Angstfrei leben – Martina Pahr

von Thomas

Jeder hat sie: die Angst! Schwarz, übermächtig und unaufhaltsam scheint sie über Einem zu schweben. Doch muss man sich von ihr überrumpeln und erschrecken lassen, wie von einem plötzlichen Blitzeinschlag? Es gibt sehr wohl die ein oder andere Art sie zu bezwingen… vielleicht nach einem ähnlichen Motto wie „Der Klügere gibt nach“? Unseren Ängsten nachzugeben könnte also eine Lösung sein, die uns schließlich angstfrei leben lässt. Mehr zu diesem Ansatz nun im Artikel.

von Martina Pahr

„Angst ist kein angenehmes Gefühl – doch gewiss nicht unser Feind. Im Idealfall kann sie uns sogar zu Höchstleistungen und neuen Abenteuern anspornen!“

 

Sie ist die dunkle Wolke, die sich immer vor die Sonne des sorglosen Lebens drängt. Wir wissen aus Erfahrung, dass es keine Gewitterwolke ist – und dennoch denken wir, dass eines Tages doch ganz unvermittelt ein Blitz aus ihr hervorschießen und uns niederstrecken könnte. Angst lähmt uns – und gleichzeitig macht sie uns ruhelos. Wir wollen loslaufen, aber wir können keinen Muskel rühren. Oder aber wir wissen nicht wohin und rennen kopflos mal in die eine, mal die andere Richtung. Das Gefühl der Furcht weist auf eine realistische Gefahr hin, etwa den oft bemühten Säbelzahntiger, der unseren Vorfahren in der prähistorischen Steppe auflauerte und auf den wir noch heute instinktiv mit den biologischen Reflexen von Flucht oder Kampf reagieren. Die Angst dagegen sehr diffus – quasi ein Säbelzahntiger, den wir in unserem Kopf herumtragen und mit unseren Sorgen und Befürchtungen füttern. Angst braucht nicht einmal eine reale potentielle Gefahr, um uns in ihren Klauen festzuhalten. Wir haben in der Regel nicht Angst vor dem, was aktuell in unserem Leben existiert, sondern dem, was eventuell eintreten könnte, wenn… wenn wir uns selbständig machen, unsere Liebe gestehen, den Chef konfrontieren, alleine eine Reise machen, die Wohnung verlieren, vom Partner betrogen werden… Diese Art von Angst hindert uns daran, Neues auszuprobieren, ein Risiko einzugehen, unseren Träumen zu folgen – und letztendlich unser Leben mit ganzer Kraft und vollem Einsatz zu leben.

Achtsamkeit kann hier helfen. Zunächst einmal müssen wir lernen, unsere Gefühle überhaupt wahrzunehmen und sie zu unterscheiden. Diese Fähigkeit lässt sich üben. Und von der Unterteilung von Gefühlen in „gut“ und „schlecht“ könnten wir uns bei dieser Gelegenheit auch gleich verabschieden. Ist Angst denn immer nur etwas, das uns hindert – oder steckt in ihr auch etwas, das uns nützt? Autorin Vivian Dittmar schreibt: „Angst ist eine dunkle und mysteriöse Kraft, die sich uns erst dann erschließt, wenn wir uns auf sie einlassen. Angst ist wie der Tod. Durch sie sterben wir und werden neu geboren.“ Sie sieht in ihr eine Energie, die sich auch positiv einsetzen lässt: „Angst ist eine Schwelle, die das Bekannte vom Unbekannten trennt. Und Angst ist auch die Kraft, die uns über diese Schwelle tragen kann.“ Unsere Gesellschaft ist im Hinblick auf Angstvermeidung aufgebaut: Versicherungen erschaffen die Illusion, sie könnten uns vor Verlust oder Gefahr schützen, und unser angeborene Bedürfnis nach Neuem und Unbekannten wird mit Sicherheitsdenken verschüttet und durch Konsumverhalten ersetzt. So haben wir eine „Stiefbeziehung zur Angst“ entwickelt – und werden blind für die Kraft, die ebenfalls in ihr steckt und die unsere Bereitschaft herausfordert, uns auf neues Terrain zu begeben. Diese Bereitschaft kennen wir als Mut – und ohne Angst würde es sie nicht geben!

Die Angst vor der Angst ist immer größer als die Angst selbst. Wir spüren starke Gefühle und glauben, es mit einem Monster zu tun zu haben – doch wenn wir es näher anschauen, stellen wir fest, dass es im Grunde nur ein zitterndes Kätzchen ist, das friert. Die Angst, wie jedes als unangenehm empfundene Gefühl, verändert sich allein schon dann, wenn wir das Licht unserer Aufmerksam darauf richten, auch wenn es am Anfang schmerzen mag. Als die Australierin Brandon Bays Ende der 1990er an einem Tumor erkrankte, erkannte sie, dass sie sich ihren Ängsten stellen musste, um zur Heilung zu gelangen. Sie ging in ihre Gefühle hinein und durch sie hindurch, um am anderen Ende heil wieder herauszukommen. Dies hat sie in ihrem Ansatz „The Journey“ zur Methode gemacht: eine emotionale Reise ins eigene Unbewusste, die man alleine oder geführt antreten kann und während der Unverarbeitetes, alte Wunden und Blockaden emotional erfahren und so aufgelöst werden. Viele Ängste haben ihren Ursprung in einem Schlüsselerlebnis in der Kindheit. Wenn man diese Situation als Erwachsener neu durchlebt, kann man sie anders begreifen und sinnvoller mit ihr umgehen.

