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MYSTICA Buchtipps Das Herz des Schweigens – Dr. Karl Heinz Rauscher im Interview mit Doris Iding

Das Herz des Schweigens – Dr. Karl Heinz Rauscher im Interview mit Doris Iding

von Thomas

AutorTexttext„Die DĂ€monen kamen ĂŒber Nacht.“ So beginnt der fiktive Roman „Das Herz des Schweigens“ von Karl Heinz Rauscher. Er erzĂ€hlt von der BĂ€uerin Madeleine, die â€žĂŒber Nacht“ verrĂŒckt wurde, und er erzĂ€hlt von ihrem Mann, der, ĂŒber den bĂ€uerlichen Kontext hinausgehend, alles ihm Mögliche – innerlich wie Ă€ußerlich – dransetzt, seiner Frau bei ihrer Gesundung zur Seite zu stehen. Die dramatische Reise Madeleines fĂŒhrt ĂŒber die Psychiatrie in MĂŒnchen und eine Familientherapie in ZĂŒrich zu einer Begegnung mit einem berĂŒhmten Schamanen in Kanada.

Von Doris Iding


Der Roman erzĂ€hlt vom Wissen eines Medizinphilosophen, der fĂŒr die Heilung Madeleines letztlich das ZĂŒnglein an der Waage bereitstellt – nĂ€mlich die Erkenntnis, dass die Welt nur zu verstehen ist, wenn wir wissen, dass alles mit allem zusammenhĂ€ngt. Die Reise der Genesung geht, je weiter sie sich örtlich vom bĂ€uerlichen Dorf entfernt und schließlich am Ende wieder dorthin zurĂŒckfĂŒhrt, immer erfahrbarer und tiefer in die Essenz der wechselseitigen Bezogenheit aller Dinge – etwa Vergangenheit und Gegenwart, Wissen und Handeln, Sichtbares und Unsichtbares.

Der Leser kann sich entflammen lassen von dem, was er liest – geht es doch von Vertrautem aus und eröffnet ihm eine Welt, die seine innere Stimme anklingen lĂ€sst und ihm sagt: Ja, es gibt eine grĂ¶ĂŸere Wahrheit, die umfassender ist als unser Alltagskosmos. Alles ist mit allem verbunden. Doch es bedarf des Mutes, den alle Protagonisten des Buches – jeder auf seine Weise – aufbringen, um sich darauf einzulassen, diese grĂ¶ĂŸere Wahrheit wahrzunehmen und sie zu spĂŒren.

Das Buch hat mit uns zu tun. Der Autor vermittelt ein ganzheitliches MedizinverstĂ€ndnis und, weitergedacht, auch ein ganzheitliches Gesellschafts- und WeltverstĂ€ndnis. Damit trifft der Autor, selbst Arzt, einen wesentlichen – man muss sagen: entscheidenden – Nerv der Zeit aus der Perspektive eines Heil-Werdens. Lassen Sie sich auf das Abenteuer dieser LektĂŒre ein; es wird Sie packen, berĂŒhren, nachdenklich stimmen und möglicherweise innehalten lassen, um zu prĂŒfen, wo Sie in Bezug auf den Umgang mit sich (und damit auch der Welt) stehen.


Wie ist die Idee zum Buch entstanden?

Ich wachte morgens um 5 Uhr auf und hatte einen Satz auf den Lippen: „Die DĂ€monen kamen in der Nacht.“ Wow, dachte ich, starker Satz. Könnte auch ein Romantitel sein. Damit ich ihn nicht vergesse, stand ich auf, startete den Laptop und schrieb den Satz nieder. Sofort kamen weitere SĂ€tze. Ich schrieb weiter, bis zwei Seiten voll waren, und ging wieder zu Bett. Am Nachmittag las ich die beiden Seiten wieder und dachte, gut, wirklich gut, und schrieb weiter, zwei Jahre lang, immer wieder. Die beiden ersten Seiten stehen heut unverĂ€ndert am Beginn des Romas.


LĂ€sst sich der Inhalt des Buches in drei SĂ€tzen zusammenfassen?

