Germanen

von Lexikon

Germanen (lat. Germanus)

Die Bedeutung des Wortes „Germanen“ ist unklar, der Begriff kommt wahrscheinlich aus dem Keltischen. Heute Sammelbegriff fĂŒr die indoeurop. Völker, die um die Zeitenwende in Nord- und Mitteleuropa lebten. Einige Belege und Vermutungen legen nahe, dass bereits vor ĂŒber 10 000 Jahren Nordvölker hoch im Norden und auf Grönland lebten, als dieses eisfrei war (daher der Name: „grĂŒnes Land“). Die alten → Griechen nannten sie Hyperboreer. Den Namen „Germanen“ hat der griech. Geschichtsschreiber Poseidonios im Jahre 80 v.u.Z. erstmals genannt. Er reiste zu den → Kelten nach Großbritannien und kam auf seinem RĂŒckweg auch nach Kontinentaleuropa. Der röm. Geschichtsschreiber Tacitus benutzte und popularisierte diesen Begriff um ca. 80 n.u.Z. in seiner Geschichte der FrĂŒhzeit, der „Germania“, wieder und ĂŒbertrug ihn auf alle Ethnien nördlich des Mains.
Die german. Völker entwickelten sich etwa um 1000 v.u.Z. in SĂŒdskandinavien, DĂ€nemark und Norddeutschland aus der bronzezeitlichen Kultur des nord. Kreises, die wiederum auf die Ackerbau treibenden TrĂ€gern der Trichterbecherkultur (einer Kultur, die → Megalithbauten schuf) und idg. Streitaxtleute (auch Schnurkeramiker genannt) zurĂŒckging, welche als Reitervolk aus dem Osten aus dem Raum der Kurgankultur gekommen waren.
Um 500 v.u.Z. bildete sich aus einem idg. Urdialekt durch die german. Lautverschiebung die german. Ursprache, aus der spĂ€ter die idg. Sprachen (heute auch indoeurop. genannt, → Europa, Sprache) wie Deutsch, Engl., Norwegisch usw. entstanden.
Zu den Nordgermanen zĂ€hlen die skandinavischen StĂ€mme. Aus ihnen gingen spĂ€ter die DĂ€nen, Schweden, Norweger und IslĂ€nder hervor. Zu den Westgermanen zĂ€hlen die elbgerman. StĂ€mme (Sueben, heute Schwaben und Alemannen) Markomannen, Semnonen, Langobarden u.a. Nordseegerman. StĂ€mme waren u.a. Angeln, Warnen, Friesen und Sachsen. Zu den Rhein-Weser-StĂ€mmen gehören Cherusker, Bataver, Chatten, Ubier u.a., und zu den Ostgermanen sĂŒdlich der Ostsee ursprĂŒnglich die Goten, Wandalen, Burgunder u.v.a. Durch den Einfall der Hunnen aus den Steppen Asiens und die verstĂ€rkte Ausbreitung der slawischen Völker aus der osteurop. Tiefebene wurden die Ostgermanen immer weiter gen SĂŒden und Westen gedrĂ€ngt, wo sie in Konflikt mit den dort ansĂ€ssigen StĂ€mmen gerieten.
Wie die sĂŒdlichen und westlichen Keltenvölker hatten diese Völker keine eigene Schrift; diese entwickelte sich erst um ca. 100 v.u.Z. in Form des Runenalphabets (→ Runen). Ein einiges „germanisches Volk“ gab es nicht, und so ist auch das so genannte „dt.“ Volk, das sich ĂŒber die Jh. entwickelte, genetisch durchmischt mit allen möglichen Völkern aus verschiedenen Gebieten.
Germanische Glaubensvorstellungen
Auch die german. Glaubensformen waren nicht einheitlich; dennoch ging es stets um die Verehrung von NaturkrĂ€ften an besonderen Orten in der Natur (z.B. Quellopfer, Donareiche, → heilige Orte). So ist die Mythologie der NordeuropĂ€er durchsetzt von Riesen (Trollen), Elfen, Zwergen, Feen und anderen Naturgeistformen, die auch als personifizierte Gottheiten betrachtet wurden (→ Geister).
