Oktavengesetz

von Lexikon

Der Begriff wurde von G.I. → Gurdjieff geprĂ€gt, ist jedoch bereits im → pythagoreischen und → neuplatonischen Gedankengut enthalten und hat große Bedeutung als spirituelle → Kosmogonie. Die diatonische Tonleiter, die Gurdjieff aus vielen möglichen Tonleitern auswĂ€hlt, ist die heutige Dur-Skala, die durch die Reihenfolge ihrer Intervalle gekennzeichnet ist: zwei Ganztonschritte C-D-E, ein Halbton E-F, drei Ganztöne F-G-A-H und bei Einbeziehung des Übergangs zur nĂ€chsten Oktave ein letzter Halbton H-C’. Das Fortschreiten der Tonschwingung durch die Ganztöne verlĂ€uft regelmĂ€ĂŸig, doch um diese RegelmĂ€ĂŸigkeit weiter fortzusetzen, bedarf es eines Halbtonschrittes an den besagten Stellen.
Gurdjieff illustriert mit dieser „gesetzmĂ€ĂŸigen UnregelmĂ€ĂŸigkeit“ seine Idee, dass die Entwicklungen des Kosmos und des Menschen nicht geradlinig verlaufen. FĂŒr seine ErlĂ€uterungen benutzt er wohlweislich die lat. NotenabkĂŒrzungen, die Guido von Arezzo im 11. [!] Jh. geprĂ€gt hat. Denn die Noten tragen ihre verborgene Bedeutung in sich, die Gurdjieff in seinem Oktaven-Schöpfungsstrahl verwendet hat:

Die Tonleiter des Schöpfungsstrahls
DO Dominus Gott als Schöpfer
SI Sider die Sternensysteme
LA Lactea die Milchstraße (die Galaxis des Menschen)
SOL Sol Die Sonne
FA Fata Die Planeten
MI Mikrokosmos Die Erde – lebendige Zellen
RE Regina Coeli Himmelskönigin (Der Mond)
DO Urgrund

Das DO hieß ursprĂŒnglich UT (die lat. Wurzel fĂŒr erste Ursache), was etymologisch in Verbindung zum Ă€gyptischen Thoth steht, der Gottheit der schöpferischen Intelligenz (Hermes Trismegistos, → Hermetik).
In diesem Sinne erlĂ€utert G. den „Schöpfungsstrahl“ (entsprechend den Emanationen aus dem göttlichen Licht Ain Soph Avr der gnostischen → Kabbala):
„In einer aufsteigenden Oktave kommt das erste Intervall zwischen Mi und Fa. Wenn entsprechende zusĂ€tzliche Energie an diesem Punkte hinzutritt, wird die Oktave sich ohne weitere Störung bis Si weiterentwickeln. Aber zwischen Si und Do braucht sie einen viel stĂ€rkeren zusĂ€tzlichen Schock fĂŒr die richtige Entwicklung als zwischen Mi und Fa, weil die Anzahl der Schwingungen der Oktave an diesem Punkt betrĂ€chtlich höher ist.“ (G.I. Gurdjieff in: P. Ouspensky 1966, 190)
In der absteigenden Oktave hingegen tritt das grĂ¶ĂŸte Intervall gleich am Anfang der Oktave auf und entwickelt sich deshalb leichter. Deshalb spricht Gurdjieff von einem betrĂ€chtlich schwĂ€cheren Schock, der fĂŒr das Fortschreiten des Schöpfungsvorgangs nötig ist: Der Aufstieg ist immer schwieriger als der Abstieg. Diese Vorstellung wird bei G. auch im Zusammenhang mit dem → Enneagramm erklĂ€rt.
Gurdjieff verwendet die Siebentonleiter als Symbol fĂŒr die Evolution des Menschen.
„In der großen kosmischen Oktave, die uns in Form des Schöpfungsstrahls [→ Neuplatoniker] erreicht, können wir das erste vollstĂ€ndige Beispiel des Oktaven-Gesetzes beobachten … Das Absolute ist das All. Das All, welches volle Einheit, vollstĂ€ndigen Willen und volles Bewusstsein besitzt, erschafft Welten innerhalb seiner selbst …“ (G.I. Gurdjieff in: P. D. Ouspensky 1966, 191)
Jeder Kosmos (also Galaxie, Sonnensystem, Mensch), fĂŒr den symbolisch eine Note in der Oktave steht, hat bei Gurdjieff gemĂ€ĂŸ dem damit verwobenen Triadengesetz (→ TrinitĂ€t, → Zahlen) eine andere innere Dynamik, weil sich die ursprĂŒngliche Triade des schöpferischen Willens aus jeweils einer aktiven, einer rezeptiven und einer neutralen bzw. verbindenden Kraft zusammensetzt. Dabei sollten wir verstehen, dass jeder Kosmos eine eigene Intelligenz und eine eigene Raum-Zeit-Dimension besitzt.
Die ursprĂŒngliche Einheit steht nur unter einem Gesetz (→ Pythagoras), das jedoch die ursprĂŒngliche Dreiheit als Potenzial in sich trĂ€gt. Welt eins ist das Absolute oder Unendliche Unerschaffene (Ain Soph in der → Kabbala), die Ureinheit, welche potenziell die ganze Vielheit enthĂ€lt. Durch die Erschaffung der Welt wurde der Schöpfungswille in drei selbststĂ€ndige WillenskrĂ€fte aufgeteilt, die immer wieder danach streben, sich zu vereinigen, und es entstand die erste Welt, die dem Gesetz der Drei unterliegt, also nur den drei UrkrĂ€ften (→ TrinitĂ€t). In den weiteren Stufen involviert die Schöpfung gemĂ€ĂŸ dem Oktavengesetz ĂŒber die verschiedenen Kosmen bis hin zu den lebenden Organismen.
Nachdem die Welt des Lebens entstanden war – so Gurdjieffs Darstellung –, konnten sich Organismen bilden, die kosmische Energien durch eigene Anstrengungen wieder „höher“ transformierten, sozusagen aus unedlem Metall „Gold“ herstellten (→ Alchemie). Die Umwandlung der gewöhnlichen Nahrung in bewusste Energien ist notwendig fĂŒr den menschlichen Transformationsprozess. Die Möglichkeit der menschlichen Evolution verlĂ€uft nĂ€mlich in entgegengesetzter Richtung zur Involution, der Erschaffung der Welt. Man kann sich vorstellen, dass wesentlich mehr Kraft aufgewendet werden muss, um „gegen den Strom“ zu schwimmen als mit dem Strom. Das Gesetz der Sieben oder das Oktavengesetz wird meistens in Form von Ausbreitung der Schwingungen dargestellt. Jede einzelne Note erzeugt wiederum eigene Schwingungen, die sich zum Teil mit ihren Ober- und Untertönen vermischen (→ Pythagoras).
Doch das Oktavengesetz ist mehr als eine kosmologische Vorstellung. Die Stufen der Entwicklung beschreiben tatsĂ€chlich die „Stufen der Vernunft“ im Sinne Aristoteles’, der den griech. Begriff theoria fĂŒr die „beglĂŒckende Wahrnehmung“ gebraucht hat. Gurdjieff verschlĂŒsselt die Stufen der → Wahrnehmung, wie sie seit Platons Höhlengleichnis beschrieben werden, mit einer scheinbar physikalischen Theorie, um damit den praktischen Aspekt seiner Lehre gegenĂŒber der reinen Philosophie hervorzuheben.

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