Kampfsport

von Lexikon

In vielen Kampfsporttechniken sind die BewegungsablĂ€ufe, die ursprĂŒnglich wie beim → Qigong aus dem Wu-shu („leere HĂ€nde“) und Kung-Fu entwickelt wurden, Tierbewegungen nachempfunden. Am Beispiel des malayischen Silat, das mit dem Kung-Fu verwandt ist, sieht man das deutlich. Die Grundlage jeder Kampfsporttechnik ist stets, eine Haltung der aufmerksamen Konzentration herbeizufĂŒhren, die intuitive BewegungsablĂ€ufe ermöglicht, welche in der Selbstverteidigung helfen, ohne Nachdenken die geeigneten Bewegungen und Griffe auszufĂŒhren.
Der Schwertmeister Takuan erklÀrt dies sehr einleuchtend:

„Das Wichtigste bei der Schwertkunst [→ Kendo] ist, eine bestimmte geistige Haltung zu gewinnen, die man ‚unbewegtes Begreifen’ nennt. Dieses Begreifen gewinnt man nach ausgiebiger praktischer Schulung auf intuitive Weise. ‚Unbewegt’ bedeutet nicht, steif oder schwer oder leblos zu sein wie ein StĂŒck Holz. Es bedeutet vielmehr höchste BewegungsfĂ€higkeit mit einem Zentrum, das unbewegt bleibt. Der Geist erreicht dann den Gipfelpunkt wacher Bereitschaft und kann seine Aufmerksamkeit dahin richten, wo sie gebraucht wird.“ (Meister Takuan 1993)