Erich Kästner stellte lakonisch fest, dass einer, der keine Angst habe, keine Phantasie besäße. Nietzsche nannte diese Phantasie der Angst jenen „bösen, äffischen Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springt, wenn er schon am schwersten zu tragen hat.“ Und so ist Angst ist auch ein Symptom der aktuellen kollektiven Verunsicherung in unserer Gesellschaft, wie Psychotherapeut Georg Pieper in seinem neuesten Werk feststellt. Bei einer generalisierten Angststörung ist Angst nicht auf unmittelbare Auslöser beschränkt; stattdessen erfahren wir unser soziales Sicherheits- und Kontrollbedürfnis als verletzt. Wir machen uns materielle Zukunftssorgen und reagieren auf die angespannte Weltlage mit einer negativen Erwartungshaltung, die von den Medien genährt und manipuliert wird. Der Trauma-Experte empfiehlt, diese Ängste nicht zu ignorieren, sondern stattdessen eine innere Kraft aufzubauen, die man der Angst entgegensetzen kann. Manchmal hilft es, mit Hilfe des Verstandes ein Risiko konkret abzuwägen und eine potentielle Gefahr richtig einschätzen zu lernen. Es kann helfen, sich über die Ängste auszutauschen, um ihnen ihren Stachel zu nehmen, und Medien klug zu nutzen. Das Unbekannte kennenzulernen und nach Möglichkeiten ins eigene Leben zu integrieren ist immer ein Königsweg. So könnte man der Flüchtlingswelle, die Angst vor der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung auslöst und von einigen Menschen in Vorurteile und Hass umgesetzt wird, mit Neugier auf die Ankommenden und einer Willkommenskultur begegnen.

Angst gedeiht nur im Dunkeln. Sie zermürbt uns – aber sie hat nur soviel Macht über uns, wie wir ihr zugestehen. Wir können uns dafür entscheiden, uns einen neuen, positiveren Umgang mit der Angst aneignen. Es gibt verschiedene Methoden, unser Denken zu beeinflussen, innere Gelassenheit zu finden und neue Optionen kennenzulernen, mit denen wir alte Verhaltensmuster ersetzen können. Erst einmal sollten wir dafür in Erfahrung bringen, was wirklich die Wurzel unserer Angst ist. Manchmal ist allein das schon ausreichend, um sie aufzulösen. Da Angst meistens lähmend wirkt, kann es unmittelbar befreiend wirken, etwas aktiv zu tun, um aus der Angststarre zu kommen. Ein anderer Ansatz wäre es, sich das Schlimmste vorzustellen, das passieren würde, wenn das einträfe, weswegen man sich ängstigt, und sich Optionen dafür zu überlegen: Wenn es wirklich so käme – was könnten wir dann tun, um dieser Situation zu begegnen? Da das Unbekannte am meisten ängstigt, hilft es auch oft, sich mit ihm vertraut zu machen: Ein unüberwindlicher Berg an Ungewissem kann so zu mehreren kleinen Hügeln von konkreten Herausforderungen zerlegt werden, die man durchaus bewältigen kann. Man kann auch lernen, Ängsten andere Gefühle entgegenzusetzen, die die Angst dann überwiegen, wie Fred Christmann in seinem Pocketcoach anregt: Freude oder Neugier, aber auch Ärger und Stolz können hier hilfreiche Energien zur Verfügung stellen.

Wer sich seinen Ängsten stellt, setzt damit unglaubliche Kräfte frei, die Selbstwertgefühl und Lebensfreude massiv stärken. So gesehen kann Angst ein Wegweiser zur inneren Freiheit sein: Wer sich selbst überwindet, erfährt am eigenen Leib, was alles möglich ist. Vielleicht könnten wir einmal die Angst als Freundin statt als Feindin betrachten. Angst muss keine Mauer sein, die einen Weg zur Sackgasse macht. Sie kann eine Tür sein, hinter der eine wundervolle Belohnung auf uns wartet. Sie kann das Ticket sein, dass wir bezahlen müssen, um zum Abenteuer unseres Lebens aufzubrechen.

Inspiration & Information:

Brandon Bays: „The Journey – Der Highway zur Seele.

Georg Pieper: „Die neuen Ängste und wie wir sie besiegen können“. Knaus Verlag

Fred Christmann: „Keine Angst vor Ängsten – dein Pocketcoach“. Schattauer Verlag

Vivian Dittmar: „Gefühle & Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung.“ edition est

 

Über Martina Pahr:

Als spirituelle Bloggerin und selbstständige Autorin gibt sie den Menschen ihre persönlichen Erfahrungen weiter.

www.martinapahr.de
www.besterblogderwelt.de

Ähnliche Beiträge

Kommentar schreiben