Die Bauersfrau Madeleine Haftbauer wird verrĂŒckt. Durch den Mut ihres Ehemannes und das Wissen eines Medizinphilosophen bestĂ€rkt begibt sie sich auf eine dramatische Reise durch ihr Inneres, die sie durch die lĂ€hmende Wirkung starker Medikamente in MĂŒnchen, ĂŒber eine erhellende Familienaufstellung in ZĂŒrich zu einem berĂŒhmten indianischen Schamanen auf einen heiligen Berg in Kanada fĂŒhrt. Dabei wird ein altes Familiengeheimnis gelĂŒftet, was selbst die DĂ€monen, die Madeleine besetzten, ĂŒberrascht.


Was ist die Hauptaussage Ihres Buches?

Wir verstehen die Welt nur, wenn wir wissen, daß alles mit allem zusammenhĂ€ngt.


Ihr Roman ist zwar fiktiv, aber wie weit fließen hier Ihre Erfahrungen aus Ihrer langjĂ€hrigen medizinischen und therapeutischen Arbeit ein?

Meine Erfahrungen als Arzt und systemischer Familientherapeut fließen breitgefĂ€chert in den Roman ein. Im Roman entfaltet sich ein ganzheitliches MedizinverstĂ€ndnis, das den Menschen als Teil eines großen Zusammenhangs sieht.


Wann sind Sie als Arzt zum ersten Mal damit in BerĂŒhrung gekommen, dass es PhĂ€nomene gibt, die fĂŒr das Auge unsichtbar sind, und dass diese PhĂ€nomene fĂŒr die Heilung eine wesentliche Rolle spielen?

FĂŒr Psychologie habe ich mich schon wĂ€hrend des Medizinstudiums interessiert. Die rein körperliche Sichtweise der Krankheiten war mir schon damals zu wenig. Ich spĂŒrte, dass da mehr sein musste. In den ersten Jahren meiner Weiterbildung zum Facharzt fĂŒr Innere Medizin im Stadtkrankenhaus Memmingen bin ich durch einen Oberarzt mit der psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach in BerĂŒhrung gekommen. Die Fortbildungen dort interessierten mich brennend. Neben den Methoden der humanistischen Psychotherapie wurden dort auch spirituelle Aspekte in das Fortbildungsprogramm aufgenommen.


Wie sehr hat diese Erfahrung Ihre Arbeit als Arzt beeinflusst?

Sehr. Ich wechselte nach der FacharztprĂŒfung in die Psychosomatische Klinik in Bad Grönenbach, wurde dort zum  Gruppentherapeuten weitergebildet und sah ab diesem Zeitpunkt immer auch den seelischen Aspekt einer Krankheit. Die nĂ€chste Erweiterung meines medizinischen Denkens erfolgte durch den Kontakt zur systemischen Familienaufstellung Bert Hellingers. Plötzlich war der Mensch kein Einzelwesen mehr, sondern auch Teil des Familiensystems und noch grĂ¶ĂŸerer Systeme. Diese Einsicht brachte ganz neue Möglichkeiten der Behandlung.  


WĂ€re Ihr Buch eine ideale LektĂŒre fĂŒr Medizinstudenten, um ihnen eine neues VerstĂ€ndnis, nĂ€mlich das Prinzip „Alles ist miteinander verbunden“ zu vermitteln?

Der Roman wĂ€re tatsĂ€chlich eine ideale LektĂŒre fĂŒr Medizinstudenten.


Welche Leserschaft wĂŒnschen Sie sich sonst noch?

Ich wĂŒnsche mir eine möglichst breite Leserschaft in der Bevölkerung. Jeder Mensch sollte wissen, in welchen ZusammenhĂ€ngen er selbst und seine Gesundheit steht. Eine Journalistin, die den Roman reszensiert hat, drĂŒckte es so aus: „Ich habe mich bisher nie fĂŒr Psychologie interessiert. Doch nach der spannenden LektĂŒre Ihres Romans bin ich um einiges klĂŒger.“


Welche Auswirkungen hĂ€tte die Aussage „alles ist mit allem verbunden“ auf Ärzte und ihre Arbeit?

Es wĂ€re eine große Bereicherung. Die medizinische Forschung und die Ärzte vor Ort könnten endlich den rein körperlichen Blick auf die Krankheiten aufgeben und den Menschen in seiner Gesamtheit erfassen. In der Forschung wĂ€ren ganz andere Fragestellungen und Arbeitshypothesen möglich. Die Studiendesigns könnten auf den neuen Denkrahmen umgestellt werden. Völlig neue Entdeckungen wĂ€ren möglich. Das kĂ€me einem Quantensprung in der Medizin gleich.