Felsbilder aus der Zeit ab 1000 v.u.Z. geben AlltĂ€gliches wie Wagen, PflĂŒge, Rinder, Fischfang und Jagd wieder. Aber auch kultische ZusammenhĂ€nge wie der → Tanz um einen „Pfahl mit BĂ€ndern“, LurenblĂ€ser und Prozessionen sind auf Felsen eingeritzt. Funde in Mooren, Seen, Brunnen und Quellen, Reste von hl. Hainen und Steinkreisen (→ heilige Orte, → Stonehenge) bezeugen die starke Verbindung der Menschen jener Zeit zu NaturkrĂ€ften und Naturgeistern. Die Gottheiten wohnten in den WĂ€ldern und GewĂ€ssern, nicht in GebĂ€uden oder Tempeln. Besondere Bedeutung hatten Quellen als die Orte, an denen das Leben spendende Wasser dem Schoß der Erdmutter entsprang (→ Holle, → Göttin). Funde von rituellen Mahlzeiten und vielfĂ€ltigen Opfergaben (→ Opfer) bezeugen das. Auch Tier- und Menschenopfer sind nachgewiesen.
Wichtigster Bezugspunkt im weltlichen wie im geistigen Leben war die Sonne. Das bestimmende „Drama“ im Leben der Nordvölker war das Verschwinden der Sonne im Winter, die mythologisch als Gefangenschaft gedeutet wurde. Durch → Opfer und → Rituale konnte die Sonne befreit werden. Ihre Wiederkehr wurde mit einem großen Fest gefeiert, bei dem das Feuer eine wichtige Rolle spielte (Wintersonnenwende, → Hexen). Der Verehrung der Sonne liegt kein personifizierter → Sonnenkult um einen spezifischen „Sonnengott“ zugrunde.
In der Kosmologie der nordgerman. Völker entstanden die Götter aus Licht, Dunkelheit, WĂ€rme und KĂ€lte und spiegelten damit die schwierigen Lebensbedingungen in Nordeuropa wider (→ GötterdĂ€mmerung). Aus dem Körper des von diesen ersten Göttern geschaffenen Riesen Ymir entstand die geordnete, dreigeteilte Welt mit der Weltenesche Yggdrasil als Zentrum (→ Weltenbaum).
Die „Ordnung des Himmels“ bei den nord. Völkern ist achtfĂ€ltig: Der Ursprung der Welt liegt im Osten, wird Alfadur, Gott des Urlichts, genannt und ist erfahrbar als „innere Sonne“. Diesem Urlicht entströmen (emanieren, → Gnosis) die drei KrĂ€fte von Odin (Wotan), Wili und We (die mit den drei hinduist. Göttern → Shiva, → Vishnu und → Brahma vergleichbar sind); ihr Wohnort ist → Asgard. Odin wurde um Weisheit angerufen, Wili um Liebe und We um die FĂ€higkeit zur Unterscheidung zwischen Licht und Dunkelheit, entsprechend dem chines. → Yin und Yang.
Helheim im Westen ist die Heimat von Hel mit ihren drei Nornen (→ Holle). Im Norden ist die Welt der → Geisttiere und im SĂŒden die Welt der Pflanzengeister angesiedelt. Die Naturgeister (→ Geister) leben in den Zwischenwelten. Im SĂŒdosten liegt Niflheim, der Ort der Zwerge, die zur Entwicklung von Kultur und Technologie bei den Menschen beitragen. Im Nordosten wiederum liegt Jotunheim, die Welt der Riesen und Trolle, die verantwortlich fĂŒr den Zusammenhalt der NaturkrĂ€fte, der Harmonie von Wind, Wasser und Vulkanen sind. Im SĂŒdwesten findet man Wanaheim, wo die Feen und Riesengestalten wohnen, die auf unmĂ€ĂŸige WĂŒnsche eingehen; im Nordwesten, in Muspelheim, leben die Elfen, weibliche, kleine Wesen der Nacht, die fĂŒr Freude und Lust sorgen.
In der Mitte dieses spirituellen Kosmos liegt die Midgardschlange aufgerollt, die Heimat des Menschen in seiner irdischen Form, der zwischen den Tiergeistern und den Pflanzengeistern lebt und diese vereinen muss. Die aufgerollte Schlange steht in vielen Kulturen als Sinnbild fĂŒr Fruchtbarkeit und Lebenskraft, griech. → Ouroboros genannt. Der Zutritt zum Wissen der Anderswelten erfolgt durch verĂ€nderte → BewusstseinszustĂ€nde, die von den nord. Völkern nicht nur durch alkoholische GetrĂ€nke, sondern auch durch → psychoaktive Pflanzen wie Fliegenpilze und psilocybinhaltige Pilze erlangt wurden. Besonders der Fliegenpilz soll die Wahrnehmung der „kleinen Leute“ erleichtern.

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