Einleitung


„Wenn die Pforten der Wahrnehmung gelĂ€utert wĂŒrden, wĂŒrde jedes Ding dem Menschen erscheinen, wie es ist, unendlich. Denn der Mensch hat sich selbst eingeschlossen, bis er alle Dinge nur mehr durch schmale Ritzen seiner Höhle sieht.“

William Blake (1757-1827)

Wir befinden uns heute im 21. Jahrhundert in einer einzigartigen Situation: Noch nie hat die Menschheit einen so umfassenden globalen Überblick auf allen Ebenen menschlicher AktivitĂ€ten gehabt, seien es nun soziologisch-politische, historische, religiöse oder spirituelle Ereignisse. RĂ€umlich wie zeitlich, horizontal und vertikal stehen wir an einem Koordinatenkreuz unterschiedlichster EinflĂŒsse und Informationen. Das „Lexikon der SpiritualitĂ€t“ ist deshalb ein notwendiges Nachschlagewerk als Überblick zu den kaum noch ĂŒberschaubaren Lehren, Richtungen und Techniken im spirituellen Bereich.

Ein „Lexikon der SpiritualitĂ€t“ beschĂ€ftigt sich mit „spirituellen“ Philosophien und Methoden, d.h. nicht mit Religionen, Religionswissenschaft oder Theologie. Es grenzt sich in vieler Hinsicht auch ab vom „Okkultismus“, den so genannten Geheimwissenschaften, und auch dem, was heute unter dem PopulĂ€rbegriff der „Esoterik“ bis in die Wellness-Magazine vorgedrungen ist. SelbstverstĂ€ndlich gibt es, kann es hier keine klaren Abgrenzungen geben, weil viele dieser Gebiete sich ĂŒberlappen. Ein Lexikon der SpiritualitĂ€t im 21. Jahrhundert sollte aber auch die neueren Entwicklungen der Philosophie, der Geisteswissenschaften, der Psychologie und Neurobiologie berĂŒcksichtigen. Seit dem Aufkommen der „neuen SpiritualitĂ€t“, all der geistigen Strömungen von Theosophie ĂŒber humanistische Psychologie bis hin zu den schnellen Forschungsentwicklungen auf allen Gebieten, von der ArchĂ€ologie ĂŒber die Ethnologie bis hin zur Quantenphysik und Chaostheorie hat sich die Sprache und das Weltbild der Menschen heute, die ĂŒber den „Sinn des Lebens“ nachdenken, grundlegend verĂ€ndert.

Unsere heutige Zeit enthĂ€lt in gedrĂ€ngter Form wie in einem Zeitraffer die Weisheit, Kraft und Entscheidungsproblematik vieler vergangener und zukĂŒnftiger Jahrhunderte. WĂ€hrend noch vor 100 Jahren die westliche Zivilisation, geprĂ€gt vom Christentum, alle anderen Religionen oder spirituellen Aspirationen als minderwertig erachtete, wird es heute immer deutlicher, dass dieses Christentum keinerlei ĂŒbergeordnete Stellung einnimmt, sondern mit vielen anderen spirituellen Lehren, Ideen und Religionen im Wettbewerb steht. Leider wird von manchen leitenden Vertretern christlicher Konfessionen dies nicht als fruchtbar und befruchtend angesehen, sondern als etwas „GefĂ€hrliches“. Doch nicht nur im Christentum ist das der Fall; es trifft in Ă€hnlicher Weise auf alle institutionalisierten Religionen zu, bei denen der Fundamentalismus eher zu als abnimmt. Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft sind in einem extremen Umbruch, so dass die Menschen lieber ihren geistigen Halt in unbeweglichen GlaubenssĂ€tzen suchen, statt eigene spirituelle Erfahrungen zu machen.

