Magie

von Lexikon

„Der menschliche Wille wird durch die TĂ€tigkeit entwickelt und gestĂ€rkt. Um wahrhaft zu wollen, muss man handeln; die Tat beherrscht die TrĂ€gheit immer und reißt sie mit sich fort. … Wissen, wagen, wollen und schweigen sind die vier → kabbalistischen Worte, die den vier Buchstaben des Tetragramms (JHWH) entsprechen.“ (Eliphas → Levi, 1966, 162)

Wenn man heute von Magie spricht, werden damit oft geheimnisvolle → Rituale assoziiert, in denen bei Kerzenlicht mit unverstĂ€ndlichen Wörtern (→ Mantra) → Geister angerufen werden. Das Anrufen und die Materialisation von Geistwesen, der mediumistische Kontakt mit Verstorbenen, → Besessenheit und → Trance (→ Channeling) sowie andere rituelle Zeremonien sind magische Praktiken. Im Gegensatz dazu arbeiten ZauberkĂŒnstler, die auch Magier genannt werden, eindeutig mit Tricks, die – obwohl man weiß, dass es solche sind – die Zuschauer immer wieder verblĂŒffen. Gerade deshalb sind die Grenzen von Zaubertricks zu Tricks mit magischen Praktiken hĂ€ufig fließend.
Viele ungewöhnliche parapsychologische PhĂ€nomene (→ Parapsychologie) lassen sich naturwissenschaftlich erklĂ€ren. Durch gezielte Übungen (oder mit Hilfe von → psychoaktiven Substanzen) lassen sich leicht → Halluzinationen hervorrufen. Es ist aber auch möglich, diese nach außen zu projizieren. Auch akustische Halluzinationen, Stimmen oder GerĂ€usche lassen sich produzieren. Ein bekanntes Beispiel ist das Bauchreden, das zwar einiger Übung bedarf, aber durchaus verblĂŒffend wirkt. Bei vielen Menschen mit starkem Vorstellungsvermögen kann lebhaftes inneres Denken in leises FlĂŒstern oder sogar in lautes Sprechen ĂŒbergehen, wenn bestimmte Körpergebiete dabei einbezogen werden; dieses PhĂ€nomen kommt im → Channeling hĂ€ufig vor. Da optische Halluzinationen sehr stark sein können, wird oft von KĂŒnstlern mit diesem Vermögen berichtet, sie hĂ€tten ihre Bilder so lebhaft vor Augen gesehen, dass sie Besucher, die zwischen ihnen und den halluzinierten Bildern traten, baten, beiseite zu treten.
Umgekehrt können starke Vorstellungen auch zu Heilungszwecken eingesetzt werden. Aus den Untersuchungen der Psychoneuroimmunologie wissen wir, dass durch Einbildung psychosomatische Krankheiten genauso entstehen können wie Heilung durch positive Aktivierung des Immunsystems. In einem „mystischen“ Setting bei einer spiritistischen SĂ©ance besteht eine gewisse intensive Beziehung zwischen den Anwesenden, sodass halluzinatorische Übertragungen durchaus möglich sind.
Traditionell werden mit dem Wort Magie unterschiedliche Lehren verschiedener Kulturen bezeichnet, die die Natur als magischen Organismus begreifen, welcher wie in schamanischen Glaubensvorstellungen „beseelt“ ist (→ Schamanismus) und dessen Teile eng verwoben sind. Das griech.-lat. Wort magi bezeichnet ursprĂŒnglich Mitglieder einer medischen Priesterkaste („die Weisen aus dem Morgenland“) und wird spĂ€ter mit Zauberei gleichgesetzt. Der klassische Magier – in den meisten FĂ€llen auch Heiler (→ Geistheilung) – versucht durch die Kenntnisse der Natur, des Menschen und ihrer gemeinsamen Gesetze auf die → Elemente einzuwirken.
