Bewusstseinszustände

„Ein Bewusstseinszustand ist etwas Dynamisches. In Einzelheiten verändert er sich ständig, wobei das übergreifende Muster aber immer erkennbar bleibt. … Ein Bewusstseinszustand ist dann ein veränderter Bewusstseinszustand, wenn er sich deutlich von einem Normalzustand unterscheidet“ (Charles Tart 1988, 21).
Die traditionelle Sichtweise der Psychologie vertritt die Auffassung, dass nur ein begrenztes Spektrum von Zuständen existiert wie Wachen, Schlafen, Träumen (→ Traum) und Intoxikation (→ Halluzination). Sie betrachtet nahezu alle veränderten Zustände als schädlich, wobei die so genannte Normalität als optimal gilt (diese Auffassung kommt aus der Psychiatrie, die hauptsächlich mit krankhaften Zuständen wie Psychosen zu tun hat). Demgegenüber gehen die → transpersonale Psychologie und die (progressive) Gehirnforschung davon aus, dass ein breites Spektrum veränderter Bewusstseinszustände existiert, und halten einige Zustände für „potenziell nützlich“. Für spirituelle Denkansätze ist das Erlangen veränderter Bewusstseinszustände über das alltägliche Wachbewusstsein hinaus – wenigstens zeitweise – durchaus ein Erfahrungswert mit weit reichenden Konsequenzen für das ganze Leben.
Bewusstseinserweiterung bezeichnet den Vorgang, den Zugang zum Potenzial des eigenen Bewusstseins zu erweitern. Die Filter, die notwendig sind, um im Alltagsleben bestehen zu können, werden verschoben, um einen neuen Blickwinkel zu erhalten, der es ermöglicht, andere Bereiche des Bewusstseinsfeldes zu betreten.
Nach der Auffassung einiger Forscher ist das Bewusstsein nicht außerhalb des Menschen: Er ist im Bewusstsein, und das Bewusstsein ist in ihm. Die Art des Seins findet auch ihren Ausdruck im jeweiligen → Bewusstseinsfeld des Menschen. Das, was ein Mensch erfährt und erkennt, wenn er die nicht alltäglichen Welten des Bewusstseins betritt, steht immer in Beziehung zu ihm, ist ein Teil seiner selbst. Dieses Wissen ist nicht nur in schamanischen Kulturen verankert, sondern bildet auch einen Teil des abendländischen Kulturerbes jüngerer Zeit: Schon J.W. v. Goethe erkannte: „Wäre nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?“ Goethe verdanken wir auch die uns heute sehr geläufige, fast lapidar anmutende Erkenntnis: „Wie innen, so außen, wie außen so innen.“
Die heute noch im Kontext des → Schamanismus lebenden Gemeinschaften bewahren das Wissen um das Prinzip der gegenseitigen Erhaltung innerhalb der Vernetzung der Welten, der Verbundenheit des Innen mit dem Außen.
Bewusstseinsverändernde Techniken in schamanischen → Ritualen dienen der fortwährenden Erneuerung und Belebung dieser Vernetzung der Welten. So ist es möglich, Erkenntnisse aus den Welten des nichtalltäglichen Bewusstseins ins alltägliche Bewusstsein willentlich zu integrieren. Die Welten sind dort nicht voneinander getrennt, werden aber als voneinander verschieden erkannt und behandelt.
Mehrere Bewusstseinszustände lassen sich unterscheiden und voneinander abgrenzen:
1. Schlafzustand, Tiefschlaf. Gehirnwellenmessungen zeichnen dabei Delta-Wellen (1-3 Hz) auf.
2. → Wachbewusstseinszustand. Notwendig für alltägliche Routineaktivitäten, relativ automatisiert. Ausdruck in Beta-Wellen (16-32 Hz) oder in entspanntem Zustand in Alpha-Wellen (8-16 Hz), die auch während einer → Hypnose auftreten.
3. Verändertes Wachbewusstsein. Dazu zählen: a) Traumzustand (→ Traum) mit lebhaften Gehirnaktivitäten, REM-Phasen, meistens Theta-Wellen (3-8 Hz); b) → außerkörperliche Erfahrung (AKE); c) → Nahtoderfahrung; d) → Visionserfahrung und → Trance (→ Schamanismus); → psychedelische Erfahrung (die auch zur überbewussten Erfahrung werden kann).
4. Überbewusste Erfahrungen. Dazu zählen: Mystische Zustände (→ Mystik), → kosmisches Bewusstsein, → Satori, → Samadhi
Bewusstseinszustände sind in einigen, eher asketischen spirituellen Philosophien „Gnaden“ oder „Geschenke“, die den Menschen für den weiteren Weg motivieren, sie sind jedoch nicht das Ziel der Arbeit oder eines Weges. Besonders der → Sufismus unterscheidet sich hier von anderen mystischen Lehren. „Die Stufe (makam) ist ein Grad bleibenden Wissens von der Wahrheit“, bemerkt Idries → Shah dazu. „Der mystische Zustand (Ekstase, hal) kann ein Mittel sein, makam zu erzeugen. Hal ist ein Geschenk, makam eine Errungenschaft.“ (Idries Shah 1976, 228)
Man sollte allerdings nicht so weit gehen, einen höheren Bewusstseinszustand, kosmisches Bewusstsein usw. gänzlich zu vernachlässigen, wie es manche spirituelle Lehren vertreten. Im indischen Denken ist es sogar das Ziel, eine Transformation zu vollziehen, durch die ein Mensch dauerhaft in diesem spiritualisierten Zustand verweilen kann. Dennoch: Auch dieser Mensch unterliegt materiellen Bedingungen und schwankenden Bewusstseinszuständen, seine Verwirklichung als „geistiger“ Mensch, die Manifestation des kosmischen Willens durch seine → Seele kann jedoch ständig fließen. In diesem Falle ist sein Körper durch die „supramentale“ Kraft (Sri → Aurobindo) spiritualisiert und „auf eine höhere Seinsebene gehoben“.

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