Dennoch bewegt sich etwas, insbesondere in Europa. Viele Menschen sind es leid, in Dogmen gefangen zu sein. Angesichts der Vielfalt an geistigen Strömungen, der Vielfalt an Informationen, muss man schon eine sehr eingeschrĂ€nkte Wahrnehmung haben, um den eigenen Glauben oder die eigene Erfahrung fĂŒr ĂŒberragender zu halten als andere. Das ist auch ein Grund fĂŒr dieses Lexikon, das dazu beitragen kann, ĂŒber die vielen ZĂ€une zu blicken, die den Blick fĂŒr eine „weltoffene“ Sicht behindern – oder die Leserin, den Leser vielleicht sogar anregen, durch manche TĂŒr im Zaun zu gehen.
In Zeiten des Internet, wo unzĂ€hlige Informationen zu allem, was es gibt, durch einen Mausklick zugĂ€nglich sind, kann dieses Lexikon ein wichtiges Nachschlagewerk und eine Hilfe sein, um die eigene Suche zu strukturieren und viele verstreute Dinge in einem grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang zu sehen. Hinzu kommt, dass viele Informationen zu spirituellen Themen auf den meisten Websites recht vereinfacht dargestellt werden, so dass die Essenz eines Themas kaum durchscheint. In diesem Lexikon, das eine Art „Spirit-Wiki“ sein kann, gibt es viele Querverweise und Stichwörter als Hyperlinks, so dass sich die Idee wie ein umfangreiches Puzzle zu einer ganzheitlichen Schau zusammenfĂŒgen können. Dieses Lexikon will jedoch nicht nur ein Spektrum von Information und Wissen darstellen. Gerade wer sich mit spirituellen Ideen und Philosophien beschĂ€ftigt, versucht die Dinge tiefer zu ergrĂŒnden, versucht Verbindungen und ZusammenhĂ€nge zu erkennen und HintergrĂŒnde zu verstehen, um vielleicht Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens im Allgemeinen und zum Sinn des eigenen, persönlichen Lebens zu finden. Daher bieten viele EintrĂ€ge in diesem Lexikon ĂŒber die bloße Informationssammlung hinaus ErklĂ€rungs- oder Verstehensmodelle, die anregen sollen, das jeweilige Thema in vielen Facetten selbst weiter zu ergrĂŒnden und verstehen zu können.

Einer meiner Lehrer, John G. Bennett, sagte einmal: „Wenn eine Anzahl ganz verschiedener Ansichten und Meinungen aufrichtig von Menschen vertreten werden, ist es ein Fehler, einige Ansichten fĂŒr wahr, andere fĂŒr falsch zu halten. Es ist sogar ein großer Fehler. Es bedeutet gewöhnlich, dass niemand imstande ist, weit genug zu sehen und jeder eine Teilwahrheit fĂŒr die ganze Wahrheit hĂ€lt.“ Dieser Gedanke ist ein Anlass fĂŒr dieses Buch. Es soll hier aus unterschiedlichen Wegen und spirituellen Traditionen der Welt eine Auswahl an Ideen, Informationen und BĂŒchern vorgestellt werden, die dazu beitragen können, das Bewusstsein des Lesers zu erweitern.

Lehren, Philosophien, Vorstellungen sind auch Methoden, keine fest gefĂŒgten Weltanschauungen oder Dogmatismen. Das griechische Wort Methode bedeutet etwa „das Nachgehen, der Weg zu etwas hin“. Im Zen sagt man: „Lehren können nur der Finger sein, der auf den Mond deutet, doch er ist nicht der Mond selbst.“ In unserem wissenschaftlichen Zeitalter muss, so meine ich, auch die spirituelle Methode einer gewissen kritischen PrĂŒfung standhalten können. Nur weil viele von uns (noch) nicht die FĂ€higkeit ĂŒbersinnlicher Wahrnehmung haben, mĂŒssen wir alles akzeptieren, was sich mit dem Etikett „spiritueller Weg“ oder „esoterische Lehre“ schmĂŒckt. SelbstverstĂ€ndlich muss man sich ganz auf eine Sache einlassen, ihre Wirkung erfahren, um ein Urteil abgeben zu können. Doch halte ich es nicht mehr fĂŒr angebracht, die Vernunft an der EingangstĂŒr abzugeben.

