Über die Heilige Wirtschaft des Charles Eisenstein – Jens Heisterkamp

Einer der Vordenker der Occupy-Wall-Street-Bewegung, der amerikanische Visionär Charles Eisenstein, ist im Juli 2012 erstmals in Deutschland und wird unseren MYSTICA Kongress in München eröffnen. Hier lesen Sie, warum Eisenstein für uns als einer wichtigsten Denker eines neuen Wirtschaftens und Zusammenlebens gilt:

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von Jens Heisterkamp

Amerika, New York, Wall Street – genau hier am Pulsschlag der internationalen Geldströme hatte sich mit der Occupy- Wallstreet-Bewegung seit letztem Herbst eine kritische Masse gegen die destruktiven Mechanismen der Finanzwirtschaft formiert. Eine der Stimmen in diesem vielfältigen Chor gehört dem jungen Autor Charles Eisenstein. Das Besondere an ihm: Er kritisiert nicht nur, wie so viele, die zerstörerischen Auswüchse des Geschäfts mit dem Geld, er hat auch eine Vision für eine neue Form von Wirtschaft.

„Sacred Economics“ („Heilige Wirtschaft“) heißt sein Ende letzten Jahres auf Englisch erschienenes Buch. Mit ihm ebenso wie in vielen persönlichen Auftritten, von denen einige auf Youtube festgehalten sind, wirbt Eisenstein für eine Wirtschaft des Schenkens und der Liebe. Schenken ist dabei für Eisenstein keine karitative Ausnahmeleistung, sondern die ursprüngliche Geste menschlichen Miteinanders. Sie geht für ihn notwendig aus dem Bewusstsein der Ungetrenntheit hervor: Wer sich eins mit allen Wesen weiß, will schenken. Und dazu – so die überraschende Einsicht des Autors – ist gerade Geld das ideale Mittel. Denn in einer weltweit vernetzten Wirtschaft hat es wenig Sinn, wenn wir einer Arbeiterin aus Asien, die für uns ein Hemd gefertigt hat, als Geschenk ausgerechnet diejenigen Produkte oder Dienstleistungen zurückschenken, die zufällig wir hervorgebracht haben. Aufgrund seiner Abstraktion ist Geld das weit bessere Tauschmittel, um gegenseitige Verbundenheit auszudrücken. In diese ursprüngliche Funktion müssen wir es nur wieder einsetzen. Als Tauschmittel kann aber Geld selbst keine Ware sein. Und auch Zinsen für die Aufbewahrung von Geld wird es in einer Schenkwirtschaft nicht mehr geben – im Gegenteil, mit »Parkgebühren« belegt, die seine Akkumulation verhindern, würde man seinen Umlauf als Kauf- und Kreditgeld sichern.

Es wird spannend sein zu verfolgen, welche Wirkung solche Ideen, die in Europa bereits mit Namen wie Silvio Gesell, Rudolf Steiner oder Margrit Kennedy verbunden sind, in den USA entfalten werden, wo die Selbstvermehrung des Geldes lange Zeit als heilige Kuh galt. Schon jetzt aber beeindruckt die Haltung, mit welcher der sympathische Dozent eines Collage in Vermont seine Vision vertritt: „Im Grunde ihres Herzens wollen auch die Banker hier an der Wall Street nichts anderes als schenken“, sagt er bei einem seiner Vorträge in unmittelbarer Nähe der Weltfinanzmetropole in New York. Es ist diese Herzlichkeit, die bei ihm überzeugt, weil sie nicht gegen die „bösen“ Banker polarisiert, sondern sie, anders als übliche Kapitalismus-Kritik, als Menschen anspricht.

Für deutschsprachige Leser ist inzwischen unter dem Titel „Keine Forderung kann groß genug sein. Die Revolution der Liebe“ ein Bändchen mit zwei lesenswerten Vorträgen des charismatischen Amerikaners erschienen. „Die Zeit ist reif, sich auf den Geist des Schenkens einzulassen“, heißt es da. Eisensteins Anregungen sind in eine Chance, über berechtigte „Empörung“ hinaus Wirtschaft neu zu
erfinden.

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Autor: Jens Heisterkamp,

Chefredakteur von „Info3“ und Redakteur bei „WIR – Menschen im Wandel

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  2 Kommentare für “Über die Heilige Wirtschaft des Charles Eisenstein – Jens Heisterkamp

  1. 29. Juli 2012 um 16:51

    Interessante Theorie, die er da vertritt, aber ist diese auch in der Praxis umsetzbar? Ich habe da meine Zweifel! Da gefällt mir das Konzept von Andreas Popp (Plan B) besser!

  2. 29. Oktober 2012 um 08:42

    Charles Eisenstein versucht Philosophie und Mathematik zu vereinen….den Schnenkenden und das Geld.
    Eine Vision die bereits existiert. Seine Vision ist möglich.

    Alle Lebewesen streben nach Glückseligkeit.
    Glückselig sind die, die das Gleichgwicht vom Geben und Nehmen zu Leben wissen.

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