In der westlichen → Esoterik entwickelte sich die ursprĂŒngliche Naturmagie ĂŒber die → Alchemie zu einer rituellen Magie, die ein mystisches (→ Mystik) oder transzendentales (→ Transzendenz) Erlebnis zum Ziel hat. So sagt einer der einflussreichsten Magier des 19. Jh., Eliphas → Levi: „Den KrĂ€ften der Natur nachgeben heißt dem Strom des allgemeinen Lebens folgen, heißt Sklave von NebensĂ€chlichem sein. Der Natur widerstehen und sie bĂ€ndigen, heißt sich ein persönliches und unvergĂ€ngliches Leben schaffen und sich von den WechselfĂ€llen des Lebens und vom Tode zu befreien“ (Eliphas Levi 1981, 88). FĂŒr einen echten Magier hĂ€lt er vier Dinge fĂŒr unerlĂ€sslich: „Durch Übung erleuchtete Intelligenz, unerschĂŒtterlicher Mut, unbeugsamer Wille und unbedingte Verschwiegenheit.“ (Eliphas Levi 1981, 84)
Man kann einen Magier im Allgemeinen folgendermaßen definieren:
1. Der Magier hat Anteil an einer besonderen Kraft,
2. er manipuliert diese Kraft, und
3. die Handlung findet sowohl in der gewöhnlichen als auch in der nichtgewöhnlichen Wirklichkeit statt.
Um die KrĂ€fte der natĂŒrlichen wie geistigen Welt zu nutzen, werden → Beschwörungen, → Rituale und innere Übungen ausgefĂŒhrt. FĂŒr die Magier haben Buchstaben und Worte (Laute) bestimmte Eigenschaften. Sie werden zum → Mantra, d.h. sie vibrieren und erhalten daher eine beschwörende Kraft. Kombiniert man sie mit magischen Verfahren bzw. Ritualen, so ergibt sich eine kosmisch-evokative Wirkung, mit der man → Engel und → DĂ€monen anrufen kann. → Magische Symbole, → Farben, → Zahlen, Musik, Kleidung usw. haben in magischen Ritualen die wichtige Funktion, innere Archetypen und Erinnerungen auszulösen oder als Code mikro- und makrokosmische Entsprechungen hervorzurufen.
Meistens wird der Übertritt der Teilnehmer am magischen Ritual in eine andere Wirklichkeit ĂŒber eine körperliche VerĂ€nderung erreicht, in der die Grenzen zwischen der natĂŒrlichen und geistigen Welt aufgehoben sind. Bei vielen Stammesvölkern und Schamanen werden dazu → psychoaktive, „hl.“ Pflanzen wie Hanf (Cannabis), Datura, Fliegenpilze, → Ayahuasca und Kakteen (Peyotl) und Pilze benutzt, aber auch → Trancetechniken, die durch Singen, Trommeln, → Tanz und andere Methoden induziert werden. In verĂ€nderten → BewusstseinszustĂ€nden kommen die Teilnehmer mit KrĂ€ften in BerĂŒhrung, die außerhalb des alltĂ€glichen Bewusstseins liegen. In den meisten FĂ€llen ist das magische Ritual ein ekstatisches Erlebnis, das Erkenntnisse vermittelt, welche selten im normalen Bewusstseinszustand erlangt werden.
In der jĂŒdisch-christl. Überlieferung wurde eine deutliche Trennung von „schwarzer“ Magie und religiösen Ritualen vollzogen. Diese Trennung basiert auf dem → manichĂ€isch-gnostischen Dualismus von Gut und Böse bzw. dem Kampf der KrĂ€fte des Lichts mit den KrĂ€ften der Dunkelheit. In diesem VerstĂ€ndnis sind die in magischen Ritualen manipulierten KrĂ€fte die des Bösen – daher die Bezeichnung „schwarze“ Magie, womit auch die mittelalterliche Hexenverfolgung gerechtfertigt wurde (→ Hexen). Heute versteht man unter schwarzer Magie im Wesentlichen vielmehr die geistige Einwirkung auf Ereignisse, die zu materiellem Erfolg fĂŒhren oder andere Menschen ohne deren EinverstĂ€ndnis beeinflussen oder ihnen auch mit Absicht schaden sollen. WĂŒrde man diesen Gedanken z.B. auf die Werbung oder die Waffenproduktion ausdehnen, so könnte man eine solche Art der Beeinflussung durchaus auch als „schwarze Magie“ einstufen.