Das gilt fĂŒr alle Kampfsporttechniken. Wenn der KampfsportschĂŒler in den Zustand des unbewegten Begreifens gelangen kann, dann ist diese Form des Kampfsports eine spirituelle Methode; Selbstverteidigung ist dabei nur eine Randerscheinung. So weisen auch viele Anekdoten auf den „Kampf ohne Kampf“ hin, denn die Schulung der Geistesgegenwart (→ Schulen des Augenblicks) macht es möglich, dass der GeĂŒbte eine Ausstrahlung besitzt, welche einen potenziellen Angreifer von vornherein abwehrt.
Dennoch mag es auf den ersten Blick merkwĂŒrdig anmuten, dass friedliebende buddhist. Mönche gefĂ€hrliche Kampftechniken entwickelt haben oder kĂ€mpferische Samurai-Krieger sich auf den meditativen → Zen-Buddhismus einließen. Einige Hintergrundinformationen dazu können diesen scheinbaren Widerspruch aufklĂ€ren.
Das legendĂ€re Kloster Shaolin wurde im Jahr 477 gegrĂŒndet. Der Buddhismus sollte vom Fuße des Shaoshi-Berges, des höchsten Gipfels der fĂŒnf hl. Berge im Songshan, weiter verbreitet werden. 523 kam der indische Mönch → Bodhidharma, der China und Japan den Zen-Buddhismus brachte, in dieses Kloster. Er war wie Gautama → Buddha von königlicher Abstammung und beherrschte zweifellos die Schwertkunst. Um die körperliche Verfassung der Mönche fĂŒr die → Meditation zu stĂ€rken und ihrer TrĂ€gheit entgegenzuwirken, verordnete er Körper- und AtemĂŒbungen. Er entdeckte dabei, dass körperliche Bewegung und Geschicklichkeit auch die innere Konzentration und Aufmerksamkeit schulen. Die Kampftechnik des Kung-Fu entstand vermutlich, nachdem das → Kloster hĂ€ufiger von Soldaten und RĂ€ubern angegriffen worden war. Da der → Buddhismus es eigentlich nicht erlaubt, mit Waffen zu kĂ€mpfen, entwickelte sich die Kunst, ohne Waffen zu kĂ€mpfen. Die berĂŒhmten Kung-Fu-Filme lassen diese KampfkĂŒnste wieder aufleben.
FĂŒr die japan. Krieger, die Samurai (ab 800), war es nie eine Frage der Moral, zu kĂ€mpfen und zu töten. Es erscheint deshalb verwunderlich, dass der Zen-Buddhismus ĂŒberhaupt mit dem Geist der japan. Kriegerkaste in Verbindung kam. Immerhin ist der Buddhismus in jeder Form eine Philosophie der Weisheit und des MitgefĂŒhls und hat den Krieger nie in seinem blutigen GeschĂ€ft bestĂ€rkt. Die Verbindung erfolgte vielmehr ĂŒber die Ă€hnliche philosophische Ausrichtung: Die Zen-Schule ĂŒberwindet das Selbst, ist asketisch, direkt und einfach – Prinzipien, die auch fĂŒr einen guten KĂ€mpfer gelten. Im Kampf hat dieser nur ein Ziel: ohne Angst vor dem Tod zu kĂ€mpfen. Zen lehrt, Leben und Tod nicht getrennt zu sehen. Zen ist die Lehre der Nichtunterscheidung.
In Japan entwickelte sich unter dem Einfluss des Zen die Schwertkunst, → Kendo, zur spirituellen Meisterschaft. Unter dem Einfluss des chines. Zen (Ch’an) entstand der virtuose chines. Schwerttanz. Die Methode, das do, Menschen mit dem Schwert zu zerteilen, wurde schließlich zum Weg, seinen eigenen Geist zu zerschneiden – einem spirituellen Weg, der körperliche Geschicklichkeit mit geradliniger Entschlossenheit und Entscheidungskraft verbindet. Die damit verbundenen Übungen sind Teil des spirituellen Weges, sie haben nichts mit Sport oder Spiel zu tun. Ziel ist die innere Zentrierung, der freie Geist, die vollkommen intuitive Bewegung. Das Zen ist eine Schule des Augenblicks. Wer seinen Geist erfasst hat, braucht noch nicht einmal zu kĂ€mpfen. Diese „Kampftechnik ohne Schwert“ illustriert folgende Geschichte:
Zwei Samurai fuhren mit anderen Mitreisenden ĂŒber einen See. Der eine Samurai prahlte mit seinen FĂ€higkeiten und seiner Gewandtheit. Die Zuhörer klatschten begeistert. Der andere Samurai saß still versunken da und regte sich nicht. Dieses Verhalten Ă€rgerte den Prahler. Er beschimpfte den stillen Samurai: „Ihr tragt zwei Schwerter, warum sagt Ihr kein Wort?“ Der Angesprochene antwortete: „Meine Kunst besteht darin, den Gegner ohne das Schwert zu besiegen.“ Das brachte den Prahler noch mehr auf, und er forderte den Stillen zum Kampf heraus: „Beweise mir, dass du mich ohne Schwert besiegen kannst.“ Sie veranlassten den Bootsmann, zu einer Insel im See zu fahren, wo sie sich messen wollten. UngestĂŒm sprang der prahlende Samurai aus dem Boot. Der Stille nahm das Ruder und stieß das Boot vom Ufer ab. Er rief dem zurĂŒckgelassen Samurai zu: „Das ist die Ohne-Schwert-Schule.“
Wenn der Geist bei einem Objekt verweilt oder sich mit diesem identifiziert – hier in diesem berĂŒhmten Beispiel mit dem GefĂŒhl der Überlegenheit – wird sich der KĂ€mpfer schnell besiegen lassen. Angriff und Verteidigung mĂŒssen zur Einheit werden. Der beste SchwertkĂ€mpfer siegt durch geistige Disziplin, nicht durch den Kampf. Es soll kein Gedanke mehr geben an Ich und Du – alles ist Leere: der Gegner, der Verteidiger, das gezĂŒckte Schwert, sogar der Gedanke der Leere soll nicht mehr vorhanden sein.
Die Charakterschulung des Samurai zielt darauf ab, die beiden universalen KrĂ€fte, → Yin und Yang, und im ĂŒbertragenen Sinne die Geisteshaltung des Weisen und die des Kriegers zu einer Einheit zu formen. Unter dem Einfluss des → Zen wurden das GefĂŒhl der inneren Ruhe, der Wunsch nach Harmonie mit den einfachen Dingen und die dynamischen, den Willen stĂ€rkenden Übungen der Kampfkunst zusammengebracht. Der wichtigste Teil der Schulung war, seine eigenen SchwĂ€chen zu ĂŒberwinden und schließlich mit stoischer Ruhe dem Tod ins Auge zu sehen.

„Die Meister wussten, dass sie, bevor sie wĂŒrdig waren, jemanden zu töten, erst einmal in der Lage sein mussten, sich selbst zu töten. Sie lernten mit dem Schwert nicht nur andere, sondern vor allem auch ihr eigenes Bewusstsein zu zerschneiden. Wenn sie dies nicht konnten, konnten sie auch im Kampf nicht gewinnen.“ (Deshimaru-Roshi 1996)

Wenn die innere Haltung vollkommen ist, ist es auch die Bewegung, die ihr folgt. Es geht um die Ausbildung eines Geistes, der ausdauernd ist, aber an nichts haftet, der im gegenwÀrtigen Augenblick das Richtige tun kann, blitzschnell die Situation erfasst und ohne Zögern handelt.

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