Werden Sie von Ihren Àrztlichen Kollegen ernst genommen oder eher als Spinner abgetan, wenn es um den Einheitsgedanken geht?

Die meisten Ärzte beschĂ€ftigen sich kaum mit seelischen und geistigen ZusammenhĂ€ngen. NatĂŒrlich gibt es viele Ausnahmen. Schließlich ist die Psychosomatik heute ein lĂ€ngst anerkanntes Fachgebiet. Aber zahlenmĂ€ĂŸig sind die meisten Ärzte diesem neuen Wissen wenig aufgeschlossen. Dennoch habe ich das GefĂŒhl, daß sich der Zeitgeist Ă€ndert und das Interesse am Thema „Prinzip der Einheit“ in der Bevölkerung und auch bei Medizinern wĂ€chst.


Diese Geschichte berĂŒhrt auf sehr tiefgreifende Weise den Kern des Menschen. Gleichzeitig könnte man darin auch einen Spiegel der momentanen gesellschaftlichen Situation sehen. Besteht hier ein Zusammenhang?

Ganz sicher. Die Geschichte Madeleines kann durchaus als Spiegel der aktuellen Situation der Menschheit oder einzelner Gesellschaften betrachtet werden. Auch als Volk, als EuropÀer oder als Menschheit könnten wir plötzlich vor einer Katastrophe stehen. Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und Russland ist in Polen einmarschiert, was hoffentlich nie geschehen wird. Aber 1939 haben das viele Deutschland auch nicht zugetraut. Plötzlich ist Krieg. Das Land ist im Schock. Der Wahnsinn ist ausgebrochen.
Wir wĂŒrden an den Lippen der Politiker hĂ€ngen wie Wolfgang, Madeleines Mann, an den Lippen des Psychiatrieprofessors, um zu hören, was jetzt zu tun sei. Bis wir erkennen, daß die Politiker auch nicht verstehen, was geschehen ist. Sie verstehen das Wesen des Krieges nicht, so wie im Roman der Psychiater das Wesen der Schizophrenie nicht versteht. Wolfgang ist auf sich selbst gestellt und wir wĂ€ren es im beschriebenen Kriegsfall ebenso.
Wolfgang hat kompetente Helfer. Im Spiegel des Romans zeigen sich die HintergrĂŒnde.
Die Katastrophe kann auch anders aussehen. Sie brauchen sich nur vorzustellen, die Seuche Ebola hĂ€tte sich auf dem gesamten Erdball ausgebreitet und gestern ihren Ort erreicht, was hoffentlich nie geschehen möge. Über Nacht ist alles anders. Auch andere Szenarien sind denkbar.
In Teilen dieser Welt sind bereits viele Menschen diesen und anderen Katastrophen ausgesetzt. In den FlĂŒchtlingsströmen dieser Tage haben sie bereits unser Land erreicht und mĂŒssen abgeschieden in Lagern kampieren. Viele finden das noch normal. Der Gedanke der Trennung und Abtrennung herrscht in unseren Köpfen noch vor. Bis die Katastrophe auch uns erreicht. Aber so lange mĂŒssen wir nicht warten. Das Prinzip der Einheit – die Anerkennung der Tatsache, daß alles miteinander verbunden ist – gibt uns andere Möglichkeiten.
Madeleine durchlebt all die Abenteuer, die warten, wenn man sich auf den Weg macht.


Wenn Sie drei WĂŒnsche hĂ€tten, hinsichtlich Ihres Buches. Wie sĂ€hen sie aus?

Erstens, dass es möglichst viele Menschen erreicht und gefĂ€llt. Zweitens, das es viele Menschen hilfreich finden. Drittens, dass es in viele andere Sprachen ĂŒbersetzt wird.

Ein Interview von Doris Iding


Dr. Karl-Heinz Rauscher schreibt seit zwanzig Jahren. Entstanden sind Romane, DrehbĂŒcher, TheaterstĂŒcke und SachbĂŒcher. Nach Jahrzehnten als Arzt und Familientherapeut ist Rauscher zum GeschichtenerzĂ€hler geworden. Seine Geschichten berĂŒhren den Kern des Menschseins. „Das Herz des Schweigens“ ist sein DebĂŒtroman.


Infos zum Buch:

RauscherCover

Dr.Karl-Heinz Rauscher: „Das Herz des Schweigens“

Verlag: Iatros Verlag 2014
Umfang: 364 Seiten
Preis: 19,95 €
ISBN: 978-3869632650
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