„Gerade die Frage des → Willens ist es, wodurch sich Magie von der → Mystik und den Ritualen der Weltreligionen unterscheidet. Anders als der Mystiker oder glĂ€ubige AnhĂ€nger einer → Religion schöpft der Magier weniger aus der Hoffnung auf Gnade, die von Gott gewĂ€hrt wird, als aus dem Glauben oder sogar Wissen, dass man das eigene Bewusstsein durch Magie willentlich verĂ€ndern kann, dass also die Götter oder Geister auf bestimmte rituelle Verfahren reagieren werden.“ (Nevill Drury 2004, 7)
Der Grundgedanke der Magie, dass nĂ€mlich gewisse feinstoffliche KrĂ€fte manipulierbar seien, fĂŒhrte parallel zur Entwicklung der → Alchemie, wo diese KrĂ€fte dann mit den Sternen oder der Natur gleichgesetzt wurden. Paracelsus (1493-1541), Agrippa von Nettesheim (1486-1535), Albertus Magnus (um 1200-1280), Robert Fludd (1574-1637), John Dee (1527-1608) und andere Gelehrte des Mittelalters wurden noch mit Hochachtung als „SchwarzkĂŒnstler“ bezeichnet. Durch die kirchliche Verfolgung aller naturmagischen Tendenzen der schwarzen Kunst – dies der Begriff fĂŒr die mittelalterliche Naturwissenschaft und Heilkunde aufgrund ihrer schwarz eingebundenen BĂŒcher – wurde dieses Wissen als „Hexenkunst“ verteufelt. Zu Beginn der Neuzeit verstand man unter schwarzer Magie zumeist die heidnischen und naturreligiösen Praktiken und Rituale, insbesondere der Hebammen (→ Hexen), KrĂ€uterheiler, Kabbalisten (→ Kabbala) und Alchemisten (→ Alchemie).
Magie war (und ist) eine Konkurrenz fĂŒr die institutionellen Religionen, denn beide sind nur mit MĂŒhe auseinander zu halten: Beide benutzen Rituale, die den GlĂ€ubigen ehrfurchtsvoll dem Numinosen (dem „Unbegreiflichen“) oder den Göttern annĂ€hern sollen. Die Verfolgung von → Hexen wurde meistens damit begrĂŒndet, dass diese Analogzauber ausĂŒbten, also durch Entsprechungen (z.B. das Blut eines schwarzen Hahns sollte gegen bösartige Krankheiten wirken), und sich so „göttliche KrĂ€fte“ aneigneten. Agrippa von Nettesheim, ein berĂŒhmter Gelehrter der Rechte, Medizin und Philosophie, verteidigte deshalb auch angeklagte Hexen. Er bestritt dabei, dass „ein altes nĂ€rrisches Weib“ tatsĂ€chlich magisch auf die Natur einwirken könne. Von Nettesheim wollte damit seine eigenen aufklĂ€rerischen Absichten bestĂ€rken; seiner Meinung nach konnte nur ein Gebildeter Magie ausĂŒben. Die Philosophen der AufklĂ€rung unterstĂŒtzten direkt oder indirekt die Inquisition, da sie die Naturmagie als hinderlich fĂŒr den wissenschaftlichen Fortschritt betrachteten, obwohl natĂŒrlich ihre Kenntnisse besonders in den aufblĂŒhenden Naturwissenschaften genutzt wurden. So fĂŒhrte im Laufe der SĂ€kularisierung der Welt die magische Wissenschaft zur Grundlage der experimentellen Naturwissenschaft.
