des wirklichen Ichs besetzt hĂ€lt (→ Selbst). Nur durch die Integration eines aktives Ichs im Wesen des Menschen kann er bewusst und selbststĂ€ndig denken und handeln, wĂ€hrend die Identifikationen der Persönlichkeit den Menschen in einem Schlafzustand halten. Ein erhöhter, wirklich wacher → Bewusstseinszustand ist nur durch die harmonische Entfaltung von Wesen und Ich möglich.
Ein entscheidender Teil von Gurdjieffs „alchemistischer“ Psychologie (→ Alchemie) ist die Transformation von → Energien. WĂ€hrend die klassische Psychoanalyse und Tiefenpsychologie gestörte, unterbewusste Aspekte aufzuarbeiten versucht, um den Menschen schließlich wie bei C.G. Jung zur „Individuation“ zu fĂŒhren, geht Gurdjieffs Ansatz weiter: Durch Auflösung der Identifikationen der Persönlichkeit und anderer Methoden werden Energien frei, die zur Bildung eines → Energiekörpers genutzt werden können. Eine Reihe von Übungen zu → Wahrnehmung, → Atem und → Energie helfen, physische Energie zu bewussten Energien zu transformieren. Weitere meditative Übungen sollen eine innerseelische Öffnung bewirken, damit der individuelle schöpferische Wille im Wesen des Menschen verankert wird. Ziel aller Methoden Gurdjieffs ist es, dass der Mensch ein „Bewusstsein seiner selbst“, ein „Selbst-Innewerden“ erreicht, das auch als „Selbsterinnerung“ bezeichnet wird.

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