Durch das große Angebot an Ideen und geistigen Lehren hindurch zu finden, ist selbst fĂŒr belesene, erfahrene und informierte Menschen schwierig. Gerade das Thema „SpiritualitĂ€t“ oder „andere Wirklichkeiten“ ist so komplex und umfangreich und schwer zu beurteilen, weil es in vielen FĂ€llen nicht unmittelbar ĂŒberprĂŒfbar oder erfahrbar ist. Sehr hĂ€ufig kommt es auch vor, dass Sie ein Gebiet besonders gut kennen, dafĂŒr andere Gebiete bisher nur gestreift oder ganz ausgelassen haben. Mein Rat ist: Das eigene Wissen oder die Fundierung in einem Gebiet kann verbessert und befruchtet werden, wenn man es wagt, ĂŒber den „Zaun“ zu blicken, sich mit Themen zu beschĂ€ftigen, die anfangs völlig fremd sind. Ein solcher interdisziplinĂ€rer und interkultureller Forschergeist soll durch dieses Lexikon angeregt werden. Ich bin ĂŒberzeugt, dass es möglich ist, eine Zusammenschau zu erreichen, die einen ideologiefreien Zugang zum Reichtum der geistigen Welt fördert.

Ich bitte Sie VerstĂ€ndnis dafĂŒr aufzubringen, dass bestimmte Lehren, Ideen, geistige Lehrer oder Lehrerinnen, die eine oder andere Richtung, die Sie gerade interessieren, entweder nur kurz, vielleicht nur am Rande oder ĂŒberhaupt nicht erwĂ€hnt werden. Bei manchen Wegen, die heute immer populĂ€rer werden wie z.B. der Buddhismus, gibt es inzwischen eine große Zahl von Lehrerinnen und Lehrern bzw. spirituelle Leiter. Die NamenseintrĂ€ge wurden auf Personen beschrĂ€nkt, die historisch fĂŒr die Geistesgeschichte der SpiritualitĂ€t immer noch eine Bedeutung haben, die entweder besondere Philosophien in die Welt gebracht haben oder auf die heute noch bedeutende oder grĂ¶ĂŸere Schulen oder Organisationen zurĂŒckgehen bzw. noch von ihnen geleitet werden.

Der Grund dafĂŒr ist einsichtig: auf Ihrer spirituellen Suche werden Sie wahrscheinlich zuerst einmal auf diese Namen stoßen und etwas darĂŒber wissen wollen. Wenn eine dieser Personen nicht mehr lebt, aber eine bestimmte Richtung begrĂŒndet hat, dann erfahren Sie so den geistigen Grund auf dem eine oder einer seiner Nachfolger steht. Ob dieser die Lehre kreativ weiterentwickelt oder der ursprĂŒnglichen Gedankenwelt noch folgt, mĂŒssen sie selbst herausfinden. Es wĂ€re fĂŒr den Autor dieses Lexikons auch unmöglich, alle persönlich zu kennen, um ein Urteil abzugeben.

Vollkommenheit ist niemals vollstĂ€ndig, es gibt immer Dinge und Ideen, die dem einen viel bedeuten, dem anderen weniger. Wenn Sie ein Stichwort vermissen und es mit wesentlichen Informationen fĂŒllen können, sind wir gerne bereit, ihren Beitrag nach unserer PrĂŒfung aufzunehmen.
Es ist mir wichtig, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, den Geist der Uni

versalitĂ€t und Ganzheitlichkeit in diesem Lexikon spĂŒren, was Sie bestimmt dafĂŒr entschĂ€digt, dass gerade Ihr Lieblingsthema vielleicht nicht die Beachtung erhalten hat, die es verdient hĂ€tte.
Ungewöhnlich an diesem Lexikon ist vielleicht auch, dass es ĂŒber reine Informationen hinaus auch viele Gedanken und Begriffe kommentiert oder auf neue Weise darstellt. Dahinter steht die Absicht, Ihnen die Anregung zu geben, das jeweilige Thema selbst tiefer oder kritischer zu erforschen. Das Lexikon soll ĂŒber seinen bloßen Gebrauchswert hinaus auch eine Methode sein, einen Weg durch das Labyrinth vielfĂ€ltiger, verwobener spiritueller Ideen zu finden.

Ihr Bruno Martin

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talmud 26. November 2011 - 14:28

Talmud – Name…

Der Talmud ist eine der wichtigsten Werke des Judentums, man kann sogar sagen, er sei eine der SĂ€ulen des Judentums, wenngleich seine Bedeutung fĂŒr das……

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