Sehr hĂ€ufig werden Satanismus bzw. „Teufelsanbetung“ (→ Teufel) mit dem Studium der Magie in einen Topf geworfen, auch wenn diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun haben. Der Glaube an die Schöpferkraft → Satans geht auf die gnostische Vorstellung vom → Demiurgen, dem Schöpfergott Satanel, zurĂŒck (→ Engel, → Gnosis). Satan (manchmal mit „Widersacher“ ĂŒbersetzt, ein Begriff, der auf kabbalistischer Zahlenmystik basiert) war der Herr der Äonen (→ Engel oder Emanationen Gottes). Ähnlich wie Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und dafĂŒr an einen Felsen geschmiedet wurde, fiel Satan angeblich in Ungnade, weil er aus eigener Schöpferkraft handelte. Satan wird in manchen Überlieferungen mit dem Lichtbringer Heosphoros oder Phosphoros (dt. Luzifer) gleichgesetzt, einem der griech. Götter, dem personifizierten Morgenstern und Aufseher ĂŒber das Sternenheer. Dass aus dem Lichtbringer Luzifer ein Synonym fĂŒr → Teufel werden konnte, hat sicherlich kulturelle GrĂŒnde. Manche Gnostiker halten auch Jehova, den jĂŒdischen Gott, fĂŒr einen gefallenen Demiurgen, dessen SchwĂ€chen Eifersucht, Rachsucht und Zorn ihn disqualifizierten (→ Gnosis, → Kabbala).
Man kann sagen, dass die immer wieder geschĂŒrte Angst vor dem Satanischen im Wesentlichen eine Erfindung der katholischen Kirche ist. SelbstverstĂ€ndlich ist ein menschenverachtender und gewalttĂ€tiger, nihilistischer Satanismus abzulehnen und er begegnet auch eher in Imitationszirkeln ohne wirkliches Wissen um seine Bedeutung; doch diese haben in der allgemeinen magischen Szene nur eine winzige Randbedeutung. TatsĂ€chlich propagieren die fĂŒhrenden Satanismusgruppen wie die Church of Satan oder Temple of Set eher einen toleranten Liberalismus.
Wer sich auf den magischen Weg begibt, muss lernen, mit Symbolsystemen zu arbeiten (→ Magische Symbole und Objekte). Es gibt viele ZugĂ€nge zum außergewöhnlichen Bewusstsein, und jeder Sucher findet hier eigene Formen. Symbole an sich enthalten keine Wirklichkeit, sie sind nur Formen eines kollektiven Glaubens und Katalysatoren fĂŒr eine andere Welt. Magisch ausgedrĂŒckt, nimmt der Esoteriker diese Symbole und macht sie, nachdem er sie verĂ€ußerlicht hat, zu EingĂ€ngen in eine andere, innere Wirklichkeit. Wird das Symbol energetisch aufgeladen, so kann es zum Fokus fĂŒr das Bewusstsein des Übenden werden. Diese Symbolarbeit wird auch beim Reiki eingesetzt, das ansonsten nicht mit Magie in Verbindung gebracht wird.
Die jĂŒdische → Kabbala ist die verbindende Sprache aller westlichen Magiker. Sie kam ĂŒber verschiedene Wege nach Europa. Giovanni Pico della Mirandola verband sie mit der alexandrinischen Geheimwisenschaft (oder → Esoterik). Agrippa von Nettesheim systematisierte sie in seinen Werken „Über die geheime Philosophie“ und „Magische Werke“. Ein anderer Zweig der Rezeption fĂŒhrt ĂŒber die spanischen Kabbalisten, von denen Moses Cordovero (1522-1570) der bekannteste ist. Die EnglĂ€nder John Dee (1527-1608) und Robert Fludd (1574-1637) verbanden alchemistische, magische und kabbalistische Elemente. Ihre Werke ĂŒbten großen Einfluss auf die → Rosenkreuzer aus und wurden spĂ€ter zur Grundlage des magischen Ordens Golden Dawn (→ Crowley, Aleister). Es gibt eine Menge Querverbindungen und Befruchtungen innerhalb der unterschiedlichen Geheimgesellschaften.
Ein wirklicher Magier ist ein Mensch, der sich selbst verwirklicht hat, im Sinne der Tarotkarte (→ Tarot) „Der Magier“. Er muss in der Lage sein, Menschen zur MĂŒndigkeit und Selbstverantwortung zu fĂŒhren. Das wĂ€re ein brauchbares Kriterium fĂŒr die heutige Zeit.

0 Kommentar

Ähnliche BeitrĂ€ge