Mystik – Roland Rottenfußer

Das Kosten der Dinge von innen

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Mystik beginnt mit Sprach- und Vernunftkritik, mit der Erkenntnis, dass das, worum es geht, eigentlich unaussprechlich ist. Der hoch gelobte Verstand, auch bei politisch Aktiven als wertvollstes Instrument geschätzt, versagt vor den „letzten Dingen“ wie ein Taschenrechner, dem man beauftragt, Bachs Matthäus-Passion zu begreifen.

Von Roland Rottenfußer

 

Der Hinweis auf die Grenzen des rationalen Diskurses ist aber kein Aufruf zu blindem „Glaubensgehorsam“ gegenüber den Institutionen. Es ist ein Appell, Glaubens- und Schrifttreue aufzugeben zugunsten eines direkten, erlebnishaften Zugangs zum Wunderbaren, das unsere Welt durchwirkt und ihr zugrunde liegt. Mystik ist dem Agnostizismus näher als dem Fundamentalismus, jedoch einem „Nicht-Wissen“, das seine Selbstaufhebung durch die Tat und die Erfahrung anstrebt.

Glauben Sie nicht mir. Glauben Sie nicht den „Esoterikern“, „Spiris“ oder anderen fragwürdigen Personen, die Sie wahrscheinlich nicht mögen. Glauben Sie Albert Einstein. Naturwissenschaft, das ist doch etwas Solides, oder? Von Einstein also stammt die Äußerung: „Das herrlichste und tiefste Gefühl, das wir spüren können, ist die mystische Empfindung. Dort liegt der Keim jeder wahren Wissenschaft. Derjenige, dem dieses Gefühl fremd ist, der nicht mehr von Bewunderung ergriffen oder von Ekstase hingerissen werden kann, ist ein toter Mensch.“

Ebenso wenig verdächtig, ein religiöser Fanatiker zu sein, ist Vincent van Gogh, der wunderbare Maler, der mit seinem Farben Blumen, Felder und den gestirnten Himmel über der Provence zum Leuchten brachte. Ohne von „Mystik“ oder von „Gott“ zu sprechen, trifft Van Gogh ein ungemein mystische Aussage, wenn er schreibt: „Es ist richtig, bei dem Glauben zu bleiben, dass alles wunderbar ist, weit mehr als man begreifen kann; denn das ist die Wahrheit, und es ist gut, feinfühlig und zart von Herzen zu sein, es ist schön, voller Wissen zu sein in den Dingen, die verborgen sind vor den Weisen und Verständigen dieser Welt. Es ist das Bedürfnis nach nichts Geringerem als dem Unendlichen und Wunderbaren, und der Mensch tut wohl daran, wenn er nicht mit weniger zufrieden ist und sich nicht zu Hause fühlt, solange er das nicht errungen hat.“

„Errungen“ – das klingt nach Arbeit. Ich verrate die vielleicht wichtigste und tröstlichste Einsicht der Mystik zuerst: Das, was gesucht wird, ist immer schon da. Aber diese Erkenntnis hilft dem in einer entzauberten, „kleinen“ Welt wie in einem Käfig eingesperrten Menschen anfangs nur wenig. Zwischen „mir“ und dem Gesuchten liegt eine gefühlte Kluft, die meist als unüberwindlich erlebt wird. Man kann auch sagen: Da ist ein Nebel, der die klare Sicht auf das Ziel verschwimmen lässt, so dass ich nicht genau sehen kann, was ich suche, ja genau genommen nicht einmal ob da etwas ist. Die „Wolke des Nichtwissens“ wird dieser Nebel in einer gleichnamigen mystischen Schrift auch genannt. Der Verfasser der Schrift, entstanden um 1390 in England, ist nicht namentlich bekannt. Dies klingt nach Sokrates: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Und es ist tatsächlich in der Mystik ratsam, sich zunächst einmal mit seinem Nichtwissen zu bescheiden, anstatt Bescheidwissen vorzutäuschen oder in den ausgetretenen Pfaden des von Autoritäten Vorgegebenen zu wandeln.

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